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Jüdische Volksstimme · 1916-10-11 · Heft 18 (11.10.1916) · page 3

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XVII (1916)
Issue
Heft 18 (11.10.1916)
Date
1916-10-11
Page
– (sequence 3)
Language
German
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ffr. 18. ״Jüdische Volksstlmme" Jiidischer Feldgottesdienst in Sud-Tirol. Ili! Befelile kk ich: ״Für Offiziere 1 mb Mannschaften solvie für Kriegsgefangene jüdischer Religion hält Herr Rabbiner Dr. Link Freitag abend halb acht Uhr im Palazzo Venditti, einen Gottesdienst ab .. Ich erinnere mich, den FKdrabbiner dar ein-igekl Taften draußen in der Korpssanitätsanst-alt getroffen zu haben, als er Perlvundete besuchte Ein kleiner, etwas zierlicher Manu in der Uniform der Feldgeistlichen mit den drei goldencn Streifen am Arm. eine sy! n Pa tkstsch-be scheidene Erscheinung. Am Abend also finde ich mich int Palazzo Benditti ein, sehe!eint׳ Paar Soldaten in den erstell Stock hinaufsteiaen und folge ihnen. Oben vor der Türe, steht ein junger Landsturmmann ׳iidit anfgepflanztem Bajonett. Gottesdienst unter Postenbewachnng? denke ich unwillkürlich. Aber der Feldriabbiner, den ich im Vorraume des Saales treffe, in dem der Gottesdienst vor sich gehen soll —- ein Polnischer Soldat ist eben damit beschäftigt, ihm den weißst׳!denen, mit Gold gestickteil Gebetniantel um die Schulter zu legen —, klärt mich ■auf. Der Posten steht wegen der .Kriegsgefangenen da, die er hierher brachte und die!!ach Schirls׳» d. Feierlichkeit wieder nach Hanse zrr führen hat. Ob ich schon! ein mal bei einem Freitagabendgottesdienst im Felde gewesen sei?- fragt der Rabbiner. Ich verneine. Es ist das erstemal, das; ich von einem! solchcir überhaupt höre. ״Hier in der Stadt", erzählt der Geistliche, fand auch vor meinem kommen allwöchentlich ein Gottesdienst statt, deir ein polnischer Jude abhielt, der früher Kantor in irgendeinem kleinen gal!zischen Nest loar und nun hier als Landstnrmmann Dienst tut. Als ich nach meiner Anknn׳ft diesen Gottesdienst das erstemal aufsuchte, war ich fastnngslos. Ein nnanfgeräumtes Jimrner, in benv an fünfzig Menschen hernmstanden, die laut durcheinander schrien, sich in verzweifelton Bewegungen gefielen, kurz einer schien den anderen an Frömmigkeit ״überbieten" zu Wallen l Freilich, das waren meist Juden aus orthodoren galizischen Geineinden, die einen anderen Gottesdienst nicht kennen, und die anderen Elemente, die an eine ruhigere Art van■ Frömmigfeit und Andacht gewöhn-t sind, konnten sich mit! den Gebräuchen dieser Majorität nicht befreunden. Da habe ich also vor allein erst erzieherische Arbeit leisten müssen. Selbstverständlich sind mir diese orthodoreii Elemente ׳anfangs m׳it Mißtrauen enimegengekommen — aber sie haben sich doch bald davon überzengt, daß ich zuinindest ein so guter Fiide lvie der Lauteste unter ihnen bin, und jebt gebt's.... Sie werden sehen״... Als lvir in■ beit Saal treten, erheben sich die Soldateii. Der Feldrabbiner salutiert dankend, seht sich vor sein Tischchen,-das mit einen! weißgestickten Tuch bedeckt ist. Ich nehme in einer der binteren Bankreiben Platz — man hat ans einer Srhiile etiva 20 solcher Bankreihen herangeschafft, so daß ungefähr 20t) Menschen im Saale sitzen können - es sind aber mehr erschienen, so daß viele in den Seitengän-gen steheli müssen. Selten sali ich ein sonderlicheres Bild: dieser schnlzim- »!erähnliche Raummit den niederen, sür die Allerkteinsten bestimmten Bänken, in ihnen die Soldaten, darunter viele graubärtige, in dem oft zerfetzteli llni-sormen ... Die hohen Fenster, die aus die Bia Lunga, eine der dilrch ihren großen Verkehr lärmendsten Straßen der Stadt, hinausgehen. leer de l! geschlossen -- ein Soldat elitzüildet die Kerzen in deii beiden silbernen Leuchterii, die auf dem Tischchen neben de!i! Rabbiner stehen ein anderer verteilt kleine hebräische Gebetbücher unter den Antveseildell ... Während dies vor sich gellt, lasse ich deii Blick durch den Saal wandern, eines der vor mir uuvergeßlichen Bilder dieses Krieges in mich aufeiehmend: Iir den vorderen R'eilien sitzen, die .Kappen selbstverständlich auf den! Kopf, da die religiöse Borschrift ein Entblößen des Hauptes beim Gotr-esdienst nicht kennt, unsere Soldaten. Ga:״, e-lte und blutjunge intelligente (Gesichter und ausgesprachen■!.