Mannheim
Compact Memory

Jüdische Volksstimme · 1916-10-11 · Heft 18 (11.10.1916) · page 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XVII (1916)
Issue
Heft 18 (11.10.1916)
Date
1916-10-11
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
87% known words query
IRI
…/2621806-2621974-2621990--3495-2624694
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

fh. 11 für ihn eine gewisse Anzahl Prächtexemplare auf: heben. Leider erhielt er aber zur Antwort, daß er diesmal für Esrvgim besserer Sorte mindestens 16 Rubel pro Stück wird zahlen müssen. Wieviel Esrogim, soviel 16 Rubelstücke, und das im vorhinein und zwar sofort, sollst.habe er überhaupt kerne Aussicht, Heuer Ware zu kriegen. 15 Rubel pro Stück! Das nnr weder für Baruch den Sofer, noch auch für ganz Lapinischok denkbar. Baruch.der Sofer gehörte zu jener Art Menschen, die viele Berufe und wenig Einkommen l>aben. Er war Sofer, Schadckien und Magi'd ,(Prediger) zugleich; er lMudelte. auch mit Zidakein, Gebetbüchern, ,Hawdol.auskerzen, Wöchneriunell-Zetteln und nebstbei auch mit Losen; aber bei all den! war er der A-ermste der Armen. Wieviel Berufe er hatte, so viel Male!Pflegte er im Tage zu hungern. Das beste Geschäft lM er noch am Sukkoth mit dem Esrogim gemacht. Dieses Geschäft brachte ihm nämlich soviel ein, daß er damit alle Ausgaben für das Sukkothfest decken konnte, überdies blieb ihm noch auf ein Kleidungsstück für sich, für sein Weib, od.׳r für ein. Kind, in besonders gnnst'Wn Jahren sogar allch für ein Wagerl Holz zur Beheizung. Nun ists begreiflich, wie sehr ihn die Antwort seines Wilnaer Lieferanten schmerzte — kurz er war ganz verzweifelt. Baruch brachte in seinen) Schmerz den Brief aus Wilna in das Mth-Ham,drasch und zeigte ihn dem Rabbi und feinen anderen Kunden. Von den meisten erhielt er die triste. Antwort: ״Wenn keine Esrogim da find, benscht man halt!licht." Andere wieder inachten eine gleichgiltige HandboweAmig rmd sagten: ״Wie's ganz Israel ergeh'n werde, wird auch uns ergehn.". Einige wieder, die in׳ die Handelsspekulationen ein geweiht waren, meinten dagegeil, die ganze Teuerung sei nur der Spekulation der Lieferanten, zuzuschr-eiben, diie absichtlich drohen, um!dadurch hohe Preise zu erzielen; sie werden aber froh sein, wenn!,nan ihnen die Ware zu billigen Preisen ahnehnren werde. Man li>eß nun der Sache ihren Lauf u!n׳d nicnland kümmerte sich niehr ׳darum. Nur Baruch, den: Sofer, kam es nicht aus den! Sinn. Er wu!ßte Wohl, daß ibcttootneilt Teil feiner Existenz abhän-ge und durfte nicht Geichiciiiltifl bleiben. Er fragte also bei! einem zweiten Esrogim-Händler an und erhielt eine ungünstige Rabbi schickte nun einen Boten mit einem Brief an den dortigen Rabbi mit der Bitte, er möge den Bürger veranlassen, seinen Esrog der Gemeiude Lapinischok abzutreten. Sie müßten sich in TarwonowNa also mit einem Esrog begnügen. Juden dürfen in «der Not ׳.׳inander nicht im Stiche lassen. War aber sen׳er- Tarvxmowkaer Bürger ein großer Wucherer — ein Li׳ebl>aber des Geldes und genierte sich nicht, für seinen Esrog 50 Nubel zu verlangen. Wußte er doch viel zu gut, daß die Lapinischoker Juden jetzt auf ihn angewiesen seien. Er suchte seinen Wucher dadurch zu verschöner», in dem er erklärte, daß die erste Brockte auf den Esrog, die N-inuim und Hakofans, ihm Hunderte wert seien: aber da doch die Juden von Lapiinschok Gefahr laufen, ohne Esrog zu Heiben, sei er zu eiugm« Opfer bereit und wolle seinen Esrog bloß um 50 Rubel hergBen. Der Bote überbrachte «diese Antwort und das ganze Städtchen geriet in Erregung -- schwarze Wolken schienen sich auf dieses!unglückselig Nest hcrabzuliassen. 