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Jüdische Volksstimme · 1917-01-10 · Heft 1 (10.1.1917) · page 4

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XVIII (1917)
Issue
Heft 1 (10.1.1917)
Date
1917-01-10
Page
– (sequence 4)
Language
German
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MH 4. »Mttsche BolkSstiMme" Nr. 1 Teuerungszulage aber eine einmalige, n. Stundenzahl wißheit als Glaubensgenossen erkannt hatte. Gawril ״Ihnen ist es leicht zu reden, wenn Ihren " ' ' ~ ■'״"־" ' " " ' 'brachte ihm sein Anliegen vor. ״Was, was?" stieß de? ständigen Beruf ausübcn und sich dem Erwerbe widberechnete Remunerationsaufbesierung zugcstanden. Jeder Neligionslehrer hatte bei der betreffenden -! rektion anzusuchen und erhielt sie auch in einem befriedigendem Ausmaße Der zweite Punkt betraf wieder eine Eingabe an das k. k. Kultusministerium. Es wurde vielleicht in böswilliger Weise, vielleicht auch in Uukenntnis der Sachlage in den Gemeinden und bei den Kultusvorstehern verbreitet, daß die Rabbiner bcab- . sichtigen durch ihren Protest die Organisation der Gemeinden zu Hintertreiben. Daraufhin machten wir nachdem das Statut von der Negierung den Kultusgemeinden zur Meinungsäußerung zugeschickt wurde, eine Eingabe au das k. k. Ministerium, in welcher wir erklärten, daß wir mit Freuden die Organisation der Gemeinden begrüßen und da der Entlvurf auch die wichtigsten Ncligionseinrichtungen in die Hände d. Vorstände legt, die doch auf diesem Gebiete Laien sind u. nicht die Befugnis haben, über Religionsfragcn Entschei düngen zu treffen, daß eine entsprechende verhältnismäßige Anzahl gewählter und nicht ernannter Rabbiner in jeder Körperschaft vertreten sei. Erwähnt wurde auch, daß zwei um den Ausschuß und den Verband verdiente Ausschußmitgliedcr der 1. Vice Präeses Dr. Stern-Saaz, der Schriftführer Dr. Mach - Brüx> ihr 25 jähriges Jubiläum in diesem Jahre feierten und daß entsprechend den! Ernst der Zeit die Feier in aller Stille durch eine geziemende Glückwunschdepesche begangen wurde. Am 2. Dezember wurde auch eine Trauerkundgebuug über den Heimgang des verewigten Kaisers an die Kabinetskanzlei gesandt. Nachdem der Tagesbericht geschlossen u. zur Kenntnis genommen lvar, wurde der Kassabericht vom Kassier Herrn Rabbiner Dr. Schwach erstattet. Hierauf erhielt 'Herr Dr. Schwartz, Prag, das Wort zu seinem Referat: Die Exhumierung unserer Gefallenen v. rclig.-geschichtl. Standpunkte. Daran knüpfte sich eine kurze Diskussion und die Kollegen drückten ihre Befriedigung dem Vortragenden aus. Mehrere freie Anträge wurden cingebracht und darüber lebhaft verhandelt. Unter diesen befand sich auch der Antrag: »Der Rabbinerverbaud möge, da die Professoren neuerlich wie die Staatsbeamten eine Teuerungszulage erhalten, wovon die isr. Neligiouslehrcr, die nicht nicht definitiv augestellt sind, ausgeschlossen werden, trotzdem eine Eingabe an das k. k. Ministerium machen und um Zuwendung dieser Teuerungszulage auch an die isr. Neligionslehrer ansuchen. Gleichzeitig soll der Präsident ein Einvernehmen mit dem Verband der isr. Mittelschullehrer in Böhmen und in Wien anstreben, daß sie parallel die gleiche Eingäbe machen." Dr. Ziegler, der einen Vortrag: Jeremia und die Reform Josias ankündigte, zog denselben zurück, da die Zeit schon zu vorgerückt war. Zum Schluß wurde noch eine Huldigungsdcpcsche an das allerhöchste Herrscherpaar beschlossen und abgesandt. Schon