Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XVII (1916)
- Issue
- Heft 20 (23.11.1916)
- Date
- 1916-11-23
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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«r. 20. Attische Mumme* ״>'#-■' •!*»י- י WUM *>-»»- M v(lU o kann.. Nur die Grundsäule des Gesetzes hält alles aufrecht. Nun i st diese Säule ein wenig verschoben und da zeigt sich unsere Kraft in ihrer dauerhaften Festigkeit." ״Was soll ich sägen?" erwilderte der Zlingesprochmve, ein! Mann im Greisenalter!, «beim׳ man den Wohlstand an seinen: Äußern erkennen konnte. ״Vier Söhne habe ich im Felde, zwei Enkel l-abon mit ihrem Leben schon den Tribut des Krieges bezahlt. Mein ganzes Dermögen habe ich -mm, mit ei.nem Male ׳?ingebüßt, und jetzt stehe ich da׳, wie mit verbundenem?lugen, ungewiß der nächsten Zukunft. Freilich haben wir Juden unsere Lage bisher nicht s׳o erkannt. Immer und überall wähnten wir uns als gleichweritige Menschen. Aber welch gewaltiger Irrtum! Jud blgibt Jud. Unter allestl Flüchtlingen finden sie kennen anderen Mensch.m." ״Ja, wenn alle Juden die richtige Einsicht hätten," sagte wieder der Erste. ״Das Los der LGdondein. würde sich andevaritig gestalten. Zuiivcift müssen die Armen, Kleinen׳ ihre Haut für die großen Reichen zu Markte tragen, während sich diese in ihrer Behaglichkeit allen Freudein. des Lebens überlassen,?ln allerlei׳ Humanität, nur nicht m jene, die ihren Volksgenosse^ zugute kommt. Wenn auch die! großen׳, die reichen- Juden sich in ihrer Lage als Juden bewußt wären״ wenn׳ sie uns ihren Brüdern einiges Interesse «c/ntgegonbrächteini, die Nolle der Judenschaft würde sich ganz anders gestalten, Aber der stärkste, dichteste Wald ׳entsteht aus kleinen, schwachen Pflanzen mit der Zeit. Und so hoffen wir auch Weiter." Der Dichter Frug als Kutscher. Das die grausame und bureaukraiische Behandlung der Juden in Rußland oft un- ׳menschliche Formen annimmt, ist bekannte Weniger bekannt in Westeuropa sind die vielen Fälle die geradezu tragikomüsch wirken׳. Auch der Dichter Frug, dessen Wirken wir bereits gewürdigt haben׳, ist diesem Schicksal nicht entgangen!, Als er durch einige veröffentlichte Gedichte die Aufmerksamkeit auf sich zog, lud ihn di׳e jüdische Intelligenz in Petersburg ein׳, dahin zu kommen, da bmf, sich ein größeres Feld für fein dichterisches Schaffen biete. Der junge jüdische Künstler folgte gern dieser Einladung. Nun gehörte aber Frug nicht zu den״ ׳Unserwählten Juden",' die im ganzen Zarenreiche leiben dürfen, da ׳er weder Handwerker, noch diplomierter?lkadem-iker, noch Kaufmann erster Gilde war, -und es ׳entstand die schwierige Frage, wjie man für ihn die Aufenthaltsmöglichkeit Publikum mit stürmischem Jubel zu wieder- Holungen, begehrt. Was erklärte diesen magischeu Zander? Ein glückliches ׳einschmeichelndes Leitmotiv mit zun>ehnwnder Steigerung, von allerliebsten Variationen abgelöst, die Lebenslüftend u. Gemütsinuigkeit atmen u. das mit dem Liebreiz ׳der Eingangs melodie berückend ausklingt. Das Ohr vernimmt einen franzosievten Straußwalzer und wird am, die trauten Klänge vo!n> der schönen blauen Donau erinnert- Begreiflich, daß ״Amoure-u.se!" auch in! Wien verständniß innige?lufnahme fand und in Ko«nzerton 1!