Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XVII (1916)
- Issue
- Heft 8 (26.5.1916)
- Date
- 1916-05-26
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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«ritt 1 J/Mfo Nr. 8. die ■mm kfneiten Juden, tvelche der russischen Knute entgangen sind, mögen die große Zeit 1>cr־ stehen, die sich vollgies^nde Umwälzung segnen und deren Urladern Dankbarkeit zolle!:. — Die Juden Galiziens und Russisch-Polens sollen mm ßott danken für das Wunder der Befreiung, das dort vor unseren Augen sich vollzogen, und,sollen die Sprache, Kultur, Literatur und Gedankenwelt der siegreichen Völker Erstehen lernen. — Eine liberale Regierung wird sie vor ungerechten Angriffen der gehässigen Kreise in der polnischen inen Vertreter des extremen und des gemäßigten Flügels der Assimi,lauten, dann der Chasiidim, der Zionisten, des jüdischen Arbeiterbundes und der sozialdeinokratischen Partei Paale Zion teil. Es wird uns von informierter Seite versichert, daß sich die Teilnehmer schließlich auf die Min-iuralfordernng einer jüdischen Schul- und Kulturautonomie unter der Leitung eines oberstell nativn a len Knlturrates geeinigt Haberl. Die Anhänger der Assimilation begründeten, ihre überraschcilde Znstinnnung zu die fern Programill in nächste Nation zu schützen wissen; die voll der russischenk hender Erklärung: Erklärung der Assimilunten. Verlmiltung ausgegailgcne Aufhetzung der pol׳ ll׳ischell Machthaber gegen die jüdischeil Nachbar!: wird nnnnlehr der Vergangenheit angehören und eine sonnige, segeirsreiche Zukunft wird auch für sie beginnen. Der Weltkrieg wird niicht nur der slavisch-geriniailischen Spannung dm, Ende setzell und beiden Russell *eine sorglose Entwicklungsperiode verschaffeil, sondern auch den Ir,den in Ost und West den von ihnen ersehnten Weltfrieden bringen. Diesen von der gesamten Menschheit erhofften Weltfrieden des Näheren zu beschreibe!:, soll der Zweck des nächsten, abschlie senden Aufsatzes sein. (Schluß folgt. Die alte Tefillah! Auf dem! Krankenlager dahingestreckt! — Lieb Mütterchen wacht, daß ja nichts weckt. ,Ich aber trä:m:׳e mein Leben aitritcf llit-b denk' air des Jünglings seliges Glück! - O köstliche und doch so — achtlose Zeit! Was dacht' ich da viel an die Ewigkeit!- Daun, kam der Krallkheit Mischer Kein: ' Und zu dir, o Mutter, wie kehrte -ich fyeüu! Jetzt drückt sie mir etwas in meine Hand:!Ich hübe das Büchlein sogleich erkannt: 'Die alte!: Gebote! O herrliche Gab', Wie ich sie, .gesagt' und gestmgen Hab', Als ich Knabe noch war, frisch ,und,gesund! Es lispelt' sie damals mein frommer Mund; Null sprech' ich sie leise, bin. müd' halt' und krank Und den: Tode so nah'! — Mutter, Hab' Dank! Neuorientierung der Polnischen Assimilanten? hndem wir das Judentum als ein uationalbil denides Element nicht anerkennen, indem wir ferner au die Möglichkeit der kulturellen Entwicklnng des Jargons feinen Glauben besitzen und endlich die Assimilation als einzig wirksames Mittel der Regelung der jüdischen Frage auf der Grundlage des kulturelle!: Fortschrittes auerkennen, obwohl wir einsehen, daß diese Entwicklung nur stufenweise vor sich gehe!: muß, sind wir jedoch von der zwangsmäßigen politischen Assimilativn der jüdischen Masse!: lveit entfernt. Ebenso erkenne!: wir an, daß die Massen Erziehn'n.gslnethodcn, die ihren: Weser: augepaßt sind, genießen mitffen* Wir sind hingegen der Me:- lllrng, dasz der Gedanke eines verfassungsmäßigen und gesetzlich garantierten obersten tvationafen Kultnrrates grundsätzlich annehmbar ist, also eines Organs, welches die Erziehung und kultnrii: der kfaiimtci: Erklärung des Herrn von Javorski Proklamiert werden .Endlich spricht sich die Erklärung deutlich für eine,!renn auch engbegreilzte AutonomUe und für die nationale Mntriknliernng der jüdischen Bevölkerung aus- Man darf natürlich die Bedeutung dieser Erklärung nicht überschätzen. Für den .