Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XVII (1916)
- Issue
- Heft 14 (7.9.1916)
- Date
- 1916-09-07
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Skadra. XVB. Nummer 14. m-—— - Verussyretfe: Für Oesterreich-Ungarn, halbjährig . Kronen 6-20 ganzjährig . ..Kronen 12•— Deutschland, ganzjährig ...... Mark 12 — Rußland, ganzjährig ....... Rubel 16׳— Balkan, Frankreich Frank» 4•— »- Redaktion: Wien VIII. Lerchengaffe 6 a. immr. n Redaktion und Administration: Brünn, Adlergaffe 9. Buchhändlerische Vertretung: Otto Klemm, Leipzig. Inserate: die kspaltige Petitzeile 90 h. Unverlangte redaktionelle Beiträge werden nicht honoriert. — Manuskripten ist Rückporto beizufügen. Wien—Budapest. Brünn, Prag—Lemberg. Hickls Jüdischer Ms - Mmki 15. Jahrg. Preis K 250־. dem Problem gegenüber, eine Form eigener Aus dem Inhalte. Benedikt Clothilde: Die jüd. Frau int Kriege. Fenchtwang D. Judenschicksal. Dr. Max Grunwald: Die Hilfskommission 1916 für Palästina. Frankfurter Dr. A. Die k. 11. k. isr. Militär seelsorge in Wien. Grünwald Malwine: Elegie Gedicht. Günzig Dr. I.: Kalendarium Kohn David: Krieg — Kultur — Sabbath. Kurrein, Dr.Ad. Prof. Rabbi Jehuda hachassid. Kuhmerkcr Cäcilie: Waisen. Müller Anitta Wien. Mein Beistand für die Flüchtlinge. Porges Friedr. Sinkende Somte. Scherlag Marek: Flüchtlinge. Schreiber, Dr. Heinr. Die Wiener Kultusge meinde u. die Fürsorge für die Flüchtlinge. Stand Adolf: David Wplffsohn. Tag Bernard: Das Judentmim u. der Weltkrieg Illustrationen. für gefallene jüd. Soldaten. Jüdischer Buch- und Kunstverlag Brünn, Adlergasse Nr. 9. Der Zionismus und das jüd. Problem. Von, Dr. CH. W!eizmann. Das sogenannte jüdische Problems erscheint in verschiedener Gestalt in den verschiedenen Lüttdenn. Sobald wir aber durch die obere Schicht .zufälliger und vorübergehender Erscheinungen in, :das Problem hiuoi-ndringen, tritt es in seiner Reinheit hervor: es gilt einer nationalen Gruppe die sich von ältesten Zelten her erhallen hat, ohne die gewöhnlichen Merkmale einer Nationalität gu besitzen, in der modernen Welt einen Platz auztüveisen. Es trifft diieses zu, gleichgiltig ob man die Frage von innen oder von außen detrachtH vom Gesichtspunkt des Juden oder von dem, der Welt. Die moderne Welt stellt den Juden Existenz ohne die Stützen territorialer Souveränität und Politischer Einrichtungen zu finden; und der Jude stellt die moderne Welt dem Probleut gegenüber, ihm einen Platz in ihrem gesellschaftlichen Bau herauszufiuden, der es ihn ,er־ möglicht, als ein menschliches Wesen zu leben, — ohne von ihm zu verlangen,!daß er aufhöre Jude zu sein. In, beiden Fällen erhält das Probleut seinen besonderen Charakter durch die Tatsuche, daß die Juden, einfach als Juden betrachtet: als Mitglieder der nationalen Gruppe, der vor 2000 Jahren Palästina gehörte, nicht mehr die nationale Einheit besitzen, die durch den Besitz eines Hommtlandes, einer gemeinsamen Sprache und gemeinsamer Institutionen zum Ausdruck gebracht und gesichert wird. Seine Erhaltung durch die zweitausendjähr-ige Zerstreuuttg verdankt das jüdische Volk seiner Fähigkeit, sich, wie sich auch die äußeren Bedingungen gestalteten, ein eigenes Gemeinschaftsleben zu gründen u. zwar auf -der Grundläge einer geistigen Idee: die Idee der Ewigkeit Israels in Verbindung mit der Ewigkeit und Universalität des Gottes Israels. Diese Idee, der, als Correlat, der Glaube an die künftige Wiedevaufrichtung des Volkes in seinem Heimcttslcmde angeknüpft war, bildete die Wurzel der jüdischen LebenSanschauung und hat im jüdischeu Kampfe um das Dasein die Stelle der conereten Lebensäußerungen einer Nationalität eingenommen. Israels Volk, Israels Gott, Jsraels Land — bilden den unvergänglichen Kern, um!velchen sich die äußere Schale des Glaubens, der Ueberliefermng, des religiösen Ritus, der gesellschaftlichen Sitte bildete. Deshalb waren in Babylon,!in Spanien, in Nordafrika, in Frankreich und Deutschland sowie später in Polen große Gruppen von Juden im! Stande, ein besonderes eigenes Leben zu schaffen mtd zu erhalten, indem sie immer von ihrer Umgebung borg*- ten — besonders auf dem Gebiete der Sprache — aber sich immer der eigenen gesonoerten Identität bewußt blieben. Die Geschichte des jüdischen Volkes im Exil ist die Geschichte des Wachsens und des Verfalls dieser succesiven Zentreu jüdischen nationialen Lebens, oder — wenn matt ein Wort prägen dürfte, um das Fehlen der vollständigen Nationalität auszudrücken — sub-nationalen Lebens. Das