am 20. abends kam die Anttvort an Herrn Dr. Kurrein in Teplitz mit dein Wortlaut: Se. k. u. k. apostolische Majestät danken der Generalversammlung des Rabbiner-Verbandes in Böhmen aufrichtig für die dargebrachte Huldigung. Alls Allerhöchsten Befehl: Freiherr von Schietzl. Kaufmann ungeduldig hervor, in dem er noch gänzte. ״Ich versteh', daß sie von mir etwas bitten, ich weiß aber nicht was." ״Mir senen Flüchtlinge", erwiderte der Jude. ״Vorn Dorf senen wir hergekommen auf die Feiertage." ״Was!vollen sie daun von mir? Wer hat um Euch geschickt?" schrie der Kaufinauu in abgerissenen Sätzen. ״Was belästigt Ihr, polnische Juden, uns hier? Wo man hinblickt, vergeht einem die Lust, überall wird man nur belästigt". Gawril schüttelte traurig den Kopf und seufzte. Daun sprach er: ״Mein lieber Herr! Wozu braucht Ihr Euch iu meinem Blut zu baden? Sie senen doch auch a Jud". Diese Worte hatten auf den Kaufann wie 'ein Blitz eingeschlagcn.Jn nervöser Aufregung schrie er nun auf: ״Was? Bin ich ein solcher wie Sie? Rede ich Ihre Sprache? Unerhört! Was wir Ungarn in unserem Lande von diesen polnischen Juden hören müssen. Auch a Jud .... " Iu kleinlautein Tone fragte nun der Polnische: ״Nu, lvas denn senen Sie?" — ״Schalten Sie hier in Ungarn einen Juden all", erlviderte der Kaufmann, ״ob sie es ihm ansehen, daß er Ihres gleichen ist. Sehen sie lute bei uns Juden aussehen. Nicht so schmutzig, eckelhaft, wie Sie". «Hai! Hai! Was tvir Ulls erlebt Haben," sprach der Polnische im fast weinendem Tone. ״Was soll ich, >vas kann ich reden?" Und in gefaßterem Tone fügte er uoch hinzu: ״Wenn sie möchten in meiner Lage sein, ich möchte mit itjucn nicht so reden, wie sie mit mir." ״Welche Frechheit von einem polnischen Bettler! Da haben sie fünf Kreuzer lind schauen Sie, daß sie weiter kommen. Ich spreche zu ihm, wie zu einem Menschon und er wird frech... Jude (abwehrend) ״Halten sie sich nur das Geld. Mir wird schon Gott auch ohne Kio fu'ffcrt. Bsl'ib,׳» fir npfnnh." — niim! cr*j men Geben Sie dem polnischen Juden Arbcitsgelegenhcit. Er wird lcisteil. Tausende Beispiele in der Welt zeugen für seine außerordentlichen Fähigkeiten. Bis heilte haben Sic keine. Polnischen hier gesehen." Ich könnte auch auf ihre Anwesenheit verzichten Niemand nützen sie und jedcrMaü fallen sie zur Last. ״Können Sie aber auch den Grund, die Opfer, die diese Armen gebracht haben? Zunächst haben sie alles Erworbene cingebüßt, ulld sind ihrer heimatlichen Scholle entfremdet. Ihre Angehörigen sind in den Krieg gezogen, für Kaiser und Vatetland. Denn beim guten Juden ist dies neben Len zehn, das heilige elfte Gebot. Um auch der Religion treu zu bleiben, versagen sich Manche polnischen Juden jeden Genuß nicht ritueller Kost, ohne sich aber den Anforderungen »md Strapazen des schwierigen Dienstes zu entziehen. Nicht unwesentlich sind die Leistungen, die polnische Iu-- den iufolge ihrer Geistesschärfe uud ihrer Intelligenz im Kriegsdienste vollbracht. Dabet bleiben sie aber allch stets ihrer Familien eingedenk. Oft schränkt solch ein polnischer Jude seine Bedürfnisse auf das Mindeste ein, lim einen Zehrpfennig für die Seinigcn bei Seite zu legen. Davon gar nicht Hü reden, welches vielseitige Wissen lind welchen Edelmut die ungeratene Hülle eines polnischen Juden in sich birgt. Uud bei solchen Eigenschaften!vollen Sie sich etwa den polnischen Juden gleichstellen?" ״Da mögen «ie vielleicht Recht