üenner der Verhältwisse ist es ans den ersten Blick klar, daß diese Erklärung aibgegeben wurde, — der Not gehörche!ld — nicht dein eigenen Triebe. Die Konjnnktur ist für die Polnische Assimilationspolitik im dentschel! Okkupationsgebiet nicht günstig, ein starres Festhalten an den: Grundsatz der bedingn.ugslosen Assimilation könnte die deutsche Verwaltnug ans dtzu Gedanken bringen, daß es nicht nur eine Assimiliernng an- Polen geben könne, lvas sowohl für Inden wie Polen verhängnisvoll werden köun-te. (Wir erinnern an die erste Schul- Verfügung des Ober ko u 1! u a nd ie r e nd e u, derznfolge in den jüdischen Schulen Deutsch als Unterrichtssprache eingeführt werden sollte.) Es ist ge- Wiß kein Zufall, daß es gerade die Warschauer Assimi'lanten Ware!!, die diesen ״Verrat" an den Traditionen der AssiuiilatiouAPolikik begingen, während ihre Freunde in Oesterreich nur im österreichischen Okkupationsgebiete mehr denn je an der alten Praxis der Zwangsassiin'ilation festhaltell. Doch bleibt die Erklärung ans sieden Fall ie. Faktoren, die ein wertvolles Dokument ,über die Zukunft Polens::nd der Ostjndcn n:itelle Entwicklung der jüdischen Jugend auf Zureden haben werden, werden über dieses Dokusprachliche,-. Selbstbestiininnng und auf diesbe-'n:ent nicht ohne weiteres zur Tagesordn.nng über- '. ־ ״" gehen können, auch wenn seine Autoren es noch!einmal verleugne!: sollten. zügliche- MatriLulierung der jüdischen Bevölke runig gründe!: wird. Dieser Gedanke ist jedoch nur unter der Bedingung annehmbar, , . . .» ׳. ׳daß es weder die Entwicklnng der freiwilligen Assimilation, noch die Einimpfung der bürgerlichen Pflichten den: polnischei: Vaterlande gegenüber und der polnischen politischen Idee inden jüdischen Massen stören wird. .... . ........... tw Diese Erklärullg bedientet trotz.der prinzipiell assinlilatorischen Emleitnug, einen vollständigen Bruch n:it der bisherigen Theorie und Praxis der AssimilationSpolitik. Schm: das Gestülldnis, daß die jüdischen Massen eine ״-ihrem inner!: Wesen ange- Paßte Erziehnngsmethode" brauchen, ist eine! Verurteilnng der bisherigen poln'isch-assimilatorischen Schulpolitik und insbesondere auch des err,,--׳ --״-...—......... -r - . ... bitterten Kanlpses gegen die Einführung derreinige Tage das Städtche!: verließen, n!>: auf div> jiddischen Unterrichtssprache in jüdischen Schulen/Streifzügen neue Beute zu suchen. So :rar es den Patriotismus der österreichischen Juden. Patriotischer Opfermut eines jüdischen Mädchens (Originalbericht an das ״Jüdische Archiv", erstattet von Tr. Arnold Friiedlnann.) in allerjüngstier Zeit. Die Stellung:: ahn:-e gegen die nationale Zwangsassimilation und die For- (Jak.) Vor eiiliger Zeit fand in Warschau dcrung der vollen bürgerlichen Gleichberechtigung Konferenz vor: Vertretern sänülicher ji'ldi-'ohne irgendwelche Einschränkungen und Vorbescher Parteien und Richtungen über die Frage der künftige!: Gestaltung der rechtlichen Lage der Inden -in Polen statt. Än dieser Konferenz nahging, laut zu sich selbst sprechend, auf und ab: ״Dreihehn geschlagen.... Was heißt das? Mas kann, das bedenten? Wäre etwas nicht in OvdillUlg, müßte sie ja stehen bleiben- Nnn geht.sie aber, folglich, folglich die Feder...." schloß er sein Selbstgespräch, ״Gelpiß wird es die Feder sei::", tröstete ihn die Mutter. ״Warum uiunust du sie nicht lieber herunter und siehst ::,ach, statt dich zu ärgern und hin- und herznraten." ״Du hast recht", sagte der Vater und:nachte sich ans Werk- Er nahm die Uhr ansdnandersah alle Teile genau durch, arbeitete unausgesetzt den ganze:: Nenhmittag, so daß ihn: die Schlvoißtropfe!: -von der Stirne rannen, und als er siabe!:ds wieder anfhängte, versauunelten wir uns n,euerdings un: sie. Dismal schlug sie blos zwölf. Der Vater rieb sich die Hände, ,?)dicht n:ehr dreizehn", rief er trinnrph irrend. Die Mutter lächelte. ״Nun, inan weiß ja, daß du ein Meister bist", sagte sie. ״Aber hast du aufgepaßt, wie sie jetzt immer dmgnngen enthalten eine klare Absage an die ״europäischen Grundsätze" in der Judenfrage, wie sie von: obersten polnischen Nationalkomitee <ga!ug des Versöhnnlpgstages. Das Aechzen wurde i'mmer größer, immer