Mannheim
Compact Memory

Jüdische Volksstimme · 1916-12-22 · Heft 22 (22.12.1916) · page 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XVII (1916)
Issue
Heft 22 (22.12.1916)
Date
1916-12-22
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
92% known words query
IRI
…/2621806-2621974-2621994--3531-2624734
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

herWVvMendM AufschluchM, MfQmmenbrLchende Vovbetpr, der <mfricht.itz fronnne TelnpeldiOuev Abrphmn, das sirrd Momente, welche läuternd imd mrfklärend, bildend 1nnH> vvreM׳nd auf Beile Gitl, aiber noch ntjefyr zersetzend un־b rlbstunijpfend auf ihren ׳eiMijstischen, Herzlosen, ha׳bsüchti>sten Gatten wirken. Man stelle sich mm den seelischen Konflikt vor. Unsew .Holdin führt ihn restlos durch. Stujmftn, cv^iben -erträgt sie die MiWandkrngen ihres Mannes und die LäsderNtnig ihres!Inzwischen arm gewordenen Baters. Sie muß ihqonr Manne,und dorn Vabrr ihrer Kinder zur Seite stehen. Einmal nur bricht sich der lange znrnckgehaltene Groll Bahn und sie schreit auf, als es Alt ׳ihren Man,n u. auch sich u die Kmdor der Gefahr der femdlichen Jjnvasion zu entziehen und rechtzeitig dip Flucht 51t ergreifen. Als sie dann׳ merkt, daß ihr Man׳n silä schnöde betrogen hat, da er eiluen Vorwand denützend, f!cim!c׳ Frau unid s>ei׳ne beiden Kitnder olmc Mittel dom imheimlichen Schicksal preiisgibt, um, wie er sich eilNbildet, ficiun! den Bauevir seiines Ortes velrlieihenes Geld zu retten, giht sie ihn mit >ei»n>er emzigerr .Handbolvogung ׳auf und rüstet sich für den bevorstehenden Kamipf, den sie, so laage wir sie beobachten können, glän>zend und cljtei. voll führt. Geschickt sind auch di'v -anderen Gestalten cvngegliedert. So ism! Fsüchtl'MgslWer d>as Mädrl aus Antwerpen. Dort taucht Schmilek, ihr Schmh l-rk wieder auf, Eri!wn>svu1n!gen werden wach. Fmu ׳und Jugendgel Mte haben einen Kampf zu!bestehen. Die Frau gibt ׳nicht!n-ach, wennauch i>u׳lÄ״rtich ganz gebrochen, bis damr zwei' Uw glücksfälle über sie Heroin,brechen. Schinllek wird znm Militärdienst eingezogen -und überläßt ihr sein Kind, das ihn! seine früh verstorbene Frau zu'rückA'lassen hat, ki sich Beile! Gitl selbst cmbietet es zu betreuen. Weichze'l>tllg erhält sie die Kunde, ׳daß ihr Mann in seinenr eigenen Hause bei einern Brande umgekomnren ist.!Hier bricht die Erzähirmg ab. Die Striche!gehen aber fort. Ohne viel zu sulchen, §a!nn man derartige Typen treffen. Es bleibt freilich die Fra>ge offen, welcher Teil von! den Gestalten nach ׳dpm Läntemm«g!spvoM fortbestehen wird. Doch die An-twort soll sich der Leser suchen. Je mehr Leser dlesto größer die Diskussioin! und ׳ inhaltsreicher der GedcnukewNlstausch aus dem! vom ׳Autor auge-vegten׳ Miete. Es sind noch kl'öinleve Skizzen im intevessaniten Buche enthalten, welche aber separat -behandelt und gewürdigt werden müßten. Der Chanukah-Engel. Das liebe Chanukahfest, das die Kinder und Großen gerne begrüßend war da. Im freundlich beleuchteten Kabinet saß Bertha, das Waisenmädchen, sinnende Wochenlang hatte sie mit Unterricht und Handarbeit, die Zeit, für das liebe Brot verwendet, unwillkürlich dachte sie an Goethes Worte: Saure Wochen, frohe Feste!. Sie betrachtete, den von ihr in bunter Seide gestickten Streifen an der Wand, wo in hebräischen Lettern der Psalm- Vers stand: Lech echaul, b'simcho-׳* lachmecho uschtejh b'lev tailv jejnecho, ki ch'vor, rozoh hoelauhim es maasecho." Deutsch: Geh, und iß mit Freuden dein Brot und trinke ^mit frohem Herzen deinen Wein, denn der Herr hat Wohlgefallen an deinen Handlungen!" — Unterhalb derselben, zierten die Bilder ihrer seligen Muster- Eltern, die Wand, die von ihr gezeichnet waren, als schienen sie feierlich ״ja" zu sagen. Ueber