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Jüdische Volksstimme · 1916-08-23 · Heft 13 (23.8.1916) · page 3

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XVII (1916)
Issue
Heft 13 (23.8.1916)
Date
1916-08-23
Page
– (sequence 3)
Language
German
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*t 13 wSMHH »•Wfh•«*• wir überhaupt einen Menschen gefunden hoben, der diese drei Aemter übernehmen wollte. .Nun hat unser letzter Funktionär vor einiger Zeit, wie tausend andere seinesgleichen, einrücken müssen nur seine Militärpflichten zu erfüllen. Wir sind daher gezwungen uns das Koschcrfleisch aus der großen Nachbargemeinde R., der es au Kultusbeamten ,nicht nmugelt, bringen zu lassen, was oft sehr umständlich ist. Für den hebräischen Elomentarnntereicht ist teilweise gesorgt, da die Väter sich entschlossen haben, dem Worte der h. Schrift gemäß (welimadatem osom es benechetn) ihren Kindern selber im hebräischen Lesen Nnterricht zu erteilen; Auch die Synagoge wird nicht vernachlässigt werden, da einige ältere Gemeindemitgliekr, die anständig vorzubeten verstehen, sich erbötig erklärten das Vorbeteramt abwechselnd zu versehen. Nur bezüglich der Schechita sind wir ratlos. Woher sollen wir setzt einen Schächter nehmen? Die jungen Leute sind abwesend und einen Greis kann man doch nicht leicht als Schächter verwenden, da ein solcher äußerst selten eine feste Hand (Hargoscho) hat um die kleinste Scharte (pegimg) zu fühlen. Sie sehen also, daß sch nach auf meine alten Tagen ׳van Sorgen, Wohl nicht von Brod, sondern von Gclneinlde,sorgen sehr in Anspruch genommen werde. Nun! will ich Ihnen noch eine׳, nicht nuinteressante Episode erzählen. Als vor kurzem in einer Vorstandssitzung über die Schächtcrfrage!debattiert wurde, erhob sich der sehr ehrenwerte alte Herr Sal. G., der .im seiner Jugend die Jeschiba besticht und sich anbei auch prophanes Wissen angeeignet hatte, imh ergriff das Wort. Er sagte: Meine Herren! Ich möchte mir erlauben einen nicht unanuelnubaren Antrag zu stellen. Bekanntlich werden jetzt, iai dieser stürmisch bewegten und aufgeregten Zeit hüben wie drüben Frauen für verschiebcitic Aemter und Dienste als Ersatz für die auf kirn Felde der Ehre für Tron und Vaterland kämpfenden Männer verwendet. Nun, wäre es nicht auch,möglich würdige fromme Frauen, auf die mau das Wort Noschim daalon Kalos!nicht anwenden kann, — und an solchen mangelt es hierlands auch heute noch nicht — mit den Vorschriften der Schechita vertraut zu machen, damit sie dann die eingerückten Schochtim während der Kriegszeit vertreten köuuten? Dieser Antrag wirkte aus die nreisten Anwesenden sehr verblüfsend und ihre Antwort war, ein schallendes Gelächter, denn sie Waren der Meinung, H. S. G. hätte die ganze Angelegenheit von der hmnoristischen SL'ite ausgefaßt und sich daher erla!ubt einen Wim zu nmchen. Mir aber war dieser Zwischenfall sehr peinlich, da ich H. S. G. als edlen wiidigen sehr evnistcn Manu kenne, der gewiß nicht im Stank wäre, die! Schechitaau,gele!genhcit scherzweise zn behandeln. Was sasgen Sie mm zu dem Projekte des Herrn Sal. G.? Hierüber will ich Ihnen lieber Freund sofort Aufschluß erteilen. Vor allem muß ich bemerken, daß die Lacher sich blamiert Md bewiesen haben, daß ihnen das