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Jüdische Volksstimme · 1917-01-10 · Heft 1 (10.1.1917) · page 2

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XVIII (1917)
Issue
Heft 1 (10.1.1917)
Date
1917-01-10
Page
– (sequence 2)
Language
German
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״Mische VottSstimme" Nr. 1 Volk, der Sieg winkt dem Befähigten". Nicht das Massenaufgebot der Krieger, nicht die Gewalt der Vielen oder bessere Waffen, nicht geistlosen Werkzeuge können den Sieg erringen. Der Geist des Führers, die weise Benützung der Umstände, der wohlüberlegte und umsichtige Kriegsplan, die verständige Kampfvorbereitung, die Einheit und Uebereinstimmung der Berechnung und Ausführung führen den Sieg herbei. Darum hieß cs schon in den ältesten Zeiten (Sam. 14, 6): «Für Gott ist cs kein Hindernis zu helfen mit viel oder wenig." Der geniale Geist des Feldherrn, sein scharfer, richtig urteilender Blick, der wohl durchdachte Plan, das ist Geist vom Geiste Gottes, der siegen mutz. Sagt cs ja Gott selbst von Dichtern, Künstlern und Gelehrten Exod. 31, 0): In den Sinn eines jeden Verständigen lege ich Weisheit In diesem Sinne empfahl der sterbende Matitjahu seinen Söhnen, Juda, den fähigsten und tüchtigsten, zum Anführer zu wählen. Kühn und mutig stellte sich Juda an die Spitze seiner 6000 Krieger, die er zum Kampfe gegen die Syrer geworben hatte. Als die vielfach größere Anzahl der Feinde anrückte, wurden die Krieger Judas verzagt. Er führte sie nach Mizpa, zu jener alten Stätte, wo einst d. Prophet Samuel i. Kampf- Vorbereitung gegen die Philister einen Bettag abhielt, und flößte ihnen durch Gebet, fromme Uebungen und aufmunternde Ansprache Vertrauen auf Gott ein, der zum Siege nicht die Zahl der Kämpfer brauche, sondern seinen Geist, der im Führer, in jedem einzelnen walten miltz und den Sieg verleiht. Mit diesem Gottesgeiste besiegte auch Juda drei Feldherrn mit ihren mächtigen Heeren und zündete in dem von den Feinden und deren Götzen gereinigten Tempel das heilige ewige Licht am sieb-narmigen Leuchter, das Siegeslicht, das Licht d. Tempelweihe an und besiegelte für ewige Zeiten die Mahrheit, die er auf seine Fahne schrieb und seinem Mere in der Schlacht vorantrug. (Exod. 15, 11): ״Wer kann mit Gottes Macht, mit der Macht seines Geistes sich messen? Nur wer diese Großmacht zu seinem Verbündeten hat, der wird, der mutz siegen." Sehen wir das nicht wieder bestätigt in dem jetzigen Kriege? Die Millionenheere haben bis jetzt nicht den Sieg eingeheims?. Der Geist allein, die moralische Kraft, die Tüchtigkeit und die Fähigkeit der Führer, die Ueberzcugung jedes einzelnen, der sich dem Hähern Willen unterordnet, wodurch Tausende zu einer Einheit, zu einem Witten, zu einer Kraft geschmiedet werden, dieser Geist hat vier Reiche zu Boden gestreckt, zerschmettert und kann von den Massen nicht besiegt werden, weil nur der Geist, der Geist Gottes, der auch im Geist des Feldherrn waltet, siegen kann und siegen muß. Sieger ist und bleibt auch derjenige, der vom Geiste Gottes erfüllt ist, daß nicht die Menschen die Geschichte machen, daß nicht die Herrscher und die Gewaltigen auf Erden die Ereignisse bestimmten und beherrschen, daß vielmehr aus der Geschichte, aus den Vorkomnissen des Lebens Gott zu uns spricht. Das lesen wir ebenfalls aus dem Buche und der Geschichte der Makkabäerkämpfe (Makk. 2, 9,'18). Der grausame, in seinem Wahnwitze und seiner Selbstüberhebung