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Jüdische Volksstimme · 1916-07-27 · Heft 12 (27.7.1916) · page 1

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XVII (1916)
Issue
Heft 12 (27.7.1916)
Date
1916-07-27
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Nummer 12 Jahra. xvn. ubifdir DölksßiMNe. 1 Bezugspreise: Für Oesterreich-Ungarn, halbjährig . Kronen 6*20 ganzjährig. —־12 Kronen . Deutschland, ganzjährig. . Mark 12- Rußland, ganzjährig ...... . Rubel 16 — Balkan, Frankreich .. —־4 Franks . ffl-D I Redaktion und Administration: Brünn, Adlergasse S. Buchhändlerische Vertretung: Otto Klemm, Leipzig. Inserate: die kspaltige Petitzeile 30 h. Unverlangte redaktionelle Beiträge werden nicht hono« | riert. — Manuskripten ist Rückporto beizufügen. W-H0 Wien—Budapest. Brünn 27. Juli 1916 ' 26. Camus 5676 Prag—Lemberg. für die auf dem Felde der Ehre Gefallenen. Der diesjähviigo ״Jüdische Volkskaleuder" enthält lchite AbiteillniiW: ״Ehrentafeln" fün die auf den! Felde dev Ehre WfallMen jüdischen So Urten. EL ergeht bi!e Bitte: ״Nantc, Ort, Beruf, Charge, Negüm., Tag n. Ort des Todes Redakteur Hickl, Wien VIII Lercheng. 6a, mitzntei!len. Der Indische Bolkskalcnder enthält Beiträge von!: Feldvaibbi!tt!e,r, Dr. Fmnksttrter, Nab. Dr. M. Gvmtiwalid, Malvine Grüttlvald, Dr. I. Günzi'ig, ׳akad. Maler David Kohn, yiiiiitta! Müller, Jaik.^ Kraus, Pllof. Dr. Si 1tvvoiiii, Fr. Poriges, Dr. Scherlgg, Knltltsvorstche'v Dr. Schreiiber, Geimleiiwdemt Dr. Schloarz Hitler, i’( t>. S'tandi, B. Tag .n. u. a. Das jüdische Handwerk in Polen. Aus der A. I. Jngendorganisatiou. Dent Reimer des Ostens drängt sich mit den anderen Problemen!des befreiten Polen!׳.indes die Frage autf: Non tveilicher Wirkung wird die neue Epoche der politischen und bürgerlichen Freiheit ciat-f das jüdische Handwerk im okkupierten Gekürte feinV Bestimmtes lässt sich zur Sinnfct darüber nicht Voraussagen, loie heute über- -hanpt jede Perspektive über die Zukttnftgestaltium der Digge ein mmützes Woißsagen bedeutet. Eines steht indessen stlst: Das jüdische Handwerk loird iui of seinen Lichte der freien industriellen Entwicklung i tt nranchesmi um lernen müssen und diese iricht Att knapp bemessaup Umlernzeii teuer?gl bezahlen haben. Schon in den letzten Jahren vor dem Kriege nrachke sich int der jüdischen Handwerkertoelt des Ostens dse!r Untschwtting leise benrerkbar, der in den Weststaaten die Entwicklung des Handwerks zur Grosstndustrie brachte. Der Handwerker, der bis dahin tmnttttelbar den Markt beherrschte, tlnd in. di,Oktem Verkehr mit dem Konsumenten stand, iKuiicrt den feftett Boden unter den Füßen, ©a sich der Mittler aus der Handelswelt zwischen ihn und den Kundeit drängt. Das urväterliche Verhältnis zwischen dent .Handwerker nutb Kunden schlvindet. Erstprer arbeitet schon mehr unpersönlich, denn der Untevnehnter beherrscht deit Markt, indpttt er teils die Produktion zentral״.