behalten. Doch will ich Ihnen etwas erzählen, einen charakteristischen Zug eines polnischen Juden. Neulich kommt zu mir Einer und schildert mir unter Seufzer und mit Tränen in den Augen seine mißliche Lage. Und ich reichte ihm eine Unterstützung. Bald darauf kommt ein Zweiter und trägt Mir ähnliche Hiobiade vor. Dabei schildert er mir den Ersteren als einen überaus reichen Mann, was sich auch in der Folge als wahr herausgestellt hat. Was sagen Sie nun dazu? Wir Un- Der Jude ging! flant sind an den Umgang dieser Leute nicht gelvöhnt. j Sie ducken sich, betteln, sind zudringlich und so.. ab- Sie Helsen. Bleiben sie gesund.' davon. Während dieses traurigen Gespräches stand ein( stoßend. Soldat im Geschüftsladcn abseits uud wählte Waren. ״Darauf muß ich ihnen erwidern, daß auch ihr Die aufgeregte, vorlaute Nedensweise des Kaufmanungarische Juden nicht besser seid. Wo Euch Fortuna nes und das klein läute, demütige Verhalten des pollächelt,!vo ihr Wohlstand besitzet und Euch eines Annischen Juden, erregten seine Aufmerksamkeit. Doch sthens erfreuet, da ist Euch nichts höher als das Ungarstand er, anscheinend unbeteiligt, und verfolgte mit tum. Es gibt auch solche polnische Juden, die sich um Interesse die Rede und den Widerspruch. Zum Schlüsse' lcbc״ Preis lieber ״Polen" schelten, nachdem der Jude sich entfernt, näherte sich der Soldat' _ Naturgemäß werden solche Leute ihrem Bekenntdem Kaufmanne, indem er diesen anredete: «Verzeihen rlifse nach, nicht als Juden, sondern als das betrachtet. Sie, mein Herr. Es ist mir peinlich, Zeuge Ihrer Aus-.' als was sie sich angeben. Geraten aber solche ״Ungarn" einandersetzung mit dem polnischen Juden gewesen zu "der ״Polen" in Verlegenheit, oder streben sie welche sein. Aber aufrichtig zu sagen, haben sie den Armen Vorteile an, dann müssen sie alle das Los der ״poldoch zu hart berührt."! nischen Juden" teilen. Sie müssen leiden als Juden, Man wird nervös,!venu man diese Polnischen müssen bitten, betteln, und sich oft tief ducken. _ Das sieht. Seit dein unsere Stadt, seit ich mich entsinne,' ^nde uud dabei ist, daß, während sie beständig zwischen hat man keine Bettler bei uns gekannt. Uud jetzt kriestch ^nd Anderen keinen Unterschied kannten, sie plötzchen die polnischen Bettler hier herrun, tvie die Wanzen als Juden (mit übelriechender Beifügung)^ an ihre von einer Tür zur anderen. Hätten sie in Galizien Namcnszugehörigkeit erinnert und dementsprechend Ungarische und polnische Juden. Von B. Nippel. Es war am Vortage des Nelljahrstages. Die jüdischen Flüchtlinge aus Galizien hatten sich nun in der Stadt in Ungarn eiugefunden, itm am Rosch Haschouo die Gebete gemeinsam zu verrichten. Manche brachten auch mit sich die Mittel um ihre Auslagen selbst zu bestreiten; andere entbehrten aber jeder Barschaft und mußten so die Mildtätigkeit wohlgesinnter Glaubensnossen anrufen. Gawril Potoker war Kinderlehrer aus einem kleinem Städtchen Galiziens. Seiner Gewohnheit gemäß Pflegt er jeden Freitag die Eltern seiner Jünger aufzusuchen und von ihnen einige Gaben einzusammein, die er daun zürn Unterhalte Fremder während des Sabbathtages verwendete. Man!vußte allgemein den Zlveck seiner Mühe uud Jederman bot dem armen, rechtschaffenen Menschen, der sich iu selbstloser Weise in den edlen Dienst der Nächstenliebe stellte, gerne Gelegenheit, seinen Edelmut zu bekunden. Auch Gawril ward nun Flüchtling. Diesmal wunderte wohl der Wohltäter von