jüdische Schrifttum ein Terra incognita sei. Der Antrag des .Herrn S. G. vordient unlsotveniger verlacht zu werden, als es tatsächlich Zeiten gegeben, da würdigen frommen Frauen das Schächteramt von angesehenen Talmudheroen anstandslos allvertraut wurde, ohne daß es an wiirdigen männlichen Schächtern gemangelt hätte. Int sechzehnten Jahrhundert lebte im, Italien ein einer französischen Gelehrtenfannlie entstamtmter äußerst frommer Rabbi, der allgemein als eine hervorragende rabb. Autorität galt. Es war dies der hochan gesehene N. Jsak b. Jiltamaiel de Latas. Seine Geburtsstadt war nämlich Latas in der Provence, einer Landschaft im Südosten von Frankreich, daher er (N. Jsak) den Namen de Latas trug. Seine Rechtsgntachten ״Schaalot ntoschubot",. die sich als autographes Manuskript in der k. k. Hofbibliothek befinden und zum ersteninale von nur 1860 Hera tisge geben wurden, zeugen von seiner immensen Gelehrsanckeit und hohen religiösen Begeisterung. Der Umstand, daß er mit den angesehensten Rabbinern seiner Zeit, besonders mit dem in ganz Israel gefeierten R. Josof Kans, dem Verfasser des ״Bet Josef" etc. in Korrespondenz stand, und daß zahlreiche Gemeinden in d. wichtigsten religiösen Fragen an ihn, appelierten — das alles aus seinen erwähnten Rechtsgutachten zu ersehen ist — beweist zur Genüge daß er, der nicht nur ein scharfsinniger Talmudist, sondern auch ein bedeutender Kabbalist und gediegener Kenner der Religionsphilosophie war, sich einer seltenen Popularität zu erfreeuen hatte. Und dieser hochgeachtete Rabbi war es, der 1636 in Mantua einem frommen würdigen Mädchen, wie auch einer sehr achtbaren streng religiösen Frau die Autorisation zur Bekleidung des Schächtcramtes erteilte. In de׳.n Zeugnis (Kabala), das er ihnen ausstellte, machte er zur Pflicht, die betreffenden Vorschriften zweimal täglich, nach einem viertel Jahre nur einmal täglich, mach cincim! Jahre nur einmal wöchentlich und ihr Lebenlang einmal im Monat zu wiederholen. (Nechtsgutachten S. 180). Hieraus werden Sie lieber Freund ersehen, daß der Antrag des Herrn S. G. nicht verhöhnt und verlacht, sankrn beachtet und gewürdigt zu werden vordient. — Allerdings gebe ich es zn, daß eine derartige Reform in der modernen Zeit als nicht aktuell erscheinen würde, so viel jedoch ist gewiß, daß man Boschaas hakschak in! Notfalle, besonders in der Zeit des Weltbrandes, den herrsch- und habsüchtige Machthaber mutwillig entzündet haben, das Schächteramt eher einer würdigen frommen Frau, als irgend einem fremden Schächter, von dessen aufrichtiger Fröntmigkoit man, nicht überzeugt ist, anvertrauen darf. — Herr PH. S. war sichtlich erfreut, als er erfuhr, daß der Antrag des .Herrn Sal. G. vollkommen begründet war. Bei seinem Abschiede sagte er: Mein erster Besuch bei' meiner Rückkamst wird dein .Herrn Sal. G. gelten um ihn Genugtuung zu verschaffen. Wie sehr wird sich der Mann freuen, wenn er Höven wird, daß Sie seinen Antrag als beachtenswert bezeichnet haben. Dr. F. Zwangsdienst für russische Juden in England. Die ans Rußland eirl,gewa!ll,krten Inden in England, deren Zahl auf 200.000 geschätzt wird, stehen vor den Möglichkeit, dem englischen abgeschoben zu werden. Es läßt sich nitfjt gut feststellen, im, welchen Augenblick diese