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Jüdische Volksstimme · 1917-02-26 · Heft 3 (26.2.1917) · page 3

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XVIII (1917)
Issue
Heft 3 (26.2.1917)
Date
1917-02-26
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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Nr. 2. ״Irdische B.ttSstimme" «eite 3 bewähren. Denn dadurch würde wohl vorübergehend ein Ergebnis erzielt, das aber nach kurzer Zeit wieder den Bodenverlieren würde, gleichsam, als wenn man in löcherige Gefäße Wasser gießen wollte. Wenn noch so viel hincingegossen, verrinnt es doch nach einer Weile, und dabei hat es sein Ende. Allerdings gäbe es auch Fälle, die eine Ausnahme von dieser Regel bilden könnten. — Wo diese Hilfsaktion aber die Begründung dauernder Hilfsquellen für die Juden anstrebt, etwa durch Begründüng von Erwerbsmöglichkeit, durch Förderung v. Handel und Gewerbe, durch Organisation des Kredits, durch Anschaffung von Maschinen und anderen Einrichtungen, durch Förderung von Ackerbau und Viehzucht, nicht zuletzt aber durch Begünstigung der zionistischen Kolonisation in Palästina, — dann ist für die Juden eine neue Epoche im Entstehen begriffen. Diese Aktion würde gleichsam als ein Markstein in der Geschichte des leidenden jüdischen Volkes betrachtet werden können, da die Armen Israels vom Staube des Verfalles zum menschlichen Bewußtsein aufgcrichtet, als eine unvergängliche Einrichtung, die Leben und Wohlstand beim Judentums begründet, unsere Brüder zu neuem Schaffen für das jüdische Volk anregt und zu neuem Wirken für das jüdische Ideal aneifert. In jedem Falle muß es aber als ein merkwürdiges Ereignis von weittragender Bedeutung angesehen werden, wenn die Juden aus dem Lande der Freiheit ihren leidenden Brüdern im Osten Teilnahme cntgegcnbringen, wenn sich ihre Gefühle mitleidvoll den Bedriickten zuwenden. Es ist ein aufleuchtendes Zeichen für ganz Israel, wenn sich vom Glücke Begünstigte, sonst nationalen Ationen zumeist abhold, weil sie mit den Juden nicht unter einer Decke stecken wollten, daß jene hervorragende Glaubensgenosscn, deren Wirksamkeit für ihr Volk einzig und allein in dem Schenken entwürdigender Almosen sich erschöpfte, — daß solche Leute von verständnisvoller Einsicht durchdrungen, nunmehr ihre Kräfte nationalen Aktionen weihen, und umfassende nationale Schöpfungen ins Lebcn rufen, die dem gesamten Judentume zum Heile gereichen. Denn mit dem Schicksale der Gesamtheit ist auch das Los des Einzelnen innig verbunden. Dieser unheilvolle Krieg, welcher die Welt in ihren Grundfesten erschütterte, der unschätzbare Werte an Menschen und Güter zum Opfer forderte, so sehr er auch die Kultur um Jahrhunderte zurückgeschoben, — den Juden hat er einen Dienst geleistet. Für sie hat dieses gewaltige Ringen einen Fortschritt um Jahrhunderte gezeitigt. Dieser traurige Anlaß hat sie erst zur Besinnung gebracht; er hat ihnen die Augen geöffnet. Der Jude ist des Judentums wegen zu Leiden verurteilt. Für ihn gibt es keine Rücksicht, kein Erbarmen. Er muß stets die Zielscheibe für die wüsten Pogrome, den Ableiter für blitzartige Wutausbrüche abgeben. Durch die Glut des Weltenringens hat der mächtige Hammer der Not das jüdische Bewußtsein in den Söhnen Israels geschmiedet. Aus dem losen Zusammenhänge im Judentum wurde eine eiserne feste Einheit geschweißt. Und die Zeit ist nicht mehr fern, wo infolge der allgemeinen Gestaltung der Nationen, alle übrigen Angehörigen zum Stamme Juda ihr offenes Glaubensbekenntnis ablegen werden. Auch die Großen, die Mächtigen, die Anderen