Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XVIII (1917)
- Issue
- Heft 3 (26.2.1917)
- Date
- 1917-02-26
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Zahrg. XVIII. Nmnmer 3. Iü-lslhe NolksSinme. «k---׳-m vez«,»preise: I jifür Oesterreich-Ungarn, halbjährig . Kronen 620׳ ganzjährig.Kronen 12 — Deutschland, ganzjährig ...... Mark 12 — Rußland, ganzjährig ....... Rubel. 16׳— Balkan, Frankreich ........ Frank» 4—׳ &-גו— Redaktion: Wie« VIII. Lerchengaffe 6 a. ^Redaktion und Administration: Brünn, Adlergaffe S.^ Buchhändlerische Vertretung: Otto Klem«, Leipzig. Inserate: die öspaltige Petitzeile 90 h. Unverlangte redaktionelle Beiträge werden nicht hono- | riert. — Manuskripten ist Rückporto beizufügen. W---a Wien—Brünn. 26. Februar 1917. 4. Ader5677. Prag—Lemberg. Kriegsende. von Professor Dr. Adolf Kurrein. Das zweite Buch Moses (Kap. 6. u. Ff.) zeichnet ein bemerkenswertes Kriegsbild. Zwei Herrschermächte stehen einander feindlich gegenüber, um sich im Kampfe zu messen. So vergeblich uns heute vor unserem Gesichtspunkte der Kampf gegen einen Teil erscheint, so natürlich und selbstverständlich erschien er dem anderen Teile damals. Es war ein Kampf der eingebildeten Macht, der törichten Ueberhebung eines menschlichen Königs von Aegypten, der sich selbst vergötterte, gegen die Allmacht Gottes, gegen den wahren Weltenherrscher. Der Ausgang des Kampfes konrite niemand zweifelhaft sein, am wenigsten Moses und dem Volke Israel. Gott kündigt sich dem Volke Israel in dessen Not als Helfer und Netter an mit einem einzigen Viel, ja, alles sagenden Worte (ebens. V. 2): ״Ich bin Gott"! ich, der alles Vermögende, der seine göttliche Macht als Sieger über Pharao, den König von Aegypten, durch die Befreiung Israels aus der Knechtschaft dartun werde. Diesem unbesiegbaren, unbezwingbaren Herrscher stellt sich Pharao, der König des damals mächtigsten Reiches Aegypten entgegen. Er hält sich für einen noch höheren, mächtigeren Gott als den ihm und seinen Zauberern gänzlich unbekannten Gott seines Sklavenvolkes. Pharao erklärte (Czech. 29,3): ״Mein ist mein Strom, ich habe ihn und mich selbst geschaffen." Kann es eine Macht geben, die mir gebieten darf? (Enod 6,2): Wer ist dieser sonderbare Adonah, der es wagt, eine Anforderung an mich zu stellen, ein Volk, daß in meinem Dienste steht, zu seinem Dienste zu verlangen? Das ist völlig ausgeschlossen und scheint nur ein Vorwand zu sein für die Lässigkeit des arbcitsfeindlichen Volkes Israel und der es darin unterstützenden Männer Moses und Aron. Darum mutz zum Beweise der Macht des ägyptischen Herrn (ebend. V. 9) der Dienst verschärft und erschwert werden Feuilleton Zu spät erkannt. Ein Zeitbild von Ernst Vogel, Wien. Die hell erleuchteten Salons im Hause des Fabriksbesitzer Kondor (ehemals Kohn) zeigten an, daß heute daselbst das große Ballfest stattfinden werde. Dieses Ereignis bildete schon seit einigen Tagen das Gesprächsthema der biederen Bewohner der kleinen Provinzstadt P.., und an alle Honorationen waren Einladungen für den heutigen Abend ergangen. In einer langen Wagenreihe kamen die Gäste angefahren, und die Creme der Gesllschaft hatte sich für heute bei Kondors Rendezvous gegeben. Speziell die ledigen Herren der besten Klaffen hatten ohne Ausnahme der freundlichen Einladung Folge geleistet; wußten sie doch alle, daß das Ballsest bei K. alljährig zu den glänzendsten gehörte, weiters war Herr Kondor glücklicher Besitzer einer jungen, hübschen und begehrenswerten Tochter, die, wie man sich allgemein erzählte, schon gerne ihren Namen wechseln wollte^ Da die finanziellen Verhältnisse der jungen Herren der oberen Zehntausend nicht gerade die rosigsten waren, dagegen Herr Kondor als sehr reich