Gefahr akut geworden ׳!ist. Die! Eventualität wurde in jüdischen Kreisen bereits׳ seit Monaten, während der Minzen Dienstpflschtdebatte, befürchtet und besprachen. Inder jüdischen Presse ist dies jedoch nicht zum Ausdruck gekommen, da man mischetnend den Wunsch hatte, Zurückhaltung zu üben. Die Frage i!st jedoch in dem Augenblick in ein kritisches Stadium getreten, als die Armee in England aufgehövt hat, eine frei willige zn sein. Drei Faktoren scheinen die für die russischen Juden verhängnisvolle Wendung mitverschuldet zn haben. Einerseits entstand aatch dort, ähnlich wie in Paris, eine fremden feindliche Hetze. Gewisse Blätter machten lärmende Propaganda, ge-!gen die sogenannten ״Russen", die in ihre ״.Heimat" nicht zurückkohren und in England die Arbeitsstellen der einrückenden Männer besetzen. Das giftige Wort von! den ״Jobstgelers" verfehlte N'icht seine Wirkung. Dann kam, wenn auch nicht öffentlich, die russische Negierung. Es braucht kaum gesagt zu werden, daß die Machthaber in׳ Rußland, deren Judenhaß geradezu, wahnwitzige Formen annimmt, die J-uknhetze in England nnv zu gern sehen würden. Es ist nicht ausgeschlossen, daß die Fäden der erwähnten fremdfeimdlichen Propa- Uganda ׳ in der russischen Botschaft oder in einein russischen Generalkonsnlat zusannnenlaufen. Die Beziehungen der Northcliff-Presse ztt den russischeu Sphären sind seit langeim! kein Geheim,nts lnehr. Es ist ziemlich sicher, wenn auch offiziell nach nicht zugegeben, daß die russische Negierung ihren englischen Verbündeten deutlich aatf ihre Untertanen int London, Manchester, Leeds nsw. h:i׳״Mwie.sen hat, die im militärpflichtigen Alter si'iid und nach Tausenden herangezogen werden könnten. Bei jeder mMärischen Einberufung oder Mltsterutag im Rußland haben die russischen Konsulate im ueintiralen und Verbündeten Auslande innner zugleich verkündet, den dort wohnenden russischen Untertanen werde empfohlen, im dm Reihen der Verbündeten Armee eilMttreten. Während aber im Paris russische Juden in gro- Seite 3. ßev Anzahl (natürlich aus ganz anderen Gründen) sich m der französischen Armee freiw. anwerbei: ließen, Xmx bi!e Zahl der Freiwilligen unter den russischen Juden Emscylatlds auffallend gering. Wie ׳der Minister des Innern, Mr. Herbert Samuel in seiner jüngsten Rede sagte, besteht keine Mreinbarung zwischett England und Rußland bezüglich ׳de,r russischen Inden. Aber die Praxis gegenüber beit im Englamd wohnenden Franzosen, Belgieril und Italienern, die, weil.n 1m!ilitärpflichtig-, nach ihrenl Vaterlande zurückkehren müssen, rnnßte schließlich auch die Fragg auswerfen, wie man mit den russischen Untertauen verfahren soll. Zllletzt kam die Stellungnahme der englischen Inden selbst. Wie van diesen assimilatorischen Ueberpatrioten zn erwarten war, wnrden sie sehr ängstlich. Sie fürchteterl, daß das Nichteijnltveten der ricssifchen Inden in di!e Arnlee und die erwähnte Hetze ihren!eigenen Patriotisnlus in Zweifel bringen können. So kam das Merkwürdige zlistande, daß die englisch-jüdische Presse selbst den Gedanken zn propagieren begonnerl hat, die russischen Inden müßten sich in großer Zahl freiwillig zum Militärdienst melden, sonst sei der Zwan!gsdienst ,nicht zn vermeiden. Die. letzten Nll-mmern van Jewish Chronicle und