|n!b musikalischen Häusern gerne bogrüßt und gepflegt Wird, was ich erst nach meiner Heimkehr erfahren habe. Das Interesse für den beliebten Konlponisten Rodolphe Berger ließ mich soi!nM erwähnten bei Envch, u. Co., Paris, in: Jahre 1901 erschiene- -neu Walzer verschaffen, ׳dessen letzte Seite das Bild Bergers zeigt — eine einnehmende Mannesgestalt im schönsten?Llter, voll Geist und Eleganz — rmd daneben, ein Auszug des Pariser ״Figaro" von! 20. März 1901. Hier dessen Übersetzung: ״Amoureuse" (Ltebeswalzer). (Der!neue Walzer der Zigeuner.) Ein Walzer in nnsereir nmisikali scheu׳ Beilage? Ganz gegen unsere Gewohnl>eit! Denn wir haben, uns itnwer gesträubt, diese Art Musik zu bringen, die iniiigi'/eirhin minderwertiges Genre darstellt. Doch darf man denn jene be,rausjche.nden. vorwirveinjden Walzer, die uns von den Geigen der Zigeuner ins Ohr gespi׳elt werden rund die die Hallen Klänge des Cymbals ertönen lassen, in diese Klasse van ׳Walzern reihein? — Seit Strauß und Fahrbach ist der Wiener Walzar verschaffen könnte. Schließlich blieb nach langer Beratung «nur der alte beschämende Wog übrig, und nlan meldete ihn bei der Polizei als Kutscher .des reichon Glaubensgenossen Warschafski an. In dieser offiziellen Stellung, nicht als Lenker von Pegasus, sondern gewöhnlicher Pferde schul er sein feinsten Gedicht: und Wurde bald als russischer Dichter berühmt. Er wurde Mitarbeiter der vornehmsten russischen Zeitschriften, und die strengsten Literaturkritiker rühmten sein Talent, ja selbst die juden feindliche ״Nowoje Wremja" erkannte sein: hol)e dichterische Begabring an. So lebte Frug vier Jahre hindurch als der gebildetste Kutscher Europas. Erst als der erste Band seiner Gedichte -erschien und sein Name einen!guten Klang erhielt, gelang es, ihm auf ehrliche Weise das Wohnrecht in der heiligen« R-esiden-z der Romanows zu erwirken. Leicht war es auch da -nicht geworden. Nach langen Bemühunge-n bekam rnan für den jungen- Dichter eine Empfehlung an Madamme Gress-rr, die Gattin des allmächtigen Stadthauptmanns, die als Freundin und Förderin« der modernen Literatur bekannt war. Diese schöngeistige Frau empfand die Schmach Rußlands, wo der ungebildetster Kutscher höher steht als ein jüdischer Dichter, und sie machte ihren ganzen Einfluß!geltend, unr ihr Wandel zu schaffen. So erhielt der Dichter eines Tages die Aufforderung, beim viel gebiet enden Befehlshaber der!Hauptstadt zu erscheinen. Gresser empfing ihn sehr freundlich und erklärte, da er durch seine Vevdi>enste um die russische Literatur sich als ״nützlicher Bürger" erwiesen habe, trotz seines Judontunrs, das Wohnrecht gewähren. J׳u Petersburger literarischen Kreisen wurde ,damals das Gespräch zwischen dem junger, Dichter und dem gefürchteten Bureaukraten folgendermaßen,geschildert: ״Sie heißen« Simon Frug?" ״Ja Exzellenz." ״Wopi^bbeschäftigen Sie sich?" Ich bin Kutscher beim Großkaufmann War-' schawski, und in meinen freien Stunden