Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XVIII (1917)
- Issue
- Heft 2 (31.1.1917)
- Date
- 1917-01-31
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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^Mische «MS gangewiß ein Beweis hohen Mutes eine Anschauung, dort See ja viele ״Glaubensgenossen" durchdrungen sind,! offen und ehrlich zu bekennen auch in der Gewißheit, daß dieses Bekenntnis viel Staüb anfwirbelt. I Herr Dr .Fischl ist nun zwar gegen ״eine Ver- Wässerung unserer nationalen und religiösen Gebrauche; und zwar sowohl vom Standpunkte der Picktät als auch der Kultur." Jedoch mutz er Verwahrung einlegen ge-' gen ״die gehässige Art und Weise, in der die von uns. angestrebte Gleichberechtigung mit unseren Mitbürgern"! und die ״ganz gerechtfertigte'Annäherung an dieselben verhöhnt wird.! DieS alles in Bezug mtf unsere Kritik der israelttischen Allerfeelenfeier in Graz. Nun aber erkläre mir ein ״Westler", was er unter Verwässerung der nationalen und religiösen Bräuche versteht. Für mich (und viele andere) hat diese im Westen schon längst da- Maß überschnitten. Die Abkürzung der Gebete und die Verrichtung dieser in deutscher und überhaupt anderer als hebräischen Sprache mutet uns lächerlich an. Die Verlegung des Ruhetages auf den Gönntag, Orgel und Damenchöre in den Tempeln können in uns «trotz der ״weihevollsten" Predigten nicht die die mindesten pietätvollen Gefühle wachrufen. Religion ist eben für uns eine Gefühlssache, nicht aber Vernunft- Produkt, an dem sich herumklügeln ließe. Der Wert der Gebete und aller anderen Bräuche liegt nicht, zumindest nicht immer in ihrem Inhalte, weshalb sie in ihrer Uebertragung und Ummodelisierung sinnlos sind u. oft' nur komisch wirken. Was aber die ״angestrebte Gleichberechtigung" und die ״ganz gerechtfertigte Annäher'kng" betrifft, so verzeihe mir Herr Dr. Filschl, denn ich kenne nicht des Landes - Brauch. Ich habe bis vor wenigen Jahren in Galizien und Bukowina gelebt u. dort wird von den Juden eine andere Gleichberechtigung angestrebt. Wir verlangen dortti Politische Gleichberechtigung in bügerlichem und nationalem Sinne ohne irgendwelche Zugeständiffe auf Kosten unserer Kultur (und zu dieser gehören unsere Bräuche,' die guten loie die schlechten, ganz bestimmt. Auch die Au-' Näherung an die Mitbürger wird dort nur insoweit gc1־ rechtferitigt, als sie nicht zu einer Verleugnung oder auch nur Vernachlässigung,der eignen Sitten und Bräuche' führt. Aber wahrscheinlich sind es diese Sitten und' Bräuche, die uns an der Erwerbung der Sympathien' des Herrn Dr. Fischl und Gesinnungsgenossen hinder-' lich sind. Daß nun dieser Herr sich darüber ״burgfriedlich" ausschwcigt, müssen wir dankbar anerkennen. ' ° Sezüglich der ״durchchauS nicht erwünschten ״Gäste" möchte ich an Dr. Filschl einige GcwissenSfragen stellen: zeugt es für ihren Patriotismus, den Sie ja bei jeder Gelegenheit betonen und durch ihre persönliche Teilnahme an der Abwehr des Erbfeindes zu beweisen suchten, wenn Sie Mitbürgern GeisteSeigenschaften nicht nur den Berliner Magistrat, sondern auch daS ganze deutsche Reich beherrschen. Eine Minorität des Glaubens, der