Liebdienern, auch diese ״Angehörigen mosaischer Konfession" werden sich der Juden nicht mehr schämen und sich rückhaltlos als solche bezeichnen . Es sprechen manigfaltige Erscheinungen für die erfreuliche Tatsache, daß sich bald alle Söhne Israels in brüderlicher Eintracht zusammenfinden werden, zur Selbsthilfe, zum Schutze der Juden, zur Aufrechterhaltung des jüdischen Volkstums, zur Begründung der jüdischen Heimat und der jüdischen Herrlichkeit. Bernhard Nippel. Was wir gewinnen. Von Smaria Gorelik, Clärens Wenn auch der Krieg einen großen Teil unseres Volkes wirtschaflich ruinieren und unsere politische Lage um einige Fragezeichen bereichern wird, so werden wir doch nicht ganz ohne Gewinn hervorgehen. Dieser Gewinn wird in einer inneren Revolution bestehen, hauptsächlich bei denjenigen, die den nationaljüdischen Bestrebungen und Idealen fernstanden, sowie in einer Vertiefung des jüdischen Bewußtseins und Empfindens. Wir werden uns wieder und zwar in erhöhtem Maße auf uns selber besinnen, Einkehr halten bei unsere alten Büchern, bei unserer Vergangenheit; die Liebe zum Volke wird wachsen und steigen. Die großen napoleonischen Kriege vor hundert Jahren brachten die Assimilationsbewegung unter den Juden Westeuropas mit sich. Die gegenwärtige schwere, bittere Epoche (Lügner nennen sie die »große Epoche") wird wohl viele Legenden zu Grabe tragen, aber keine einzige Hervorbringen. Nüchtern und prosaisch wird es in der Welt aussehen, es wird unmöglich sein, sich Jllusionen zu machen, wie einst in der guten alten Zeit. Diese Nüchternheit wird endlich Gewalt bekommen auch über Verblendete und wird sie zu ihrem eigenen Neste führen. — Vor hundert Jahren, in jenen napoleonischen Zeiten, da schwebten die Menschengedanken in lustigen, idealen Höhen; da konnte Man von einer großen Zeit sprechen. Weltidcen lagen in der Luft, man verspürte noch den mächtigen Odem der französischen Revolution; tiefe, enthusiastische Menschen schleuderten flammende Losungen in die Welt, und Napoleon selbst schien der Auserwählte zu sein, vom Schicksal gesandt. Großes zu vollbringen; die napoleonischen Heere verbreiteten sozusagen eine Epidemie von Freiheitsidcen. Auch damals standen sich Völker im blutigem Ringen gegenüber, aber zugleich lebten und wirkten Denker, Philosophen, Dichter, die davon träumten, ein neues Leben auf neuen Grundlagen aufzubauen; sie träumten von einer verjüngten Sonne, deren aufgehende Strahlen auf eine verbrüderte Menschheit fallen sollten. Gerade damals blühten utopistische Ideen vom Untcrbringen der verbündeten Menschheit unter ein Dach. Geladen war die Luft mit den farbenreichsten, schönsten Plänen. Niemand hatte damals Lust zu sterben, denn alle erwarteten etwas Grandioses und eie kluge, geistreiche jüdische Frau jener Zeit, die berühmte Rachel Lewin-Barnstcin, schreibt, sie wünsche, man möchte ihr auf den Grabstein folgendes setzen: ״Gute Menschen! Wenn etwas Gutes für die Menschheit geschieht, dann denkt an mich in euerer Freude." Die Assimilation pflegt sich in ihrer idealsten Form an große Ideen zu heften, die die ganze Menschheit umfassen. Und so hat sich denn die jüdische Intelligenz Westeuropas der Assimilation in die Arme geworfen. Es schien ihr damals, daß sie etwas Kleines, Beschränktes für etwas unendlich Großes austauschc. Europa war dazumal so schön und so eilten denn die Juden, Europäer zu werden. Wie wird aber Europa nach diesem blutigen Kriege aussehen? Es wir wohl seinen Reiz vollständig eingebüßt haben; es wird ihm die Anziehungskraft fehlen, die schöne Ideen so mächtig üben und auch