Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XVIII (1917)
- Issue
- Heft 2 (31.1.1917)
- Date
- 1917-01-31
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Sette t. ^Mische Rr. 2 aber in ihren Grundfesten steht sie unerschütterlich. Wer im Kriege längere Zeit in einem jüdischen Städtchen im Osten gelebt hat, weih noch immer von Kreisen jüdischer Frauen zu berichten, die allen Lockungen widerstanden und durch alle Erschütterungen des Krieges sich rein und makellos durchgerungen haben. (Mit Genugtuung muh konstatiert werden, daß hierher keineswegs die materiellbesseren Frauen ihr Kontigent stellen. Dieser Tapferen und Wackeren zählen wir, Ostjuden, mehr als alle Nationen des Kriegsgebietes. Die« se erfreuliche Tatsache, jedem Eingeweihten Selbstverstündliches, verdanken wir dem jüdischen Vitalismus, jener Lebenskraft der Juden, die sie durch so viel Unglück, durch so viel historische Widersprüche hindurchge« bracht hat. Was die Abhilfe betrifft, (und sie kann nur soweit gehen, als sie nicht in allgemein-sozialen Verhältnissen wurzelt) so ist sie keineswegs (zumindest nicht allein) in naitionaler, sondern in sozialer Denkungsart zu suchen. Auch national vollbewußte Mädchen können und werden der materiellen Not und den Verlockungen des bleichten" und ״guten" Lebens nicht widerstehen. Soll die jüdische Prostitution verschwinden, so muh die jüdische Frau zu einem national- und besonders sozial denkenden und wirkenden***) Mitglieds der Gesellschaft werden. A. Dawid. *** Darunter ist nicht daS Spielen mit ״sozialer und politischer" Arbeit zu verstehen, wie es jetzt im ״Westen" auch in ״besseren" jüdischen Kreisen Mode ist. — Zum Rücktritte des Gouverneurs Sieghart. Bon Dr. HannS Fischl, Budweis. Dr. Rudolf Singer, Nabbinersohn ausTeschen, genannt Exzellenz Sieghart, hatte, der Zeit entsprechend ein milderes Schicksal. Er bat um ah. Enthebung von seinem mit Millionen dotierten Gouverneursposten der Bodenkrcditanstatt und dieses Ansuchen wurde genehmigt. M Mühsal der ewigen Leiden leuchtest, ihn beständig emporhebst über alle Zweifel wankelmütiger Versuchungen und b;m amse-rwählten Volke, tote eiu 2t)1nbo׳l bei־ Abwechslung. bet Arbeit isn'b Nutze, der Leiden und Freuden für alte Zelten bestehst! Wte in -einem unerschüttet׳l׳i,chen Hort, mi'ter e,itetem unbezwingbat-eu Bollwerk findet der Jude in g׳e!lje,i׳li׳gte!n siebenten Taste s.elne Zuflucht, wenn et im Klampfe um sein Leben, seinen Glauben und seine Existenz schier zu unterliegen droht. A!n> diesem Tage richtet sich Israel hoffnungsvoll auf, da irrbaut er sein Gemiit, sü׳msl«el seinen Geist, stärkt seine Kraft, um zu neuem Ringen ins Leiben zu treten. Bei, Mer Freude an dem Leben, bei׳ Mer Günügsamklrit war es dem guten Juden aber dennoch nicht gegönnt, seiner bescheid. Glücksgüter stündlich teill-aftig zu werden. Und die finstere Lotste hatte auch seine Zufriiedenhe.it mit einer bitteren Pille bedacht. Sein ältester Sohn, nahe rot der Matura am Gymnasium, hatte abtoeichende Wnisichten übet die! väterl'i/che Erztehung. Sein Sinn widerstreibte den väterlichen We>i>sungen und war van einer ״modernen" Lehre durchdrungen, die der Jtmge zwar nicht aus Büchern, dafür aber umlsomchr aus!dem Krdse seiner leichtfertigen Kameraden geschöpft l-atte. Mit dem Beten u. den religiösen UebuiMn lrar es dem jungen Studenten nicht sonderlich ernst und vieles!m der Religion erschien ihm überflüssig. Am nMtsn hatte er jedoch den ״Sabbath" reformiert und modern umgestaltet gesehen. Dieses hatte aber den Vater tief in Herzen berührt. ״JWM