Mannheim
Compact Memory

Jüdische Volksstimme · 1916-09-07 · Heft 14 (7.9.1916) · page 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XVII (1916)
Issue
Heft 14 (7.9.1916)
Date
1916-09-07
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2621806-2621974-2621988--3475-2624672
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

«ML Nr. 14. {:!ז׳ י V ); v: :■■■׳ ־ ״׳־־ ־ ־,־ ״Mische BolkSstimme" in moderner Richtung und ohne seine Eigenart zu verlieren entwickeln! könnte. Welche weiteren Zerstörungen diese auflösenden Kräfte!noch in der homogenen Judenheit während der nächsten oder der zwei nächsten Generationen angerichtet hätten, wird niemand erfahren: denn jetzt wird der große Krieg ihr Werk beschleuniigen. Es ist noch zu früh, auch nur annähernd den Einfluß des Krieges auf die gro- «tzen jüdischen Zentren, wo er zum Teil geführt wird, abzuschätzen, aber es ist schon klar, daß er dein großen Reservoir jüdischer Kraft durch Jahrhunderte einen zerschmetternden Schlag versetzen wird. So läßt׳ der Krieg das jüdische Pro-- bleml in einer tragischen Deutlichkeit vortreten. Nicht bloß sind Hunderttausende von Juden in «heimatlose Wanderer verwandelt worden, den Verheerungen der Krankheiten und des Hungers ׳ausgesetzt und nur mit der schwächsten Aussicht, jemals die früheren ökonomisch ,geordneten Verhältnisse wieder zu erreichen. Das ist der äußere Anblick des jüdischen Beitrages zur Geschichte der Kriegsleiden, und der ist entsetzlich genug, imn Aufmerksamkeit zu erregen, selbst im; einer Zeit, wo Schrecken durch die Welt schreitet. Aber die innere Seite der Tragödie und die für das jüdische Volk noch fürchterlich bedeutsamere!ist die Vernichtung der Heimstätten jüdischen Lebens und jüdischer Gelehrsamkeit, die Zersplitterung des sozialen Organismus, der trotz seinem, Mangel an Freiheit und materieller und politischer Kraft am vollständigsten das Vitale und .Dauerndo im Charakter und in den Idealen des jüdischen Volkes zum Ausdruck brachte. Die :8etftörunifl, die der Krieg den Juden in. Polen gebracht hat, ist mit dev Vernichtung Jerusalems durch die Römer verglichen worden, und der Vergleich ist durchaus nicht Phantastisch. Denn der furchtbare Schlag trifft außer den Einzelnen auch das Herz der Nation. Für eine oberflächliche Betrachtung freilich könnte es aussehen, als ob die Bedeutung der jüdischen Kolonien auf dem östlichen Kriegsschau- Platz für das Gesamtjudentum hier übertrieben worden sei..Zugegeben, könnte man sagen, daß die Leiden der polnischen Juden gewaltig sind, zugegeben sogar, daß der Schaden nicht wieder gutzumachen sein wird, und daß das jüdische Volk wirklich für immer eine seiner vornehmsten Kraftquellen verloren hat, so sind doch die jüdischeu Ansiedelungen im Westen immer noch da, und ihnen stehen viel größere materielle Hilfsjmittel sowie unendlich viel!ausgedehntere Politische Möglichkeiten zur VLrfügung, als jemals die russischen und polnischen Inden besaßen oder «erwarten durften. Ist es nicht in der Tat, könnte man fragen, eine bedeutende Quelle der Stärke für das jüdische Volk, daß es nicht ״alle seine Eier in einen Korb gelegt hat", so daß die Er- Haltung des Volkes als ein Ganzes nicht vc»ndem Schicksal!einer einzelnen Gruppe bedingt ist, mag dieselbe im übrigen noch so groß und bodeutend sein?. Die Frage ist natürlich genug; aber in der Tat machen die Bedingungen, unter welchen die Juden im Westen leben, es ihren Gemeinden