Mannheim
Compact Memory

Jüdische Volksstimme · 1917-01-31 · Heft 2 (31.1.1917) · page 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XVIII (1917)
Issue
Heft 2 (31.1.1917)
Date
1917-01-31
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2621806-2621995-2621997--3547-2624751
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Jahrg. XVIU. yltttutWtt BrzugSprrilr: c,$ür Oesterreich-Ungarn, halbjährig . Kronen 620׳ ganzjährig.Kronen 12׳- Deutschland, ganzjährig ...... Mark 12 — Rußland, ganzjährig ....... Rubel 16׳— Balkan, Frankreich ........ Frank» 4 — Redaktion: Wien VIII. Lerchengaffe 6 a. Redaktion und Administration: Brünn, Adlergaffe 9. Buchhändlerische Vertretung: Otto Klemm, Leipzig. Inserate: die bspaltige Petitzeile 30 h. Unverlangte redaktionelle Beiträge werden nicht honoriert. — Manuskripten ist Rückporto Seizufügen. Wien—Brünn. 91. Jlnnar 1917 8. Schebath 5677 Prag—Lemberg. Die sittlichen Verheerungen des Krieges unter den Ostjuden. Mit diesem Thema beschäftigt sich Robert Weltsch in einem ״Feldpostbrief aus dem Osten" im Heft 8. des ״Inden". Der Krieg, meint Weltsch, hat die innere Struktur der Inden im Osten zerbrochen. Die alten Gemeinden und Verbände wurden erschüttert, ungenhenre Massen in Bewegung gesetzt nnd alle gesellschaftlichen Bande jäh gelockert. Das Element, das diesen Erschütterungen am rveiiigsteii widerstanden ist, sind die jüd. Frauen. Nich nur die berufsmäßige "Prostitution" hat sich dermehrt, das sittliche Verkommen der sogenannten anständigen, bürgerlichen Frau ist viel besorgniseregcnder. Die Erfahrungen, die Offiziere und Soldaten im Osten gemacht haben,- sind in dieser Hinsicht schauderhaft und schreckenerregend. Die Gründe dieses Uebels sind ztveifachc. Erstens das Bestreben der Juden in jeder Hinsicht sein Entgegenkommen, und damit seine Loyal!- tat gegen die neue Herrschaft zu beweisen. Damit derbunden ist auch die ungemein hohe Wertung des ״Gefchäftes" respektive des Geldes, die durch die Kriegscrfahrungen bei den Juden noch gestiegen ist. Das Geschüft des Inden ist aber seit Kriegsausbruch Hauptfachlieh das ״Militär", und um sich dieses Geschäft nicht zu verderben, werden gewisse ״Vertraulichkeiten" gegenüber der Familie geduldet. Als zweiten Grund führt! der Autor die innere Schwäche der jüdischen Mädchen an. Ihrer Erziehung und Lebensgewohnheit nach streng abgeschlossenen, öffnet sich ihnen jetzt ein Altsblick auf ein anderes, ״freieres" Leben, dessen Lockungen sie nicht lviderstehen können. Diesem beschämenden und den Volksorganismus tief erschütternden Hebel muß Abhilfe geschaffen tverden. Und als einzige Rettung empfiehlt Weltsch: ״Die Er- Hebung des Volkes zu nationaler Denkungsart. Sie vermag, insbesondere wo die Fessel der Religion versagt, den sittlichen 'Halt zu schaffen, der die Bedingung für eine reine Lebensführung ist." So weit Weltsch. * Allein wieweit auch die Beobachtungen dem Tatsächlichen entsprechen, bedürfen sie docy einer Nichtigstellung, wenn es sich auch nur um eine Nuance handelt. Mit demselben Entsetzen berichten nämlich die meisten jungen Juden, die mehr oder weniger dem Volke entfremdet sind, über die Verhältnisse im Osten. Und doch ist es nicht so! Zumindest ist die Art ihrer Beobachtungen nicht entsprechend. Nicht, daß ich die Tatsuchen leugnen wollte. Auch dem Schreiber dieses sind beim Ei nitreffen in Lublin jüdische Kinder im frühesten Alter, nachgerannt: ״Herr Offizier, Herr Offizier, sie brauchen ein Ziinmer. Kommen sie, bei uns ist a scheine Schwester". Und dortselbst wie auch in Lemberg und Czernowitz wurden recht oft jüdische Mädchen und