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Jüdische Volksstimme · 1917-02-26 · Heft 3 (26.2.1917) · page 4

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XVIII (1917)
Issue
Heft 3 (26.2.1917)
Date
1917-02-26
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
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Veite 4 ,Jüdische Bolksstimme" Nr. 3 Wir entnehmen diesen mit seltener Frische und viel Geist vorgetragenen Ausführungen folgende beachtenswerten Stellen: ״Die Disposition unseres Gemütes bei der Abwehr antijüdischer Angriffe ist heute eine andere als vor 40 Jahren bei der Anfachung dieser Bewegung durch die »Germania", ihrer Fortführung durch Stöcker und endlich ihrer Bestätigung durch Traitschke. Als ich im Januar 1880 gegen Traitschke schrieb, konnte ich doch auf Verständigung hoffen und ich bin in dieser Hoffnung nicht gänzlich enttäuscht worden. Jetzt aber stehen wir anders zu diesen neuesten Angriffen, mit denen man vorangcgangen, und ohne sie zu berücksichtigen, benutzt Schmoller die Besprechung einer politischen Schrift, deren Verfasser ein Jude ist, zu Aeußerungen, durch welche er der neuesten Judenbewcgung seinerseits die akademische Bestätigung erneuert. Schmoller hat nicht nur in seinem Jahrbuch (Bd. 40, Heft 4) unter dem Titel ״Obrigkeitstaat und Volksstaat" bei der Besprechung von Hugo Preuß ״Das deutsche Volk und die Politik" zur Judensrage sich geäußert, sondern als Antwort auf seine ganz harmlosen ״Bemerkungen" in der ״Täglichen Rundschau" (Nr. 27) unter dem Titel: ״Die heutige deutsche Judenfrage." Es sei mir gestattet, an die letztere Kundgebung zunächst anzuknüpfen. ״Ich hatte mit meine besten Freunde unter Juden und Halbjuden." Dieses Wort dürfte wirklich harmlos sein, aber es muß dennoch abgclehnt werden. Wir können keine Halbjuden anerkennen. Nur der Nassenstandpunkt kann so unterscheiden. Wer den Bedes Juden nur religiös faßt, und wer in der Ueberzeugung steht und kämpft, daß nur der religiöse Begriff des Juden das geeignete Problem bildet für die Frage des nationalen Staates, der sieht in dieser Unterscheidüng, welche doch nun einmal ethnologisch unvermeidlich scheint, eine so ernstliche Stellung? Weil von diesem Standpunkte aus die prinzipielle Erörterung dieser ganzen Streitfrage geführt werden mutz. Diese nämlich darf nicht beschränkt werden aus die sogenannte Rassenfrage und auch nicht auf die Disferenz der jüdischen von der deutschen Nationalität. Unser Kriegsbündnis lernt eine andere Offenbarung von der Bedeutung der Nationalitäten für den nationalen Einheitsstaat und für den Bundesstaat. Und Pie Konsequenz * dieser Lehre bedeutet für die Bekenner der jüdischen Religion, daß sie zwar, um diese zu erhalten und ihren Fortbestand zu sichern, ihre Natioanalität zu wahren haben, daß sie aber in dieser Wahrung keineswegs ihre Pflicht verkümmern lassen für ihre Zugehörigkeit zum deutschen Nationalstaat. Wenn anders nämlich die jüdische Religion in ihrem Monotheismus eine berechtigte Eigenart ist innerhalb der geistigen Kultur der Menschheit, so bedarf ihr Fortbestand, zumal unter der Mißgunst und Intoleranz der obwaltenden Differenzen, des Fortbestandes der jüdischen Nationalität. Und diese eigene Nationalität ist alsdann als eine Förderung des deutschen Staates zu erachten wegen dessen Förderung durch den Fortbestand der jüdischen Religion." Nach der Feststellung, daß Schmollers Aussührungen sich hauptsächlich um den Angelpunkt der Assimilation dreben, fährt Cohen fort: Seit 1848 bis 1870 hat die Assimilation der obersten Judenschichten in Deutschland große Fortschritte gemacht." Man sollte denken, diese großen Fortschritten würden jetzt anerkannt werden für die kulturellen Leistungen der deutschen Juden in Handel