galt, so war es selbstverständlich, .daß Fräulein Ella das Kampfobjekt aller wurde und jeder trachtete, sich einen dauernden Platz in deren Herz zu sichern. In zuvorkommendster Weise machten Hausfrau Es wird sich zeigen, ob dieser Gott Israels der stärkere ist, der sie davon befreien wird. Wi eder Psalmist sagt (Ps. 2,4): ״Der im Himmel Thronende lacht, Gott spottet solcher Sprache." Gott hätte ja schon die letzte Plage, die schwerste Strafe, das Sterben der Erstgeborenen als erste über Pharao und Aegypten verhängen können, hätte auch, wie cs heißt (ebend. 9,16) durch die Pest ihn dem Tode überliefern könnnen und die Befreiung Israels erzwungen. Er unterließ es aus Erziehungsgründen, um Pharao und die Acgypter durch die Tatsachen, durch die Geschehnisse in Aegypten zu überführen, daß nicht Pharao ein wirklicher Gott, daß nicht nur die Aegypter die höchste unbesiegbare Macht seien, daß es noch noch eine Höhere über allen Hohen gibt. Gott will nicht gleich einem menschlichen Herrscher alsbald mit einem Massenaufgebot von Kräften den Gegner angreifen, auch ihn nicht sofort Kampfunfähig machen, sondern im Gefühle seiner Siegesgewißheit, im Bewußtsein seiner Ueberlcgenheit will er den Gegner auf friedlichem Wege zur Menschlicheit bewegen, ihn veranlassen, das Volk aus freien Stücken am Auszug nicht zu verhindern, bevor der Vernichtungskampf beginnt und die stärksten Zwangsmittel zur Anwendung gelangen. Moses warnt auch vor jeder Plage, den König, verkündet was kommen wird, kommen muß, wenn er den überlegencrn Herrn tollkühn herausfordert. Pharao mißachtet das friedliche Anerbieten und der unvermeidliche Kampf um Sein und Nichtsein muß seinen Verlauf nehmen. Pharao erhält den ersten, den schwersten moralischen Schlag, dessen Tragweite er sich sogleich nicht bewußt wird. «Siehe ich schlage mit dem Stabe, der in meiner Hand ist, auf das Wasser" (Das. 7,17). Das Wasser des mächtigen Stromes Nil verschwindet. Es ist wie alles Wasser in Aegypten vom Fluß bis zum See in Blut verwandelt. Pharao, der sich der Schöpfer, Herr des Nils und des Wassers nannte, ist nicht mehr Herr und Gebieter des Wassers. Mit seiner Göttlichkeit und Herrlichkeit ist es zuende, wenn er die Herrschaft auf und Tochter die Honneurs, und auch der Hausherr hatte für eben seiner Gäste freundliche Worte bereit. Fräulein Ella sah heute wirklich reizend aus, und mit ihrer unschuldigen, treuherzigen Kinderaugen, sowie ihrer bezaubernden Liebenswürdigkeit hatte sie sich im Fluge Sympathien aller erobert. Die älteren Herren zogen sich allmählich in die Spielzimmer zurück, aber die Mütter verhieben im Ballsaale und erfreuten sich an dem lustigen Treiben ihrer Kinder. Während die Jugend dem Tanzvergnügen huldigt, will ich Dich, lieber Leser mit deü Verhältnissen der Familie K. näher bekannt machen. Vor vierzig Jahren war es. Hoch lag der Schnee in dem kleinen Gebirgsdörfchen und mühevoll mußte man sich den Weg bahnen, um daS enge, schmale Gätzchen (das einzige im Dorfes nur halbwegs benützen zu können. A! .:.׳m letzten täuschen sehen wir eines Morgens BQ: lten Vater, Mutter und Sohn. Wenn es auch ..och znmlich finster war, so konnte man dennoch v. merken, oaß ihre Kleidung dünn und fadenscheinig war, und da mit diesem Winter eine abnormale Kälte ins Land gezogen kam, so mußten unsere Wanderer in besonders drückender Armut leben, da sie sich sonst wenigstens mit wärmeren Winterkleidern versehen hätten. Aber auch sonst verriet ihr Aeußeres, daß hier Frau Sorge ein ständiger Gast war. Der einzige Sohn des Dorfjuden Kohn sollte nach stattgehabter Barmizwah (wie früher üblich war) das Elternhaus verlassen, um sich in dem nahen Städtchen für den zukünftigen Lebensruf auszubilden. Die Eltern ließen es