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Jüdische Volksstimme · 1917-02-26 · Heft 3 (26.2.1917) · page 2

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XVIII (1917)
Issue
Heft 3 (26.2.1917)
Date
1917-02-26
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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StlflfKirttt11 »c. g Vergebens bestürmen die Völker, die Untertanen den Herrscher (Das. 10, 7): Weißt du es noch nicht, fühlst du es gar nicht, siehst du nicht mit deinen eigenen Augen, daß dein sinnloser Widerstand Mizraim, Land und Leute zugrunde richtet, so höre den Jammer deiner Untertanen, achte auf ihre Not und Leiden, welche die noch nicht dagetltzsen unerhörte Unglücksfälle uns zufügen. Tag für Tag aufs neue auf uns einstürmen, jedem einzelnen hart zusetzen und das Leben unerträglich machen. Die Klagen, die Not, die Schmerzen und Opfer der Untertanen, das dem ganzen Lande drohende Verderben rühren den selbstsüchtigen König nicht, sein trotziger, eigensinniger Wille galt ihm mehr, steht ihm höher als der unschuldigen Menschen Wehe und des Reiches Wohl. Darauf gab es nur eine einzige Antwort, die Gott geben konnte (Tanch. z. 7,14): Je länger dem Trotz andaucrt, je unversöhnlicher sich dein Widerstand gebärdet, desto schwerer, beschämender und niederschmetternder wird deine Niederlage, desto ehrender, glänzender und herrlicher mein Sieg se.in. In wohlgemeinter menschlicher Absicht macht Moses dem König das letzte Friedliche Anerbieten, hält ihm mahnend und warnend vor (Das. 11,8): Nimmst du jetzt nicht an, was ich dir mit ehrlichem, aufrichtigem Sinne anbiete und uns beiden und unseren Völkern einen segensreichen Frieden sichert, so kommt die Zeit, da wirst du demütig und wehmütig das erbitten müssen, was dir heute ungebeten ins Haus gebracht wird. Unbegreiflicherweise hört Pharao auf das versönliche Wort Moses nicht, bricht schroff und ungeziemend jede weitere Verhandlung ab mit den Worten (10,28): ״Hüte dich fe«Mc bei mir zu erscheinen." Wie schwer büßte Pharao feine voreilige unbesonnene Hartnäckigkeit, seine Verblendung und wahnwitzige Selbstüberhebung. Israel zog frei aus. Traf der Finger Gottes Aegypten auf cingenem Boden schon mit zehnfacher Plage, so fuhr die strafende Hand Gottes mit noch fünfach stärkerer Wucht auf das schuldbeladene Haupt des Königs und seiner Krieger auf dem Meere (Mechilta zu 14, 31). Pharao, der sich rühmte: ״Mein ist jeder Strom ich habe ihn geschaffen" versank in den Meeresfluten und von all seiner Göttlichkeit und Herrlichkeit blieb nicht ein Schatten zurück, als Israel siegesfroh, frei und gerettet am Ufer des Meeres sein Siegeslied anstimmte (15, 18): Gott ist der König, wird es immer und ewig sein! Gott blieb Sieger und wird es in aller Ewigkeit bleiben! Das ist die große ewige Wahrheit, die jedem aufmerksamen Leser aus der Geschichte, aus den Ereignissen des Völkerlebens öffentlich hervorgeht. Lesen wir mit tieferem Verständnisse die Geschichte aller Zeiten, aller Völker und Länder, so erkennen wir die Wahrheit des alten Erfahrungssatzes, den der weise Koheleth aussprach (Kohel. 1, 9): ״Es gibt nichts Neues unter der Sonne". Die Geschichte wiederholt sich von Zeit zu Zeit, da sich die Menschen von ihren guten und bösen Seiten immer gleich bleiben. Darum läßt sich aus der alten Zeit auch so viel für unsere Gegenwart wie für die Zukunft lernen, wenn man nur die volle Aufmerksamkeit den Begebenheiten in der Geschichte zuwendet. Vergleichcn wir unsere Gegenwart mit Israels Befreiungsgeschichte in Aegypten. Und was seiner Religion betrifft, so bestand sie für ihn überhaupt nicht mehr, denn gar bald hatte er die diesbezüglichen Lehren seiner Eltern vergessen und ivenn er sich