und Gewerbe, in Kunst und Wissenschaft, wie in der Anteilnahme an der deutschen Politik: weit gefehlt! Der Autor fährt fort: »unter dem Einfluß der humanitär-liberalen Ideen, des beginnenden Konnubiums zwischen Germanen und Semiten, des wachsenden Uebertritts der assimilierten oberen Schichten des Judentums zu einer der christlichen Konfessionen". Jetzt wissen wir genau, worin die ״großen Fortschritte" der Assimilation bestehen. Und man muß anerkennen, daß Schmoller aufrichtig sein kann, wo er sein will. Aber daß er in dieser Unverhohlenheit einen wahrhaften deutschen Geist bekundet habe, das wage ich ihm zu bestreiten. Jetzt wissen wir auch, welche Bedeutung das Konnubium hier hat: daß es nur die Zwischenstufe bildet zum Uebertritt. Was ist aus den deutschen Menschen geworden, welche Treue als die höchste Menschentugend achteten und sie liebten, welche daher auch die religiöse Treue bei den Juden als einen sittlichen Charakterzug ehrten. Diese Aufklärung war der Grundzug des Leutschen Liberalismus, und in diesem Liberalismus bestand die Grundkraft und die Grundquelle, aus welcher die nationale Gesinnung und die Einheitsbestrebung des deutschen Volkes hervorgegangen ist. Diese nationale Urkraft kann aber nicht untergegangen sein im deutschen Volke. Hinweg mit diesem plumpen, gleitznerischen Worte der Assimilation. Wir sind und wir wollen sein in den Kragen der allgemeinen, Kultur Eures Geistes und Euerr Sittlichkeit. Wir können aber gar nicht mehr daran zweifeln, welche Verführung Ihr unter dem! Worte Assimilation zu verbergen sucht. Hier ist der deutsche Purismus an seinem richtigen Orte. Setzt ein ehrliches deutsches Wort für dieses Fremdwort.. . Bei der Offiziersfrage kommt dann noch ein köstlichcr Purzelbaum. ״Wenn heute der betreffende Ossizierskandidat sich taufen läßt, so wird er in der Regel gewählt. Das empört die Gefühle aller freier Denkenden." Nun aber werden diese entgegengestellt ״die strengen und orthodoxen Christen", die den getauften Juden durch die Taufe zu Gott in ein ״ihn innerlich umbildendes Verhältnis kommen lassen". Und dieser ״mystisch orthodoxe Standpunkt" sein der Glaube eines Teiles ״unserer östlichen Landaristokratie". Aber der Freidenker findet mit Recht, daß meist die charakterlosen Juden es sind, die sich aus äußerlichen Gründen taufen lassen". Wer hat denn nun aber mit ihrem Glauben an die Mystik der Taufe, der ״nicht übersehen werden darf", oder Freidenker, der mit ״Recht" eine Das sittliche, das religiöse Urteil schwankt hier taumelnd zwischen einer Opportunität zur anderen hinüber." Aus der Presse. Im ״Frankfurter Jsr. Familienblatt" erörtert der Warschauer Natman Hirschhorn unter dem Titel ״Einheit und Vereinigung" das polnisch-jüdische Problem. Er betrachtet als erste Aufgabe der Juden in Polen kundzutun, daß sie eine gesonderte Nationalität mit mit national kultureller Eigenart sind und führt dazu aus: Die erste Aufgabe hat die polnische Judenheit bereits erfüllt, soweit es unsere jetzigen Verhältnisse gestatten. Es ist hierbei wichtig, daß die Vertreter der Zentralmächte jetzt die Gelegenheit haben, die Zustände in Polen direkt zu beobachten und sich zur Genüge zu überzeugen, daß die Ostjuden ein vollständig abgesondertes nationales Leben führen. Wer die jüdische Neligion einigermaßen kennt, weiß, daß dieselbe eine ausgesprochen nationale ist. Das weitere haben objektive Tatsachen und Daten vervollständigt. Schon längst hat die Statistik in Polen nachgewiesen, daß etwa 90. Prozent der jüdischen Bevölkerung das Jiddische als Muttersprache führt. Die letztens vorgenommcnne Volkszählung in Lodz hat ergeben, daß über 98 einhalb Prozent der Juden sich zu der jüdischen Nationalität bekennt und Jiddisch als Umgangssprache