Raffe, möchte sich bei freier Zulassung in alle Staatsämter rasch zur intoleranten Herrscherin des gesamten Staates und der ganzen Ver- Wallung emporschwingen.... So ist es bei uns an der Donau und so droht es auch an der Spree zu werden. Dann werden wir den inneren Feind überwinden, wie wir den Zehnverband überwinden müssen, um dann zur Ruhe im Inneren zu kommen. Einheit und Eintracht! In diesem Zeichen werden die Deutschen in Mit- (wenn es auch nur ״arme Glaubensgenotssen" aus dem teleuropa gegen alle Feinde siegen." Osten sind), die die größten Lasten deS Krieges tragen,' da sie außer den Söhnen, die sie dem Moloch direkt opfern um ihre Familien, ihre Frauen und Kinder von den Schandtaten des Feindes zu retten, ihr schwer erworbenes Hab und Gut verlassen müssen Vorwürfe darüber machen, daß sie sich und ihre Familien nicht dem Feinde preisgeben? Zeugt es von Menschlichkeit, mit dem Bruder in seiner Not zu rechten? Oder sind wir Oestler, hier im Westen nicht Staatsbürger, gegen die Staat- und Mitbürger. Pflichten (und sehr hohe!) haben und müssen wir in unserer ״Dankbarkeit" zu allem, was geschieht, ja und Amen sagen? Nein, Herr Dr. und tausendmal nein! Sie erfüllen nur eine trau׳ rige Pflicht, wenn Sie uns Gastfreundschaft gewähren! Für diese Pflichterfüllung sind wir zu gar nichts derpflichtet, nicht einmal zu burgfricdlichem Schweigen. Wie sie und Ihre Gesinnungsgenossen aber pflichttreue Gastfreundschaft pflegen, darüber wollen wir ein zwcitesmal reden. .. A. Dawid. si«11׳d, van i'ciber Gesellschaft uns des Judentum 1s wegen ausschli>eßen, wo wi-r doch gogsnwärtiig <׳!benso wie in, der Zukunst auf die Gesellschaft nnsorer Mitmenschen angewiesen sind?" ״O »nein! Bei «aller Achtung und Nächsten- Ite'ifo, die wir unseren Menschen entgegenbrmgen,! bei aller Humwmtät, die wir ihnen gegenüber! üben, dürfen wir uusere niatiolNalö Eigenart und unser Judentum ,nicht verleujgnen. Bei! allem Fortschritt 1t. bei« jeder Aufklärung können, wir neben u. mit allen Mitmenschen in Frieden' Mid Einitmcht leben, ohne uns selbst aufzugeben,' ohne unserer religiösen und nationalen Eigenart desluegen Abbruch zu tun. Deswegen, glaube ich, wi׳rd Niemand leiden, ebensowenig, wie Andere, wenn sie ihre nationale Eigenart als Nichtjuden zum Ausdrucke bringen. Im Gegenteil. Schön 11.1 erhaben ist es, wenn, gerade die gelehrte Jugend alls Vorbild der Nation mit gutem Beispiele voran schreitet, all: lnationalen Merkmale, alle religiösen Uebuugen hochhält, aufrichtig!, selbst-! los. Nur dann kann einstarkes Juden tujm! erstehen, wenn es alle Schichten umfaßt, eine gefestigte, Grundlage besitzt und wenn ein ehernes, unzerrrltzbares Band alle Juden umschli!Wt. Die Nation ist wie eine Familie. Solange die Mami-lienmikgliedrr treu zusammenhalten, ihre familiären Uebrvlieferungen in allen Teilen befolgen und sich gegen fremde! Eingriff: in Schutz nehmen,'wird es Wohl jedermann uutövlassen, darüber abfällige Kritik zu üben. Vieilmehr wird die Treue Anhänglich-, Seit, der Opfernn!t und die selbstlose Hingabe bei! frvmden Bewunderung auslösen und Achtung Hervorrufen. Wird aber ei,ne Fcvntilie von ihren eigenen