trauriger, -und alle sahen wir, wie es dem Vater zu Herze!: gi.ug. Es tat -ihiu! so Weh, daß er ihr u,icht helfe!: konnte- Es schiei:, daß ihr letztes Ständlein herannahte. In:- 'mer seltener wurden die Gebärden des Pendels. Er schüttelte sich, nahm nach der einen Seite einen starken Anlauf, un: desto kläglicher nach der anderen Seite zu hunrpeln. Wie ein greiser, müder Melüsch, der seine Fiiße uachschleppt, so war jetzt die Uhr. Bald sollte sie für U!:n:er still bleiben; ach! für immer. Ein Glück, daß mein Vater rechtzeitig di-e Gefahr -erkannje und auf MUtel sann, .sie abznwehren. ״Zu wenig Gewicht", murmelte m und eilte ihi die Küche, suchte den Kolben des Mörsers hervor (er wog drei Pfllnd) und befestigte ihn an der Uhr. Jetzt schiensie wie neu belebt und wiegte sich der Pendel- Doch nicht lange bauerte dies. Bald begann die Uhr wieder zu kräuketil nild der Pendel schien neuerdings zu ermatten. Das kleine Städtchen Pistyn. in Siidostgalizien hatte itu letzte:: Viertel des Jahres 1014 von, den Russen viel zu leiden. Die Kosaken besetzten die jüdischen Hällser uud Hütten umd die jüdische -Einwohnerschaft war gezlouugeu, bei befreundejten ruthani-schel: Bauer:: Zuflucht ,zu suchen. Es Pflegtej>ft vorzkmnlneu-, daß die Kosaken für liehen, um auf den armen Menschen hie und da möglich, frei aufzuatulen. An einen solchen ״freien" Tage kehrte auch die 19 jährige Sara Esther Schon׳ in ihr Elter»- Haus zurück umd fand unter den zertrümmerten Hausgeräten einen von den Stusse:: vergessenen Tagesbefehl. Das Mädchen, welches rutheuisch ächzt, wen'N sie schlagen sott? Wahrscheinlich fällt^Bald bewegte ,er sich lairgjsam, bald allzuschnell, jhr das jetzt so schtver." dazwischen hörte man ein seltsames ״kchi׳": es ״Das scheint dir nur so", sagte der Vater, war entsetzlich, es ging auf die Nerven. Das war Er horchte aber seitdem aufmerksam; wenn sie zu Schwäche! Wir zweifelteu -nicht länger und es schlagen begann. In der Tat vernahm man jetzt war schrecklich, die Leiden dies Vaters mit anzuein eigentümliches Geräusch. Und der Klang selbst sehen. Wie ein Leibarzt alle Mittel anwendet und der da-mi folgte, war auch nicht mehr der friihere. selbst sein eigenes Leben in die Schanze schlägt, F rüher lnar es ein, energisches, kräftiges Klingen, - un: seinen geliebten König zu retten, so sann mein jetzt aber lag Miidigkeit und Tra:her darin, so Vater unaufhörlich auf Mittel, um seine teuere wie die Stimme eines alten Vorbeters am Aus-^UHr zu erhalten, um sie nicht sterben zu lassen. ״Zn wenig Gewicht", :nurmelte er und er eilte in die Kiiche und brachte eine kupferne Pfanne, später ei,::׳ Bügeleisen, dann ein Säckchen Sand und endlich ztvei Ziegel. Alle diese Dinge befesti'gto er an ihr ::nd sie erholte sich jedes:nal, zog nerve Lebenskraft!aus ihueu und gi-ug, schwer und stöhnend zwar, aber sie ging. Eines Abends geschah das große Unglück- Es war an einen: Sabbatabend. Wir saßen alle um -den Tisch und aßen jüdisch gekochte Fische, die Sabbatsuppe und alle Vor- und Nachspeisen, wie es die Vorschrift verlangt. Die Sabbatkerze!: Ware!:!:׳iodergebramlt . . . das Mädchen brachte ׳aus der Küche frisch gedörrte, wundervolle Kürbiskör-uer. Tante Jente erschien und nah!!: teil daran, bedauerte jedoch lebhaft, daß sie keine Zähne habe. Dann erzählte sie eine höchst verwickelte Geschichte, die sich gesternbei!!: Fischstaud zugetragen habe- Die Weiber hätten sich aneinander gedrängt und eine der wohlhaibendsten hätte geschi:1:«pft, Pöbel denke an nichts als au. das Essen, Worauf sie, ׳Tante Jente, selbstverstäildlich nicht ermangelt habe, die gehörige Anttvort zu erteilen. Die Kerzen gingen zu Ende, die Schatte!: auf den Wänden kletterten immer höher uud höher. Die Kürbiskörner knisterten. Man. erzählte sich Geschichten so ins Blaue hinein, ohne Zusau:- menhaug. Mehr als wir alle erzählte Tante Jente. ״Still!" sagte sie. ״Wißt ihr von der Ge- Schichte, die neulich geschehen ist? Da haben Mörder em jüdisches Wirtshaus überfallen, alle ermordet, selbst das kleine Kind in der Wiege haben