Mw auch wianches Lehrbuch über verschiedenerlei .Gegenstände» getosen" sagte »eines Tages der Vater zu seinem Singer-Sieghart war für Max Wladimir Frei- Herrn von Beck dasselbe, was eine in ׳Böhmen besser ungenannt bleibende Persönlichkeit für weiland Franz Fürsten Thun bedeutet hat. Verfasser hatte durch Zufall das Vergnügen, mit dem abgetretenen Bankgouverneur die Loge im Herren« Hause zu teilen, alsBaron Beck die große Rede über die Wahlreform vor den Pairs verlas. Sein Minister blickte wohhlwollcnd von der Logenbrnstnng herab. Allerseelen in Graz. Zu dieser in Nr. 22 unseres Blattes enthaltenen Notiz erhalten wir nachstehende Zeilen eines Westlers: .Gewiß begünstigen wir nicht eine Verwässerung unserer nationalen und religiösen Gebräuche und zwar sowohl vom Standpunkte der Pietät als auch der Kultnr. Jedoch müssen Uvir uns gegen die gehässige Art und Weise wenden, in der die von uns angestrebte Gleichberechtigung mit unseren Mitbürgern und die ganz gerechtfertigte Annäherung an dieselben verhöhnt wird. Wir haben von den ״Oestlern" nichts gesehen, was unsere Sympathien erweckt hätte und haben Wohlwollend hierüber geschwiegen, um den Burgfrieden nicht zu stören und unseren gemeinsamen Gegnern keine Handhabe gegen unseren gemeinsamen Stamm zu bieten. Wir, die wir wegen Verhöhnung unseres Glaubens Zeter schreien, dürfen nicht in den Ton unserer Gegner verfallen. Gegen die Hereintragung solcher Tendenzen, wie sie aus der zitierten Notiz sprechen, müssen wir den uns durchaus nicht erwünschten Gästen gegenüber euergische Einsprache erheben A .M Sieghart war einer der mächtigsten Männer Oesterreichs, -essen Einfluß weit über den eigentlichen Machtbereich eines Bankrefforts hinausreichte.!Heunatboden muß man mit dem Pfluge oder dem Diese Stellung verlieh ihrem Träger eine Machtfülle,! Schwerte erwerben, wie es die Buren und jüngst die die größer war als die eines Staatsmannes" schreibt Icn ßeton h^en. - Quod erat demonstrandum. Merchs ״Neue Morgenpost" vom 29. Dezember. Sein Rücktritt erfolgte nicht freiwillig. In dieser Zeit, da der Profit sich mit der Moral nicht Weiler vereinbaren läßt, wurde eine famose ״Transaktion" bekannt, die Gründe des verstorbenen Erzherzogs Franz Ferdinand betraf. Schließlich wagte der Machttaumel des Empor« kömmlings den Versuch, sich am heiligen Gut der öffentlichen Meinung freventlich zu vergreifen. Die gesamte deutsch-österreichische Presse sollte in der Hand der Sieghart-Gruppe vereinigt, die freie Meinungsäußerung mit Geld unter das Diktat der Börse geknebelt werden. ״Diese Macht^ wurde natürlich viel angefeindet Dr. Hanns Fischl. Die zwei Weltanschauungen. Qm 681 demonstrandum. Zwei Weltanschauungen offenbart uns heute Herr Dr. Fischl. Die eine, die offiziell jüdische, im Kampfe gegen ״Teut" und die anderen Antisemi ten. Diese be- und mutzte ein Ende finden, als ein neues" System! sagt: »Die Juden sind nicht nur gute Menschen, sondern überall im Staate mit den unverantwortlichen Neben-!treue Staatsbürger, die ihr Gut und Blut fürs Vaterland geopfert haben und zu opfern zu jeder Zeit bereit sind. Die jüdische Preistreiberei — ist eine antisemitische Lüge, eine niederträchtige Verleumdung" Legierungen ausräumen wollte", sschließt der zitierte Nekrolog. Dev Wiederaufbau des jüdischen Volkes wird allen bedeutenden Köpfen Gelegeneit zu loyaler Beusw. Die andere Weltanschauung des Herrn Dr. Fischl tätigung geben: es werden vielleicht Juden als solche ist eine rein interne, nur für Juden unter Juden bein Stellungen gelangen, die heute nicht einmal