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Jüdische Volksstimme · 1916-07-27 · Heft 12 (27.7.1916) · page 2

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XVII (1916)
Issue
Heft 12 (27.7.1916)
Date
1916-07-27
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seltr 2. Nr. 12. scheu Zetist, voransgesatzt, dgß wir nicht zu spät kommen. HgtMrtcitikerschuleu nach der Art, wie wir sic anderwärts schon besitzen, müßten an der Spitze unseres Programntes stehen, -dann die Schaffung e׳i>n,e!r guten, Positiv gerichteten, gesunden und vor allem jü!di׳schen Volksliteratur. Nivgendlvo hat die Zeitunjg ihre erzieherische WirkUtNig so gezeigt, wie int jüdischen Polen, bis jetzt letvar nicht immer int guten Sitme. Es ist höchste Jeist, daß Wi׳r diche Mittel auch unserer Sache dienstbar machen. Es Mt Höchte uns bodün׳kett, daß wir mit der Lösung dieser.geistigen Fragen des jüdischett Haudwigrks wicht -erst d>i!e Weide.rentwickln.ng dev Dinge, abwarten, sondovn jetzt schon beginnett ntüssen. Der dritte russische Einbruch in Galizien. Züiu ,dritten Mal bewegen sich längs der Bahn linste Tcw,n!opol Massen van Flüchtlingen ans den östliichett Gebieten. Namentlich sind es, nach Mistteistnng djeir ״K-uryer Lowowski" Juden atts den Städten Sassow, Bialy, Kumten und OleSko. Diese Massen von Juden beunruhigten attch die jüdische Bevölkerung von Zloczow, und zlvar tiogt dev Grund darin, daß die im Vorjahre aus diesen Gegenden vertriebenen Russen gedroht hatten, daß sie, wenn sie wieder nach Zloczow zurückkämen, nicht einen einzigen In- -den aut Leben lassett würden. Die Folge war, daß die Stadt sich rasch zu entvölkern begann. Für Wageil nach Lemberg wurden bis zu 200 und ntehr Kroitjen bezahlt. Als endlich die Abreise noch größere Dimensionen annahnt, wurden die Flüchtliugje partiewioise ab transportiert. Mehr als 70 Prozent der Geschäfte sind geschlossen. Die Lebensmittelpreise sittd gesunken. In der Stadt herrscht Ruhe und alle Aeutter amtieren novmal Wetter. Llus Budapest meldest die ״Allgetneine jüdische Zeitung": Gesteht i׳st hijsr ein Flüchtlingszug durchgefahren; er Laut nicht über Rumänien, sondern direkt über Siebenbürgen. Die bebau־ ennswerten Fluchst!in!gjo sind in eijnent solch jämmerlichen Zustande, daß man sich bei ihrem Anblick dev Tratten nicht erwähren kann. Abgesehen davon., daß sie wie Heringe zusanttnengepreßt in dett Waggons kauenu«, Heiden sie entsetzlich unter der Hitze, aber auch nicht weniger unter Hunger und Durst. Nach kurzeut Aufenthalte hat der traurige Zug die Fahrt nach Ung.-Hradtsch fortgesetzt. — Für heute uachmittag ist ein, ähnlicher großer Flucht! iutgszug avisiert. Auf der Station Uug.-Hradisch standen drei endlose Flächt lingszÜW; Zwei waren mit Juden der dritte mit Ei.settibahnbeMnten gefüllt. Ein höherer Czernowitzer Eisenbahnbeantter berichtet: Der größere Teil Czernowitzer Flüchtlinge ging cm-fangs nur bis Suczawa, in der Hoffnung, die Russen würden baldW zurückgeworsen werden. Jttde.ssen zeigte sich, daß man weiter flüchten tttüsse. Man! wunderte zu Fuß bis in die benach- Porten Ortschaften Ntuttäniens; von dort wurde die Schar per Bahn Weistertvansportiert. Hier i'n Ilng.-Hrodisch wecken die Flüchtlinge verteilt. Bemittelte erhalten Passierschoiue!nach den verschiodjMen Städtett des österreichischen Staates. So haben bereists gjegen 1000 Flüchtlinge in (^aya, Uug.-Brod, Pverau, Neichettberg und Gänserndorf Wohnungserlanbuls erhalten. Wien Vrüluu un!d Prag jedoch bleiben ihnen verschlosfett. Uubemittelste werden nach Rühmen weitertransportiert. Ein! Teil derselben wird in Barakken nutergebracht, bis dcr Abtransport ntöglich ist; die übrigen müssen noch weiterhin in den Waggons bleibett. Es ist ein! äußerst betrübendes Bild, welches die hiesige Station bietet... Bisher haben Ung.