nicht mehr zurechnungsfähige König AntiochuS, der seine größten und stärksten Heere auf jüdischem Boden eingebützt hatte und auf einem neuen Eroberungszuge nach dem Osten fern von seinem Reiche sein Ende herankommen sah, schrieb einen demütigen Brief an die Juden, bereute seine Grausamkeiten und Unmenschlichkeiten, versprach ihnen Freiheit der Religionsübung und sonstige Vorrechte, wenn sie ihm weiter dienen wollten. Vier Könige, die unserem Vaterlande das gleiche Schicksal, wie Antiochus dem jüdischen Lande bereiten wollten, werden wie Antiochus fern von Thron und Reich auf fremden Boden ihren Grötzewahn, ihre Untreue und ihren Unverstand bedauern und betrauern u. die Wahrheit des Psalmistenwortes (Ps. 146, 3): Vertrauet nicht auf Fürstenwort, nicht auf Fürstenmacht, sie sind nur Menschen, denen Hilfe Macht und Sieg nicht in die Hände gelegt ist. Heute sind die königlichen Heimatlosen bereits innc geworden: ״Sieg ist nur bei Gott". Sein Geist ist nicht Menschengeist, seine Macht und nicht Menschenmacht schafft den Sieg und die Gerechtigkeit Gottes verkündet unwiderleglich die Menschengcschichte. Siegen wird und muß auch derjenige, der im Geiste Gottes das Gotteswort sich vorhält (Ps. 103, 9): ״Der Kampf darf nicht ewig dauern, darf nicht ins Endlose ausgedehnt werden." Man darf nicht kämpfen um des Kampfestvillen, um sein Nachegefühl zu sättigen. Der Sieger muß, tvie unsere Weisen sagen (Aboth 4, 1), sich sich selbst besiegen können. Der edle Kämpfer muß seine Leidenschaften bezwingen, muß wissen, wann und wo .-er den wilden tierischen Ausbrüchen sein Halt und Genug! zurufen muß, damit nicht anstatt des Sieges t ein endloser Jammer der Menschen herbcigeführt werde. Aus diesem Grunde hielten die Frommen in Israel mit dem Anzündcn der Chanukahlichter am heiligen siebenarmigen Leuchter im Tempel, mit der erkämpften und ersiegtcn Möglichkeit ungestört den Gottesdienst des wahren Gottes abhalten zu können und mit der Wiederverliehen. Diese allein sichert dem Menschen, der Menschheit und allen Völkern den unvergänglichen Segen des Friedens. Der Geist Gottes, das ist der Geist des religiösen Lebens, des sittlichen Verhaltens und dieser geivährleistet dem Menschen den Sieg über die rohe Ge- Walt, über die vertierten Menschen und schafft, bewahrt und erhält einen segensreichen Frieden. Wie ein tiefes Aufatmen der Menschlichkeit, wie cüie Erlösung und Befreiung vom schwersten Alpendruck vernahmen wir daher das unerwartete aber heißersehnte Friedensangebot der Sieger an die Feinde. Ein unbeschreibliches Hochgefühl flößte uns die Kunde ein, daß es die erste Regierungstätigkeit unseres jungen Kaisers war, der unS, dem Vaterlande, den Völkern und den Menschen den Segen des Friedens bringen will. Ob es gelingt, die Feinde schon jetzt zu dem edlen Werk der Menschlichkeit, zur Beendigung dieser rmgeheucrlichen grausamen Menschenschlächterci zu veranlassen, oder auch nicht, immerhin bleibt cs uns ein glänzendes Vorzeichen für das edle Herz und den zarten Sinn des neuen Herrschers, daß er das Unglück, die Trauer und die Tränen so vieler Tausender mitfühlt, daß er das große Leid, den unsäglichen Schmerz seiner Untertanen mitleidet und sie davon zu befreien wünscht. Er erscheint uns durch diese seine erste bedeutsame, weltgeschichtliche Regierungshandlung wie jener vom Propheten vorausverkündete Friedensbote (Jes. 62, 7): Der die Heilsbotschaft, die Friedenskunde den Völkern bringt. Wir können