unuijöglich, . den: Gesamtjudentum die Dienste zu leisten, die bisher vor den jüdischen Kolonien in Osteuropa geleistet wurden, — trotz ihrer unbedingten Ueberlegenheit an politischer Freiheit, an. ökonomischer Stabilität, an Ueb-eroinstimmung mit den Forderungen der modernen.Kultnr. Denn eine Folge der Politischen und sozialen Emanzipation der Juden im Westen ist die Auf- Hebung ihres Solidaritätsgefühls geworden. Sie haben das Recht erreicht!am Leben der modernen Nationen Anteil zu nehmen, nicht als eine uationale oder subnationale Gruppe, sondern als Individuen. Freilich, dis verschiedenen jüdischen Gemeinden sind immer noch um ihre Synagogen und übrigen Institutionen, hauptsächlich Philantropischen Charakters, gruppiert. ״Judentum", als ein religiöses System aufgefaßt, tritt an die .Stelle des Gefühls von Angehörigkeit zum jüdi- ,scheu Volke mit seinen Uoberlieferungen und Idealen. Aber vom Gesichtspunkte der jüdischen Solidarität ist der Ersatz schmerzlich unzulLnglich, und seine Unzulänglichkeit wird mit jeder Generation auffallender. Einerseits spielen die Kuktur und die Interessen des Staates, in dem er lebt, eine immer wachsende Nolle i!m inneren Leben des einzelnen Juden und beschränken im-!!!er enger das Gebiet der Betätigung, durch die sein Judentum sich äußert; und andererseits wird die Auffassung dessen, lvas es bedeutet Jude zu sein, immer unklarer, unsicherer aus Mangel au einer konkreten Verkörperlichung jüdischen Lebens, tvelche als leitende Norm dienen könnte. Infolgedessen geht die natürliche Entwickelung des emanzipierten Juden durch Assimilation, zun! vollständigen Aufgehen in die Ulngebung. Dieser Prozeß würde!noch schneller bis zu seinem logischen Ende verlausen, wenn er nicht durch den Antisemitismus aufgehalten würde. Denn wie vollständig ernst und in mancher Be- Ziehung erfolgreich die Bemühungen des emanzipierten Juden sich seiner Umgebung zu assimi-!iieren sein mögen, sie täuschen niemanden anders als ihn selbst. Die ganze außerordentliche Loyalitüt des emanzipierten Juden zu seinem Lande, seine tätige Hingabe an dessen Ideale und Interessen ist unantastbar. Nichtdestoweniger fühlt ihn die umgebende Welt als etwas verschiedenes, immer noch als einen Fremden, und den: Maße seiner Erfolge und Bedeutung auf den verschiedenen Wegen, die ihm offen stehen, kommt im Allgemeinen das Maß des Widerwillens und Mißtrauens, die ihm begegnen, gleich. So gehen die Erscheinungen ,der Assimilation und des Antisemitismus nebeneinander einher, und die Lage des enmnzipierten Juden ist, obwohl er es selbst nicht sieht, sogar tragischer als die seines unterdrückten Bruders. . Es ist mithin klar, daß die Existenz materiell gut situierter jüdischer Gem!eindeu im Westen kein Gegengewicht darbietet gegen die Zerstörung eines großen jüdischen Zentrums in Osteuropa. Die Wahrheit ist, daß die Tatsachen der jüdischen Lage, im Westen wie im Osten, richtig betrachtet .auf dieselbe verhängnisvolle Quelle der Schwäche im jüdischen Kampfe um das Dasein hindeute!!: auf den Mangel einer festen Heimstätte, wo das jüdische Volk leben .und sich entwickeln könnte und zwar in den von seinem eigenen nationale!: Charakter und den eigenen nationalen Idealen bestimmten Richtungen. Wieder das Zusammen- ,Pressen!großer Massen von Juden in die Ghetti ,noch die Anerkennung des Rechtes der einzelnen Juden als freie ,׳iiijenschliche Wesen außerhalb der Ghetti zu leben, kann dem