׳ siert — durch Gründung von Fabriken und Großbetrieiben — teils aber sich nur deit Zetrtralabsatz der ErzenM-isse der kleineit Heimarbeit, vorbehält. Solange Polen tttiid Litauen sich in rttssischeut Besitz befanden ttnd eine offene Tür nach dem gewerblich!und indtistriell nicht sehr ent- Nückotteit russischen Jnnenlande hatten, brachte diese Entwickelnng per Dinge keine tmwesetttlichen Vorteile. Der Unternehntttttgsgeist i1׳t der Tscherta wtlNde dadurch, allen beengenden Klatnmern der politischen Entrechtung zum Trotz, getrx'ckt, die Betriebsatttkeit des hochintelligenteit, durch ewigen, Verztvetfelten Kampf tim Brot und Nicht gestählten nnd vielerfahreneit jüdischen Handelsmaiitnes gesteigert, die der Produktion iimnier nene Gebiete erschloß. Der jüdische Handtverker, der ׳nun Mir!bei׳ geritttgereitt Lohne und weniger Liebe z!n.r Sache arbeitete, hatte dafür mehr Beschäftigung nnd war von der Zwangssacke der Wechselwirkniig von Nachfrage und Angebot in seiner kleinen IlmgebtiNg befreit. Eine tabellarische stnsam>nensteltung des bekennten Statistikers Dr. S. Margolin in der rufsischeit Zeitung ,cktiaßwK" vom Jahre 11)00 zeigt uns äugenscheinlnh, wie n>icht nur die Produkte des eigentlichen Fabriksbetriebes, wie Leder, Borsten, Ackerbangeräte usw. weiten Absatz in ganz Nichlanb fanden, sondern. atuh die Erzeug- N'isse d. Schttoider, Schuhmacher, Tischler, Drechsler, Str!n!nPMAoter, kn den engen Werkstätten des Anstndiungsrayons entstanden, sich Wetter Verbreitung in der Krim, dein Kaukasus, int Donatigebiet ׳ttnd tu! Sibirictt erfreuten. So wttrde die Produktion ans dem engen Nahmen des Kuttidettkrieises heraus fließend gemacht, gewissermaßen objektiv, unabhängig von dem Willen!!׳nid den Launen der Einzelpersonen. Auf dent Wege zur Großproduktion lvurde tttut das jüdische Handwerk i!u Polen über Nacht durch die netten Verhältnisse überrascht und anfgehaltett. Und es ergeben sich ngtte Probletne, die, mit ganz anderen Maßstäben gemesseit, unter ganz netten Gesichtspnnkten der Lösttng zndrängen. Der russische Markt ist, in deit Uebergangsjahren wein.igstens, dent besetzten Gebiete verschlossen, der detttsche Markt ihm aber ttach nicht geöffnet. Ob nnjd lvie nach Friedensschluß das Handlverk des ׳einstigen Ghetto deit Anschluß an den Markt der früherett Heimat wieder finden wtrd, bleibt abznwarten. Nielvorheißend sind die Anssichten nach dieser Nichtung gewiß nücht. Wird aber, was lvir im politischen, jüdischert und rein menschlichen Interesse alle hoffeit nnd wülyschett, das Polettland ans diese oder jene Art ein Teil des Kulturbodens der Zentral tnachte ttnd sotniit anch tiidnstriell mit ihtn eng verknüpft bleiben, so wird alles andere eher dabeiprofitierett, als d. jüdische Hattdlverk, dieweil es mit seilten primitiven Mittelu weder mit d. Pvodttktion itt Deutschland tt. Oesterreich konkttrrieben kann, ttioch als Lieferant bei deit Ansprüchen der dortigelt Großbetriebe in Betracht kommt. Zudem darf nicht übersehen werden, daß in dieser langen Übergangszeit, — die mit Beendigung des Krieges ׳noch lange tticht zunt Abschluß gelangen wird, — da dent jüdischen Handwerker nach rechts itittb ii(itd) links alle Wege versperrt waren und er, um 8ei.tt Dasein zu fristen, zu allen tttöglichen M'ischästignngen greifen mußte,'das jüdisch״ Ha-wdwerk n.׳i,cht ׳gerade i,1t׳n erlich stärker, leistnngstlittid tviiderstatidsfähiger geworden ist. Die Zukttnstfrage des jüdischen Handwerks ist sollttit ernte sehr!enn-ste. Das jübische .HatDtverk itt Polen und Litatrelt ist auch schon dantm mehr auf den russischen Markt attgenvesen, tveil es :tack) Art ttnd Eutwikkelung tnehr,auf den Pritttitivett östlichen als auf den verfeinerten -lmstlichen Geschmack e!i>1t ge stellt ist. Es ist ittteressaltt ztt vernehttten, wie wettig sich dort die J-udeit uti-t dent besserett Kunstgcwe>rbe befasseit, wie sie vielntehr ihre Arbeitskraft zunteist aus die Dinge des tägtichett Bedarfes vertveltdeit. Bis vor kttrzeitt bildeten die Uhrmacher eitt Prozent der jüldischeu .Haitdtverker, die Jtnvel i ere, Go ldschmlodie׳, Mechan i ker .nsw. er-׳ reichtett nicht ct'itttitfail diesen Prozentsatz, tvährcnd die Schneider, Schtthmacher, Kkrschiter, Mützett- »tacher nsw. über 50 Prozettt der jüdischen Haivdw.'