50 Rubel sind für Lapinischok M ganzes Vermögen — ein Schab! Wo soll Lapin i schok eine solche Goldgrube anfbriNgen?! Man schickte also einen zweiten Voten und diesem gelang es, 10 Rubel abzuhandöOl. Aber immerhin 40 Rubel! Und dos «der lebte Preis. Nun ist bereits der Rüsttag des. Sukkotlp festes gickommen die Angelegenheit durfte nicht mehr hmausgeschoben ,werden. Der Rabbi berief abermals eine ^Versammlung -und nun be: gamr die Beratung! öder geeignete MiUel und Wege zur Herdeischaffung der ׳Nötigen Slimme. Es wurde der Beschluß gefaßt, die einzelnen Ehrenverrichtungen o>n deim, Esrog, zu Verkäufen. Der Rabbi selbst ,ggb als erster ■׳) Rnbeh si'ir die erste Brache an dem Esrog, Josse der Schenker gab ebenfalls 0 Rübe! für die Ni-MM der ersten Tage Sukkoth. S Wiche Pipätsch. kaufte die erste Hakofah. Ferner wurden die Ninüim und die Hakofans der übrigen Tage verkouft,, die auch einige Rubel eintrUgen. ZNm Glück, erhi-elt mau für den tg'itorth äWlN ganze.fünf Nuhül. Chane-Dtvore, die TuchhäNdlerin, hatte neun- -lich den Pi'tum . für ׳Ihre einzige Tochter Zirele, die mit ihrem ersten Kinde ln der Hoffnung whx, angekaust. Zwei Töchterlein brächte nämlich Chane-Dwor-e infolge sHvever MbNrt tot zur W/elt, Zirele war ihr daher wie MxAugapfek i'm Erledigung. Prachtexemplare kön׳ne er überhaupt. Kopfe Cie fürchtete sehr, Airele könnte es mit keine mehr kriegen, war die Antwort, unid wenn! ihrem Erstling so schlecht ergehen wie ihr, und er nur gewöhnliche Esrogijini Wunsche, so könne er.'damit, Gott behüte kein Unglück geschehe, ver- ,ihm nur eine beschränkte Anzahl schicken und dies zu 12 Rubel Pro Stück im Vorhinein!. Also gleichfalls weder für ihn noch für Lapinlschok denkbar. Nun wandte ׳er sich an!noch einige Esrogim Händler; aber die Antworten waren genau so ungünstig wie «die früheren. Dabei war׳ -in allen besonders betont, daß er sich mit Rücksicht aus den herrschenden Mangel .an Esrogim mit der Be stellung beeilen müsse; denn׳ sonst laufe er Ge fahr, keine niehr zu bekommen. Er!versuchte au seinen ständigen Lieferanten nochmals zu schrei!- ben, aber diesmal ׳erhielt er überhaupt keine Aut- Wort. Inzwischen war schon der Rüsttag des Jom Kippur angelangt — und von Esrogim׳ keine Spur. Der arme Sofer gin!g! nun gebrochenen Herzens zum Rabbi und berichtete ihm alles. Der Rabbi-berief eine Versammlung und erklärte kategorisch, ma!n> müsse der Sache energisch -nachgehen, da es sich doch um eine Mizwah handle die zu den wichtigen 010 Mizwahs gehöre, man müsse also dazuschauen, daß die Gemeinde nicht, Gott behüte, ohne Esrog bleibe. Also schossen einige der reichsten Bürger des Städtchens Lapinischok auf einen Esvog zusammen, außevdem« wurde auch feierlich beschlossen, einen Esrog für die ganze Gemeinde zu kaufen. Bavuch der Sofer erhielt nun den Auftrag, sofort nach Jom Kippur -in eine der nächstgelegenen größeren Städte zu fahren und zwei Esrogim zu kaufen, wenn schon nicht Prachtexemplare, so doch wenigstens ko scheu׳. Mehr konnte sich Lapinischok nicht leisten. Baruch reifte