auch »och nicht getauft hatte, so war dies nur dem Zustande znznschreiben, daß er von der Ansicht allsging, ihm könne seine Religion nicht rnehr schaden, aber die Zuklinft seines Kindes solle dadurch nicht gesährdet lverden llnd ihr bei der Wahl ihres Gatten auch nicht hinderlich im Wege stehen. Kehren tvir nun lvieder in den Ballsaal zurück. In eilier Ecke, abseits von Getümmel der großen Menge steht ein junges Paar. Fräulein Ella Kondor und ihr Favorittäuzer, Hosrat von Sch. Aus beider Mienen ließt man, das sie ein ernstes Gespräch führen, was sich auch später als richtig erwies, da der Hofrat noch am selben Abend um die Hand Fräulein Ellas anhiclt. Daß seine Bitte von ihren Eltern nicht abgeschlagen wurde, war selbstverständlich und im Freudestaurnel hätte Herr Kondor ״Maseltof" gesagt, tvenn er nicht durch seine Frau daran schnell gehindert worden wäre. Hofrat voll Sch. lvar von Protektionsgnaden bereits ein hoher Ministeriglbeamter. Seine Verdienste um den! Staat sollen Wohl nicht so bedeutend gewesen sein, daß er des Tittels ״Hofrat" lvürdig gewesen iväre, aber an der Tatsache selbst ließ sich nichts ändern. Nur in einem stellte der Herr Hofrat einen Mann, u. z. im flotten Leben, und wo tolle und lustige Streiche zu spielen waren, da war er auch dabei. Daß diese Passionen viel kosteten und sogar sein Einkonimen bedeutend überstiegen, war natürliche Folge, so daß er genötigt war, bei allen Wucherern Geld zu hohen Zinsen aufzunehmen. Und als auch diese Quelle versiegte, da gab es für ihn nur noch ein Mittel, seine desolaten Verhältnisse zu rangieren, Nz. eine reiche Heirat, und diese hatte sich gefunden. Hören wir nicht aus dem grausamen Menschenmordenden sinnlosen Weltkriege die tollkühne Sprache der Selbstüberhebung eines Pharao: Wer ist Gott? Was ist seine Lehre der Menschenliebe? Was bedeutet die Menschlichkeit auf deren Stimme wir hören sollen, um Einhalt zur gebieten der nutzlosen, unsinnigen Menschenvernichtung, der wahnwitzigen Wertzerstörung der Arbeit und des Fleißes von Millionen und der beklagenswerten Länderverwüstung? Ist es nicht im unbändigen Trotz, sich überhebende Mecresbeherrscher, der gleich Pharao sich als unbesicgbarer Gott und Herr der Meere dünkt und gerade auf diesem, seinem eigenen Gebiete schon den schwersten sachlichen und moralischen Schlag erhalten hat mit jedem Tage mehr inne werden muß, daß er nicht mehr der ununbeschränkter Beherrscher der Meere ist, daß er auf dem Wasser sich nicht mehr, wie er es bisher gewohnt war, so häuslich einrichten kann? Wie der Aegyptcr-König erfuhr er auch den Fingerzeig Gottes als das Schiff scheiterte und der Mann von den Wellen spurlos verschlungen wurde, der den dreijährigen Krieg voraussagte, wollte und mit allen Kräften in Bewegung setzte. Solange noch die schlangen Zauberer und redetapfere Berater einen möglichen Sieg vortäuschten und in Aussicht stellten durch die Verlockung und Anwerbung der treulosen und bundesbrüchigen Könige und Reiche, da wuchs ihm der Mut, da bestärkte er sich in dem Wahne, blieb stark sein Sinn, er werde mit dem überlegenen Gegner noch als Sieger abrechnen. Nunmehr, da die gehoffte Hilfe, der sicher berechnete Sieg der treulosen Reiche zu Schanden geworden und diese ihren Treubruch mit dem Verluste ihres Landes büßten; nun da die eigenen Untertanen und Völker ihre Herrscher stürmisch anrufcn: ״Seid ihr denn mit völliger Blindheit geschlagen, seht ihr nicht, daß ihr durch den erfolglosen Widerstand die Macht des Reiches, den Wohlstand der Völker, das Leben der Untertanen der Vernichtung preisgcbet? Was könnt, was wollt ihr noch erhoffen, erwarten von dem endlosen Kampf, es wäre denn den endlosen Menschenjammer? Da machen die Gewalthaber, die