weitaus wichtigste dieser Zentren in moderner Zeit ist Polen nach den großen Wanderungen der Juden von Deutschland im Mittelalter entstanden. In Polen entwickelte sich eine große jüdische Gemeinschaft, gleichartig in Charakter mtd Lebensart und sich von den umgebenden nicht-jüdischen Gemeinschaften wesentlich unterscheidend. Sie hatte ihre eigene Sprache — Jüdisch-Deutsch oder Jiddisch — eine Weiterbilduug desMittelhochdeutschen, das von den ersten jüdischett Einwanderern nach Polen ntitgeführt worden war, — ihr eigenes Erziehungssyftem, auf Bibel und Talmud fußend, ihre eigene Genteindeorgamsation, ihre eigene Ideen- Welt und Lebensanschauung. Diese gleichartige jüdische Gruppe überlebte die Teilung Polens, ivelche das Land in politischer Beziehung zerfleischte; ja sie etlveiterte sich nach RuWand und Rumänien hinein und, in kleinerem Umfange, nach Deutschland und Frankreich. -Von dieser Gruppe, wie von einem großen Reservoir, strömten die Juden in immer wachsenden Mettgen im -Laufe des 19. Jahrhunderts in die Länder.des Westens, um! dort die politische Freiheit und ökonomischen Möglichkeiten, die ihnett in der Heimat hartttäckig versagt wurden, zu gewinnen. Mit sehr wettigen Ausnahmen gilt es, daß es in Westeuropa oder Amerika keinen Jtldett gibt, dossett Vorfahren — unmittelbare oder entferntere — nicht im einer der Tausenden von Gemeinden gelboren wären, die zusammen die gleichartige, Jiddisch sprechende subnationale Gruppe von Judett itt Osteuropa bilden,.Es ist deshalb keilte Uebertreibung zu sagen, daß das osteuropäische Jttdentunt seit einigen Jahrhunderten das wirkliche Zetttruut jüdischen Lebens ist, und daß bei feiner Sprengung ohne das gleichzeitige Schaffett eines neuen Zentrums die Existens der Judett als Volk bedroht wird. Es ist eine Ironie -der jüdischett Geschichte, daß dieses vital wichtige Zentrunt des Indentutns besonders in beim letzten Jahrhundert unter ntateriellett Bedingungen leben mußte, die so traurgi und so so wenig beneidenswert waren, wie man sich bloß vorstellen kann. Seine Solidar! tat, seine Treue gegen die eigette Lebensart und Überlieferung, sei׳n hoher Wert als eine Heimstätte jüdischer Gelehrsamkeit und jüdischett Idealismus sind um einett beimache unglaublichen Preis aufrecht erhalten worden. Wo wir uns hinwenden i׳m östlichen Europa, überall sehett wir die'Juden degradiert, entweder politisch oder ökonomisch oder in beiden Beziehungen, und auf leine niedrigere Stufe gestellt als jedes beliebige Proletariat itt Europa. Bald der rohesten Uttterdrücktntg dttrch die Regierung, bald deut Hasse einer unwissenden Bevölkerung ansgesetzt, von dem Bodett abgeschnitten, ohne Gelegenheit ihre Fähigkeiten dttrch Handel und Gewerbe frei zu betätigen, haben die Juden augettscheiulich keinenmateriellen Ansporn der ei gelten Ueberliefermtg treu zu bleiben. Daß die gleichartige jüdische Masse uttter solchen Verhältnissen sich erhaltett hat, ist fast ein Wunder. Es kaum nur durch einen ganz außerordentlich starken nationalen Instinkt erklärt werden. Aber Verfolguttg mtd ökonomjisches Elend haben viel gewirkt. Inden sind im wachsenden Mengen zur Atlswanderung getrieben worden, int Physischen oder geistigen Sinne des Wortes. Große Massen . haben itt Westeuropa und Amerika Zuflucht mtd bessere Lebensbedingungen gesucht; viele haben׳ den Kampf aufgegeben und die Taufe als Mittel der Befreiung angenommen. Und neben diesen auflosenden Kräften war eine andere Kraft tätig, weniger greifbarer Art, aber ebenso sicher wirkend. Mit der Erhaltung der traditionellen Lebensweise war eine getvisse Feindseligkeit ntodeiner Kultur und modernen Vorstellungen gegenüber verbundett; aber diese können nicht auf ewig ausgeschlossen werden, und!in. dem Maß, itt deut sie in die Ghetti hineindringett, wirken sie mächtig auflösend auf jüdischett Glattben und jüdische Sitte, an deren Platz sie nichts spezifisch jüdisches einsetzen als int besten Falle einen breiten Universalismus,!der Praktisch die Annahme der umgebenden nationalen Kultur bedeutet. Vor ein,ent halben Jahrhundert begattnen einige der weitschauendsten rnssischett Judett die Gefahr einer Auflösung als Folge der An¬ -nähme fremider Gedankett und Sitten zu verstehen mtd für das einzig ntögliche Mittel ztt eifern: das Schaffen eines neuen Zentrums des Judentunts im alten Heimatlande der Inden und unter freien Verhältnissen, wo jüdij;•* :י Leben, in seinem eigenen Boden wurzelnd, sich Soeben erschienen: Hickls Jüd. Volkskalender