Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XVII (1916)
- Issue
- Heft 18 (11.10.1916)
- Date
- 1916-10-11
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Mt 2» ״Mische BollSstlmme" Rr. 18 72 Jahren will er doutsch schreiben und lesen! lernen, also ein kulturloser Mensch! Doppelt kulturlos «em Jud und ein Analphabet,!nach Grilliparzer, ein Hase mit 8 Flitzen. Ein! anderes Beispiiol ein Wilder! Ein -herknlisch gebauter Neger!der, nachdem er feinte Stelle durch den Tod se!i1n!e!s Dienstgebers verlo-!reu, als Modell m. Malerateliers sein Fortkominen findet. Ans der Gasse wird er eines Tages von Schuljungen verspottet — er ergreift einen und versetzt.ihm mit seiner kräftigen Hand eine Ohrfeige — er wird vom Richter für diese -Handlung eines ״kulturlosen Menschen" sehr strenge bestraft, (doppelter Widerspruch). Ja der kleine Lehrling am Telefon, seines Geschäftshauses tbiinlt sich hoch erhaben über jene kulturlosen Volker, die noch kei>n,en Fernsprecher haben. Was haben die Ergebnisse technischer Studien uns fiir große Fortschritte aus allen Gebieten gebracht, ׳die jenen verschlossen bleiben, welche außerhalb den großen Verkehrstraßen «der Völker liege!:. Um wie vieles stehen aber jicirne oft ,geistig höher, te fehlen ihnen die Mittel ihre Kraft in Arbeit nmznsetzen. Also derjenige welcher die Völker nach Kultur klassifiziert, weiß nicht tvas sie bedeutet. —Allenfalls stehen die Nassen — und Kuliurtheoretikor tiefer als jmie, über welche sie zu Gericht sitzen. Logischerweise!nützten sie heute jenen! Wolke die Pal!ne — die Kriegs- und Kultnr-Pal- ׳me reichen, .das die raffiniertesten Kriegsmittel zur Anwendung bringt. Jesaias war,demnach kein Kulturtheoretiker denn er schließt den. Krieg von der Kultur aus. Der Krieg zeigt uns also nach Jesaias den! Kultnrpropheten, einen recht traurigen Tiefstand der Kultur beiallen Völkern, da, sie ohne grausame -Tötung ihrer Mitznenschen nicht miteinander ser- -tijg werden können und wir erleben vielleicht die Tragikomödie, daß der Friedenspalast in! Haag!nit Verwundeten und Verstümmelten belegt wird. Ich belauschte jüngst das Gespräch zweier -Krieger, dije für kurze Zeit vom/ Morden und Sengen ins Hmterland zurückkehrten. Der eine ׳ein Jn,san׳t>evist Hub an zu erzählen, wie arg ׳es ihnen der FeHstd zugesetzt, wie sicher fein Feuer gewesen und die große Anzahl!der Schüsse in der Minute — der andere ein Kanonier meinte, daß sei׳ -gar nichts und entwickelte die Vorzüge seiner Waffe gegen die des Feindes. Ich konMe ein Schaudern nicht unterdrücken —!aber der Schlußsatz des Kanoniers rüttelte! mich auf, er lautet: ״Du hättest die Senegaline,ger Weßen sehen müssei! — die. treffen gar nicht — gehen bloß wütend blind rein — das sind!ja kulturlose Völker — bei uns ist je׳,der Artillerist ein Mathematiker — Ällso auch ein Kulturtheoretiker, wa׳hrscheinli.ch auch ein Rasseo-loge. Daun sah ich eine Waffe — ein Bajonett das!au der einen Seite eine Schneide an der anderen ei!ue 1V2 cm breite Säge hat. — Es kann damit ein starker Bann! gesägt und geschnitten!verden! Diese Waffe wird von'jenem Volk!geführt, das uns die Rasseologcn gab. —Sie behaupten die jüdische Rasse sei kulturell minderartig, aber sie bleiben, die Definition« für Kultur schuldig. — Der Krieg mit seinen!nanu!׳Machen Folterwergzeugen hat uns nun Klarheit gebracht nnd zeigt uns die Jesaias-Kultnr in vollen! Licht — er bringt uns das Erwachen der Bestie in allen Menschen ohne Nassenunterschied — Siedendes Oel Sägebajouette, Dnm-Dnm Geschosse Bomben und Flammenwerfer und wie sie alle heißen die modernen Waffen, Errungenschaften moderner Kultur — die Nasseunuterschiede haben aufgehört und wogen der wahren Kultur verweist uns der Krieg auf die Bibel auf Jesaias und auf die ganze talmudische und rabbinische Literatur. Die Völker erlösende!! Nationen zeigen uns die Tierähnlichkeit der Menschen aber iiicht die Jesaimnische Men scheu äbn'lichkei-t der Tiere. Sie bringen uns wohl dem Tiere näher und die von Jesaias ausgestellte Gottähnlichkeit der Menschen und Menschenähnlichkeit der Tiere ist!nit den