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Jüdische Volksstimme · 1916-10-11 · Heft 18 (11.10.1916) · page 1

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XVII (1916)
Issue
Heft 18 (11.10.1916)
Date
1916-10-11
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Javra. m. Nummer 18. Mdislhe DglksMm. ver «-»preise: Für Oesterreich-Ungarn, halbjährig . Kronen 6*20 ganzjährig. . Kronen 12•— Deutschland, ganzjährig. Rußland, ganzjährig ...... Bauan, Frankreich. . Mark 12 — —׳16 Rubel . . Frank» 4•— --—r Redaktion: Wie» VIII. Lerchengaff« 6 a. Redaktion und Administration: Brünn, Adlergaffe 9. Buchhändlerische Vertretung: Ott» Klemm, Leipzig. Inserate: die vspaltige Petitzeile 90 k. Unverlangte redaktionelle Beiträge werden nicht honoriert. — Manuskripten ist Rückporto beizufügen. Wien—Budapest. Brünn, ^1« Prag—Lemberg. Krieg, Kultur, Sabbath. Voll David Kohn, ,a־faib׳. M!o!ler, Wien. (Ans Hickls ״Indischer Volkskolendrr 1616-17.) -Denn! Kriege׳!eii-ne Alte Sei.be abgewinnen! Kann map nwttcn ton Jammer der Völker in so nnsagbarenl namenlosen Elend!, beim Hören Md Sehen vollso vielfältigen Elend, von Segen sprechen? Und doch! Wo so viel Schatten, da lnnß auch eine Lichtqn,elle sein. Von ihr gehen Strahlen ans, die grell inPie fin»stevn Gänge, wo Unwissenheit -und Hatz herrschen, hineinleuchten. Wohl fein Trost für die! tansende Witwen und Waisen, fiir all die Jammergestalten, die Hab u!lld Gut verloren haben nnÖ zum Wanderstob greifen mußten, fiir all die Kroiniken und Siechen. Gesch)neige denn- .djaß dies,e>r Gewilim all Licht di-ese Opfer aufzuwiegen iilNstande wäre. Davon soll nicht die Rode sein. Die Geschichte kümmert sich nicht nur derlei Dinge — sie kennt Leine Gefühle — sie schreitet über Laichen, sie hört niicht Klagen und Stöhnien. Sie hat Aeichgiltilg die Tränen.der dem Moloch gelveihten Opfer, das Wimmern der von den Griechen und Römeril ansgesetzten Kinder gesehell. Sie geht unhoknmmert ihren Wieg weiter ,und zeigt uns setzt nebelt aller erdenklicher Gransamkeit der Völker,!eine Umwertung auf alleil Gebietell, llebell der aller Zivilisation Hohn sprechendeir Entartung menschlicher Gefühle, die Erkenntnis der wahren Kultur — sie zeigt uns,!)Ms durch Jahrhunderte fortgesetzter Haß zu zeit-igen inlstan.de -ist, setzt, nachdelll! die Begriffe ge- Feuilleton Kol-nidre-Abend im befreiten Przemysl. Es ist siechs Uhr Abellds. Dunkle Schatten schleichen gespensterhaft durch das Przemi.ster Ghetto. Die festlich geklieidete Menge wogt wtomnelnd durch die Ullea Berkovica ulld Uli ca Vaska -nild!die übrigen engeil dmllpfen Judengäßchen des Ghettos, um sich in die Serbanska-- gassv, wo die sechshundertjöhvige Synagoge steht, hiiAillAllstotzen. Vor delll Gotteshaus st!oht eng anrillallloergoproht, d Abschied nehmenden Paare Schtuchzellde Fraiuen, gebeugte Greise, ergriffene Soldaten und bärtige Krieger drücken sich die Hände, seufzen tief, blickeil sich mit einem, innigeil stummen Scheidegrnß in die Augen und drängell durch diie enge Pforte des Witilgen Heims, wo dtls größte Ast inheiliger Andacht begillilwn und mit Ibjeu wunderbar in die Seele dvingellden Ackorde des Kolnidve e-ingel!e!itet werden wird. letzt endlich dürfen auch die Przemysler Inden ihren heiligeil Tag t!m!eigenen Gottes- Haus fe-ijerll. Noch vor kurzem wllrden sie alle aus der Stadt!gejagt. Von. den 20.000 Seelen ließen die Russell feinte einzige in der Heimat. Wie l-errenloses Gut wuchsen sie gepeiischt nild gejagt. Von der Landstraße nach Lemberg und Volk