der Tür standen die aufmunternden Psalm- Verse: Boruch haboh b'schem Adonah!, das heißt: ״Gesegnet, wer da kommt im Namen des Herrn!" Die Mietgeberin Frau Lachmnnn trat ein, indem sie sagte: »Dieses Zimmexchen ist ein kleiner Tempel! Diese schone Sprgchlosn begrüßen uns wie alte Bekannte". Heute sollte Bertha zum ersterunale den Chanukah, den lieben Freund ihrer Kinderjahre, allein in der Fremde feiern. In allen Weltgegenden waren ihre zärtlich geliebten Geschwister zerstreut. Sie gedachte des altehrlvürdigen Elternhauses, wo der Chanukah und jedes Fest, besonders geehrt und gefeiert wurde, sie gedachte der lustigen Kinder, die scharenweise, die herumziehenden, jüdischen Musikanten, ״Klesmorim" und Sänger, von Haus zu Haus, wie unter einem Pxotektorate begleiteten, denn sie wußten auch, daß manch höhnisches Geblöck der Judenfeinde und das Gebell der Hunde ihnen den Weg verbitterten; die Kinder bemühte,» sich also das feindliche Elemennt mit ihrem Geplauder und Lachen zu übertönen und führten die seltsamen freundlichen Fremdlinge ln die Wohnungen der Israeliten; jedes wollte daS erste sein, um in unmittelbarer Nähe der ״fahrenden Künstler" zu fein» manch kleines Menscherl war nicht jm Schritt nachgekommen und wackelte unsicher, in dem cs weinend, endlich die bunte Prozession erreichte, freudig lächelnd noch die Träne auf den Wänglein, im Flur dje empfindungsvollen und lustigen Weisen, von Geigen, Flöten und Bastgeige, mitanhören zu dürfen. Unter ihnen war auch Bertha und ihr Bruder, welche so glücklich waren, daß sie die wolverdienten Gaben cinsamelten, als hätten sie Nutzen davon. Bertha dachte an das niedere Fenstcrchen, das von den Lichtlein der Menohra beleuchtet, durch keinen neidischen Vorhang den Kinderaugen dieselbe entzogen hätte. Es mußte so kommen, daß sie :jetzt so verlassen, der warmen Liebe der Heimat beraubt war; Uebersorgen und Gram der teueren Eltern drückten ihr Gemüt. Sie, die frommen Helden, ihre Eltern gingen den geraden Dornenweg. Der Vater, der harmlos, unverschuldet, einem Kinde gleich, sein Vertrauen, auf leere Versprechungen gewissenloser Menschen, die ihm eine bessere Zukunft vorspiegelten, mißbraucht sah, hatte seinen würdigen Namen unterschrieben. Undank ist der Lohn der schlechten Welt — und die besseren müssen leiden. ״Besser unrecht leiden, denn Unrecht tun!" sagte ihr Vater. Kein zweiter würde solch Los ertragen haben. ״Das Vertrauen auf Gott, hält mich aufrecht, noch nicht ist aller Tage Abend," man muß sich nur Mühe nehmen die Schicksale der Menschen zu studieren. Die Kinder genießen das Verdienst der Eltern." Solche und ähnliche Worte klingen ewig im Kindcrgemüte, diese gaben ihm den Mut zu hoffen... Berta trat ans Fenster, sie betrachtete die silberne Menohra, ihr einziges teueres Erbstück mit traurigem Lächeln, liebkosend strich sie über das schöne heiliggeweihte Gerät, das einem Divan in der Form glich. Auf dem obersten Rand in der Mitte stand eine Krone. Zwei Äöwcn hielten die Tafel der Zehn-Gebote; auch der Name des früheren Besitzers, ihres gottseligen Vaters stand mit hebräischen Lettern darauf: , "יעקב" .Seine edle Gestalt, die Leidensmiene eines Märtyrers und Glaubcnsheldcn, eines frommen Greises, stand vor ihrem seelischen Blicke, ein Führer der Verlassenen und Waisen. Wenn die Sabbath- und die Feiertage erschienen, war Gestalt und Miene verwandelt, erheiterten sich seine großen, freundlichen Augen. Er sagte: ״Kann es eine innigere Freude geben, Gott zu danken, ihn loben? Alltagssorgen schwinden, ich bin ein neuer Mensch!" — Sie blickte auf die schönen Psalmen an der Wand und dachte an die heimlich trauten Melodien, die er zu denselben gesungen hatte. — Die Wände des inneren