vor hundert Jahren das Feuer der Hellen Begeisterung in jeder Brust lodern machten. - Und die Schriften derjenigen, die noch vor kurzem Führer der Menschheit gewesen, werden wir nicht mehr mit der einstigen Liebe, dem einstigen Vertrauen zu Rate ziehen in unseren Seclensnöten, denn alle modernen Geister sind leider schwer kompromittiert, sie haben sich sämtlich zu Adjutanten der Generalstäbe erniedrigt. Statt der Worte des Trostes oder der Warnung hatten sie für die harrende Menschheit nur strategische Ratschlüge und haßerfüllte Artikel. Es gibt vielleicht viele, die mit Vergnügen alle Bücher unserer Modernen hingeben würden für einige wenige alte Bücher, in solidem, altem Leder gebunden. Mag sein, daß die Form weniger kunstvoll ist, aber zuverlässig sind die tiefen, alten Bücher. . ״Nach""dein Kriege wird kein Heller Tag anbrcchen, auch wenn sich die Völker offiziel versöhnen. Alle Anzeichen sprechen dafür, daß jedes Heimkehren wird vom Schlachtfeld, um den Haß zu pflegen und großzuziehen und in dessen Gefolge selbstverherrlichenden Größenwahn, dem man den Prunkmantel schöner Worte umhängen wird von der Mission, die jedes Volk zu erfüllen vom Schicksal ausersehen ist. Man kann bereits jetzt solche Stimmen hören. Nehmen wir z. B. den deutschen Prof. Ziegler, der steif und fest behauptet, nur das deutsche Volk besitze genügend junge Kraft, um neue Werte zu schaffen und die Menschheit vorwärts zubringen. Der russische Philosoph und Publizist Fürst Eugen Trubetzkoj hingegen entwickelt seinerseits ein großes Welt- Missionsprogramm, das einzig und allein Rußland durchzuführen berufen sein soll. Er verknüpft eS mit der Idee der Herrschaft Rußlands über Konstantionopel, und überhaupt mit der religiösen Idee des Tempels »Hagia Sophia" in Konstantinopel Rußland wird, so führt Trubetzkoj aus, nach der Besitznahme der »Hagia Sophia" die geistige Metropole werden, und wird die Welt beherrschen nicht vermittelst Armeen und roher Gewalt, sondern Kraft des Geistes und zwecks Verbreitung reinen Christentums über die ganze Erde. Es braucht Wohl nicht erst gesagt zu werden, daß Frankreich sich als das einzige auserwählte Volk betrachtet, das die verschiedensten Weltmissionen zu erfüllen hat. Nach seiner Meinung verdient es diese eminente Stellung schon deswegen, weil es die Marseillaise der Welt geschenkt hat. Andrerseits macht England f. sich das Vorrecht auf Millionen geltend, weil es über eine große Anzahl Panzerschiffe verfügt und weil die Juden schon seit Cromwells Zeiten gleichberechtigt sind. Kurz, jedes Volk macht Ansprüche auf das ausschließliche Missionsprivileg und jeds wird von seiner Scholle weg die Preisfrage diskutieren: welche Kultur höher steht, die germanische, die romanische oder die slavische? Wer ist erhabener? Der blonde Sigefried, der französische Chantcclair oder der russische Knias Igor? Und diesen Streit wird man in sehr leidenschaftlichcm Tone führen, denn die hauptsächlichste Triebfeder wird ja nicht das Verlangen nach Wahrheit und Entscheidung sein, sondern der grenzenlose, gegenseitige Haß. - Es gibt keinen Anhaltspunkt, der uns berechtigen würde, die Zukunft Europas für Geschlechter hinaus in Hellern, freundlichen Farben zu sehen. Dieses Europa nun wird, wie gesagt, wenig Reiz haben, zu wenig Anziehungskraft, um wie einst einen großen Teil unserer geistreichen, dürstenden Jugend zu verführen; das wird eine Welt sein, in der Sirenentöne großer kosmopolitischer und internationaler Ideen nicht erklingen werden . Wenn cs unter uns Juden gegeben hat und heutzutage noch sozusagen lokale Assimilanten