Frauen von Elteril und Geschivistern angepreist und Kinder verkuppelten ihre Mütter und auch sich selbst. All diese widerlichen Szenen blieben nicht nur auf die Großstadt beschränkt. In den Städtchen und Dörfern Polens und Galiziens ging es nicht besser zu. Sind aber diese schrecklichen, sittlichen Mißverhältnisse im Kriegsgebiete nur bei den Inden vorherrschend? Ooer sind sie bei Ihnen schärfer als anderswo zur Ausbildung gekommen? Und ist die Entwicklung oder Umbildung der Sittlichkeit unter den Juden im Osten in andere Bahnen geschleudert, als sie in Friedenszeiten getvandekd? Meine persönlichen Erfahrungen u. Beobachtungen im südlichen Etappengebiet besonders in Tirol und Steiermark, die auf mehr als 15 Monate zurückführen, gebenzu zu viel schlimmeren Schlüssen Anlaß. Es schaut in den Gebieten dieser Länder, die nur dem weiteren Kriegsgebiete angehüren was die Sittlichkeit anbetrifft, viel schlimmer aus, als in irgendeiner anderen Gegend des Kriegsgebietes. *) Aber auch in Polen läßt die Moral der nichtjüdischen Bevölkerung nicht viel weniger zu wünschen übrig, trotzdem hier die Sprachschwierigkcitcn An- Näherungen zwischen der Bevölkerung und dem Militär erschweren. Wenn die Verderbheit der jüdischen Frau hier auffällt, so geschieht dies deshalb, weil sie die Bewohner der Städte bilden und hier die Fremden ihre Beobachtungen machen. Andererseits stellen die Juden in Friedens- Seiten einen höheren Perzentsatz Prostituierte, als ihre Nachbarvölker. Diese Tatsache ist hauptsächlich auf ztvei Ursachen zurückzuführen. Erstens die soziale Ausnahmsstellung der Juden. Dieses Volk hat ein sozial höheren Willen und ein höheres soziales Bewußtsein als es seiner Stellung im Wirtschaftsleben entspricht. DaS führt zu abnormen Erscheinungen zu denen auch diese, die starke Prostitution der Juden gehört. Zweitens genießen seit den letzten Jahrzehnten die jüdichen Frauen eine Erziehung die mit dem ganzen nationalen Leben im Widerspruch steht. Während die männliche Jugend zu einem religiös-national streng abgeschlossenen Leben erzogen werden (selbstverständlich kommmt hier die Intelligenz der letzen Jahrzente nicht in Betracht), geht die Erziehung der Mädchen auf einer anationalen, ab-!trakt-menschlichen Grundlage vor sich (die wieder sich auf die ״Haskalah" zurückzuführen läßt). Was aber die vielgerühmte Sittlichkeit der sogenannten ״bürgerlichen"**) jüdischen Frau betrifft, ist Wohl an ihr gerüttelt ivorden und auch sie hat vml verloren *Hier wäre nur auf die Häufigkeit des Verkehrs mit Kriegsgefangenen hinzuweisen, die hier Gerichte beschäftigen. ** Nicht im Gegensätze: proletarisch! Feuilleton Sabbath. von B. Nippel. (Papa). Er war Marktfahrer. Als ganz gewöhnlicher Händler mit dem Bündel am Rücken, mühte sich Jo ine Safran von, einem Orte zum anderen, nm seine Wpren an den Mann zu bringen. Seme Aufgabe war nicht ohne Schwierigkeit. Um die kostbare Tageszeit nicht zu versäumen, hattte er die Nächte für Reise bowegungen sich zu Nütze gemacht und bei Tag sein Geschäft betrieben. Keine Mühe war «im; Händler zu groß, keine Plage zu beschwersam, um sich sein Brot in redlicher Weise ztt verdienen, seine Familie anständig zu ׳erhalten. Wie jedem ordentlichen, jüdischen Vater lag ihn! nur beständig ein Wunsch a!m Herzen: Die Frau und die Kinder unabhängig von anderen Menschen zu wissen. Seine Familie tvohlwrsorgt sehen, opferte, er all feilte liebliche Kraft, seine ganze Lebenszeit. Bei all den! hatte der Marktfahrer aber auch nicht unterlassen, sich immerfort seine Kenntnisse aufzufrischen, seinen Geist zu schärfen und sich fortwährend weitere