Häuschens sind leer, verlassen wie sie hier, steht es in der Heimat. Bertha hatte den sanften Blick ihrer guten Mutter, in dem Moment, als sie das Ocl eingoß und die׳ klcinen Dochte drehte, hatte sich die Aehnlichkeit im Gesichte durch den Ausdruck der Gedanken und Empfindungen ausgeprägt. ״Auch dich liebe Mennohra hat Mütterchen gepflegt, ihre lichtschimmernden Augen ruhten auf Dir!" Ein Wehmutsstrahl glitt über Bertas Antlitz. Gefühle der Liebe für alles Erhabene, wo die Mutterliebe jedes Opfer in Kauf nimmt und ihr gutes Herz auch fremden und Verwandten eine Mutter ersetzt, Gefühle der Dankbarkeit verschönten die, leidenden Züge des jungen Mädchens. Als das erste Lichtlein brannte, fiel ein Tränlein auf die Krone der Mennohra; Bertha hatte den Segensspruch mit zitternder Stimme gesagt; sie nahm ihre einzige Freundin, ihre Geige und begann leise singend, das Moaus zur jeschuoßi mit dem Ton öer Geige zu begleiten. Der heitere Klang der Geige^cweckte ihr Mütchen. Stimme und Ton... der Geige wurden mit kräftigen Worten begleitet. Mit dem letzten Klang fühlte sie sich wieder gestärkt und gehoben, sie nahm ihren Kaffee und sagte: ״Ihr guten Seelen, Ihr wollt nicht, daß ich mich härme, ich will Eueren Seelen Freude machen! Glücklich sein will ich; Andere glücklich machen! Bei den Gesalbten Gottes will ich den Anfang machen; das sind die Kinder, die Melochim, die Engel —." Mit Sang und Klang hatte sie ihrem neuen Heim die rechte Weihe gegeben und unbewußt brachte sie ihren Wunsch zur Erfüllung. Leise klopfte es an der Tür. — Sie schaut durch die Lücke und rasch öffnet sie. Ebenso leise grüßten die kleinen Gäste. Der älteste etwa 10jährige, der Nachbar im Hause stellte sich als Otto vor, die beiden seien Freundinnen und Cousinen Fanny und Heddh, besitzen nur einen Papa und eine.Kiudsfrau, sagte «Bitte erlauben Sie Fräulein, daß wir uns den Channuka-Engel anschauen dürfen?" ״Wer hat Euch das gesagt, liebe Kinder?" ״Ihre Mietgeberin Frau Lachnianu; sie stand vor ihrer Tür und horchte auf den Gesang und Geigenspiel; wir standen vor unserer Tür, sie sagte uns, daß der Channuka-Engel so schön und geschickt ist, wir könnten selbst schauen, und Fräulein Bertha bitten, ihn uns zu zeigen." »Und glaubt Ihr, daß er sich Euch zeigen könnte?" Otto lächelte verschmitzt,, schalk- Haft und schwieg. Die beiden vier- bis sechsjährigen Mäderl meinten treuherzig: ״O ja! Unsere KiNdsfrau Lisy erzählt uns auch immer von Engeln; sie sagt, daß unsere liebe Mama auch einmal vom Himmel kommt und uns mitnehmrn will." ״So ist die Geschichte? Und seid Ihr auch brav?" ״Ein bissel brav!"-״Und wißt Ihr, was ״Channuka" bedeutet?" ״Nein," erwiderten die Kleinen. ״So kommt zum Fenster, seht daS Lichtlein hier, ich werd' Euch erzählen, warum ich cs entzündete. Das Licht, heißt Channukalicht. Bertha erzählte: ״Als die Juden, oder Israeliten dem Heidenkönig AntiocchuS-EpiphaneS plötzlich über sich herankommen sahen und sie vor demselben Furcht hatten, da sie nur wenig Leute hatten, und der Feind viele Soldaten hatte, so beteten die Juden zu dem lieben Gott um Hilfe. Der liebe Gott sandte ihnen einen großen Engel der hieß Juda Makabi, deutsch heißt Juda Jehuda: Gott loben. Makabi: der Hammer. Er hatte wohl keine Flügel wie Engel, aber der liebe Gott hatte ihn bestimmt, daß er die Jsraelitten beschützen soll. Cr war also ein Mensch. Er sagte zu den Israeliten: ״Kommt alle mit mir, wir müssen den bösen Menschen und seine Leute, die Heiden aus der Stadt verjagen." Bald waren die Feinde vertrieben und auch ihre Götzen zerschlagen, die sie in den Tempel gebracht hatten." Bertha erklärte natürlich die nötigen Worte, damit die kleineren Kinder sie verstehen sollen. j ״Nachdem