einem Laden zum anderen, zaghaft, bedächtig, damit er nicht bleiben sollen!" ״Das lväre sicherlich auch ihnen lieber gewesen. Aber tvec kann es den armen verdenken, wenn sie ihr Hab' u. Gut im Stich gelassen, u. sich nur mit dem nacktcn Leben vor dem Feinde geflüchtet hatten." ״Dann konnten sie anderstvo hingehen. Bei uns in Ungarn haben die polnischen Juden nichts zu suchen." Schlimmste ist es für den Juden, wenn er sich, ohne behandelt werden. ich weiß, ich weiß,!vas Sie sagen wollen. Natürlich gibt es auch viele gute ungarische Juden, wie es auch ebensolche Polnische gibt. Aber das eine merken Sie sich mein Herr: ״Das ״Mein Herr. Sie sprechen so, wie es der bitterste Judenfeind nicht ärger seine Mißgunst zum Ausdrucke bringen lvürde. Wenn sie vom Schicksale bevorzugt, glauben Sie sich über andere Unglückliche überheben zu sollen? Das ist fürwahr nicht menschlich. Anstatt Leiden zu lindern, Schmerzen zu heilen, wühlen Sie mit spitzen Redensarten in den blutenden Wunden Anderer, um sie uoch schmerzlicher empfinden zu lassen!" ״Ich habe ja nichts gesagt, als daß ich ein Ungar bill uud die polnischen Juden nicht leiden mag. ״Ungar? — Sie sind wohl ein Jude aus Ungarn, oder ungarischer Jude. Denn Ungar können Sie infolge ihrer Abstammung nicht sein. — Sie wissen aber nicht was ein polnischer Jude ist. Und das »vill ich ihnen sagen. Nicht ein wohlgenährter Manu mit feistem, glänzendem Gesicht und aufgezlvirbelteiu Schnurrbart ist der polu. Jude. O nein! Für ihn ist der der Genuß von gestopften Gänsen und anderen gemästeten zwingende Ursache, dein Wagen eines Fremden vorspannt. Mit den schtversten Lasten wird er dann schornmgslos gehetzt und muß dabei die empfindlichsteu Peitschenhiebe ertragen. Zum Slusse tvird er aber bei der Erschütterung dennoch übergangen,!veil er ein fremdes Zugtier geivesen ist." ituml lefia» Professor M. Kanitz 40 jähriges Amtsjttbilänm. Der Neligionslehrer am Erzherzog Rainer-Ghmuasium Professor Moritz Kauitz beging in diesen Tagen sein vierzigjähriges Dienstjubilüum. Professor Kanitz, Kleinvieh! der auch Inspektor für den israelitischen Religionsein Greul. Was aber ist, das verrät seine gebückte, abgehärmte Gestalt, sein gebräuntes Gesicht, au dein der Kttlumer und die Sorge soviele Furchen gegraben, als die Zeit in Wochen über seinem Haupte entschwunden, das verkörperte Leiden im Kampfe ums Dasein ist der polnische Jude. ״Ja, der mußte aber praktischer denken und mehr auf Andersgläubige stoße, aber jetzt war er selbst ein! arbeiten, wie bei uns. Verlangen Sie von polnischen Fremder. .Juden eine Arbeit, ob sie solche je genug bezahlen Beschämt, zögernd und langsamen Schrittes bekönnen. Wenn diese Juden arbeiten wollten, sie würden trat er den Laden eines Kaufmannes, den er mit Gesich rnehr nützen als mit ihrem Leiden." unterricht an Volksuiib Bürgerschulen ist, wurden aus diesem Anlasse zahlreiche Ehrungen zuteil. A 7. d. M. versammelte sich der Lehrkörper des Erzherzog Rainer-Ghmuasiums im Konferenzzimmer und der Direktor der Anstalt Negieruugsrat Dr. Müllner überreichte dem gefeierten Lehrer die Ehrenmedaille für vierzigjährige treue Dienste — eine der letzten Auszeichnungen, die der verblichene Monarch vor seinem Tode verliehen hat. Regierungsrat Dr. Müller hielt an Prof. Kanitz eine )varme Ansprache, in der er^ dem Lehrer, der seit dem Jahre 1892 ununterbrochen an der

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