verantwortlichen Männer der Regierung, die Herrscher und Könige hart ihren Sinn, hören nicht die lvarnendcn Klagerufe und Unglücksstimmen, kein menschliches Mitgefühl, keine Regung der Menschheit macht sich geltend, nur der starre wahnwitzige Trotz, der Vernichtungswille, der böse Geist, der gegen bessere Einsicht stets verneint. Es sollen die unzähligen Menschenopfer weiter gebracht werden, bis wie beiden Acgyptern von beiden Kämpfern keiner mehr zurückbleibt. Die entgegengestreckte Friedenshand, das menschliche Friedensangebot des siegenden Gegners wird schroff und ungebärdig mit unbegreiflichen Hohn abgewiesen, bis Gott selbst die letzte Entscheidung fällt. Gott wird auch die letzte Entscheidung fällen und es fragt sich noch, ob nicht die Drohung Moses an Pharao auch hier in Erfüllung geht, daß diejenigen, die in grenzenloser Ueberhebung den freiwillig angebotenen Frieden von sich wiesen, noch demütig und wehmütig drum bitten werden. Dann wird das letzte Wort der Friedenssang aller Völker und Menschen wie der Schlußsatz der Siegeslieder Fräulein Ella Kondor war mit dem neuen Glauben und einer großen Mitgift Frau Hofrat geworden. Wird sie diesen Schritt nicht bereuen? Die junge Ehe gestaltete sich anfangs ziemlich gut, insbesondere solange, als Herr Kondor seinem Schwiegersöhne mit reichlichen Unterstützungen an die Hand ging, aber plötzlich war Herr Kondor selbst durch verfehlte Spekulationen in schlechte Verhältnisse geraten, so daß er vor seinem eigenen Ruin stand. Jetzt entpuppte sich der Herr Hofrat als der gute, zärtliche Gatte. Mit den schönsten Schimpfwörtern benannte er seine Frau, ja sogar vor einer Tracht Prügel scheute er nicht zurück, und wenn er in besonders gereizter Stimmung war, was jetzt sehr häufig vorkam, dann lärmte er und tobte in seinem Zimmer, daß er er sich des lumpigen Geldes wegen an ein ״schäbiges Judenmädel" verkauft habe und jetzt nur die Frau, aber aber die Hauptsache, das Geld nicht mehr haben werde. Nach stürmischen Auftritten ging Frau von Sch. als Geschiedene aus dem Hause ihres Gatten fort. Niemals konnte sie es ihren Eltern verzeihen, daß dieselben sie zu einem solchen Schritte bewogen, ja sogar angeeifert hatten, und auch diese waren tief unglücklich wegen des Verhängnisses, daß sie gerechterweise ereilte. Herr Kondor, der sich von jetzt ab wieder Kohn nennt, erinnerlich nun wohl etwas spät an die gutge« meinten Lehren seiner Eltern. Mit heißen Tränen in den Augen gelobt er Besserung und willst Du ein Anderer werden — ״Noch ist es Zeit, noch kannst Du glücklich sein". Israels am Meere ertönen: Gott ist und bleibt König, Sieger und Weltenherr! Sein Wille allein muß auf Erden geschehen, er richtet die Völker, zeigt ihnen durch Unglück und Glück den rechten Weg im Leben und durch die Tatsachen und Ereignisse des Lebens spricht Gott zu uns die lauteste und beredteste.Sprache. Hören wir sie, verstehen wir sie, dann endet der Menschenkrieg, dann blüht der wahre Menschen- und Völkerfriede auf Erden. Jüdische Selbsthilfe. Eine freudige Botschaft hat uns angenehm überascht. Die Solidarität ist im Begriffe bei den jüdischen Glanbensgcnoffen festere Form anzunehmen. Wie die Morgenröte dämmert es schon am dunklen Horizont des jüdischen Volkes. Neue Hoffnungsstrahlen durchbrechen die dichten Nebelschleier des jüdischen Leidens, die der verheerende Krieg so düster verbreitet hat. Ein neuer Tag bricht für Israel heran, verheißungsvoll, und kündet durch seine leuchtenden Vorboten eine sonnige Zeit, milde, warme Tage, wo sich das jüdische Leben zur blühenden Entwicklung, zu üppigen Wachstum entfalten wird. In Amerika beginnt sich bei unseren begüterten Volksgenossen ein reges Interesse für ihre unglücklichen Brüder