jüdischen Volke eine solche Heimat ersetzen. Diese Wahrheit, welche die Geschichte des Judentums in! 19. Iah rhu ndort einleuchtend gernacht hat, wird durch die Ereignisse des großen Krieges noch schärfer hervorgehoben. An dieses zentrale Prob len! — die Heimatlosigkeit des jüdischen Volkes — knüpft der Zionismus'an. Sein wesentliches Merkrual ist, daß!er das Problem als ei,u -nationales betrachtet, nicht als ein Problem dieser oder jener Gruppe einzelner Juden. Und sein Zweck ist, die Bedingungen, die das Pöble!!! akut ׳machen, aufzuheden, nicht hie u. da vorläufige Abhilfe zu leisten. Denn so lange die Bedingungen bleiben, muß das Problem immer wieder sich geltend machen. So lange das jüdische Volk ohne eine .Heimstütte bleibt, wird ihn! in!mer wieder dieselbe Alternative gestellt werden: entweder ein krampf- Haftes, verkrüppeltes, dürftiges Leben in den Ghetti oder langsamer Verfall und Verderben unter der Emanzipation. Aber für das jüdische Volk eine Heimstätte zu finden heißt nicht alle Juden in einem Ort zu versammeln. Das ist augenscheinlich unmöglich, auch wenn es wünschenswert gewesen wäre. Die Millionen der ofteuropäischen Juden könnten nicht durch eine!! Schlag mit der Zauberrute in ein jüdisches Land versetzt werden, und jede allmähliche Auswanderung wird mehr oder weniger durch das natürliche Wachst!!!!! der Bevölkerung ausgewogen. Die Politischen und ökonomischen Probleme der osteuropäischen Juden müss enihre Lösung finde!! in den Ländern wo sie sich aufhalten, — wenigstens was die große Masse betrifft. Em!anzipierte Juden wiederum stad meistenteils nicht geneigt die Länder, die sie ausgenommen haben, zu verlassen. In materieller Beziehung sind sie Wohl aufgehoben, wo sie sind, und es wird nur eine Minorität geben, in der das jüdische Bewußtsei-n stark genug sein wird um sie zum ei geneu Volke zurückzurufen. Aber Vom Osten und Westen zusammen wird-es eine genügende Zahl von Jdden geben, die — sobald die Möglichkeit vorhanden ist — mit Eifer helfen werden die Fundamente eines neuen jüdischen Lebens in dnen< jüdischen Lande zu legen. Di.׳ Aufgabe des Zionismus ist es, diese Möglichkeit zu schaffen. Was das Land betrifft, kann! es Leinen Zweifel geben, daß es das jüdische Land sein muß. Von all den Ländern, wo die Juden während der ganzen Zeit ihrer langen Schichte an gesiedeltwaren, hat Palistina allein einen dauernden Platz in ihrer notiovalen Tradition. In Palästina haben die Juden als Nation gelebt und die schönsten Früchte ihres Geistes geschaffen. Die Erinnerung an und die Hoffnung auf Palästina haben sich in das nationale Bewußtsein des jüdischen Volkes durch all die Jahrhunderte des Exils hineingeflochten und gehörten zn den mächtigsten der für die Erhaltung des Judentums und der Judenheit wirkenden Kräfte. Die Aufgäbe des Zionismus mithin ist eine Heimstätte für das jüdische Volk in Palästina zn schaffen und cs einer großen Anzahl von Inden zu ermöglichen sich dort anzusiedeln und unter solchen Bedingungen zu lebe!!, daß sie eine Lebensforn!, die den! Charakter und den Idealen des jüdischen Volkes entspricht, schaffen könne!!. Wenn, das Ziel des Zionismus erreicht sein! wird, wird Palästina die Heimat des jüdischen Volkes sein, — nicht weil es alle Juden der Welt umfassen wird, sondern!ve.il es dereinzige Ort in der Wlelt sein wird, wo Juden selbst,die Herren ihres Schicksals sind, und weil es das nationale Zentrum sein wird, zu welchen alle