Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XVIII (1917)
- Issue
- Heft 1 (10.1.1917)
- Date
- 1917-01-10
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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«ritt 6. ״Jüdische VolkSstimme" Rr. i strotze VerdiMstL 1tim< die treffliche Einstudierung derChöre erwürben. Fmer wurden von den Herrn Rabbiirorir Prof. Dr. A. .Kisch/ Prediger au der MeiselswmgvM, Religivnsk'ßrer Dr. London in Prag, Prof. Dr. Güswv Weiner, .Kgl. Weinberste (böhmisch imd deutsch) Prof Dr. I. Hirsch tKarolmental, Tr. S. Arje in Smichvw, festliche vcditztcn nbg.'hnlten. Eiinen Abschluß dieser rauerfeierlichtkciten bildete eine solche am 5. Dezember im Prager Tempel, Geistgasse, voransiialtete, wo Herr Dr. Einanueql Schwartz eine Predigt mit dem Motto: -,Unser Kaiser, unser Glanz" hielt, deren Jnhvlt besagt, NR'lchen vorzüglichen Kanzelredner diese Tempelstemeinde in Dr. Schwartz besitzt. Diese Rede ist in Druck erschienen tt. das Reinerträgnis kommt den Fluchtlmgen zu. Auch die. von Herrn Prof. Dr. A. Deutsch abstehaltene Predigt erscheint dieser Tage uind ist der Reinertrag für galizische Kriegswaisen bestinvm't. Beide sind von der Buchhandlunig! Jacob Brandeis erhältlich. Bemerkt sei hier, datz die H׳:rr>n! Rabbiner Prof. Dr. A. Deutsch u. Dr. Einauuel Schwartz für die Mlizischen Flüchtlinge und Kriegswaisen durch ihr dowor tow stlühnienswerk's geleistet haben und konkurrenzlos dastehen. Selbswerständiich waren die Gotteshäuser innner gesteckt voll und die Prager Judenschaft bewies neuerdings ihren Patriotismus für Kaiser imd Vaterland und wird stets auch i|u der Zukunft so wandeln. Feldpostbrief. Sehr geehrter Herr Redakteur! Dem geschätzten Verlangen gemäß, übersende Ihnen einen Feldpostbrief d. h. die getreue Abschrift, folgendermaßen: Im Walde, am 20. Dezember 1910. Euer Wohlgeboren! Ihre Kerzen sind rechtzeitig angelangt. Herzlichsten Dank für diese, auch für die Karten. Sie haben mir und meinen Kameraden eine große Freude bereitet. Die Lichter, welche zum Lobe Gottes leuchten, entzünden zugleich in uns die unvergängliche Liebe zu unserem Vaterland, ja dieses Fest hat besonders für uns Soldaten eine hohe Bedeutung. Möge Gott, der uns die Wiederkehr in .das ersehnte Land znsagte. Ihre Güte lohnen, indem Sie, samt w. Familie die Erlösung des Volkes Israel ans dem ״GoluS" erleben mögen. Nochmals dankend, verbleibe mit Hochachtung Ihr ergebenster Isak Kiselstein, Zngsfnhrer, Lir. 17, , , .. Isak Spalter, Michael Federbnsch, Benjamin Ascher, Herzig, Korporal, B. Pomcranz, U. O. Aus dem Werke: Der Wahrheitsgehalt d. Religion von Encken. V. Geschichte als geistiges Erlebnis wird durch ein Zurück,geben aatf eine ewige Ordnung möglich; wir sehen aatrf), datz die Religion mit ihrer Aufdecklmg verschiedener Stufen im Leben imd einer ihm iemewohnenden Bewegung die Bedeutung d. Geschichte aufs beträchtlichste steigert, ja, datz sie «vi׳t dem Aufnehunni einer Bewegung in den Kern des Lebens Geschichte ip vollem Sinne erst möglich macht. Auch die herrlichsten Kulturen erschöpfen sich und leben sich aus, immer Wieder kommt die Menschheit m einen Punkt, wo sie ins Leere zu fallen droht und in Wahrheit darin, Verfallen würde, wenn ihr nicht eine größere Tiefe, ein ursprünglicher Omll des Lebens gegenwärtig bliebe, ans dem sie. sich erfrischen und zu neuem Unternehmen stärken könnte. Eine solche Lebensart vertritt ׳niemand mehr als die Religion. Durchsichtig »rächt die Religion den Lebens- Prozeß keineslvogs, Wohl aber steigert sie seinen Gehalt und seine Tiefe. Die der Religion >.׳igentiilmiliche Denstveist mutz nachdrücklich dMin wirken, die Welt als ein nach in Flutz befindliches Ganzes zn fassen, als eitlen Schauplatz von Kampf und Entscheidung; mich versieht sie ein-.