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Jüdische Volksstimme · 1916-08-23 · Heft 13 (23.8.1916) · page 2

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XVII (1916)
Issue
Heft 13 (23.8.1916)
Date
1916-08-23
Page
– (sequence 2)
Language
German
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VMS. glaubt Herr Cohen, daß der Nesormtempel mit dein Sonntagsgottesdienste, mit den Vorlesungen christlicher Schriften und all den -anderem! die Würde des Judenvolkes schwer schädigen. Tollleiten, die jüdische Religion erschöpft? Sie wollen, daß die jüdische Religiosität in ihrer ganzen Lauterkeit, Kulturkraft und menschlichen Innigkeit unzweifelhaft Mr. Anerkennung im Bewußtsein der christlichen Mitbürger gelange. Sehr schön! Aber welche Religiosität? Welches Konkret soll der Christ sehen und anerkennen? Was? Nennen Sie nur ettvas Positives, Hand- Kreisliches! Da! fällt mir Ihr Hauptschlager ein. ״Die jüdische Mission" und deren Aufgabe ist es alle Menschen den! prophetischen Ideale .zuzuführen. Novdau hat diese Mission einen Papierencn Gedanken genannt. Gewiss sind unsere Propheten groß und erhaben. Zweifelsohne haben Sie׳ vor Jahrtausenden der Menschheit ein Ideal verkündet, für das die heutigen Generationen immer noch keil: Verständnis haben. Sie sind auch der berechtigte! Stolz aller Nationaljuden. In ihrem Streben nach Einheit, reliigiöser Svm these schufen sie das messianische Ideal, das eine spätere Molt verkleinert, verendlicht hat und Sozialismus genannt. Unsere Propheten waren aufrechte und stolze Nationaljuden. Sie geißelten cs mit beißenden Worten, wenn kriecherische Assimilanten ״den Gewärern des ״Schwarzen Rheins" nachliefen. Es ist wirklich unbegreiflich, wie so ein blutleeres auf Vcrchristlichung zielein des liberales Jsraelitentnm den Pvophetismps für sich beanspruchen kann. Unsere prophetischen Ideale! sind jederman frei zugänglich. Wenn! die europäischen Völker der ״ewigen Religion der Menschheit" uinsercr Propheten dienen wollen, so können sie xs ja tun. Wir Juden haben gang andere Schmerzen, als die christlichen Völker zu belehren. Wir haben in unserer eigenen Mitte genug zu veirbessonn-. Wir sollen lieber vor der eigenen Türe kehren und wie sehr notwendig das ist, beweist am besten Hermann Cohens Broschüre. Aron Schwertfinger. Der dritte russische Einbruch in Galizien. Unter obigen Titel, brachten wir an dieser Stelle in! unserer letzten 'Nummer einen Artikel, der, nachdem wir nachträglich an competenter Stelle Erkundigungen cinzogen, den Tatsachen nicht ganz entsprechen, was wir hiemit zur Oeffentlichkeit zur allgemeines Kenntnis bringen. Die Redaktion. Bieten wir den Kindern der schuldlos Gemordeten ein Asyl in unserem Hause. Wer hätte den Mahnruf Felix Salters (N. F. P. vom 1. Juli) gelesen und nicht Leschlossei!, tief erschüttert von dem Elend, das die KriegKftlrie über schuldlose Menschen verhängt hat, nach Kräften beizusteueru, um wenigstens den hungernden, obdachlosen Waisenkindern hilfreich zu sein. Zweifellos wird viel Geld eingehen, aber wo ist die Organisation 8000 entkräftete Kinder uu-terznbringen, sie gut zu nähren, sie seelisch wieder anfzurichten, sie ihr Unglück vergessen zu machen. Hier muß die Familie eiugroifen! Sollte es in unserem großen, schönen Vatevlande nicht -wenigstens 4000 Familien ober!einzelstehende Personen geben, die m der Lage sind einem heimatlosen Waisenkind ein Heim zu bieten? Wie viel alleinstehende Frauen gibt es, die Mein and haben, dem sie das Uebermjaß von Liebe, das jedes weibliche Herz erfüllt, zuwenden können? Ein Hund, den sie au Kindesstatt angenonllnen, hat es gilt bei ihnen und scherzweise sagt Wohl der Volksmunid: ״Und ist die! Liebe auf den Hund gekommen". Anderseits sind kmderreiche Familien, in denen man ein Herz für! das Ungjlück der armen Flüchtlingskinder hat, wohl überall in der Lage solch ein heimatlos gewordenes Kind mit zu ernähren, mit den eigenen Kinderin zu erziehen. Man wird allgemach von den Vorurteil zurückkommen, daß die Kinder der Flüchtlinge aus Galizien und der Bukowina schlecht erzogen und weniger bildungßfähig sind, als die unseren. — Wer in! den letzten Kriegsjahren