Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XVIII (1917)
- Issue
- Heft 4 (7.3.1917)
- Date
- 1917-03-07
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Bette 2. ״Jüdische BslkSstimme^ Rr. 4 Eigenen (Blut jüdischer Studenten im jüdischen Ra tionalhause in Czernowitz) im Keime. Dies nannte man ״große" Politik machen. Es kam der Krieg und mit ihm der Stillstand des innerpoliti scheu Lebens. Wohltäter und Philantropen erwählten sich die »Armen Glaubensgenossen auS dem Osten" zu ihrem Sport. Mit bonnierter Verständnislosigkeit erniedrigen sie uns zu Bettlern und nehmen den ״Glaubensgenofsen aus dem Osten" jedes Menschlichkeitsbewußtsein. Hai da nicht die jüd. Nationalpartei eingreifen müssen? War es nicht Aufgabe der Zionisten, all ihre Kraft darauf zu verlegen, der Wohltätigkeit einen großzügigen sozialpolitischen Zug zu geben. Statt dessen macht auch sie ״in Wohltätigkeit". DaS amerikanisch-jüdische Kongretzkomitee hat vom zionistischen A. K. einen Plan für die Verwendung der Volksanleihe (30,000.000 Dollars) verlangt. Dieser soll schon Anfang März nach Ncwhork übermittelt worden sein. Aber hat sich das Kongreßkomitee wirklich nur mit dem Plane des A. K. interessiert. Wo sind die Anqueten über diese wichtige Frage abgehalten worden? etwa in Berlin? und haben die ״armen Glaubensgenossen aus dem Osten nichts dreinzureden? Wo sind die Zeitungen und Brochüren, die die Massen hätten aufklären sollen ׳-» » in dieser wichtiger Frage? Beginnt doch schon der Wiederaufbau des Ostens! Die zionistische Partei als Partei für Landespolitik hat in Oesterreich wie in Russisch-Polen ausgespielt. Sie hat das Vertrauen mißbraucht, ihr fehlt das Verständniß für die Bedürfnisse den Massen. In Polen tritt die ״Volkspartei ihr Erbe an. Und bei uns?! A. Dawid. | Dr. Arnold Rosenbacher Präsident der Prager isr. Kultusgemcinde, ist am 21. Februar 1917 hier gestorben. Mit ihm scheidet ein Mann aus dem irdischen Leben, der sich um die Prager jüdische Gemeinde unsterbliche Verdienste erworben hat. Er gehörte zu jenen Männern des׳ alten Prag, der wah» echte Frömmigkeit und Konservatismus mit Fortschritt in sich vereinigte. Er besaß sowohl auf dem Gebiete des jüdischen Schrifttums, als auch in allen anderen profanen Wissenschaften eine profunde, gründliche Kenntbekundete. Sein Wirken und Schaffen galt allem Schönen und Edlen, nichts für die große Oeffentlichkeit, sondern still und bescheiden übte er Wohltätigkeit und hatte für alle guten Bestrebungen eine freigebige Hand. Lange und klar und zielbewußt war stets sein Handeln und immer von den ehrlichsten und reinsten Absichten getragen. So hat er Zeit seiner mehr als 28 jähr. Wirksamkeit als Präsident der Prager isr. Kultus gemeinde viele gemeinnützige und segensreich wirkend( Institutionen begründet, sie allenthalben ausgebaut u. gefördert, sie auf leistungsfähige Grundlage ge stellt und so das große Gemeindewesen und seine humanitären Anstalten auf moderner, leistungsfähiger Grundlage ausgestaltet, daß sie mit Sicherheit weiterge führt werden können. Sein Hinscheiden bedeutet für die Prager isr. Kultusgemeinde ein unersetzlicher Verlust. Viele Jahre gehörte Dr. Arnold Rosenbacher auch dem Prager deutschen Bezirksschulräte an und wirkte auch in dieser Schulbehörde äußerst verdienstlich für das Interesse der Schule und des Judentums. Er war ferner viele Jahre Obmann des isr. Leherpensionsvereines und verdankt ihm dieser sein erstes