rohen Instinkten der Menschen zu schänden geworden — das von uns als finster be zeichnete Mittelalter beschän!t das Zeitalter der Humanität. Die Kultur!verte der Bibel sind durch ewige, unabänderliche Gesetze sestgelogt. Sie unterliegen nicht der jeweilige!! Strömn'ng und «dem! Wechsel der Zeiten. Der Dekalog in erster Linie ist!nicht ein Volkssondern ein Völkergesetz, daß von keiner Zeit und keinen! Systen! um- ,gestoßen lverden kainin׳. Sein göttlicher Ursprung ist in der Natur begründet. Ethik mit breiter sozialer Grundlage ist der Grund auf dem alle Gesetze der Bibel und des Talmud beruhen. Man nenne!nir auch!nur.ei.n Gesetz darin, an das nicht der Maßstab der Ethik angelegt werden könnte. So ist die Bibel nicht das Gesetzbuch eines Volkos sondern ein. -Gesetzbuch -aller Völker geworden. Der sich streng au ihre Gesetze hält hat die höchste Kultur. Einen der größten Kulturwerte hat uns die Bibel -in! Sabbathgesetz gegeben. ״Sechs Tage sollst du arbeiten und am siebenten ruhen". In diesen! Satz sind 2 Kulinrwerte enthalten. Arbeit und Ruhe, dar ewig auf einander folgende Wjechsel im Leben der Menschen, Tiere und Pflanzen — der Kreislauf der Natur. Deshalb hält die Bibot den Sabbath so hoch und die ganze hebräische Literatur hat ihnzum Haupt und Leitmotiv des Lebens -erhoben. Wer den Sabbath entweiht, stellt sich außerhalb der Gesetze und ist als Abtrünn'iger zu betrachten sagen die Weisen. Die Bibel bringt Gott den Ruhelosen als Beispiel für den Sabbath— sie spricht von Gott dem umfaßbaren Wesen, daß Er arbeitet und ruht. Sie fordert -den Menschen aus es Ihn!, den! Alterhöchsten nach zu tun. Arbeite wie Gott, und ruhe wie Gott. So hat der Ruhetag! — der Sabbath — sollst nicht stehlen, du sollst nicht!norden, du sollst nicht ehebrechen. So!!!!beidingt diese Verbotezur Erbaltnng einer sozialen Ordnung, ,nötig sind — so wichtig sind die Gebote von Arbeit ltiib Ruhe. Jenes Volk, das diese Gebote befolgt bezeichiren die Nassentheoretiker als kulturell minderwertig. Sie vergessen, daß an all den von ihnen gepriesenen hochstehenden Kulturen wie zum Beispiel des deutschen, französischen nnd englischeu Volkes, Juden in einschneidender Weise ihren Anteil haben. Der von der Vertiefung in der Religionswissenschaft -geschärfte iüdi'sche Geist nimmt überall, in allen Ländern in, hervorragender Weise teil an den Errungenschaften der neuen Zeit nnd an dem, was die Herren mit Kultur bezeichnen, während vieles von dem Geschaffenen nach dein! wahren Begriff von Kultur nicht erstrebenswert genannt werden kann und die Juden, lvelche dabei Dienste leiste!! nicht -im Sinne der Bibel 1t1u׳b des Talmud tätig sind. — Sie können also von einer Volksknltur wie etwa vom-der Kultur der alten Chinesen nicht sprechen, so wenig inan die Inden von der Kulturarbeit der einzelneu Völker ausschließen kann. Sie — die Nasseantisemiten —- müssen also von! schädlichen Einfl ns; der Inden auf die Kultur des Staates •p dessen Mitte sie leben, reden. Bei der Berührung der heutigen Völker — bei den Verkehrsmittel!׳.!, welche die einzelnen Völker miteinander verbinden ist Wohl eine Scheidung, von deutscher, französischer, italienischer oder englischer Kultur nicht zu begründen. misler -alten SynnWgd schluchzend betet für Weib und Kind, -,Men jetzt vielleicht ein Pogrom droht. Ein ganz junger nnssischer Soldat betet von den anderen abgesondert ln einer stillen dunklen Ecke; stiller, leiser als die übrigen summt er seine Tfilo. Er steht schon, stundenlang gebeugt über sein Buch, das von den Tränen nicht mehr zu blättern ist. Blätter, Buchstaben und Tränen sind ineinander geschui-olzen. Er hat noch im!!!!er nicht jagten und' Zertretenen diesies furchtbaren Weltkrjeges. Grund genug' zum Weinen, Klagen, Beten und Fasten. Ist es doch gar nicht so lange her, daß sie -heimatlos herumirrte!! und verzweifelnd glaubten, nie mehr eine Ruhestätte zu finden, daß .altes zugrunde! gehe und zu Ende sei-. Sie hatten kein Ziel, dem sie zustrebten, sie wußten nicht, wohin sie der Feind Peitsche. Nur eine schwarze mix 1 uwu'MMt u. k *jvu׳ uvuj imuun *VV7MV \'׳* ~ ךv ov > •»׳*י Tv‘'r'r’ ... gon-ug ,geweint N!!H, blickt noch inttnor hinein Ms Gewißheit stand drohend vor ihnen, daß alles- Buch, das * Klint eil brennenden Schmerz i,u sich j was sie hatten, was ihre Welt bedeutete zusamans sangt. Weiß Gott für wen er betet? Was er beklagt? Die blasse Mutter? Dieblühende Braut? Das knospende.Kind? Neben ihn! betet mit heiseren! Tone ein vierzigjähriger znsammengishroche ne r Russe. Er meint nnd reißt sich verzweifelt den Bart. Und alle weinen teilnahmsvoll mit ihm. Die übrigen alle, Oesterrleicher, Ungarn und Deutsck-e beten!nit!dien! gerneinsa-meu Gegner vereint zun! gen! eins amen himmlischen Vater. Und die eiinztgartilge ״andächtige Gemeinde" bietet eine!! Anblick, tvie er ergreifender n>n>d Packender im Leben nimmer wiederkchrt. Diese Männer, Wei'her rmd Kinder von der!!!engestürzt!md zertrünunert sei. Ihr Fuß verlor den festen Boden, ihr Kopf das schützende Dach;!!!!׳an raubte ihnen die Luft, um sie dann wie -eine Herde ׳in! die Nacht zu jagen. Die schmerzhafte Erinnerung dieser bitteren Wanderung schluchzt da zwischen den flackernd zitternden Jomkippurkerzen; der Schreck der in Gedanken!durchlebten Vergangenheit keucht ans der betenden Brust und weint in der heiligen Andacht, daß Gott, der Allerbarmer diese furchtbar schwarze Zeit nicht wiedevbringe. Es zittert und bebt das jauchzende Dandgebet, daß Er diese Schauerta,ge gnädiglich beendete. Ein heiße' Wünschen vereint die׳ von! Fieberschauer geschnt- Die Sukah. Nur Hütten bewohne, O! Israels Sohn, Nicht Prnnkpaläste Und Prachtsalon- Nur Hütten bewohne, Nur dürftige Klans, Du hast keine Erde, Zn bauen ein Haus — Nur Stätten des Wand'rers - Zerlegbares Zelt — Der morgen schon weiter Durchstreifet die Welt. Doch!!!׳!.!!::!! in die Hütte Auch Frucht hinein Von Zions Gebirge Und Palmenhain. Sie wecke in! Herzen Den Hofsnungskeim: Dort hast du doch Erde, Dort gründe dein Hein!! El. Lader. Rosalie Reich. Gallerie waren alle noch gesterln landflüchtig, telte Ge!ne!nde der Beter, die Ungarn,Deutsche, heimatlos. Sie irrten verzweifelt Monate hin- Oesterreicher und Russen, ein inniges heiliges d-uvch aus der Landstraße herum; sie wui-den ans Sehnen, daß das blutige Gewitter, dieser schauden Häusern gejagt, mit Peitschen aus -den warerlichste aller Weltenstünne endlich und wirklich ,!nen Betten getrieben und hinaus auf d. Lemheranfhören möge. ׳ ger Landstraße geworfen. Ans ihrem Rücken tvn-. Die aus -der Abgrundtiefe emporsteigenden gen sie ihr Hab; Ihr gestempelter Kaftan jvurde.Herzensgebete, die wahren Schmerzenschreie der von Kosaken zerschlissen und ihr leidendes An-t-!gedrückten!!. genmrterten Menschenhüllen haben litz grub der Krieg die Furchen der tiefsten Ver-siimr dieses Ziel. Darum weinten alle Beten in zlveislnng. Die jetzt hier -inder sechshwnidertjäh-!den dunklen Hallen der heimnisvoll verklärt rigen Synagoge beten, sind alle die Gehetzten, Ge-'schimmerten alten Synac - ge zu Przemisl. Den Frommen braucht man keiae^Deaksteine z setzen; ihre Taten sind ihre Denkmüler. ■־־־ . In den Selichothtagen ist Frau Rosalie Reich aus Bnchlvlvitz, nach länMvor Krankheit verschieden. Die Verstorbene erfreute sich ob ihrer Herzensgiite und Frölnmigreit allgemeiner Beliebtheit. Woltnn-, anderen Hilfe leisten, Träne!! zu trocknen, verschä!nte Anne zn stützen, Unglücklichen belzuftehen, Fron!me Werke zu üben, betrachtete sie als ihre heiligste Aufgabe. Sie war ein jüdisches Biederweib in! wahrsten Sinne des Wortes. Erfüllt von wahrhafter Frömmigkeit, betätigte sie!nit Peinlicher Genauigkeit inihren! Hause alle Satzungen des Judentums. Den! Wunsche der Verblichenen entsprechend, wurde sie nach Bisenz ükeirführt, um ander Seite ihres -ihr im Tode vorangegau,genen Gatten zur׳ ewigen Ruhe gebettet zu lverden. In der Zeremonien- Halle schilderte Herr Rabbiner Dr. Hoff!nit zu Herzen gehenden Worten deren rühm lichen Eigenschäftend pries sie als ״esches!hajil" u,!!id hob ihre Verdienste um Hans und Familie hervor. Die Tranergesänge erekntierte Oberkantor I. Lew!- tin in würdiger Weise. Ehre ihrem Andenken.