betrachtet. Dieses Ergebnis war so frappant, Laß die Polen die Wirklichkeit zu verhehlen suchten und keine Mittel gescheut haben, um diese Tatsache im ganzen Lande zu verbergen. In der Oesterreichischen Okkupation gelang es ihnen, eine richtige Angabe der jüdischen Umgangssprache zu Hintertreiben, in der deutschen Okkupation haben sie bisher überhaupt unterlassen, eine Volkszählung durchzuführen. | Aber auch in anderer Weise hat sich der Willen der der jüdischen Bevölkerung kundgegeben. Außer der überaus dünnen Oberschicht, hie assimiliert (d. h. noch noch nicht entschieden polonisiert, sondern vielmehr entnationalisiert) ist, gehören die meisten Richtungen der jüdischen Bevölkerung dem Nationaljudentum an. Der weitaus größte Teil des jüdischen Mittelstandes bekennt sich zum Zionismus oder zu der ״jüdischen Volksgruppe". Die Arbeiterschaft mit die Ansichten des ״Bundes" oder der sozial-zioui!üscheu Organisationen (Poalej-Zion, Sozial-Zionigen). Dü polnischen sozial!- stischen Parteien zählen hingegen ein verschwindendes Häuflein von Juden, obwohl sie auch gezwungen sind, um den Anforderungen der jüdischen Arbeiter Rechnung zu tragen, fakultativ die jüdische Sprache an zuerkennen. Die Orthodoxie ist eigentlich keine politische Richtung, sondern eine religiöse. Die frommen Juden lesen jüdische Zeitungen, unterrichten ihre Kinder in der jüdischen Sprache, bringen ihnen hebräisch bei und stimmten zuletzt bei den Wahlen (wo nur dieselben vorgekommen sind) für die jüdische Volksgruppe. Ueberhaupt braucht man nur einmal einen orthodoxen polnischen Juden anzusehen, um seine jüdische Nationalität nicht mehr anzuztveifeln. Selbst mit den Assimilanten ist es zum großen Teil nicht so schlimm bestellt, wie irgend ein Uneingeweihter denken mag. Sie haben kürzlich eine Erklärung abgegeben, worin sie sich für die jüdisch«? Unterrichtssprache ausgesprochen haben. Es geschah allerdings fakultativ, aber den Natioualjuden fällt es auch gar nicht ein, irgendwen zum jüdischen Nationalismus zu zwingen.*) Ferner wird auch in den assimilatorischen Schulen mehr oder weniger die hebräische Sprache gelernt und jüdische Geschichte unterrichtet. Dies widerspricht zwar den Grundlagen der Assimilation, aber beweist unleugbar, daß die reale Wirklichkeit des nationalen Lebens die Assimilation überwindet, sogar bei denen, die sie theoretisch predigen. Kurzum, es gibt allzu genügende objektive Merkmale, daß die polnische Judenheit eine national-kulturelle Eigenart besitzt, mit der man rechnen muß, wenn man die Gerechtigkeit achten will. Wenn 8^ Erhaltung der nationalen Minderheiten in Polen auch im Intercffe der Zentralmächte liegt (und das cs so ist, ist schon oftmals bewiesen worden.), so steht schon nichts dagegen, um unsere Forderungen zu berücksichtigen**) Keine besseren Beweise lassen sich auch für die nationale Forderungen der Polen erbringen. Zahlenmäßig haben sich die Polen nicht weniger assimiliert (germanisiert nnd rnssifizicrt) als die Juden und sind in den betreffenden Nationen dabei vollständig aufgegangen. Ausgesprochen national ist lediglich die polnische Intelligenz, der Adel und das Bürgertum, obwohl der Adel hier und da Neigungen zur Assimilaion aufweist, und obtvohl unter dem Bürgertum viele Deutsche vor- Händen sind, die allerdings halbwegs polonisieren, die aber unter Umständen zum Deutschtum zurückkehren können. Der polnische Bauer und überhaupt der schlichte polnische Durchschnittsmann ist Pole unbewußt, aber wenn man ihn fragt, was er ist, wird er sich viel eher als Katholik bezeichnen als Nationalpole. Ich will auf dieses Thema jetzt nicht näher eingehen, denn ich bezwecke hier nur zu beweisen, daß sich durch ״Deklarationen" der polnische Nationalismus nicht mehr Nachweisen läßt