Pensionsstatut, dessen Grundzüge er aufstellte und wofür ihn der isr. Landeslehrerverein in Böhmen zu seinem Ehrenmitgliede ernannte. Als Präsident des isr. Gemeindebundes hat er auch in dieser Körperschaft eine Segensreiche Institution zur Verbesserung der Versorgung der Lehrerschaft geschaffen, deren Früchte viele Leher Böhmens schon genießen. So werden Dr. Arnold Nosenbachers Wirken und seine Verdienste ewig fortleben in den Kreisen Aber auch dieses Fest trägt in all seinen Schat« tierungen einen echt jüdischen Charakter. Freilich ist dieser Charakter nicht biblisch, sondern vielmehr exilartig. Dieses Fest knüpft — und darin steht es ganallein da — an ein Ereignis der Diaspora an. Als dieses Geschehnis vor sich ging, bildeten die Juden längst kei« nen Staat mehr, und sie waren in verschiedene Län» der zerstreut. Daher liegt auch die Schwerseite dieses Festes mehr nach der religiösen als nach der nationale« 'Seite hin. Allerdings wird man im Judentum nur mit ein fein diffenzierten Psychologie unterscheiden können, was national und was religiös ist. Dieser Purim bildete sich, wie fast alle Feste, im Laufe der Zeit zu etwas anderem, neuem aus, und er dehnte seinen Einfluß immer mehr nach der seelischen Seite hin aus. Die jübischer! Feste waren die Stationen des Lebens. Sie sind nicht erstarrt, sondern sie machten die Entwicklung deS Volkes mit. Der Purim wurde im Laufe der Zeit immer mehr zu einem jüdischen Karneval. Freilich zu einem jüdischen Karneval — ohne Unsittlichkeit und ohne Ausgelassenheit. Aber immerhin zeigt sich darin das Bedürfnis der Gemeinschaft, nach all den trüben Tagen des Winters sich zu erheben und seine Lebensfreude auszustrahlen. Die Sehnsucht nach Glück und Lust manifestierte sich hier, wie alles Jüdische, im engsten Familienkreise. Oder, was dasselbe ist, in der Gemeinde, die war ja auch nichts weiter als eine große Familie. Es zeigte sich hier der Einfluß der umgebenden christlichen Bevölkerung. Der Zufall wollte es, daß die« ses Fest fast immer in die Zeit des christlichen Karneder isr. Lehrerschaft Böhmens und sein Andenken wird Vals fiel. Und so wurde der Purim zu einem Karneval. unauslöschlich und segensreich fortwirken in deren Mitte. Möge ihm die Erde leicht werden. Purim. Unter den eigenartigen, stimmungsvollen jüdischen Festen ist das Purimfest vielleicht das eigenartigste. Aber mif seinem Einzug in das Ghetto nahm er sobald einen anderen Charakter und andere Formen an. Wenn es wahr ist, daß sich der wahre Mensch in seinem Schmerze und seiner Freude am besten zeigt, dann wird man den ethischen Charakter Israels an diesem Purimfeste gut studieren können. Wie rein, wie schlicht und wie religiös waren die Freuden des Purimfestes! Selten fiel ein Mißto!! in diese schlichten Harmonien. Selten kam ein Gefühl zum Ausdruck, das man vom ethischen Standpunkte aus verwerfen könnte. Und noch eins ist charakteristisch für diesen jüdischen Karneval. Während Purim trägt den Charakter eines Halbfestes. Er hat man im Christentunr ausgelassen tobte, um mit den nicht die Weihe unserer großen Feiertage, er ist leichter Lebensfreuden abzuschließcn, und dann eine Zeit des und tveniger ernst gefaßt und hat bei aller Religiosität doch einen gewissen Zug von Gemütlichkeit, von Freudenssehnsucht und Fröhlichkeit. Das Fest schöpft seine Berechtigung aus der Geschichte und will ein historischer Erinnerungstag sein. Und doch ist dieses große Ereignis in Dunkel gehüllt und sehr