Bildung anzueign-en. ״Ob ein Mensch mehr oder weniger Vermögen besitzt", pflegte er oft zu sagen, ״darauf komnit es beim wahren Menschen nicht an. Hauptsache bleibt nur,, daß er für sich und die Seimigen in Ehren sorgen kann. Ist aber ein! Mensch geistig arm, hört er fast auf, Mensch zu! sein." Und so fand Joine bei aller körperlichen Anstrengung noch immer genug Zeit genug, Bücher zu lesen und sich in verschiedenerlei Fragen zu vertiefen. Denn feine Ansichten waren von jenen anderer Händler gvund -verschieden. Nicht mit jenen Kaufleuten machte er sich vergleichen, die uni des augenblicklichen Vorteilswillen verschiedauerlei Unfug treiben, ihre Käufer zum Besten halten, um nur vorübergehend Geschäft zu machen, nein. Er bildete eben eine Ausnahme. Zumeist opferte er momentane Vorteile, um Käufern die Ueberzenguug seiner Redlichkeit beizubringen, ןזחן sich ihr Vertrauen zu erwerben. Und seine Methode hatte sich auch bewährt. So widmete sich der redliche Mann s;inpm Geschäfte durch sechs Tage und sechs Nächte. Doch am Freitag lim׳ ernach Hause zurückgekehrt, um den Sabbath im Kreise seiner Angehörigen zuzubringen. Von den Freuden, von der Weihe des Sabbath war er eine ganze Woche hindurch bc>- seelt. Denn der Sabbath, der heiligen Ruhe Wweihter Tag spielt in der jüdischen Familie, im jüdischen Gemüto eine sonderbare Rollte!. Der Wochenlauge Existenzkampf wird da mit einem Male ansge schal tot׳, an! der Stelle des rastlosen Strebens, des Haschens und Jagens tritt - hoi»- lige Stille beschauliche Ruhe! und der Jude wird sozusagen, wi-e iiber Nacht gänzlich nillge ändert, wie neugeboren. Schon! der Sabbathanfang mit seinen tzoligiösen Übungen, seinen erhebenden Mo- Menten übt auf das jüdische Gemüt einen eigenartigen reizvollen Eindruck. Wer vermag das freudige Gefühl des religiösen Juden zn ermessen, wenn er sein Tagwerk, sein Schaffen vm;r sechstägigen Arbeit zur Ruhe legt, mn die Königin Sabbath_ zu empfangen, sie mit weihevollen, Gefangen einzuführen. Wie erhaben, weihevoll und friedlich ist es im jüdischen Hause, wenn der Ruhetag eint ritt! In ׳allen Winkeln,, aus jedem Gegenstände haucht es: Sabbath. Dijs fröhlich fromme Glückseligkeit bann nur derjenige im vollen Umfange erfassen, der dos jüdische Gemüt 'in seiner vollen Tiefe kennt, der von dem erhebendem! Gefühle selbst beglückt ist. Und dieses Gefühl mit seiner gangen Zaubermacht hatte auch der jüdische Händler auf sich wirken lassen. Wenn er, aus dem Tempel heimgekehrt, sein Hans im festlichen Sabbathschmucke erblickt?, wo alles sauber hergerichtet und!geordnet, der Tisch Milt weißen Leinen bedeckt, die Kerzen aus d;!a blank geputztem Leuchtern ihren Hellen Schein nach Men Richtun gen ausstrahtten, wenn er das Sabbathmahl, umgeben von seiner trefflichen Lebensgefährtin und den blühenden Kindern, verzehrte, — nicht eines Königs Herrlichkeit und Reichtum hätten ihm/ dieses Glück ersetzen können. Bet derlei Anlassen fühlte Safran seine Brust freudig geschwellt und oft Pflegte er mit dankerfülltem Herzen den Blick gegen Himmel emporzuheben mit dem Ausspruche: ״Führwahr das Wort ״Jude" ist kein leerer Wahn. Es scheint wie ein sonderbares, fast unlösbares Rätsel. Der eine Tag ״Sabbath" als Jude verbracht, macht wochenlanges Mühen, Sorgen voller sechs Tag; und Nacht; mit einem Male vergessen, glättet, wie mit Zauberlnmv, di.; tief gefaltet; Stirno und sammelt, stählt nnd kräftigt Israel für den Kampf weiterer Zeiten." O! du gesegneter Sabbath^ der du, unvergänglich tpije! die Sonne, dem Juden durch all; ©1I♦» Ort&f rtf imVuM♦

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.