Jewish World rnachen den Eindruck einer systenlatischen Hetze gegen die russischen Juden. Es wird ihnen vorgeworfen, «daß sie die Stellinlg dev Jlvden in׳ England untergraben, den Emanzipationskampf ihrer Brüder in Nriß!and schädigeil, di'e komm!ende jüdische Einwanderung nach Emgflaild und Anlerika der Gefahr vor: Einschränkmlgen ׳aussetzcn. Bei! der Ende Jl1m!i> stattgehabten Iah re sversalnm lnn!g des Board of Depnties hat ein Herr Nathan! und mehrere ©cntlcmen vom! dieser jüdischen Körperschaft verlangt, daß sie Schritte unterni!nzmt, um in dieser oder jener Form die rrlssifch-jüdifche Jugend in. die Armee zu bringen. Nur ein Zionist, Dr. Daiches, hat sich dieser Anregling widerfetzt. Sollte die englische Regierung im, ihrer Haltnng ainsamgs schwankend gewesen sein, so haben diese Stimmen aus den einflußreichsten Kreisen der englischen Judenheit si׳e in ihrer Absicht be׳- stärkt, auch die russischen Juden km militärischen Gesetz zu u-nterwerfen. Der russischen Juden in East End benlächiigte sich!ei«ne nngehouive! AufreGlNig. Sie verwiesen darauf, daß sie keine englischen Bürger sind, kein Wahlrecht besitzen aatf die englische Gesetzgebnng sonlit keineil Einfluß haiben. Ment könne ihnen daher ll!icht die׳! gleichen Pflichten aufer le^gen. Es ist ei!ne blutige Ironie׳, vom, ihnen, auf Grnild ihrer russischen Uutertauenschaft, zit verlallgen, daß sie auf den Kriegsschanplatz eilten. Sie haben Rußland verlassen, das ihllen das Lebelt mlerträglich machte. Sie kainen nach England im BertrMen auf däs Asylrecht dieses Staates. Sie haben sich zumei st nicht amtu ca! isiert, lveil sie clltwcder wenige Jahre in England wohnen und jedenfalls ihre Zukunft mifdiese>!n> Lande ltoch nicht endgiltig verknüpft haben. Für viele Taufende russischer Jrtden ist Enjgland nichts als eine Zwifchensiation auf dam. Wege llach Amerika. In einigen Versanultlatugen ratssich-jüdischer OrM,n!isatio׳nen wurde daher die Forderung erhoben, daß man diel Juden ans Rußlatud entweder in Ruhe lasse oder ihllen freien Abzug nach Amerika gewähre. Die Etzbitteraulg gegen die englichen Juden und ihre Presse ist aacherordentlich. Es wird ihnen vorgeworfen, daß sie zal ei!ner Zeit, wo das Blatt vom׳ Htutderttattsenden rrtsfischer Juden nicht n!ur auf ben Schlachtfeldern, sondern ganz lmschltldig in Nußlamd fließt, auch die wenigen Flüchtlinge ans Rußlattd auf englischen Boden in den Kriegsschlmtd hi!aeillschleudern! wolletl. Die Tagespvefse brachte bereits eilten telegraphichen Bericht über die Erklärung der ettglischen Regie tun,fl im Unterhause am 30. Jamt über die Dienstpflieht kr.verblindeten Frelllden. Die Jron'ie der Geschichte wollte es, daß hie! Erklärnng von biem jüdischen Mimister Mr. .He!rbe׳!rt Samltel, dsm Staatssekretär des Junerrr, abgegeben wurde. Es ist jedoch nicht richtig, daß er den Dienstzwamg für die russischen Juden bereits verkündet habe. Mr. Setznuel sagte: ״Eine bedeuteilde Anzahl voll Uiltertaaten verbündeter Regierttilgen lebt in diefe'-nl Lunik amd ist int Militärpflichtigen Altvr. Seit kr Aunahlile ks Zwangsdienstes m diesent Lande war das Gefühl immeir a-ltgenleimer nind wuchs cm, daß diese Mältuer entweder in kr Artttee ihres Gebnrtslanks okr

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