Verkehr mit den Frauen der Flüchtlinge hatte, war erstau.t zu Hören, wie Viele Matura gemacht, an dcutschsen Ibniiversitäten studiert haben, wie Viele ihre Kinder selbst unterrichten. — Die Handarbeits-Ausstellung a!m Stubenring zeigte uns, daß die polnischen Frauen Stickereien, Spitzenarbeiten, Nadelmalereien von wunderbarer Schönheit fertigen können, in dieser Beziehung gewiß nicht hinter den deutschen Frauen zurückstehen. Es ist also nicht zu befürchten, daß die Kinder polnischer Flüchtlinge ein Ballast für die Familien sein werden, im Gegenteil; die Guttat wird reiche Früchte tragen, denn die eigenen Kinder werden schon in jungen Jahren die Freude an! Wohltun kennen lernen und Edelmenschen in der besten Bedeutung des Wortes werden. Wir bitten all diejenigen, die in der glücklichen Lage sind ein armes Flüchtlingskiind bei sich aufzunehmen ihre Adresse der Redaktion, des Blattes bekannt zu!geben. Viel Elend könnte hintan gehalten werden, wenn es gelänge die hungernden, elternlosen Kinder im Heim edler Menschen unterzubringen. Nur in der Familie könnten sie Ersatz für das große Unglück finden, das sie betroffen. Vor der kleinen Unbequem»! ich keit ein Kind zu betreuen, werden unsere Frauen nicht zuviickschrecken und was die Kostenfrage anbelangt, da wissen diese braven Frauen ja überall an Allem zu sparen, was sonst für ihre Lurusbedürfnisse angeschafft werden mußte Mögen diese Ersparnisse den armen, von! Allem entblößten Flüchtliugskinder zu Gute kommen, die auf die Hilfe edler Menschen angewiesen sind. Jda Barver. Hebräisch-Jiddisch. (Tagebuchblätter). —^-Lese heute wiederum die Bibel. Außer unserer ewig-schönen Bibel, die ich bei mir im Felde immer zur Seite habe, habe ich seit Kriegsbeginn nichts hebräisches,gelesen. Die Bibel ist uwine einzige geistige hebräische Nahrung und die genügt mir, denn immer finde ich in diesem unserem ״Buche aller Bücher" Neues, das in mir den jüdischen Geist oder besser gesagt das jüdische Gemüt hebt und über das grausame des Krieges emporrafft. Wenn ich unsere Propheten oder gar die Psalmen lese, spüre und empfinde ich das Hehre an unserer Ethik. Merkwürdig, auch im Frieden habe ich fast immer unsere Bibel gelesen und nie habe ich die sittliche Höhe und Liebe zur Allgemeinheitsseele derart stark empfunden, wie eben hier an der Front. Es ist ja möglich und sogar sicher, daß grade in einem solchen Zustande, den eben der Krieg hervorruft, die jüdische Seele! das Bedarfn!s nach der Verinnerlichung des hohen ethischen Gehaltes in uns selbst, nach der Liebe zum Ideal des ewig-guten und ethisch-reinen empfindet. Und dies finde ich hier in der Bibel und et> lebe eine innere seelische Beruhigung. Außerdem wie wirkt auf uns die Schönheit mlsever Sprache, der wir uns hier weder in Schrift bedienen können und dürfen. Ich glaube, daß eben die jungen Juden, die den Geist des Judentums in sich voll und ganz ausgenommen, ja, zum Hauptbestcmde ihres ״Ich" dnrchgearbeitet und den Krieg an der Front miterlebt, die Notwendigkeit der Erneuerung des Judentums im vollsten Sinne des Wortes empfunden haben;!rach dein Kr׳'ege werden eben diese Jungjuden als ihre Pflicht ersehen, ihr Leben immer und überall mit jüdischen Werten auszugostalten und somit auch unsere neujüdische Bewegung, die in letzter Zeit viel, allzuviel an marktschreierischen, geistig-unjüdischen Inhalte zu leiden hatte, auf de»: Weg zum Evneuerungsprozesse des Judenrums in uns selbst bringen Werden. Mit großen Interesse verfolge ich in. letzter Zeit, wenn auch nicht im Getriebe dev jüdischen Gasse, sondern! von we!iten, fern vom jüdischen Milieu, die ich weiß nicht zum wie vielten Male geführte heiße Debatte über Hebräisch n. Jiddisch. Ich kann nicht den radikalen Standpunkt der Jiddischisten, daß ngr Jiddisch unsere Nativna!spräche ist, begreifen, ebensowenig die Behauptung, daß das Hebräische für uns eine Liebhaberspräche und somit eine künstliche, unnatürliche Erscheinung sei. Ich schätze und liebe das Jiddische, weil m ihm unser Volk soviel Schönes und Kernhaftes geschaffen hat, aber Hebräisch ist trotzdem unsere Nationalsprache!, weil eben sie und nur sie dem Jiddischen den Inhalt