׳ Bauernthpen, schmaltvangige Großstädter und galizische Dorfjndell init langen, schwarzen Bärten, Köpfe, lvie sie Lesser Ury gezeichnet haben könnte oder Kaufmann und denen! man die Rassenzugehörigkeit auf 50 Schritte vom OK׳sichte liests. andere wiederum, wie z. B. drei Tiroler Landesschützen, die kein Mensch für Inden halten würde. Infanteristen, Dragoner, Artilleristen, Sappeure Eisenbahner, Landsturmmänner — alles ist vertreten — auch Offiziere, die iil der Seitenbankreihe Platz genommen habei!. Biele der Blusen find mit Auszeichnungen geschmückt, Tapferkeitsmedaillcn, Perdienstkreuze eilt Paar schwarz-weiße Bänder des Eisernen Kreuzes selre ich darunter. Ein schwarzbärtiger Infanteriekorporäk, dem nran im ersten Auge blick deil galizischen Talmndgelebrten anstebt, trägt die ״Große silberne" neben der Kleinen silbernen und der bronzenen Tapferkeitsnledallle; bei einem der drei Landesschützen sehe ich die ״Goldene", der junge Oberleutnant neben mir trägt das Pevdienstkrenz und die eiserne Krone.. In den Hinteren Bänken sitzen die Kriogsgefangeneu, Russen, auch — wie merkwürdig mutete in ich gerade dies an! — drei Serben. Die Russen meist sehr hochgewachseile, schlante (Gestalten, mit blondem, fast hellblondem Haar und Bart, die n-stht die geringste Spur einer Nassenverlvandtschuft,mit dem Typus des schlvvrzbärtigen, kleineil Galiziers haben, deil lvir so oft als jüdischen Typus bezeichnet sehen, lvie ihn der (befreite in Reinkultur zeigt, der eben, den Gebetmantel um die Schultern, an deil Povbetertisch tritt und laut die hebräischen Melodien zu singen beginnt, die deil Sabbat begrüßen, die ״hohe Brant".. Er ist kein Sänger von■ Gottes (Gnaden, dieser Kantor, gewiß nicht; seine Stimme ist brüchig und rauh — aber, ich weiß nicht, was es ist, sie lvirkt in der traurigen Melancholie der alten Gesänge, deren Melodik seit Jahrhunderten die ewig gleiche gebliebel! ist, in ihreill Schluchzen, Allfschreien, denlütig-zerknirschten Bitten ersehntternd... Die anderer! beten halblaut mit, .-nur hie und ba versucht einer von ihnen a-lls alter Gelvohilheit seine Stiinme über die der anderen zu erheben — aber schuldbelvnßt blickt er zmil Feldrabbiner lind mäßigt sofort sei!ne Besonderheit. Manche sitze!: da, den Kopf in die verschlungenen Hände tief auf die Ban-k gebeugt, andere schaueen mit großen Angen in eine Ferne, die wie ntcht ahnen fönncu, Gebete lnurmelnd mit unernlü-dlichen Lippen ... Die Russen beten auswendig, sich voi'.l- Fett zu Feit tief verneigend und ihre Stiinn!e mäßig erhebend. Ter junge Serbe in der letzteil Bankreihe betet ebenfalls stehend: die Trä-^!neu rinnen unaufhörlich über seine ein gefallenen! Wangen... Plötzlich Stille. Der Porbeter stimmt den^ Sabbatpsalm, den feierlichen, an: ״Sei uns gegrüßt, du heilige Braut, Sabbatbrant..." Alle fallen ein, and jubelnd klingt die schöne Melodie -empor, erfüllt den ganzen Rann!, schwingt durch die geschlossenen Fenster hinaus auf die Straße, daß die Vorübergehenden horchend steheubleiben. Dann spricht der Feldrabbiner. Er erklärt den ״Wochenabschnitt" der heiligen Thora, spricht bann von den Sorgen und Kümmernissen aller, lvird immer herzlicher, immer brüderlicher, iminer hin-reißender... Ein Meister der Rede steckt' in diesem zierlichen, bescheidenen Mann, manch-, mal schwillt seine Stinilne an und dröhnt durch den fltaiuii. ״Es ist ntcht genug, daß ihr eure Pflicht tut!" ruft er ihnen zu. ״Denkt daran■, daß ihr Inden seid, daß ihr mehr tun müßt als ■eure Pflicht, wenn unsere Hasser und Feinde schweigen sollen, daß euch keiner mehr feige zu nennen wage, vergessend, daß.euer Ahnherr Inda Makkabi der Hammer