diesseits des Ozeans zu äußern. Den Ostjuden, die von der Vernichtung des Krieges heimgesucht, die vom Mißgeschicke gequält, und von der Armut bedrückt sind, wollen ihre amerikanischen Glaubensgenossen ausgiebige Hilfe angcdcihen lassen. Und so soll denn über Anrcgung des bekannten jüdischen Vorkämpfers Dr. Schmarje Lcvin eine weitumfassende Hilfsaktion in Form einer nationalen Anleihe eingeleitet werden, deren Ergebnis zum Wiederaufbau für die ״Ostjuden" Berwcndüng finden soll. Nach Dr. Levins Plan sollten nämlich Hundert wohlhabende jüdische Gemeinden und Organisationen sich an dieser Anleihe beteiligen; jede sollte 200.000 Dollar beisteuern und andere weniger begüterte Judengemeinden sollten zusammen weitere zehn Millionen Dollar aufbringen. Es handelt sich also um einen Fond von nicht weniger als dreißig Millionen Dollar oder etwa zweihundert Millionen Kronen. Diese Summe wollen mithin die amerikanischen Juden ihren Brüdern im Osten zum Opfer bringen. Unabhängig von dieser Aktion hat überdies das ״Joint Distribution-Komitee" durch seinen Präsidenten, den Philantrophen, Louis Marshal zur sofortigen Versorgung der Notleidenden in den Kriegszonen mit erforderlichen Subsistenzmitteln usw., eine Hilfsaktion angeregt, zu welchem Zwecke zehn Millionen Dollar noch im Jahre 1917 aufgebracht werden müssen. Für diesen Fond wurde bereits die Grundlage bei einem Volksmecting geschaffen, indem bei diesem Anlasse Zeichnungen auf drei Millionen Dollar schon erzielt worden sind. Wenn man diese Nachrichten liest, schwellt sich da eigentümlich frohlockend das Herz. Es ist, wie wenn sich Jemand einsam, erschöpft und hilflos fühlte, ohne Hoffnung schon resigniert der unvermeidlichen Katastrophe entgegensetzen, — anstatt dessen aber mit einemmale von kräftiger Hand erfaßt, emporgehoben und zu neuem Leben angeregt würde. Man wird von der zuversichtlichen Empfindung beseelt: noch ist Juda nicht verlassen. Das jüdische Volk hat noch Kräfte genug, ungeahnte Quellen, um sich seine Existenz selbst zu begründen. Es kann und muß sich selbst Beistand leisten, seine Gefallenen aufzurichten, seine Schwachen zu kräftigen und seine Unglücklichen zu trösten. Es reift immer wieder die Erkenntnis, daß sich das jüdische Volk zu seiner Selbsthilfe aufraffen muß, wenn es sich um die Gefährdung seines Bestandes handelt. Das Land der nationalen Zugehörigkeit mutz es fester umschlingen, das brüderliche Empfinden erwachen, aufflammen, um sich gegenseitig Hilfe zu leisten. Das ist jetzt das' Los der Judenschaft. Die Freude au dein fundamentalen Werke, welches die amerikanischen Juden unseren bedrängten Glaubens, genossen in Osten stiften wollten, entbehrt noch vorläufig jenes Glanzes, den eine solche gigantische Schöpfung auszulösen vermag. Denn es entstehen Zweifel, mannigfaltige Bedenken, die stets bei Schöpfungen solcher Art für die Gesamtheit zutage treten. Unwillkürlich tauchen da verschiedenerlei Fragen auf, deren Beantwortung für oder gegen die Ersprießlichkeit der Hilfsaktion in die Wagschale fallen. Wie sollte sich diese Hilfe gestalten? Wird sie derart sein, wie beim Neichen, der durch den jämmerlichen Anblick der Armen in seiner Behaglicheit gestört, ausruft: «Mir bricht das Herz, wenn ich diese Armen sehe. Gebt ihnen eine Almosen, damit sie schnell mir aus den Augen kommen?" Wird die Hilfe die Form von Geldunterstützung annehmen, die unsere Reichen ihren Brüdern zur Verfügung stellen, ohne weiteres Interesse an dem Erfolge zu bekunden? Oder sott diese Aktion zu einer dauernden Hilfsquelle ausgebaut, zu einer Grundlage für fruchtbringende Arbeit und redlichen Erwerb? Im ersteren Falle kann sich diese Institution kaum

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