gibt, die sich als Germanen, Slaven oder Romanen fühlen, so darf man nicht vergessen, daß diese zum Verlassen ihres eigenen Gartens verlockt wurden durch sinnbetörende Weisen der Zauberflöte, die so rührend und ergreifend zu singen und zu sagen verstand vom Allmenschen, vom Phänomen des Kosmopolitismus, das erhaben über alle kleinlichen Grenzen und Schranken aufgegangen ist. Sie glaubten einen vorteilhaften Tausch gemacht zu haben, sie hätten eine geringere Idee um einer gröhern willen preisgeben: der Begriff Jude wird vom Begriffe Mensch im allgemeinsten Sinne des Wortes absorbiert und geht in ihm auf. Ganz anders werden aber nun die Weisen klingen, die ertönen werden von Siegfried, Chantcclair, und Knias Igor. Haßerfüllte, rein lokale Weisen werden es sein und wahrhaftig, cs lohnt nicht, sich zu täuschen. In den geräumigen Begriff Mensch läßt es sich noch gdnz gut hineinschlüpfen, aber in die ״Hagia Sophia", in das Sinnbild ureigenster slavischer Mission hineinzu gelangen wird erstens seine Schwierigkeiten haben, denn man wird uns vielleicht — was sage ich vielleicht? man wird uns ganz sicher den Zutritt verwehren; Und zweitens, was hat dort 6dr Jude zu suchen? Die unumstößliche Tatsache, daß Europa bankrottiert hat und zwar schmählich bankrottiert, wird erst nach dem Kriege recht deutlich werden. Die Enttäuschung wird grenzenlos sein und jede Enttäuschung führt zur Selbstvertiefung. Die jüdische Intelligenz wird als erste dieser Selbstvertiefung teilhaftig werden; die Intelligenz anderer Völker wird wohl fürs erste nicht Zeit und Muße finden, wird sie doch gewaltig durch den brennenden Haß in Anspruch genommen sein, der erst nach dem Kriege so recht auflodern wird. Lesen wir doch schon jetzt, daß deutsche Journalisten bitten, man möchte sie aus dem internationalen Journalistenverein streichen, denn sie sind mit Recht der Ansicht, das Jahrzehnte vergehen müssen, bis eine Zusammenkunft deutscher, englischer und französischer Journalisten möglich sein wird. Man wird nicht zusammenkommen können, denn der vornehmste Zweck wird ja hassen sein. Wohin nun aber die obenerwähnte Selbstvertiefung führen wird, das braucht Wohl nicht erst gesagt zu werden — gewiß zur Selbsterkenntnis. Man wird beginnen seine eigene Sprache liebzuge- Winnen, das alte jüdische Wort, denn unsere jetzigen Worte haben uns gewaltig betrogen und zum Narren gehabt, man kann sich auf sie nicht verlassen. Man wird auch ferner sein eigenes Volk liebgewinnen, denn es ist ein unheimlich Ding in der lieblosen Welt wie ein vom Stamme losgelöstes Blatt zu treiben, den Winden ein Spiel. Denn verschwunden ist ja der ״Mensch an sich", der Kosmopolit, dem man sich jederzeit und überall sozusagen freundschaftlich beigesellen konnte. Es gibt von nun an nur noch einen blonden Siegfried, einen übermütigen Chanteclair und einen Knias Igor — und alle sind den Juden so wesensfremd. Drückend ist ja der Gedanke, daß wir den festen Glauben nicht haben können an ein baldiges leichteres Leben in politischer Hinsicht dafür können wir aber sicher sein, daß innere Arbeit getan werden wird. Wir dürfen an das Wachstum der nationalen Idee glauben, und daran, daß wir in der Hauptsache einig dastehen und einig den Weg einschlagen werden, der uns einer bessern Zukunft entgegenführen wird. (Jsr. Wochenbl. f. d. Schweiz. I Cohen contra Schmoller. In den Berliner ״Neuen Jüdischen Monats es ' (Heft 8, 1917) veröffentlicht der Philosophe H r m nn Cohen einige Betrachtungen zu Schmollers A "l gen über die Judenrsage.

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