sich nicht nehmen, ihr Kind ein Stück Weges zu begleiten und ihm nochmals Belehrungen sowie Weisungen für die Zukunft zu erteilen. Noch höre ich dem Wasser verliert und der siegreiche Gegner sie ihm aus den Händen entwindet. Pharao beginnt seine Ohnmacht zu fühlen, doch seine schlauen Zauberer und klugen Berater überreden ihn, daß das nur ein Scheinsieg des Gegners sei, der nur auf Täuschung und Irre- -fithrung beruhe. Sie üben den gleichen Zauber auf das Wasser und können es gleichfalls in Blut verwandeln. .Sie erbringen die Beweise. ״Da blieb stark der Sinn Pharaos, da gewann sein Mut, seine Einbildungskraft, seine Selbstüberhebung die frühere Stärke und er wollte von einem friedlichen freiwilligen Aufgeben der Feindseligkeiten nichts mehr hören. Die sich mehrenden Versuche Pharaos zu stets neuem Widerstande um jeden Preis bezeichnet die Geschichte mit zwei verschiedenen Ausdrücken,, wie es auch die Schristklärer herausfanden: ״Es war stark der Sinn Pharaons" (Das.7,22) und: ״es macht Pharaon hart seinen Sinn." (8,28). So lange die Schläge, die Gott dem ägyptischen Könige sandte, ihm infolge der Sprache seiner Zauberer und Berater nicht bedeutend genung erschienen, daß er sich nicht noch als Sieger betrachten und hoffen konnte, da blieb stark sein Sinn, da stärkte und kräftigte der Gedanke, an die Zukunft, die Hoffnung auf den gewissen Sieg seinen Mut zum unerschütterlichen Standhalten. Als aber die Zauberer und Räter erkannten und erklärten (8,16): Einen Finger der Gottheit, ein Anzeichen einer höhern unüberwindlichen Macht sehen u. erkennen wir aus den untrüglichen Ereignissen, aus den unleugbaren offensichtlichen Tatsachen. Wir müssen uns unsere Schwäche und Ohnmacht eingestehen. Wir möchten und jeder König, der sein Land und sein Volk nicht dem Verderben preisgeben will, müssen unter den gegebenen Umständen, dem Kampfe entsagen und den Widerstand aufgeben. Daraufhin machte der König seinen Sinn hart. Sein ehemaliger Mut wurde zum Trotz, zum Starrsinn und zur Kampfeswut, um sich und sein Volk zu bereden, zu betören: Pharao werde endlich als Siegchc aus dem Kampfe mit dem Unbesiegbaren hervorgehen. mahnende Stimme der treuen Mutter an ihren Sohn, daß er niemals an Gott und seine Religion vergessen möge, dann werde er durch das Bewußtsein, seine Pflicht erfüllt zu haben, gestärkt werden und mit Mut und Zuversicht sich seinem Berufe widmen können. Ich sehe aber auch die Hände des guten Vaters segnend auf das Haupt des Kindes legen, und die Tränen, die in der Abschiedsstunde geflossen sind. So ziehe denn weg, geleitet von der: Segnungen Deiner Eltern und den guten Wünschen unser aller. Das Leben in der ׳Stadt war ihm anfangs natürlich ganz fremd und er, der bisher sein kleines Heimatsdörfchen als die ganze Welt betrachtet hatte, konnte sich nur langsam «an die veränderten Verhältnisse gewöhnen, aber schließlich gefiel es ihm dort ganz gut, da er erst jetzt die Welt mit ihren verführerischen Reizen kennen lernte, zumal er es durch seinen Fleiß bald zu einer geachteten Stellung brachte und dadurch zu Geld und Allsehen gelangte. Durch Einheirat in ein altes bekanntes Fabriks- Haus war sein sehnlichster Wunsch erreicht worden, selbstständig an der Spitze eines großens Unternehmens zu stehen und so konnte er sich es erlauben, kostspielige Jours und Ballfeste zu veranstalten. Je mehr Geld und Ansehen er sich aber erworben hatte, desto mehr schämte er sich seiner Religion und insbesondere seines Namens. Den letzteren hatte er Wohl bald abgelegt, da es doch nach seiner Anschauung nicht gut ^geklungen hätte. ״Die Kohns" enipfangen jeden Donnerstag, aber Kondor, das ließ sich hören, ohne erst fürchten zll müssen, dem Spotte anderer ausgesetzt zu sein.