befasse ich rnich mit der russischen Poesie.'" ״Um der russischen Muse zu dienen" — antwortete Gresser mit einem ironischem׳ Lächeln — ״muß man ganz frei, und ohne Nebenberuf sein. Von heute ab sind Sie aber nur- Dichter." Er drückte'dem Dichter freundlich die Hand, und mit dieser Stun«de hörte seine Existenz als Kutscher auf. F. S. schwanden, jener Walzer, der ׳eine Art Liebesgedicht -ist, der uns h-iin.reißt und -.einzwingt, der das Lächeln,auf die Lippen zaubert und Unruhe in die Herzen bringt. Dieser außerordentliche Nythmus hat sich nach und nach verloren. Nur die Zi>geun!e,r haben 111)11 noch -beigehalten 11. von, Zeit zur Zeit briiiMN׳ sie uuls die. Überraschung eines neuen Walzers, der dann -ein stimmigen Beifall finblcit und für Paris ein Ereignis ist. Vor 2 Jahren war es ״Monte Christo," voriges Jahr ״Fern vondev Heimat" (Lo!in du Pays), und /dieses Jahr bringen sie! uns den- ״Liebes- Walzer (Auiouveuse) v. Rodolphe Berger, der im Verlag Enoch erschienen, ist und zu welchem M. ׳de Fevauidy, das hervorragende Mitglied -der Comedie-Fran^aise für die kleiini? Diva^ Paillette Darty ׳eb׳e,n,so sinnige Worte, wie es die Melodien, -sind, ׳verfaßt hat, — was nicht wenig sagen will! Rudolphe Berger ist /ein׳ Wi«en!e!r und ich wäre versucht zu glauben, daß er ein׳ Enkel von Strauß ist, ׳denn dieser Walzer, sowie auch ״Fern von der Heimat" (Loin du Pays), dessen Komponist er ist und ״Rosenwolken" (Nuages roses), ״Weißer Ball" (Bal Blanc), ״Winterblmmm" (Paivfums d'Hiiver) und alle anderen, hie er komponiert l-at, kannman mit den bekannitesten Werken des berühmten Strauß vergleichen. Es scheint, daß ״Anioumusr" leicht zu spielen ist. Der Walzer ist es ׳auch,.was di«e Noten anlaugt, aber das richtige Kolorit zu bringen«, den Vortrag, das ״Gewisse Etwas," das ihm so v:«׳l Eigena׳rt und so viel Reiz verleiht, -ist 1e׳iln1 Geheimnis, ׳das leider nur Rudolphe .Berger,und Boidi zu lüften verstehen. Rens Lara. Profeffor Dr. Markus Braun. feierte ׳am 4. November die 25. Wiederkehr des Tages, -an dein! er seine Lehrtätigkeit ani jüdischthcvlogifchon Seminar zu Breslau begonnen hat. Mit djcin zahlreichen Schülern, die! -er in. diesem Zoitvaum zu geistigen Führern unserer Gemeinden hommbiliden durfte, bngeht die jüdi sche Lehrerschaff diesen Erininerungstag ׳in ׳dankbarem Gedenken an die tatkräftige Förderung, die Professor Braun allezeit auch den jüdischen׳ Lehrern, hat zuteil werdän lassien. Von seinem Vater, dem ehemal-itgou Rabbinier! zu Schneidcjmühl, «dier heute ׳noch, ob seines scgensvollen Wirkens unvergessen «in seiner Gemeinde fortlebt, ist Markus Braun, früh im> die jüdische Wi-ssenschast eiitgesührt wor-!djen un«d ׳nach?lbsolviierung des Schnl0i»den1ühl«e!r GyM'Ucvsiums mit gründlicher Vorbildung i!n das S'öM'inciir eingetrrten, dessen Lehrkörper ar mm ein Vieirteljahrhundert angohört. NMn seinen theologischen Studien im Srtn!i!nar hat er sich ans der Universität mit Eifer Geschichtsforschmigien gewidmet und als einer!der icivsten. unter den jüdischon Studierenden n«ach Be1ön>d!igu׳ng seiner Vorbereitunjgszeit auch die