-Hvadisch etwa 70.000 Flüchtlinge Passierst. In Mavmpwsch-Borsa haben sich, wie die Budapester ״Allgenteiue jüd. Zeitung" mitteilt, etwa lMndert Wagett ttrist jüdischen Flüchtlingen auy der Bukowina auf -der Fahrt zur Station kfim'bett. Zirka zelM Mometev vor der Station lvnrden sie jedoch, da dlie Straße für militärische Zwecke freigehalten werden mußte, aufgebalten 11111b sie mußten zwei Tage atts offenem Felde lagern. Unter den 000 Juden der Stadt wollten, zwei Genteindentitglieder eine Spendensantmlnttg veranstalten, die alter scheiterte. Die Flüchtlinge lvtuDett ווסט (Heudaum,eit Santstag mittag zur Station׳ gebracht. Auch Kundwitz in Mährett ist seit dettt Begimt der neuen russischen Offensive der Schauplatz furchtbaren Elends. Hierher werden nämlich die aus dett galizi.schen Städtett Brody, Buczacz ttnd Stmtstslau sowie atts bereit Utttgcbung geflüchteten Eiuwohuer gebracht, um desinfiziert zu tve-rden. Die fünf Tage hindurch müssen sie in Baracken zubvimgen. Sie sind nur ätlßerst notdürftig gekleidot nttid leiden Hunger; sie werden ,nach Böhmen lveitertransportiert und an ihrer Stelle kotttnten dann neue Flüchtlinge. Durch Ovoz-Borgoj ilnt Siebenbürgen sind nach Meldungen des gleichen Blattes, Mittwoch nachmittag 2000 jüdische Flüchtlingsfamilicn durchgefahren. Erst auf der Station Jaod konnten sie den für sie bestimmten Flüchtlit.gszug besteigen. Die unübersehbare Flüchtlingskarawaue bot ein herzzerreißendes Bild. Acht bis zehn Personett in je eincjnr Wagen zusammengekauert, alte, kranke Leute, zarte Kinder, von Gendarmen ׳beg,leistet, die darauf achteten, daß keiner der Flüchtlinge rmtieirwegs Aufenthalt nehme. Die Uglücklichen erzählen, daß sie schon acht Tage auf der Reise sind und unter Hunger und Durst viel gelitten haben. Etwa zwanzig Wagen blieben vor einent Straßenwirtshaus stehen, wo aber selbst für Geld außer Vier .1mtt־ Zwiebel und etwas Ksttkuruzbrot erhältlich waren. Die Armen waren glücklich, ihren heißen Hunger an diesen Speisten tctlit wenig stillen zu können. Brief an Amerikas Frauen. Von! Lea Steif. Mestite liebe Dolly! Der heule ׳,tut Dich ge- Dichtete Brief soll von Ernsthaften handeln, soll unserer großen ernsten Zeit entsprechend sein. Ich weiß, daß Du bibelfest bist und da Biibel- Worte jetzt besondere Bedeutung haben, will ich Di,r, die Wärmte Erzählung von der Opferung ׳Jstaks, durch Llbrahana, m Erinnerung bringen. Schon lag Jsak am Altäre gebunden, schon hob Abrahatn das Messer tun sei-nen Sohn atts höheves Geheiß zu töten — da schwebte ein Engel hernieder, unt Jsak zu schützen, um zu verhindern, daß Menschenblnt fliieße. Meine liebe Dolly! Ich brauche Dia Wohl nicht zu erzählen wie viele, viele Tausende solcher Opfer jetzt ictittf dem Altäre des Vaterla>tdes liegett, gebundett durch Vaterlandsliebe und patriotische Aufop feruugsfähiigkeit, durch Menschenwürde,!glühende Begeisterung und Me E!ntrüsttting gegen schntählichen Verrat. Dieses Mal -aber, ist es nicht Abrahant d-er Vater׳, der 'das Opfer atts höheren Befehl 1msführte. Dentt bee Vater, er hat gentoütstattt mit bcum Sohne den Altar bestiegen. Diesntal, arme Dolly, opfert die Mutter ihren eigenen Sohn und Gatteit ntitib beiiitt Engel zeigt sich der herniederschwebte, dies Opfar zu verhindevu. Meine liebe Dolly! Ich brauche Dir Wohl kaum zu sagen, welche ungcheure Ströme von! Menschenblnt in diesen Kviegsjahren geflossen sinid und ach! noch fließen, ich bmuche! nicht zu otwähttien wie grausam, wie furchtbar, wie Herzlos der Krieg wütet, (die Vorstellung daran ist daß) wie Schnitter Tod reiche: Ernte hält und blühende jugendliche Körper verwesen und vermodern. Wie schrecklich ist es für uns Frauen, bei einem eiugetretanen Unglücksfall einen Menscheu verbiiuden zu helfen, loie greift sein Stöhnen, sein Klagen uns ans Herz! Denk daran liebe Dolly, wüeivtele tausende Menschen jetzt täglich dieses