Sieg gingen die Jrsaeliten in den gereinigten Tempel und beteten zum lieben Gott indem sie ihm dankten. Sie hatten dort ein Krüglein mit Ovk gefunden und dachten, daß es in der Lampe nur einen Tag brennen werde; aber sie staunten sehr, denn es brannte acht Tage. So waren zwei Wunder geschehen. Die Jsraeliten waren mit dem Oclkrüglein zu vergleichen; so wie dieses wenig Oel hatte und lange brannte, so waren auch die Israeliten nur wenig Leute, neben dem Feind Anti« ochus Epiphanes, der viel mehr Soldaten hatte, aber doch von der kleinen Zahl der Juden besiegt wurde. Gott sei Dank und Lob, sagten die Juden, daß er uns durch den Engclmenschen Juda Makabi geholfen hatte! Er war ein richtiger Helfer, deshalb kann man ihn Chanuka-Engel nennen. Nun hatten die Juden ein Channukafest gefeiert. Das heißt: Weihefest der Lichtlein; zum Andenken an die Zeit, wo das Oel acht Tage brannte, sollen wir Juden auch die Channukalichtlein acht Abende brennen lassen und recht fröhlich sein und dabei an die armen Menschen denken, die sich auch freuen sollen, indem man ihnen Geschenke macht." Die kleine Heddy fragte, wo der Channuka-Engel, Juda Makabi sei. ״Der ist oben im Himmel bei dem lieben Gott!," sagte Bertha. «Da sieht ihn unsere Mama!" sagte Heddy. Bertha begann auf der Geige zu spielen und auch Ottto durfte mitsingen, denn sie spielte das bekannte Channukalied. ״Gibt es auch andere Channukalieder?" fragte Otto. ״Freilich, noch viele, schöne, aber wenig jüdische, die ich kenne, zumeist deutsche. Doch schön, denn es gibt nicht viele Leute, die hebräisch können, aber es die Pflicht, daß alle Juden die hebräische, schöne Sprache lernen sollen, dann werden sie diese Sprache lieben und gerne die hebräischen Gebete beten! Die ältere, Fanny fragte, wo man eine Menohra bekomme; ״dein Papa wird Wohl wissen." «So will ich ihn bitten, daß er uns eine kauft" sagte Fanny. — ״Diese Menohra sagte Bertha, habe ich von meinem seligen Vater und er bekam dieselbe von einem Jugendfreund zum Andenken. Als sie das ersteninal zusammenkamen, da waren sie Männer und sie hatten sich miteinander sehr gefreut. Sie erzählten sich alle möglichen Erlebnisse, da es gerade Freitag abends war, hatten sie Zeit zu erzählen. Plötzlich sagte der Freund Max: »Hier ist ein Kasten mit Gold- und Silbergeld, nimm dir soviel du willst; und dort im Glaskasten sind.schöne Silberschüsseln, Obstkörbe und alle schöne Schmucksachen, nimm eine davon!" «Nichts nehm' ich!" ״Hast du eine Silbermenohra?" ״Aus Silber nicht, aus Messing." ״Gut du wirst eine bekommen," sagte er, und so war es; er sandte ihm eine. — Sie erzählten sich was sie gelernt, und daß die Kinder der Heutigen Zeit viel besser leben, während sie schon im dreizehnten Jahre ihr kleines Päckchen unterm Arme bekamen, wo nur eiu Kleid, etwas Wäsche und ein Gebetbuch und Tefilin und ein paar ״Groschen," bekamen, sind die Kinder nicht im Stande sich zu ihrem Unterhalt und anderen Bedürfnisse zu verhelfen, und nur wenige sind dazu geeignet, die in diesem zarten Alter selbständig sind. ״Da hats bei uns andere Sorge gegeben", sagte der Max: ״wir hatten den Lebensernst eines Mannes — aber das echte Kindergemüt, keine jetzigen Vergnügen, Bedürfnisse rc., glücklich, wenn man Brot hatte, um nur studieren zu können. Max sagte: «Weißt noch die lustigen Streiche zu erzählen? Du hast jeden Spaß gut aufgenommen, aber der geizige Nimmersatt, ich will ihn nicht neunen, der hatte mich in meine dicke Nase gebissen, weil ich ihn, seinen Käse ausgegeffen habe, den er in das Bett versteckte." ״Und ich," sagte mein Vater, ״Hab ihm alle Nüsse in den großen Graben geworfen, weil er meiner 0 MM»

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.