schwer wissenschaftlich zu erklären. Trotz der fleißigen Forschungen Jampels nis und Gelehrsamkeit und gehörte zu den besten und ist auch heute noch der Ursprung des Purimfestes sehr tüchtigsten Nechtsgelehrten unserer Stadt. Getragen von unklar. Aber was'ist schließlich historisch? Wenn eine einer seltenen Tatkraft, von einer Arbeitslust sonder- Gemeinschaft einen Tag durch religiöse Vertiefung er gleichen, versah er viele Ehrenämter, denen er mit grohebt und auserwählt, dann ist er geschichtlich. Ein großes ßer Opferwilligkeit und mit viel Gewissenhaftigkeit vo Ereignis muß diesem Tage zweifellos zugrunde liegen stand kurz er war ein der Geradheit, Sonst wäre er nicht zum Festtag der ganzen Judenheit Offenhet und Gerechtigkeit gegen jedermann übte und geworden. Fastens zu beginnen, machte es der Jude umgekehrt. Erst fastete er zur Erinnerung an die Erlösung, die dem jüdischen Volke in alter Zeit zuteil wurde, und dann erst gönnte er sich die Freuden des Purim. Im Judentum muß jede Freude den Weg der Verinnerlichung, der Religiosität gehen. Erst durch Schmerz und Entbehrung erringt sich der Jude das Recht zur Freude. Das Purimfest könnte man auch als Siegesfest der Idee des Judentums über den Antisemitismus charakterisieren. Den in der Purimerzählung tritt uns zum erstenmale der Antisemitismus in seiner heutigen Gestatt entgegen. Haman könnte, wenn er heute lebte, der erste Führer der antisemitischen Partei sein. Die Me- Wer war Jasiek? Kurz gesagt: Josseles Krankheit. Denn er war es, der ihm seine Kraft und seine Gesundheit wegnahm. Den Grund seiner Krankheit wußte nur Jossele allein: Jasiek. Der war ein Jahr jünger und um einen Kopf kleiner als er. Ein kleiner, stämmiger Bub, der, im Gesichte eine Stulpnase, mit kleinen grauen Spitzbubenaugen i. d. Welt blickte. Das war Josseles Vampyr. Jedesmal, wenn das Muttersöhnchen in den Cheder ging mußte er an dem Hause von Jasieks Vater Vorbeigehen,;׳er im Städtchen den schönen Namen »Terenko der Schlvcinetvürstler" führte, da er nur mit Schweinen handelte. Ihn konnte ein jeder im Stäbchen und ebenso seinen Sohn Jasiek, der immer am Markttag zusammen mit seinem Vater ein Schwein auf den Markt trieb. Jasiek hielt es auf einem Strick, der auf einem Fuße des Schweines festgebunden war, während sein Vater, in der Hand einen langen Stecken, es vor sich her zum Sonntagsmarkte trieb. So war der Sonntag für Jossele ein Festtag. Denn an diesem einzigen Tage in der Woche konnte er ohne Bangen und ängstliche Furcht vor Jasiek in den Cheder gehen. Da war sein Plünderer nicht zu Hause, er lauerte ihm nicht mit seinem Hunde auf und beraubte ihn daher nicht aller jener Leckerbissen, die ihm die besorgte Mutter in den Cheder mitgegeben. Das konnte aber nicht mehr so weiter gehen. Äm Purim sollte die Schreckensherrschaft Jasieks über die wohlgefühlten Taschen Josseles ein plötzliches Ende nehmen. Vor Jasieks Hündin hatte Jossele allerdings keine Angst. Im Gegenteil. Sie hegte ihm gegenüber freundliche Gesinnungen, weil ihr so mancher Leckerbissen von seiner Seite zugekommen war. Und so war ihre Freundschaft so weit gediehen, daß ihm die Hündin, wenn er in Sicht war, schweifwedelnd entgegenlief. Auf diese Weise hatte sich Jossele einen Feind zum Bundesgenossen gemacht. Den wenn jetzt Jasiek seine Hündin auf den blassen Judenknaben hetzte, so rührte sie sich trotz Stössen und Schlägen nicht von der Stelle, l denn Jossele war ihr Freund. Eine andere