des echtjüdischen (Geistes verleiht Und wie komisch die andere Behauptung ist, habe ich vor kurzem an 'mir selbst erlebt. Ich habe empfunden, daß das Hebräische keineslvegs ein künstliches Empfinden eines Liebhabers aus!nacht. Seit Kriegsbeginu! habe ich keine hebräische Zeitung gesehen. Als ich vor einigen Tagen die ״.Hacefirah" erhielt, meine innere Seelenfreude darüber, in Morten zu schildern, ist schwer. Ich las die ersten Zeilen mit einer Art Hingebung, die ein. Liebhaber von Kunstsammlungen z. D. aus Passion, keiessalls empfinden kann, nein, diese Hingebung kann nur der Ausfluß einer inneren tief-empfundonen Liebe zu einer, unserem Wesen anigeborenen und als ganzes seienden Sache sein und dies genügt, um die Lebensfähigkeit unserer Nationalspräche zu bejahen. Ein anderes Bild. Ich habe die ״Hacefirah" auch einem jüdifchen Solldaten der,jenen ärmeren Schichten unserer Massen in den galizischen Kleinstädtchen entstamjmt und das Hebräische versteht, zum Lesen gegeben. Als er nur von der Ferne die hebräische Aufschrift erblickte, rief er mit einem Freuden׳- schrei aus: ״a luschojn kojdesch Bletil". Aus diesen Worten hat man die Sehnsucht und Liebe zmn Hebräischen dem stärksten Bande des Judentnms, so klar und deutlich herausgespürt. Und feinte Freudentränen sollte man sehen, als er die erste Seite zu lesen bekam, ja das war keine künftliche, unnatürliche, aber eine innige mit einer begeisterten sehnsuchtsvollen Judenseele empfun!- de ne Liebe, die in diesem Augenblicke aus seiuen feurig-traurigen Augen emporstrahlte. Und in schlichten Worten bat er mich, ihn jeden Tag die Zeitung zu geben, denn auch hier, i!m Felde will er, wem! möglich: ״DerÜvicken majne jüdische Nefchumeh". So schlicht, aber tief empfunden 1m׳b wahr waren die Worte dieses einfachen jüdischen Soldaten, und sie besagten mehr, vielmehr, als so viele dialektischen Beweise so mancher Sprachentheoretiker. Im Golus, sind Hebräisch und Jiddisch die wirkenden Elemente unseres Geisteslebens. Hebräisch bildet dem Er- Halter unserer historisch-kulturellen Kontinuität, Jiddisch ist ein Geistesprodukt unseres Volkes im Golus und als solches auch mit unserem Nationalleben verknüpft. Der Streit in solchen Fragen kann zu keinem Resultat führen, hat für uns vielleicht nur den einen Wert, daß er unseren Gegnern eben die Lebenskräfte und Agilität unseres ewig-jungen Volkes beweist. . In! Felde in! Tamn!us 6676. N. M. Gelber. Darf eine streng religiöse Frau das Schächteramt betreiben? Mein alter sehr achtbarer Freund PH. S. der in einer kleinen ung. Gemeinde wohnt, kam neulich nach Wien, um seine hier domicilirenden Verwandten zu besuchen. Bei dieser Gelegenheit unterließ er es n!icht auch mir einen Besuch abzustatten. Ich freute mich sehr ihn, den äußerst treuen aufrichtigen Freund, endlich nach vielen Jahren wieder wieder einmal sehen und mich nach seinem Befinden, wie nach den Verhältnissen seiner Gemeinde, in deren Mitte er seit fast drei Dezennien das Vorsteheramt würdevoll bekleidet, erkundigen zu können. Mir befinden uns jetzt in unserer Gemeinde — begcmiN er seine Schilderung — bezüglich der Schechita in größter Verlegenheit. Wie Sie wissen ist unsere Gemeinde, die in den letzten Jahren, da mehrere ihrer wohlhabenden Mitglieder in größere Städte, wo Handel und Industrie blühen, übcrsiedelten, sehr dezimiert wurde, nicht mehr in der Lage n!ehr als einen Funktionär, der Schächter, Vorbeter und hebräischer Elen!entarlehrer sein muß, zu erhalten. Daß man bei der Wahl derartiger Funktionäre, besonders, wenn die Gemeinde hauptsächlich auf eine billige Kraft reflektiert, sehr vorsichtig sein!muß, um keinen Mißgriff zu machen, ist Wohl selbstverständlich. Allein wir durften uicht gar zu wählerisch sein, mußten uns vieln!ehr immer begnügen, wenn in der Armee des Landes, ׳das sie adoptiert haben, dienren müssen. Unter diesen Umständen wurden Vereinbarungen mit den Negierunjgen von Frankreich und Belgien getroffen, daß alle ihre i׳n biefetm» Lande wohnenden Bürger, die der Dienstpflicht unterliegen, nach Frankreich oder Belgien zurückkchren. In- London, Manchester.

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