Gott, dem Herrn, nicht genug Dank sagen, daß er als Nachfolger des verewigten Friedensfürftcn uns wieder einen Herrscher einsetzte, der nach den Worten des Engels die Macht, die Stäc-r und die Festigkeit seines Thrones und seiner Herrschaft nicht auf die Kraft seiner Heere und die Gewalt seiner Waffen, sondern auf den Geist Gottes, das ist der Gei■t des Friedens gründen will. Möge auch Gott, der Herr, es ihm gelingen lassen, daß dieser erste Sonnenstrahl des Segens, den er seinen Völkern und dem Vaterlande anzündete, nicht vereinzelt dastehe, sondern wie die Chanukahlichter mit jedem Tage an Zahl, an Glanz und Helligkeit zunehme und seine Regierung eine reiche eroberung der geistigen, moralischen und religiösen' Quelle des Glückes und des Segens ihm, dem Vale. Volksgüter jeden ,Kampf, Krieg und jedes Menschen-Rande und allen seinen Untertanen werde und bleibe! Die Huldigung der österreich. Judenschaft. Montag, den 11. Dezember v. I. mittags Friedenspolitik ist, und daß viel höher als Krieg, Erobc-' haben Ihre Majestäten Kaiser Karl und Kairung und Weltherrschaft dem jüdischen Volke und dem'prijn Z i' t a hie Huldigung der Juden schaft jüdischen Geiste die Macht des Friedens, die Arbeit, derOesterreichs!durch -eiiNjS Abordnung, in der dije Sieg und Segen des Friedens stehe. i Kultusgmeinden der Hauptstädte und anderer Der jüdische Geist hält, fest an den Worten des großer Städte vertreten waren, in d. Alexander- Psalmisten (Ps. 29, 11 und'Midrasch): Gott hat sein״ «Appartements der Hofburg entgegenMlommen. Volke eine unbesiegbare Macht, die Macht der Thora, § Die Abordnung bestand aus folgenden Mitdie Pflege des Geistes, der Moral und der Religion gliedern: __ morden für immer beendet und abgeschlossen. Der Makkabäergeist, der aber ein Geist des Kampfes und des Sieges lvar, begnügte sich nicht mit den augenblicklichen Erfolgen und wollte dauernd die Macht der Syrer in Asien zerschmettern. Da leisteten die Frommen dem unerschütterlichen Kriegshelden Juda keine Heeresfolge mehr und sterbend erkannte Juda auf dem Schlachtfelde von Adasa, daß das jüdische Volk ein Wunder und die Glaubenswürdigkeit würde zu l)׳:Tt auf die Probe gestellt. Die Freunde ließen ihm jedoch keinr Ruhe. Fortwährend bestürmten sie ihn, über seine Erle baisse etwas zu berichten. llitb so erzählte Rw sael folgende Begebenheit ״Es war also am Jom Kippur" b.'ganu der jüdische Soldat seine Mitteilung. ״Wir waren an der Tiroln׳ Front und lagen in der Deckung. Jeder suchte sich in seiner Art d. Langweile zu vorkürzen. Mir war aber die Zeit, da ich fastete und nicht rauchte, am ׳unerträglichsten. Solchen Tag zu verleben, ohne eine Tat sei es für Gott oder für den Kaiser, erschien mir eine Versündigung gegen das menschliche Gewissen, gegen die jüdischon Gebote. Mein Herz war voll Beklemmung und Beschwerden, daß ich lnich au! liebsten selbst zuin Sühnopfer hätte hergeben inögen. Da"7am Plötzlich der Befehl zur Durchführun-g einer überaus wichtigen, aber gefahrvollen Rekognoszierung. In voller Kenntnis des waghalsigen Werkes fragte unser Kommandant, wer denn von uns sich freiwillig melde. Also als erster sprang ich auf. Dann folgten noch oin Kamerad und ein Korporal meinem Beispiele. Md so schritten wir ans Werk. Während wir nun unser Ziel verfolgten, kaiuien mir indes allerlei Gedanken in den Sinn. Trübe AhnuiMN malten in meinem Kopfe verschiedenerlei! Schveckensbilder, die niein Unternehmen undurchführbar erscheinen