also fort. Aber bis er hinkam. tvar kein Esrog mehr zu finden, nicht «einmal als Arzneimittel. Er kehrte unvereichteter Dinge heian Nur ׳ein Tag trennte sie noch von! Rüsttag des Sukkothfestes — das Messer war also schon hart an der Kehle! Nun erfuhr mm, daß Tarwonowka, ein Nachbarstädtchen von Lapinischok, im glücklichen Besitze vom zwei Esrogijm! sei. Einem kaufte die Gemeinde, den zweiten erhielt einangesehener Bürger »direkt aus Palästina. Der sorgte sie ihre Zirele mit «allerlei Mitteln׳ und Mittelchen. Und wem -ists -nicht bekannt, haß das Abbeißen des Pi,tum von citnom Esrog ein wirksames Mittel zur leichten Geburt sei? Chane- Dwore erwarb daher sofort das Recht auf den Pltum — ׳er war doch der einzige!im Städtchen — damit ihr ja n׳ielm«an׳d zuvorkomme. Bis alle handelse'ins Waren, war schon spät Nachmittag. Die Käufer brachten das fehlende Geld zusammen, auf den fehlenden Rest machte man eine Anleihe und so kam die nötige Summe für den Esrog zustande. Manschickte mm einen Christen mit Geld und Brief nach TarwoiNowka um den Esrog — einen Inden konnte man nicht mehr schicken, da es schon ziemlich spät war und der Aubvnch des Sukkothfestes könnte ihn noch am Rückwege überraschen. Nach Mairew (Abendgebet) fanden sich die angesehenen Ju«den des Städtchens Lapinischok beim Rabbi ein und warteten, bis der Christ den vielersehnten Esrog bringen werde. ( Aber der Bote ließ auf sich lauge warten, nnd die Versa,»- melten bennvuhigten sich ernstlich. Ein Goi, ein Säufer, -er sitzt wahrscheinlich bei einem Braut- Weiner am Weg und sanft. Oder hat ihm vielleicht jemand den Esrog gestohlen! Wer weiß, was ihm Passiert ist! Endlich ist der Bote angekoinmcn. Der Rabbi begann nun vorsichtig, mit zitternden Händeu den Esrog aus benu« Packer! ausznpacken und die Blicke aller waren auf seine Hände gerichtet, neugierig, was für ein Pracht-׳- xempliar der 40 Rubel teuere Esrog, Wohl sein müsse. Aber o Weh, ein Jammer! Manfand den Esrog total zerdrückt — nämlich entzwei gespalten. Schreit man also: Michalko, lvas soll das heißen?"?lntwortet er, er war neugierig, zu wissen, was ihm wohl jener Jude aus ToNvonowka mitgeA'ben hatte, er packte die (^׳schichte aus und betastete sie blos. Eine zarte Betastung Nmr das! Was? Erklärt man ihm: ״Was heißt, Mörder, du l>ast doch eine ganze Stadt Menschen abgeschlachtet!" Michalko aber macht eiin Kreuz auf's andere, beschwört -und beteuert, er habe die Sache nicht gekostet, nicht ׳einmal beleckt — und seine Hände ׳waren doch reiu von. Schweinernem, die Geschichte sei also koscher. Geh' red' nmit einem goischen Kopf! Erklär' ihm, lvas Jiddischkeit heißt! Schrei hin, schrei! l)er — die Geschichte läßt sich eitt'Mal!N'icht ändern׳!׳ ltnib die Ok'mcittbe blieb ohne Esrog. Baruch» der Sofer, ohne Verdienst, der Rabbi ohne Broche, Josie, der Schenker, ohne Ninulm, Simche Pipatsch ohne Hakofans und Zirele, Chane- Dworcs einziges Töchterlein, ohne Pi-tum. Zur Geschichte eines getauften Juden. Der Gründer des,MvM R«euter", Pas in London.feinen Sitz hat, war. ein deutscher Jude, " e 10b Jahre« ׳ - - - - - der vor!00 Jahren, am .21, Juli IW, das Li-cht der Welt.,evbl!ickte. .Als Sohn des Nabbillers N. Gersou^ .Josavhat iß Kassel später Halberstadt, wurde Israel Beer Josopha!t i!n> Kassel gebvrenr nach mehr-jähriger Tätigkeit in einem Göttinger Bankgeschäft kam er ln, den 40er Jahren -des vor!!»