dort ins finstere Ungewisse, Gott war barm- .herzig. Sie kamen wieder l-ei-nl. Jetzt können sje weinen Ulljd beten an gewohnt geweihter Stätte. Ulld sie weinen und beten wie! noch nie läutert -und geklärt worden sind. Sie zeigt nn»s, Wohin!gewissenlose, von Haß geblendete Führer, mit ihren Schlagworten die sie in die Massen schleudern, die Völker bringen konnten. Wir erkennen die Führer i-n ihrer wahren Gestalt und nlüssen es!erfahren, -daß ihre Lehren!llichts als bloße Phrasen, k\\ Haß und Unduldsamkeit getränkt sind. Sie find entlarvt -und )verden fürder- Hill die Menge nicht mehr betöreil. Das ist di-e Hoffnung, die aus di!es!e!ll Völker nl0r.d>enden Krieg schimmert. Ich greife, da ich mich ans diesen engen der voll, rohen Jnsti!n.kten beherrschten Parteien Raum be>schrän!ke1l m-nß, nnr zwei Schlagwo-rte heraus: Kultur und Rasse. Die Rassentheorie beschäftigt sich -tMlpt-fächlich mit der Kultur. Den Rassenthooretikern fehlt jedoch jedwede wifsellschnftliche Gvlliildlage — d!oher auch jed!e objektive Urteilskraft. Die Kultur- ׳und» 3tassentheoreti!ker -richteil ihre Ulljgviffe gerade gegell j!en!es Volk, das!die wahre Kultur in die Welt getragen, gegen jenes Volk, bas in sein,er Geschichte den breitesten Stande Punkt dngenonifmen,!das eine M enschengoschichte geschrieben und koille?Lassenmltierschivde konnte. Gegell jenes Volk, im!dessen zuill Gemeingut aller Menschen gewordenen Bibel der Satz eirthalten ist: ״Mir gehöreil alle Völker". Dieses Volk der Bibel bildet die Zielscheibe 1l.a!ch der die Pseudogeliehnten unter delll Schlagwort Rasse i!hre i׳n> Haß getauchten Pfeile richten. Mit »der ״Nassentheorie" haben sie die Völker gegeneinander gehetzt und die Menschheit zerklüftet. Es gibt keine Rassentheovie, die sich!amf natürlicher Grundlage aufbaut. Wirfönnen in der Natur nur zwischen Mensch und Tier Rassennntevschiede finden, vielleicht auch voll» einer Psl-onzuvor -ijn diesem! altersgrauen, sechshundertjöhrigen heiliigen Hans... Und imm!e!r neue Massen drällgell herein׳, immer neue Mengen schieben sich aus den dnnklen Wilnlkeln des Ghettos -hervor; Zerknirschte Krüpptel, bleiche Gestalten, dll-rchgc»ist,igt!e Greise iim ״Kittel und Talis" fomnieit fast schweb e!D durch die engen Gäilge des Tenlpjels, in dorn die langen weißen Kerzen eine illystische Helligkeit verbreiten. Jetzt ist das Gotteshaus überfüllt. Man kall.ilsich kaunr mehr bewegen. Es beginnt die Jornkippuranidacht iirt! ׳der Synagoge, wie ich sie noch nie erlebte. Beim, zitternden, bleichen Schein!der laugen Jomkippurkerzen schreit ei-ll weineilder Menschenwald nom tiefsten Sturm aufgetvühlt betend zu Gott elmpor. Es ist schreiendes Schluchzen uird Wimmern der Weisen, ein Gebet mit beispielloser Innigkeit. So könneu nur stnrmgepeitschte heinlatlos irrende Judeilseelen zu Gott enlpor)ve>in!en. Schneeweiße Greise mit wallendem Silberbart, von Ergriffenheit auf d»i!e Bank gedrückt, weinen iiliit geschlossenen Augellliederil- .und kon!vulsiv zuckenden Kövperbetoegluiqen m unartikulierten Lauten ihr Gebet, das alls gespannter Brust, abgerissen -und gedrückt in!der Luft schwebt. Jeder -betrauert einen Toten inl Kriege. Neben den alten Przem-isler Juden beten m»it gleicher Jmligkeit die Krieger. Helden •int Talis, M über!der Unifornl das woi-ße Sterbisgewcmd des Tages tragen. Gestern ftannbeu sie noch im Schützellgraben -und heute sind sie alle •im Gotteshaus« uni nlorgen wieder draußen zu seikl^ um zu stürmen und zu töten,״ oder leblos auf dem Wegrand zu verbluten...; zen- und