ließen. Manigfaltige Vorstellungen wirbelten durch!nein Hirn. Bald taucht in mir das Bild ans, wo meine Lebensgefährtin in Verzweiflung gerät über ine in e Todesbotschaft; Wb sah ich das erschlitternde Bild, da mein Erstgeborener das Kadischgebet stammelt. Das Elend meiner Angehörigen -erschien in seiner vollen Traurigkeit -vor meinen Augen. Mir wurde dabei sonderbar schwer zumute. Ein unsäglicher Druck lastete sich -auf mein Herz und quälende Empfindungen preßten einen kalten Schweiß aatf meine Stirne. Gerne hätte ich schon mein Vorhaben aufgegeben, mir Beruhigung gegönnt, -aber nun mußte schon d.'ehernen Soldatenpflicht Genüge getan, der Befehl vollzogen werden. Mit unerschütterlicher Selbstüberwindung biß ich mir auf die Lippen u. verscheuchte alle widerstrebenden Gedanken. Ich faßte Mut. Und so ging es vorwärts. Mit meinen Gefährten verabredete ich aber falls es mein letzter Gang sein sollte, in schonender Weise den «mieiniigen Nachricht zu geben. Unser Gespräch War noch nicht beendet, als wir schon durch Schüsse überrascht wurden. ״Wrring"!... Wrring!"... Und zwei Granaten schlugen ein in unserer Mitte. Mein Kamerad fiel lautlos zu Boden, und alle Hilfe war nunmehr vergebens. Der Mann-, dessen Worte mir noch im Gehör geklungen — er lag nun da, wie -von einer furchtbaren Sense hingemäht. Wir un#n aber weiter, mn unser Vorhaben nicht zu versäumen. Denn die Gefahr steigerte sich allmählich. Und nachdem wir uns eine ziemlich wette Strecke auf dem Bauch g.׳schlichen, und schon nahe zujm! Ziele gelangten, freuten -wir uns schon des bevorstehenden Erfolges und frohlockten -im Stillen über das »gelnngene Werk, als plötzlich iu unserer Nähe eine Handgranate explodierte, die in einen Vorgesetzten zur Strecke brachte. So blieb mir nichts weiter übrig, als den Verwundeten in Sicherheit zu bringen mW von dem Vorg.fallenen meinem Kommando Meldung zu erstatten. Dies tat ich auch. Unsere AusMbe mußte aber um joden Preis gelöst werden. Und so forschte der Kommandant abermals nach Freiwilligen. Wiederum war ich der Erste, der seine Bereitwilligkeit erklärte. Diesmal ging ich schon als Wegweiser voran, und es gelang uns vollständig die Durchführung des Befehles. Zum Schlüsse hieß es aber noch, d. verwundeten Unteroffizier aufsuchen und der Krankenpflege übergeben. Abermals meldete ich mich aus freien Stücken. Meine waghalsige Unternehmungslust lvar aber schon dem Kommandcmten aufgefallen, -und er stellte mich deshalb zur Rede: ״Heute ist ׳es bei uns Juden der Tag des Gerichtes"!gab ich zur Antwort״Meine Rechnung wird heute vom Ewigen geprüft. Was ich meinem Schöpfer schuldig bin, will ich redlich bezahlen. Und ist mein Leben atm Strich, will ich es gerne für den Kaiser abschließen." Der Kommandant faßte mich fest ins Auge, nahm eine sehr ernste Miene an, und befahl mich dem Schutze des Allmächtigen. Dann schlich ich mich allein in der Nacht, durch feindliches Geschützfeuer, im Hagel Von Granaten und brachte zum Schlüße den Korporal auf meinen Rücken «getragen, der erst über mein Verhalten Aufschluß gab. Meine Kappe war von Kugeln durchlöchert; Granatensplitter blieben in meinem Brotsack stecken, ich selbst bin durch Gottes Schutz nur. rsehrt geblieben. Sind das nicht Wunder?" Der .jüdisch Held zündete seine buntfarbigen Läinpchen und nach einleitenden Segenssprüchen ergoß sich sein Herz in das ״Moans Zur jeschuosst Lecho «we leschabeach.".

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