Judas hieß..." Erschöpft hält er dann inne. Spricht -ein kurzes Gebet und beginnt darauf das ״Gott erhalte" zu singen. Alle erheben sich, auch die Rnssen sind aufgestanden, singen laut mit. Der Gottesdienst ist zu Ende... Einer nach dem. anderen geht zu dem Feldrabbiner hin, dankt, ihm nach seiner Weise: der Großstädter mit einem herzlichen Wort, der Bauer mit einem strammen ״Habt Acht" und Salnderen. Unten bei den! wundervollen, steinernell, aus alter Feit geretteten Tore sehe ich den langsam sich Entfernenden nach, von denen einige schon ilu heftigen Disput über die ״Auslegung" des Wocheuabschuittes sind. Unter Führung ihrer Wache kommen die Kriegsgefangenen herunter aber auch sie scheiueu aufrechter zu gehen. m* 3 Jomkippur im Felde. Stürmisch und finster ist die Nacht, die Kanonen dumpfer dröhn, in tausende Herzen pocht es diese Nacht, \ was heut noch wird geschehn. Tausende jüdische Herzen heut, stinnnen die Andacht an■ draichen, ii'.ni weiten Felde -gedenkerr sie treu, das heut noch etwas bevorsteht. Hont ist Kol Nidro, ein Lob den Herrn, aus tausende Herzen heut zum Himmel geht, Versöhnuns 0 Gott, denn heut ist der Tag, so betet inan zn Haus, und wir im Schützengrab. Wir gedenken schwer unserer Lieben all, ׳ sowie der teuern Toten, und -allen Kamreaden treu, die in fremder Erde ruhen. Nun du 0 Gott, zu Dir wir flehen, erhör heut unser Bitten, aus tausende Herzen, es heut zmn Hinlinel 'geht, vergib Du unsre Süinden. O Gott du uns stets gnädig warst, stell wieder uns zur Seite, aus tausellde Kehlen schallt es heut vergib uns unsere Sünden. Vergib und laß n!us heimwärts ziehen, uns!alle zu unseren Lieben, O Gott laß heut den Frieden werden, denn heut ist ja Ion! KiPur. Die Gemeinde ohne Esrogs Eines Jahres herrschte eine kolossale Tenernug auf dem! Esrogim-Markt. Es war einfach unnlöglich, einen Esrog zu bekoimnen; nicht einmal für bares Geld. In Palästina und tn den anderen Ländevn׳, wo die Esrogiln wachsen, war in jenein Jahre eine Mißernte an diesen schönen Früchten, und die wenigen, die gereift sind, wareu größtenteils Piglnentiert, verdorben oder angefault. Von Prachtereinplaren konnte überhaupt keine Rede sein. Wie -wenn der Satan■ es daranf abgesehen hätte, die Juden an der Ausführung der großen Esrog-Mizwah zu hindern. In dem titanischen Städtchen Lapin-ischok hat der Mangel an Esrogiin -große Scherereien heraufbeschlvoren — Scherereien, von denen inan sich noch inuner ■nicht erholt hat. Obwohl die -jüdische Gemeinde von Lapinischok klein rtnd arm war, besaß sie n-ichtsdestolveniger durch Jahre an den Sukkoth-FeiertaiMn -einige Esrogiin. In!besonders guten Jahreil, wenn diese schöne Frncht billig war, war das Städtchen im glücklichen Besitze sogar vo!^ einem Dutzend ,Esrogiin: Der Rabbi, zwar ein arnl-er Schlucker, hatte doch inuner seinen -eigenen Esrog. Der Dajon mit seinen Schwiegersöhnen besaß ebenfalls seinen eigenen Esrog. Neb Josi-e, der Schenker, einer der schönsten und angiesehensten Bürger des Sädtchens, -Pflegte auch alljährlich einen Esrog zu kaufen. Smicheh Pipatsch, ein ehelnaliger Fuhrnlann, der zu Reichtmn gelangt loar, l-ieß sich auch alljährlich 1 oder 2 Rubel für einen Esrog kosten, u!>n-dadurch OH lege nh eit zu haben, ׳im Beth-Halnidrasch -- mit seinenl silbernen Esrog- Behälter zu Protzen, wobei er erzählte, daß er diesen wahrhaftig in Warschau selbst gekauft hätte und daß ■er soviel und soviel koste. Aerlu׳ere Bürger Pflegten genl-einsaul eitlen Esrog zu kanfen, und außerdein besaß noch das Beth-Hainidrasch einen Esrog zum altgeineinen Gebrauch. In! genannten Jahre loar es nun Lapuiischok beschreden, überhaupt ohne Esrog das Snkkothfest zu feiern. Baruch der Sofer (Thoraschreiber), der jahraus, jahreill -das Städtchen und die Ulngebnng mit Esrogiinzu versorgen pflegte, wußte noch vor Atosch-Haschanah von der herrschenden Teuerung auf Esrogiin. Er schrieb daher recht-!zeitig ^'seinen Lieferanten nach Wilna, er ulöge

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