AiWhörigen mißachtet, oder gar im Stich gelassen, wo sich Einer seiner Blutver- Wandschaft schämt und sie herabsetzt, dort ist jedem Schmiips, jedem Verfalle Tür und Tor geöffnet, und kein Mittel vernmg in! der Folge diese Nebelstände zu beschönigen, das inerke dir mem Sohn!" Aus der Hetzpresie. In der jetzigen Zeit, wo viele Leute nichtjüdischen Glaubens Butter am Kopfe haben, ist es gut, die allgemeine Unzufriedenheit nach mittelalterlichem System auf die Juden abzulenken. Wir leugnen gewiß nicht, daß uns aus der Zeit unserer Knechtung noch gewisse Schlacken anhaften, die wir im Zuge unserer natoinalen Bewegung durch Selbstzucht abzulenken uns bemühen, das ist aber von unseren Feinden im Inneren gar nicht in Betracht gezogen. Wahl- und bedenkenlos werden uns Dinge anHedichteltz, die uns gänzlich fern liegen. Das Publikum, dem diese Dinge vorgesetzt werden, besitzt die unjüdische Nichtbildung in dem Maße, daß es die Widersprüche gar nicht Merkt, wie ihm über- Haupt jede logisch-klare Denkungsweise abgeht. Als einzige Entschuldigung mag der hetzerischen Tagespreffe weiß-gelber und schwarz-rot-goldener Farbe dienen, daß aus materiellen Gründen angewiesen ist, regelmäßig antisemitische Artikel zu bringen, enbenso, wie ein illustrierltes Blatt ohne Bilder niemand kaufen würde. Neues oder Belehrendes erfährt man ja ׳ aus der Hetzprcsse nicht, sie wird nur aus Partei und Vereinsinteresse gekauft. Die Tendenz dieser Artikel ist bezeichnend. Der Feind ist nicht Rußland, Serbien, Japan, Rumänien. Nein, insbesondere England, Italien, die alten Gegner deutsch-nationaler Shmpatien und wir Juden. Das sind dieselben Leute, die in Oesterreich nur schwarz-weiß-rot, kaum hie und da schwarz gelb?laggen, wie man sich bei jedem Siege in deutschen Provinzstädten überzeugen kann, ohne daß deshalb ein Fahnenerlaß wie in Krain herauskäme. Die ״Deutsche Rundschau" vom 3. Jänner schreibt zur Jahreswende, nicht, wir wollen gegen den äußeren Feind weiterkämpfen, Oesterreich schützen, das ihr nur ..Ostdeutschland" ist, nein, es geht wieder gegen die Juden los, die an Patriotismus die ostdeutschen Jrriden- Listen weit in den Schatten gestellt haben. Man braucht nunmehr nicht die Citate aus der ״Daily Mail", dem ״Secolo" oder ״Mcvtin" zu lesen, um Kriegshetze vor zu haben, das treffen die ostdeutschen Kriegsnutzleser ebenso. Es gehört die ganze unheilvolle Schwärmerei einer im Doktrinarismus und einseitigen und noch dazu mißverstandenen Klasseninteresses befangenen Maße dazu die Friedenssehnsucht der Masse großzuziehen und aufzupeitschen (wolgemerkt die Friedenssehnsucht aufpeitschen!) Die «Heimheuler", darunter versteht ״Teut" die ausgemergelten Soldaten und ihre armen Familien, die sich nach dem Ende ihrer Leiden sehnen, der goldenen (das sind wir) und roten Internationale gehören bekanntlich zum großen Teile nicht dem Germanentume an, wie der greise Volkswirtschaftslehrer v. Schmoller erst kürzlich so kräftig betont hat. Der mannhafte Gelehrte (bei den Ostdeutschen ist einer mannhaft, der die Minderheit! angreift) an dessen Autorität das ״Berliner Tagblatt" vergebens so spöttisch herumnagt, Katzenjammer