Stoinrasse sprechen— aber der ml Ebenbilde Gottes!geschaffell!e Mensch bleibt bei alle!: Völkern׳, -in allen Farben, ein einheitliches W-efen. Und wen.n wir beirrt Studieren der Völker U.n-terschie»de klütureller dlakiz gewahr eil, so wvrdeil anls geografische!nnd ethnologische Stlldien die» Anlchwort dafür Mbell, warunl »das eine Volk!dem andevNl gegenübergestellt eiiile höherv oder tiere Kulturstufe eimnimmt. Das Knltnrthermom-eter wird von geografilschen-klinlatischen Verhältnissell -beeinflußt. Dev Kaukasier und der Afeger — bsi!de sind gleich Knltnrfähig ,l!»fid di-e bei Vergleichen auftvetenden Un.t>erschiede kn Kulturstansde -sind nicht an-theopologisch Kl! erklären, sondevlr sie häilgen mit >der Geografie zllsanlmen. Die großen Völker»wanderungen haben die Klllturen verschoben. W-ir fiinden Völker, »diie auf eine Kultur-Vergailgellheit znrückblickell. Z. B. die Chi!n»esell die heute i!nvielen Mziehrmgen Kulttl-rell tiefer steheird beWichnet werden. Boi solchen Studien feheil wir die Größe der Bibel,!die Größe» Israels inr volle!nl Licht. Nach dein bereits zitierten Satz hat Gott alle Völker der Erde als gleichwertig erachte!t, als gleichfähig dezeichnet die Thora zrr empfangen. Die Rassentheorie ist also nicht -in iblor Natur, begründet, sie -ist von- -Wahnwitz!gerr Menschen erfn-nden worden lim Zwiespalt zu säen und die Mellschell einander zu entfrenlden. Der Begriff: ״Äultuv" ist zuill Spielball geworden. Ein. einfaches Beispiel soll dies illustrieren. Ein alter Jude >ge.be!llgt von der Last se!i!!ler Jahve und dev physischeil — ein Hausierer — dabei ein großer Gelehrter, der noch des Tages harter Wanjderlni-g für jllnge Leute TalnlUd doeiert mld Vorträge hält wüilscht in• den Anialphabeten-Kurs aufgell0׳lllnlen Zll werden. Mit sei,nen Es ist fast -unbeigrMflich sonderbar •rmd doch so herzlergveifelld, Wie diese Heldeil -inr Talis sich ne!igend-.Üwegelld •die Bvlrst klopfell; wie der Trällenstronl ihr wetterhartes •Gesicht dlrrchfurcht und sie laut aufschreiend dite Wortje. des Vorbeters nachlallen, der mit )reich zi-tterndenl Toir •dgs gail-ze Haus -erfüllt.??!eben mlgarischen LElidstürnleril beteE deutsche Soldaten. Allerlei׳ Verlvlilldete und Krüppel!nl'urllreln- und schluchzen diehe!i>l!i-gen Gcibete zunl Hinlnlel. Mit hällgendein Arnl, verbulldelPnr Kopf, a!uf Krückell gelehnt, stehen diie Helden. Manchem fehlt ein, Fllh, Hein?luderendie Hand, ein dritter steht erblindet da und alle beten mit herzzerreißender Innigkeit und Melailcholü.׳׳. In einer ibnniflen Ecke steht bije Gruppe igefanMiier Russen, die nvit gleicher Leidenschaftlichkeit, schillerzdllrchbohrt beten wie die ungapi»- schell deutschell Kainteraden ... Ein Weinell, Schluchzen, Beten, erstickte Schurerzensschreile steigen aus der Gefallgenengvll-PPe zn»1n Hinunel. S»!p sind olle sllrchtbar betrübt. Der menschlich fühlende Konunandnnt gestattete!ihnen den Besuch ׳des Gottest>allses: ׳aber, was nützt das alles, wenil sie Wr so weit weit von ihren Liebeil dieseil l-eilijgeil Tclg verlebeil nlüssen. Sie wisseil n,icht, )vo ihr Wejib, wo das K!ijnd, wo das Heinl all. diestin furcht-barell Tage sein! kann? Irr Kiew? ojbdr Warschau? Jil!einer sibirischen Hütte oder Petersbllrger Vorstadtsynagoge? In Minsk ober weiß Gott )vo sonst, diese airnren nnmündigell, hilflos zu Gott aufwciiineil für den Vokn׳, den Gatten, den n!nglücklichen russischen Inden, tier jetzt m der Prze- Soeben erschienen! Hickls ^üd^Krieaskskaleu-cr

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