׳ Erhöhimgsfähi gkeit der vorhandenen Kräfte, die Möglichkeit eines Erscheinens ursprünglichen Lebens. Der bloße Mensch, sowie die Lebensschrattknng ans sein Wohlsein, sei es der.Individuen, sei es der Massen, wirdschlieGich dem Menschen selbst zu -eintet unerträglichen Enge, diese droht {־einein Leben inmitten ungeheuer Geschäftigkeit allen Sinn und Mrt zu rauben- Die Religion ist nicht eine Mitteilung überweltlicher Geheimnisse, sondern die Eröffnung eines überweltlichen Lebens; die Aberkennung und Aneignung dieses Lebens ist es, womit der der Glaube zu tun hat, eine Aneigniung, die ein Zusnn'mcnfassen und Aufklimmen des Wesens, ein Vordringen und ׳ein Gehobenwerden in sich trägt. Es wird den! Menschen in,-der Religion nicht Lehre zngeführt, die ׳er anzunehmen und befolgen hätte, sodern ein Leben Vorbehalten, und nahegebracht, für das er!berufen ist, das ihm allererst das rechte Grund-Verhältnis zur Wirklichkeit und die Tiefe seines eignen Wesens gewinnen lätzt, das ,mit seiner Gestaltung auch das Bild der Wirklichkeit umWstgltet, indem es sie erweitert und vertieft. Je mehr sich das Leben in Arbeit vorwandelt, desto weniger ist es inneres Erlebnis, desto fremder wird es uns selbst. Aber schon die Tatsache, das; wir dies Fremdwerden gewahren, daß wir es nicht gleichgültig hinnehinen, sondern als einen unerträglichen Perinst empfinden, beweist, datz mehr in uns steckt!als die moderne Lebensführung aus uns macht. Früher kämpften wir bek den Wahrheiten der Moral, der Religion, der Weltanschauung, inn die Art des Beweises .oder um die nähere Gestaltung,׳setzt sind uns die Wahrheiten bis zum letzten Grunde unsicher geworden, und wir entzweien uns bei ihnen bis zu schroffstem Gegensatz. Den AnhäiMr der Neligion mag es pei-nlich berühren, ja tief verstimmen, das, was für seine Persönliche Ueberzeugnng den festen Halt u. Halt und das höchste Gut des Lebens bildet, von dw Wissenschaft, wie ein offnes Problem behendelt zu sehen. Mer das ist nun einmal unser Schicksal, datz beiden letzten Fragen auch das, was der allersicherste Besitz dünkt und auf dein in Wahrheit unser Mistiges Dasein ruht, für die eigne Uebierzeugung immer wieder neu zu erringen und durch selbsttätige, Entscheidung zu bekräftigen ist. Der Einzelne kann diese Ausgäbe ablehnen, die Menschheit kann ׳es nicht. Das blotze Gefühl ist so flüchtig und zart, so Wt- und gestaltlos, da,tz es unmöglich den Menschen über das Blotzmenschliche hinausführen und in ein Verhältnis zur Gottheit bringen kann. Ein starker Niedechgng i!n׳n׳erer Kultur tritt uns heute peinlich vor Augen, immer kleiner werden die Menschen in aller Größe der Arbeit, immer mehr fohlen spassende Geister, immer weniger echte Befriedigung findet der Mensch in allem wildem Getriebe, immer mehr wird das innere Leben auf einen niedrigen Durchschnitt herabgestmunt, immer deutlicher erbellt, datz aller Gewinn an׳ der Peripherie des Lebens den Verlust im Zentrum nicht aufwiegt. Denn schlietzlich leben wir unser Dasein vom Zentrum aus und können 1ms in die Umgebung Wohl zeitweise vergessen, nicht aber dauern verlieren. — Die Wahrheit ist immer Sache der ganzen Menschheit, kein bl oster Privatbesitz; das i׳n der Arbeit für sie der Einzelne sich als einen Vertretet, ja als Werkzeug des Ganzen fühlen darf und durch die innere Gegenwart des Ganzen über alle Zufälligkeit der individuellen Lage hinausgehoben wird, datz aus seinem Werk eine iimere A'otivendigleit für Mo spricht, und datz allen zugeht, was er mühsam errang, das vornehmlich gibt der Arbeit Spannung und dem Gelingen Freudigkeit. Was am Ewigen in uns wirkt und uns am Ewigen vorschweN, kann nur durch die Bewegung der Zeit hindurch uns zu vollem Besitze werben.' Wo die Neligion ein Neues, allem menschlichen Getriebe überlegenes Leben erstrebt, da!nutz besonders