eines ostdeutschen Sylvesterpotators! Am 80. v. I. ließ sich Herr Mataja, von dem man kürzlich ein Lieferungsgerücht vernahm, in einer Volksversammlung aus. «Gut deutsch, gut christlich, gut öfterreichisch und durch und durch antisemitisch! All diesem Prinzips sei festzuhalten. Die jüdischen Offiziere und Soldaterr, die ans dem Schützengraben heimkehren werden, werden Gelegenheit zu neuen Kämpfen haben. Einen sensationellen Schwindel mit Kaffeersatz- Mitteln müssen wir der erwähnten Presse zur besonderen Beachtung empfehlen. Der Brenncrcibesitzer Johann Müller (!) und dessen Buchhalterin Josefine Gntscheber(!), beide nicht etwa aus Kolomca oder Tarnopol sondern auS Graz, wurden wegen großangelegter Fälschung von Kaffeeersatzmitteln verhaftet und dem Laudesgerichte eingeliefert. Aber es sind auch erfreuliche Dinge zu verzeichnen. ״Hoch klingt das Lied vom braven Mann!" Die jüdischeil Bewohner von Bukarest, die nicht naturalisiert waren, wurden zum Kriegsausbruch im Barackenlager von Janowisto bei Bukarest interniert, woselbst die große Not leiden mutzten. Der holländische Gesandte, Jonkheer von Beedenbruch, nahm sich der Armen hilfreich an unb fuhr taglich in das Lager hinaus, die Beschwerden entgegenzunehmen, auf deren Abstellung er energisch drang, ch \ Dr. Hanns Fischl. Der Krieg und die Gerechtigkeit oder: Amio 14—15. Das ist ein furchtbar MultißeS Ringen. Schwerter klirren, Geschosse singen Todbringend. Durch die Lüfte schwirren Der Völker Jammern, Völker Wirren, Gepaart inbrünstig mit Gebeten Der Menschheit, die im sturmbesäten Zeiten auf dem Himmel stiegen. Auf daß unsere Heere siegen. Auf daß bald Friede möge werden, Friede nach dem Sieg auf Erden. Es weht ein Brausen durch die Webten, Eill Jubelruf der kampfgeseelten Heeresscharen. Die Helme blitzen Und donnernd dröhnt aus den Geschützen Das todschreiende Geschoß; Und über das Schlachtfeld auf schwarzem Roß, In rasender Hast, mit verhängten Zügel Das knöcherne Bein im goldenen Bügel Sprengjk hohnlachend Gevatter Tod. Die Heide ringsum färbt sich blutigrot Und viele tausend gefallener Helden, Bon denen erst spätere Zeiten melden, Liegen gar ferne von Heimatsstrand Gebettet in fremdem, feindlichem Land. Es raunt ein Flüstern durch den Wald, Das Flüstern steigt zur Allgewalt, Andächtig steht ein Kriegerchor Zu Gottes alles vernehmendem Ohr; Erfleht des Himmels gnädigen Segen Und mutig dann dem Feinde entgegen. Ein Höllenlärm wütet durch die Gefilde, Tod und Verderben weicht friedlicher Milde. Da werden Menschen hingerafft. Vernichtet Jugends Lebenskraft Und Städte verbrannt zu Schutt und Trümmer Und Häuser geplündert, der Menschen Gewimmer Erstickt und eOränkt im strömenden Blute, Dem Bösen weicht angstvoll der Fromme und Gute Und leidet und duldet und betet und fleht, Eh' die Kugel ihn trifft, die kein Opfer verschmäht. Das ist ein blutigheißes Kriegen, hat von semitischen Millionärsbasis der Häuptlinge Die bange Frage wer wird siegen? des Berliner kommunalen Freisinnes gesprochen, die sich Liegt stumm und furchtsam in jedem Munde einbilden, sie müßten vermöge ihrer alles überragenden t Und pflanzt sich fort auf dem Erdenrunde.