- ge!! JiahvhlMderts nach Berlin, wo er sich eiuilge Zei-1 lang als Buchhändler betätigte, Httzk berheir-atete er sich und hier lljeh xk׳ sich -auch taufe!!-. Del seinem! Uebertritt ^tVn ArMentü!!! nahi!! er beit Nmnen PMl Jülitch Rep ter irrt1848 . .׳ ging er Mch ,-Pärls ׳Mw. Wb dort eine lithographiierte K'üryeMllWz. für Zeitung.en heraus. Als die preußische RegierunW die le-leWaphische Verbii^ dung, Perlin-rlächen hergestellt,hatte,., erkavnle ^r ülS ,einer!der.ersten,.die. große WlchlUgkoit -dieses!!,eilen und überätld schnellen Verkehrslll-ittel für! deii Milungsdienst und den Handel; er '«errichtete ׳ein telegraphisches Burgau iu- Aachen und -da-n»1lin Brüssel, wobei, er fick di׳!-- BrieO^nnnd -dantilin Brüssel, wMt er sich her Ärieftgm benpo.sk -zur ExgäuW'lg der nach seLleüöeü!ele- ./Hrbindrmä zßnscheü Brüssel und Aacheh bediAte-. .Nach der FertWellMlg des Käbels DDtzr-Ealais .gintz «er nach LvlldoN». wo es W'l nach. M-fänglichen großell Schlvierigkeit.cn gelang, seih Ntt'trvllrhmen zur einer, rieseilhäfteü Höhe zll -brilMn und ihm ejne Monopol stellllUjg zu sichern, die es heute -noch bat tiiib die es heute noch inder ^.grsaUlM englischen Presse ausübt. Eine klemle Schwäche besaß Pari! Jull׳ns Nenter; er wollte gern .geadelt werden. Zur Veu-rteilung seiner PersönUchkeit ist es von besonderem Interesse, zu erfahren» auf welchöin Wiege er vorgiliih Mil sein, Ziel M erreiichen.. In Londa-i! lobte etit M^drilder des Herzog Errtst .ft. von׳ Sachsen- CobuW-Göthä- «ein Mvlsser Jlchl-e, der Sahn ein-es. Hofgürtuers. Juhle hatte Medizi,'» studiert. M-Nn-te abie-r kein Exalnen limchen, da er d-ent Trn!n׳ke ergeben war. Reuter kannte seine Bez-üehunäeil, zu dem Herzog Erlist, und-er xiahu«׳ i-hn in die Dienste seines Bureaus. Null inuftte Juhle den Herzog dahi:ü sondieren, ob er «nicht der Verleihung des Adels an den. Inhaber ׳des Londoner Telegvgphenbllrea-us geneigt wäre. Der Herzog war gar nicht abgeneigt; als er sich aber mit der Ernennung Zeit ließ, mußte Jnhle nach Gotha fahren. Da, «H1!e?ldelsverleihung innner >u׳och nicht kam, ließ Reuter du!rch die ״Times" die Meldung verbreiten, daß seine Erhebung in ben Adelstand bevor stehe. Nun reiste Reuter selbst nach Deutschland, Juhle mußte dein Hörzog,nahelegen, wie ׳nneirdl-ich angellehUl und peinlich es seinem, Inhles, Brotgeber sei, daß -die ״Times" ganz ohne dessen Zutun die Niachri-cht von der Adelsverleihllng verbrei-tet habe. Ter Herzog« m'iiinte, haß seine englische BeMxrndtschaft gegen die StaudeserHöhung sei, weil Skeute-r Jude wäre. Juhle hob hervor, daß er schon mehr als 80 Jahren sich habe taufen lassen. 9kunvollzog der Herzog die Adelsverleihnng mit «dem Bemerken, daß sich seine Londoner V-eNvandten uu-n gerade ärgern sollten. Jienter hatte noch die kleine Formalität zu erfüllen, Grundbesitzer im Herzogtum Coberg zu werden, und er durfte sich von nun ab Paul Julius van Reuter uen-neil. Er starb -im Jahre 18!)!) in Nizza, wohiner seinen Wohnsitz nach b. Rücktritt von d. Le-itung seines Unternehmens verlegt ha«tte. Schon geraume Zeit vorher war fein Sohn Baron Herbert von Reuter an׳ die Spitze der Gesellschaft getreten. Dieser erschoß sich im April vorigen Jahres unter rolngntischen Begleituniständen in London-,

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.