w>i-sßmjsHa,ftliche ÄohrerpMifmi'g m׳it?luszeichnirmg abgelegt. Bei seiner pädagogischen׳ und pvaktisch--th!eologischn« Wi-rkscrmkeit hat er — niamentlich seit seiner. Lehrtätigksit am Senriuar — soimie Lieblingsstudien, die Geschichte des jüd. Volkes im Mitte׳lalte!r, fortgesetzt u,n«d ihrje reife Frucht-weiteren׳ Kpeisen dM׳ Gebil-deten in tre-fflichpr Darstellunsg zugängtich Gemacht; fc'i'n-2 ״Geschichte der Juden und ihrer Literatur" ist vornehmlich auch den, jüdischein Liehre-rn׳ -ei-ne Willko>mn1!en>o, weil längst ersehnte Grundlage für den׳ jüdi!schen Geschichtsunterricht geworden׳ ׳unsd hat niicht wen!ig dazu boMtragein׳, diesen so beidientungsvollein׳ Zw/e!i-g des jüdischen RÄigi-onsunterrichtes zu de-ni erfolgreichen Zi!al zu führen, ÄaS er sich gesteckt halt, der Jugend ׳die wiundcirsanie -Führung Israel durch alles Dunkel zu ׳immer lichteren׳ Höhen zu künden. Die Wärni-e dies Gefühls, die diescjm׳ Buche ontströmt, ist in! dem ureigenen Wesen des Versassors begründet; dieses warme!Gefühl hat ׳ihn schau früh zu dem tatkräftigen Einltreton für d!i!e sozialen und materiellen Jntoresse/ni der jüdi!schen Lehrerschaft geführt, dessen sih heute in herzlichc׳r Danik-barkeit gedenkt. Die großen Ve-rdi!c«n!ste, die Braun sich ׳namentlich atm die Lehrer Schlesiens «und Posens grworben hat, haben ihm baild die Füh.rer>wlle der jüdischen׳ Lehrerschaft d׳i׳eser Pmvinzejn zuMwiefem«, und>!e׳r hat i׳n> dli׳es,e!r Eigenschaft -durch seine ׳reiche?ln-re-guagen in« den Vere׳i1nsvsrs׳a.1njnHunig!e1n, «djurch Einrichtung von Fortbiildimgskursen für jüdische Lehrer, wi׳e durch Me -wjettsye Äusgestaltung der Provin!zi׳al-Hi׳lfs-^ Vasso eine ׳erfolgreiche Tätigkeit entwickelt. Nicht ntindor wertvoll ist seine Mitarbeit in d׳e,1n Verband der jüdischen Le>hrervevein<e im deutschen Reich geworden; seine reiche Erfahrung ׳und sieiine Konintnis ׳der Gemei>n!deverhältnissv haben ׳dem Verband gar oft die -rechten! Wege gewi׳esen und manchen sein«sr Erfolge herbeiführen helfen. Möge der verehrte Jubilar, der diesen Dag in ׳erfvenlichsv Frische des Geistes n,nd körperlicher Jtüstigkeit begehen darf, n,och viele Jahre zu weitenem Segen wirken — als eifriger Mehrer ׳der Wissenschaft des Judentums, als vorbildli׳che׳r Lehrer und Führer und n׳icht zuletzt a׳ls treubewahrter, allezeit hilfsberjciiiter Fvsuind in׳ dem großen Kreise, dessen verehrten Mittelpunkt er ׳bildet. Frankfurt a. M. Direktor Dr.?ldler. Kunäfeka«. Ein tapferer jüdischer Offizier. Der Feldwebelleutnant Erich Falk aus Essen «diente einjährig, als der Krieg ausbrach, Und hat un«unt«e!vbwchen noch zwei׳ Jahre schwere, h-üße Kämpfe m!it durchkänipfen müssen. Er ist mit «dom Eiseyngn Kreuz schon im September 1914 ausgezeichnet worden, wurde auch schnell befördert. Er ist im Septemher dieses Jahves ׳als Offizier ei!nes Infanterievegiinents -i-m Westen gefallen, und sein Borgesetzter meldete den Hrldc!ntod des SolyiM mit folgqnden Worten: ״Das Regiment hat die trMiri'M Pflicht, Jhnjou mitzntoilen, daß ihr Sohn, der Feld!- webell-eutnaint Falk, am 20. September 1910!־'-■ I ז * 1(ür11־r1־'iL