dem stimmt. Für den Mut diese uns offenherzig zu bekennen, Täufling zugänglich sind. Sohne .getejsjentlich eines Mei!n,u1ngStausches, ״Mer baß irgendwelche Sitten ober Bräuche der Religion angefochten wären, ist mir nirgends :noch vorgekomwen." ״Das toitb m einem Buche auch nicht vorkomnien. Aber der Geist der Zeit bringt moderne Ansichten! -in,die Gesellschaft. Wir gehören im gegenwärtigen Zeitalter eben zur modernen, fortschreitenden Generation und sehen!ein, daß Satzungen und Bräuche, die noch vor vielen Jahrhunderten entstanden, nunmehr nicht ani Platze sind. ״O, du unerfahrener Junge!Auch dn machst dir diese Anschauung eigen? Die! Gespräche d. rohen, ungebildeten Pöbels äffst bat sinnlos nach? Du richtest dich nach!jetten Leatten, die ohne jeden Gehalt, frejlniden Sitten huldigen, nach jenen Menschen, denen .es cm Mssen, Mut und Selbstbewußtsein (gebricht, auf eigenen Füßen zu stehen, ihre eigenen, traditionellen Ueberlieferungen, die Merkmale ihrer Nation zum Ausdrucke zu bringen? Das ,nennst du den Geist der Zeit, der moderne! Ansichten zeitigt? Schön fortgeschrittene Genevation, die sich selbst verleugnet! Phrasen unbesomlnssner Jrmgsns sind es!" ״Und doch bilden wir Studenten die fortgeschrittene Generation. Auf uns blickt die» Welt und uns ׳gehört die Zukunft." ״Mag sein,?Wer das findet Wohl Antoen bürg auf andere Gebiete. Daß Ihr unbsonnene In glinge aber, auf Grund einer unreifen Schul- Weisheit und kindischer Erfahrung srdreiistet, an tausendjährigen Übungen zu rütteln, daß Ihr, den Säuglimgen gleich, selbst noch unfähig auf Gottes Erdboden. Euch einen Bissen Brot zu erlaugen, noch ohne jedes praktische Mssen, ohne jede Erfahrung, dätz Ihr di. Religion, wir etwa verdient Herrr Dr. Fischl zur Auszeichnung, die er sich bei der ״Abwehr des (erbfeindlichen) moskowitischen Ansturmes im Nordosten" wahrscheinlich erworben hat, ganz gewiß die neuerliche Anerkennung. Denn es ist ein altes Kleid modernisieren wollet, das ist fürwahr sehr bedenklich und dermrssen." ״Wir!gebildete Menschen, wir huldigen aber einer!anderen Ansicht. Wir dürfen uns von unseten Mitmenschen nicht absondovni Für mich ist es keine Erholung, vielmehr eine Last, wenn, ich Gn> Sabbath ruhen muß, wo Altes sich bewegt, wo das Leben um mich ringsum pulsiert. Ich mutz es als Qual empfinden, wenn ich bei jeder Gelegenheit!foltert sein, wenn man sich unter seinen Kollegen als Fremder betrachten» muß. Unzählige Umstände Sonnte ich an,führen, die sich nunmehr überlebt haben, welche äbe-r geeignet sind, uns Juden die Mißachtung attdevev Mit- Menschen zu erwecken. ״Das ist eben, tvas die Juden in ihrer Eigenart Jahrtausende hindurch Mfvechterhält. Die scheinbaren Kleinigkeiten, die traditionellen» Uebungen, die tausendjährgen Gebote u!nd Auordnungen, diese sind die Grundsteine, auf denen das Judentum unvergänglich aufgebaut ist. Viele Volksstämjme sind i!1u Laufe der Zeiten untergegangen׳, sie haben fremde Sprachen, Sitten und Gebräuche cmgeinommen und sind in die fremden Völker aufgeschmolzen. Doch das ujnansehnliche Völkchen Israel, unter allen Völkern zerstreut» es blieb in und durch seine Eigenart bestehen. Es besteht aufrecht, wie vor unzähligen Jcchrhundsrten. Alle Todesqualen, Marter und Pein hat der Jude ,geduldig ertragen; aber seine Religion, seine jüdische Eigenart, das vermochte ihm niemand zu nehmen, oder AU ändern. Wo der Vater schon modernen Ansichten huldigt, dort sind die Kinder schon reformiert." ״Sollen wir Studenten, wir jüdischen Leute, die wir mit unseren Mitschülerin innig befreundet