^ker mtsumchen. Diesen steht, aller Vorattssiicht nach, eine schwere Zeit bevor. Ans deit nrväterlicheit Znstmtd des Kundeitkontingelttes können sie beim Anschluß lhrer Heintat att die Kttltttrlvelt nicht lnehr vcchnelt, das Absatzgebiet wird ihnen aber beschränkt ttnld der Konkurrenzkantpf tttternt-e'ßjlick) erschwert. Im besten Falle wird eine Zkechg von, Jahreit da,raus geh eit, bis sich das jüdische Handwerk beit neuen Verhältnissen ganz an gepaßt haben wind. Und dennoch kann es n>icht ausbleibett, daß eitt Heller Lüchtschüntltter der netten Knlkmiepoche auch ans das jüdische Handwerk veredelnd fallen tv-Lvd. Die soziale Stellttng des Hand!v!.-,r׳kers, der sich bis dahin ttittr itt den Niederttugeir des Lebetts bewegen durfte/ toi-rd i,nt Anschluß an die Milt, wo Arbeit, Fleiß ttnd Getveebe in höchsten Ehren stehett, gehoben. Schttlen, Fortbildnngskttrse, techitische Leh»rge>legenheiten werdett für eitle biejssme! aillgenleiiie tl,nd borg fl i che Ausbildung des Handwerkers sotMn, n,11d matt toi-rd attch in den jüdischett Kreisen nicht umhin könneit, den Hattdloerker mit apidgrien Augen anztisehen. Vielleicht ist!damit die Zeit aekomnteit, eitle an -ihm bega׳ngen.e schtvere Schuld, die sich in den letzten Jahren bitter gerächt hat, gut zu machen. Besonders int, chassidischen Kitteisen, aber ׳nicht iltinder in tliMnttlerkreisett itn angeblich stolzen, strengen, Verstands klaren Li taneit --- man denke «!!!!ץ N-albbi Israel Salanter s. A. — hat mgn schon dte Notlvendigkeit erkaunt, sich dent ei,!^ fachen Man,ne aus dem Arbeiterttnd Hattdlverkerstande zuzntttenden und ihn tnjahr für׳ die jüdische Sache ztt geüvinnett. An. guten Willen hat es ln dieser Beziehung itt Rußland ni'e gefehlt, eher an deit tatlgticheit Mitteln. Es fehlte das Sh stein, die Vtethode, die OtMuisatiou. Es fehlte di'e Schttle, Äi,e das Eheder ergänzen sollte,' es fehlte die gestliilde Bolkslitevatur. Die Zeikungen ttnd Bücher inder jüdischen Volkssprache vertraten enttveder ztt einseitig deit nationalen Standpoukt oder brachten nette, nie gekannte Begriffe ans einer fuemden Welt, richtiger, sie loarfeit tietie Worte in!di>e jüdischett Massen, die, je weniger sie in ihrer tlieferett Bedentung verstanden tour׳׳- deit, tllitsomehr Verwirnttng anrichteten. Di^ Politische Entvechtun'g, die die Herzeit mit Haß und Erbittert mg eafüllke, gab den Rest. So lotirde betttt di'e jttnge Arbeiternnd Handwegkergeneratiott von allen Seitett int dp Arme der Opposition getrieben. In Zeiten inaterieller nnd geistiggr Not fehlte ihr der neti-giöse Halt, an dem sie sich hätte ansrichtett köntt-ett. Hier tnttß jetzt die Hilfe von׳ jüdi>sche>r Seite emsetzen.. Mit dent Biildtutgsproblent des jüdischett Handtverkgrs entsteht für -uns das Problein seiner jüdischett Ansnttd Fortb׳ldu.״g und darf n!i׳chtkastt,M Prioblem bleibett. Der besser .gebildete, in eiiitir fwiett UkugebatitN sich bewegende jüdische .Handwerkgi wi-rd für die jüdische Sache weit leichter ztt gelvinnen sein, als der ans der rtissi-

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