Juden Hinsehen werde!! als zur Heimat uud Quelle alles des. reinsten jüdischeu Wesens. Palästina wird das Land sein, wo Inden zu finden sind, genau so wie Irland das Land ist, wo Ire!! zu finden sin,di obwohl es!!!,ehr Iren außerhalb als innerhalb des Landes gibt. Und dementsprechend wird Palästina die Heimat des Judentums sein., nicht weil ,es sonst nirgends Judentum geben wird, sondern. weil in Palästina der jüdische Geist freie!! Spielraum haben wird, und weil dort jüdische Art und jüdischer Charakter zum Ausdruck kommen werden wie sonst.nirgends möglich ist. Was der Zionismus schon zur Erreichung seines Zieles geschaffen hat ist aus den folgende!! Seiten dieses Buches skizziert. Die Erfolge überblickend dürfen wir sagen, daß, unter den! direkten oder inbkcftcn Einfluß der Bewegung, in Palästina die Anfänge eines euen jüdischen Lebens emporgewachsen sind, — kleine Anfänge Vorläufig aber voll Verheißung für die Zukunft. In Palästina sind heute Juden ansäßig, i׳n, Städten und auf Boden, wo das,nationale Bewustsei«!! ein jüdisches ist und. die, Sprache Hebräisch. Das Ideal der Rückkehr nach Palästina als der Heimstätte des jüdischen Volkes fängt an kontrete Form anzunehmen. Und gleichzeitig mit — und teilweise infolge — dieser Entwickelung hat sich eine Aienderung i׳n der inneren Struktur der Judenheit und, in Zusammenhang damit, in seinen Aussichten für die Zukunft vollzogen, eine Aenderung die von denen, die mit jüdischen Angelegenheiten Fühlung haben eher empfunden als durch Tatsachen und Zahle!! gemessen werden kann. Dieser Wände wird am deutlichsten durch das Wachstum der Zionistischen Organisation selbst illustriert, mit ihren 200.000 Anhänger!! in allen Teilen der Welt, ihren zweijährlichen repräsentativen Kongressen, ihrem Netz von finanziellen Institutionen, ihrer Presse in vielen Sprachen und ihrer unaufhaltsamen Propa- ,ganda durch Schrift und Rede. Und außerhalb der zionistischen Organisation ist der ׳nationale Gedanke in Kreise des jüdi schen Lebens ein gedrugen, wo un! eie Generation früher die Velvegung in der Richtung zur Assimilation die einzig sichtbare Regung war, und sein Einfluß wird wachsen!!!it'dem Fortschritt seiner Verkörperlichung in Palästina. Mit der Entwickelung dieser embryonalen Siedelung zu einer ausgewachsenen selbstbewusst ten nationalen Gruppe, wird das jüdische Probleu! in ein neues Stadium ein,treten. Es soll nicht behauptet werden, daß die ״Wiedergabe Palästinas an das jüdische Volk" gleich allen Üebeln, die das Indent!!!!! geerbt hat, ein Ende machen wird, oder wie durch ein Wunder, alle Probleme die durch die Existenz des jüdischen Volkes den Juden und der Wielt entstehen lösen wird. Ein Mann, der aus dem Triebsande gerettot worden ist,!nag immer noch einen harten Kampf um das Dasein vor sich haben, aber wenigstens steht er auf festen Boden mch kam! seine geistigen und Physischen Kräfte ausnütze!!. So wird es mit den! jüdischen Volke sein. Wieder auf festen Boden aufgerichtet wird es in! Stande sein iesnen Kampf für sein Leben und seine Ent- Wickelung zu kämpfen und nicht eine Energie ans das unfruchtbare Schnappen und Herumtappen eines ertrinkenden vergeuden. Die Gechichte bestätigt den Glauben jedes bewußten Juden, daß Ms Streben seines Volkes -nach der vollen Selbstentfaltung für die Menschheit voll V0W Vorteil sein wird in ihrem Fortschveiten zu immer höhe- I

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.