Politik verfolgte aber Jasiek. Wenn er alle die leckeren Sachen aus Josseles Taschen hastig in seinen Magen befördert hatte, tvar er sein bester Freund und hielt es auch nicht unter seine Würde, sich mit dem Judenknaben zu unterhalten. Natürlich lvar Jossele stolz darauf, lvie leider so viele, viele andere Juden, die 'es sich zu Ehre anrechnen, mit einem ״Goj" gut Freund zu sein. Aber schon heute vergaß Jsiek, wie gute Freunde sie gestern waren. Jasiek lauerte dann gewohnheitsmäßig wieder seinem ״jüdischen Freund" auf, wenn er in den Cheder ging, um, auf seine volle Taschen einen kleinen Pogrom ins Werk zu sehen. Als dies eine lange Zeit ohne Unterbrechung so fort ging, schwang sich Jossele in seiner geängstigten Seele zur folgenden Reflexion auf: Warum habe ich eigentlich so große Angst vor dem Jasiek? Ich bin doch viel gesünder als er! Wenn ich ihn nur anrühre, dreht er sich dreimal auf der Erde herum! Ich bin doch unter allen meinen Freunden der stärkste.. warum habe ich den so große Angst vor ihm?!.... Und darauf wußte Jossele nie eine Antwort. Wie oft lvollte er schon auf Jasiek losgehen.. Doch jedesmal, wenn er dem Hause Terenkos näher kam, begann er zu zittern. Und kam Jasiek aus seinem Hinterhalt hervor, so erstarrte er vor lauter Angst zur Salzsäule und bekam seine gewohnten Schläge. Da versuchte er sich auf eine andere Weise zu rächen. Er stiftete einige Freunde an, sie sollen Jasiek überfallen und ihn ordentlich durchprügeln — «zum ewigen Andenken". Und sie zogen gegen Jasiek: Einen Stock in der Hand, sich ihrer Kraft bewußt. Als Jasiek mit seiner Hündin aus dem Hause herauskam und seine Feinde erblickte, erhob er ein großes Zetergeschrei. ״Hilfe, Hilfe gegen die Juden!" Da machten sie alle zusammen kehrt... trotz ihrer Niesenstärke, mit der sie ausgezogen waren. Sie liefen davon, so schnell eS ging.... So kläglich endete der Nachczug gegen Jasiek. Purim stand vor der Tür. Jossele hat seine Megille im Cheder gut gelernt. Auch deshalb, weil er an der Geschichte Vergnügen fand. Denn jedesmal, wenn der Name ״Haman vorkam, dachte er an seinen ״Frerkkd" Jasiek. Dieser kam ihm nun einmal auch wie Haman vor.... Jossele hatte sich draußen im Schnee Herumgetrieben uüd kam nun nach Hause, wo es so gut nach frischem Gebäck roch. Als ihn die Mutter sah, wie sich seine Wangen gerötet hatten, war sie sehr zufrieden mit seinem Aussehen und gab ihm einen Kuß. Nicht lange nachher, ging Jossele mit seinem Vater zur ״Megille".. Im Beth-Hamidrasch herrscht fröhliche Stimmung.״ Die Kinder sind alle mit ihren ״Gragers" erschienen. Jossele natürlich auch. Jedesmal, wenn sie den Namen ״Haman" hörten, setzten sie im kindlichen Eifer ihr ״Instrument" in Bewegung. Und bei Gepolter des Gregers und dem Fußscharren steigt in Jossehe jedesmal die Vorstellung auf, als wenn er Jasiek unter seinen Fäusten hätte und ihm alle Schläge heimzahlte, die er von ihm bekommen hatte... Diesem Räuber wollte er schon zeigen! Je näher man dannn dem Schlüsse der Megille kam, desto mutiger wurde Jossele und er begeisterte sich an Rachegedanken... Eine besondere Vorliebe faßte er für den König ״Ahasweros", der eS mit uns Juden hält... Und er setzte seinem Greiger mit immer größeren Ingrimm in Bewegung, wenn in der Megille die ״Hamans" erwähnt werden. Nach der Megille geht Jossele als ein ganz anderer , nach Hause. Er fühlt ein Kraftgefühl in sich aufsteigen und wünscht sich Jasiek möge ihm jetzt begegnen. Dem