als der jüdische. Gleichwohl fällt es keinem gerechten Mann ein, die Berechtigung der polnisch-nationalen Ansprüche anzufcchten. ch Vortrefflich beleuchtet auch (wider Erwarten!) die jüdisch-polnische Frage die ״Mg. Z. d. Judentums" in einem Aufsatze ״Organisation" von. F. Goldmann. Der Autor weist auf die Bedeutung einer Gesamt- Organisation für die Juden Polens hin, fordert zum Schluß auch eine solche Organisation für die deutsche Judenheit und führt u. a. folgendes aus: Die polnischen Juden haben die Errichtung des des Königreichs Polen — in allen Kreisen mit Ausnähme der ganz dünnen assimilatorischen Oberschicht kann man es tagtäglich hören — mit einem lachenden und einem tränenden Auge begrüßt. In manchen deutschen Kreisen, die überschwengliche Hoffnungen auf ein völliges Verschwinden des Antisemitismus im Kriege hegten u. die sich statt dessen vor staatlich konfessionierte Judenerzählungen und andere Liebenswürdigkeiten gestellt sehen, soll heute, wie man sich erzählt, den ge« quälten Herzen sich der Stoßseufzer entringen: Hätten lvir doch nur erst unseren alten ״Nischus" wieder! Und dieser Sah gibt die Empfindung des polnischen Juden vortrefflich wider. Schutzlos dem raffinierten — ein anderes Wort ist nach den letzten Gemütspwben des Waschauer oder anderer Stadtparlamente kaum möglich — polnischen Antisemitismus ausgeliefert, müßte er jene Zeiten noch als glückliche preisen, in denen die russische Negierungskunst, die gewiß auf diesem Gebiete Hervorragendes geleistet hat, sich an ihm betätigte. Von allen Kennern der Verhältnisse — von den Ostjuden am allermeisten — ist darauf hingewiesen worden, daß der ungezügelte polnische Judenhaß das ernsteste Hindernis für jede Fortentwicklung der Ostjudenheit darstellt. Er ist anders als der russische. Dieser ist traditionell bei den herrschenden Klassen, beim Beamtentum fast ein Sport, bei den an sich guimütigen Volksmassen eine Folge des aufbrausenden, rohen Gefühls, des tierischen Instinkts. Nnd durch die Empfänglichkeit für den rollenden Rubel ist er überall zu mäßigen, wenn nicht zu bändigen. Der polnische Antisemitismus dagegen ist Sache der Ueberzeugung, der innersten seelischen Triebe. Im großen Mittelstände ist er zudem mit einer praktischen Lebensfrage verknüpft, da er dort die Verdrängung des jüdischen Kaufmannsstandes bezweckt. Er ist überdies in einer charakteristischen Eigenschaft polnischer Politik, die noch lange nicht gewürdigt wird, fest verankert. Der Pole, der in der Minderheit über angebliche Intoleranz und Unterdrückung so beweglich zu klagen weiß, ist ein übermütiger und unduldsamer Verfolger, wo er die Macht hat. Größer noch als iin Verlangen ist er im Versagen der Tolleranz! Trotz der klaren Entschlüsse der verbündeten Regierungen kann man über die wirkliche künftige Gestaltung der polnischen Zukunft nichts Bestimmtes sagen. Insbesondere weiß man nicht, welchen Einfluß auf die inneren Angelegenheiten des neuen Staates die Mittelmächte sich Vorbehalten werden. Daß ein solcher in gewissen Grenzen gewahrt bleibt und daß nicht ähnliche Verhältnisse wie in Rumänien eintreten, wo die klaren Bestimmungen des Berliner Kongresses einfach unbeachtet bleiben, ist schon aus dem Grunde wahrscheinlich, weil es in Polen auch eine deutsche Minderheit und deutsche Interessen gibt, die geschützt werden müssen. Selbst aber im ungünstigen Falle, wenn nämlich den Polen für die Unterdrückung der Minoritäten völlig freie Hand gewährt würde, ist das Geschenk, daß die deutsche Herrschaft zurückläßt, von großten Werte. Diese gesetzliche Zusammenfassung der gesamten Judenheit wird nicht so leicht beiseite zu schieben sein, wie man es mit Vereinen und zu Sonderzwecken

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