Martyrium durchmachen müssen unid wie entsetzlich die Vorstellung ist, daß es etwa in ׳der Welt Menschen gibt, biiei von malerteilen Vortieil geleitet, diese Menschenhinrichtung föckiern helfen, die von Gewin'nstncht beseelt, Munition liefern, ohnjä welcher dieser Krieg, der Schrecken der Menschheit längst friedlichen, glücklichen Zeiten hätte Platz machen müssen. Denk daran, liebe Dolly, wie viele Mütter tränenden Zknges und gebrochenen Herzens ihr Liebstes hetMben mußten, denk damn wie viele Kinder zu Waisen, wie viele Frauen zu Mtwen wurden, wieiviel Bräute ihr Leben zerstört hai'en, wieviele Menschen Hab uu.d Gut verloren, die jetzt als Bettler, heimatlos, Gnadenbrot essen, die einist wie Du. ein schöne-:׳ Hei,m besaßen. Denk dar-an wie unglücklich diese Menschen sind und wie. sie alle, alle diesen gewissettloseu Verlättgerenn, dies Krieges fluchen, loie sie diejenigen verfluchen, welche um eigenen Vorteiles willen, den so sehnsüchtig geumn.schtcn Frieden baut,nen. Denk daran gute Dollv! Sch.tsts mit Deinen Frenndininen, mit den Fra-nen Deines Landes, mit allen guten, edlen und feinsinnigen Seelen eine Vereinigung, die die Macht hätte, die die Macht habcn'm.tdß, hörst Du! muß, um zu verhindern daß Wiasfen n!nd Munition zur Forisetznug dieses!vahnstinuigett Hinschl.tchtens, geliefert werden! Tut Euch zusammen, schafft eine Orgauisatiou, ich weiß Ihr könnt es, anierikanische Frauen kön-nen alles, was sie tvollen. Ich wev.ß cs, es gibst drüben kluge, und gelvisseuh-tfte und tatkräftige Frauen von! vornehmer Gesinnn'.'g und Deukuttgsarst. Tut Euch zusamnten Frauen A!1n,erikas! Beeittslnßt Eure Männer, Eure Brüder, Eure! Gaststeu, Cure Vätov» tust cs im Htamen der Zivilisastion, im Namen der Htim-anistät, int Namen ider Mettschlichkeist! Tust es mit Eurer selbst willen, damit Ihr n-icht Teil habt, a-u diesem blutigen Werke! Tut es! Seid Ihr der Engel, der die Hand Abrahams festhält 1!!nd nicht zu läßt!die nintzlose Opfe'vung Jsaks! Duldest n׳i!ht fc!ruer die HktiMachtung der Menschheit! An den Wassern Babels.!(Noch Psalm 187). An den Wassern- Babels saßen Wir und Nteinsten Und dachten Dein, o Zion! Dein,er Leiden Und hältigteu unsere Harfen an die Weiden, Wb sie int Flusse dichter sich vereiuten. Da heischten sie von! uns — ihr Wort, es klingst noch Wie Hohn uns nach —: ״Ans, singst uns Eure TvaNiw! Das Lied versönht und Leid ist nicht von Dauer: Singst uns ein Lied von Zion! Nus... So singt doch!" O Gott! O Gott! Im fremden Lande singen/ Wo wir das Brod mit bitt'reu Tränen netzen! Eh' soll kein Tropfen uns den Gaumeu letzen, Eh' uuserit Schmerz zur Lust sie köntt.teu zwingen Wenn je wir Dein, Jerusalem, vergäßen, Danu — strgs' uns Gott! — verdorre unsere Rechte, Und Weh! uns feigem, sündigen Geschlechts, Wenn wir den Mut zu sterbeu nicht besäßen: Dein Feind zu Trotz, wie sehr es ihn auch kränken Und gegen mis -erbittern mag, erheben Soll unser Lied im höchsten Womwbeben, Jerusalem, Deinglorreich Awgeidettken. Doch lgjlüheud brennt der Neue off'ne Wunde, Wenm sie ant Tag' von Sailems Fall nns höh n ein ״Seht! ihren Gott könnt' nur ihr Sturz versöhnen, Verwüstung thronst ans Zions he.il'gem Grunde!" SlWlm gar bald wird Dir der Tag auch kommen, Verstörte Tochter Babels, Sinnbethörte, Au dem Dir Gott vergilt das Unerhörte, Das Du getan׳ a,u uns und uns'reu Front,men. Wohl dem, der Deine Kinder, Destn-e Greise In grimmer Wnt an harte Felsen schmettert... Dänin fühlst Du lvohl, lvüe Gott in! Zorne wettert, Und sinkst zertrümmerst hin ׳- zu sei!nem Preise. S. A. Weiß. Ein Erholungsheim für isr. Kriegswaisen in Marienbad. Das Hilfskomistee für galizische Flüchtlinge iju Mamenbad hat unter dem Protektorate des Herrin k. k. Neg!iwu-ngsrates Professor Dr. Heinrich Kirsch ein Erholungsheim für israelitische

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