kräftig ihre Erhabenheit ü!ber alle inenschlichen Zwecke imd Parteiungen verfochten werden. Nun und nimmer sei die Religion in Ja oder Nein mit politischen oder sozialen Problemen verquickt; ob Moarchie oder Nelublst, ob wlehr individualistische oder sozialistische Gestaltung der wirtschaftlichen Verhältnisse, damit hat die Religion als solche Mt nichts zu tun; wer sie in diese Sphäre herabzieht, tvenn auch in der Absicht, ihr bei den Menschen zu nützen, der denkt unwürdig von ihr und wird leicht das Gegenteil seiner Absicht erreichen. Wir können die Religion anfMben, aber wir wir müssen dann auch unser Geistesleben, den geistigen Charakter unseres Daseins, unsere PersÜnlichkoit imd geistige Individualität angeben; wer das vermag, der verzichte aus Religion, aber wird das jemand gänzlich vermögen? Mrs gewöhnlich als Liebe gepriesen wird, geht so wenig auf das Ganze, Innerliche, Wesentliche, es ist so vermengt mit blotzen Naturtrieben und so abhängig -von äusteren Dingen, dazu so flüchtig und wandelbar, datz es jenem tiofftcn Verlangen der Seele, mehr ein Trugbild vorspie? gelt -als ihm Befriedigung gewährt. Küe!reebespre<!k»ungen. Graf Stefan Tisza, ״Bon Sabowa nach Sedan" verlegt bei Ed. Strache, Warnsdorf. Der Mann mit der eisernen Hand, der cs verstauden hat, das ganze Ungarland, wenn auch mit drakonischen Mitteln unter seinen Willen zu zwingen, versucht eine der interessantesten Perioden in Deutschlands Entwicklung zu analysieren. Der ungarische Minister- Präsident zeigt in seiner Schrift ״Von Sadowa nach Sedan" ein so seines Verstehen der Bismarkischen Politik, daß einem unwillkürlich die Scelenverwandtschaft der beiden hervorragenden Männer auffällt. Auch der eiserne Kanzler war nicht immer skrupulös in der Wahl seiner Mittel, sofern sie nur zu dem erstrebten Ziele führten. Er schaffte Preußen und Oesterreich eine gemeinsame Machtspähre, um dort stete Rivalität, Neibungcn entstehen zu lassen, dies führt zu dem für Preußen zur Erlangung der Vorherrschaft unvermeidlichen Kriege. Der Grund für Frankreichs Niederlage liegt in Napoleons.Politik, der ein kleiner Gernegroß die Welt beherrschen will und aus eine fiktive Macht pocht. Fesselnd geschrieben gewinnt die Schrift durch die heutigen Verhältnisse Aktualität. Flaubert, November. Mit Original-Litographien von Ottomar Starke, Kurt Wolf Verlag, Leipzig, Preis Mark. 3.60. — Flaubert und Dostojewski sind die Väter und noch bis heute unübertroffenen Meister des neuen Romans. Ihre Werke sind in ihrer Art von Ewigkeitswert, wie die Molieres und Shakespeares. Ein glücklicher Zufall ermöglicht es, in der Sammlung ״Der neue Roman" dem deutschen Leser erstmalig in Buchform Flauberts Iugendroman ״November" 3u bieten, der auch im Original erst kurz vor dem Kriege veröffentlich wurde. Es handelt sich um ein Meisterwerk, dessen erstaunliche Kraft und wunderbare Naturschilderung schon die Goncourts und Baudelaire, die das Manuskript kannten, gerühmt haben. — Der Grund der posthumen Veröffentlichung ist Wohl nur in Flauberts Zurückhaltung in allem, was Sebsterlebtes anging, zu suchen, denn ״November" ist ein Bekenntnisbuch. Es erzählt die schtvere Jugend das sch,nerzlicke seelische und erotische Erleben eines jungen Menschen. Die erschütternden Nöte eines Heranwachsenden und Herangewachsenen, der nicht Spannkraft und Brutalität genug mit aus die Welt bekam, um die harten Realitäten des Lebens zu überwinden und zu ertragen, die schönere Existenz, die sich dem Gequälten in dem Erträumen einer farbigen, unbeschwerten Phantasiewelt schenkt, haben hier ergreifende Gestalt angenommen. Kronen-Biicher, Band 29: ״Die goldene Frucht", Roman von Horst Bodemer. Preis 1 Mark, gebunden (Kroueu-Verlaug, G. m. b. H., Berlin, SW 68). — Horst Podemer ist ein guter Kenner des Berliner