Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XVII (1916)
- Issue
- Heft 8 (26.5.1916)
- Date
- 1916-05-26
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/2621806-2621974-2621982--3420-2624611- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Niger 1× ep/1824046
OCR text
Nummer 8 Jahra. XYll. 3ühifd)r WKgßlMk. a--- Bezugspreise: ---K Redaktion und Administration: Brünn, Adlergasse 9. ,für Oesterreich-Ungarn, halbjährig . Kronen 6 20 Bllchhändlerische Vertretung: Otto Klemm, Leipzig. ganzjährig. Deutschland, ganzjährig. Rußland, ganzjährig ...... —׳12 Kronen . — 12 Mark . Inserate: die 6spaltige Petitzeile 30 h. —׳16 Rubel . Unverlangte redaktionelle Beiträge werden nicht hono- Balkan, Frankreich. —׳4 «Frank . riert. — Manuskripten ist Rückporto beizüfügen. ■- -4 1 1-A Wien—Budapest. Brünn, l\ {״״' Prag—Lemberg. Friedenszar, der Urhchor des Krieges aller gegen -alle, nach Ansbruch des Weltbrandes eine größere (Geldspende dem Friedenstempel!int Haag weihte! Es klingt )oie ׳0111׳ Hohn auf un-ser sittliches^ Empfinden, wenn er glaubte, die späteren Menschenhekatomben dadurch söhnen zu können! Es klingt wie eine Ironie!, wenn der Friedenszar auf sich die geh!ar!ni׳schte Rüge des Propheten Jesajas' (1, 12—15) litt): ״Wenn ihr vor mir erscheinet, wer verlangt von euerer Hand (quasi die Spende), meinen Hof zu ׳betreten? ... denn euere Hände pota1n׳i׳e>n> nur Niederlagen und Enttäuschungen eintrug, können sie sich noch immer nicht entschließen, die Einleitung von Friedensverhandlungen vorzuschlagen. Sie setzen die Feindseligkeiten fort, um sowohl Belgien und die Balkanstaaten, als auch Polen den früheren Besitzern zurück zu erobpr11׳>- Man 'bedenke: .Polen, welches Jahrzehnte lang darnach strebte, das russische Joch abzuschütteln, im Weltkriege tapfere Legionen aus¬ Weltkrieg und Weltfrieden. Bon Dr. I. Eisenberg. (Nachdruck verboten.) 3. Fortsetzung.) Es ist bereits heworgehoben Warden, daß die Tragödie von Sarajewo keineswegs die Ursache Wohl aber das Signal zmn Beginn, des Völkerringens bildete. Es )1x11־ der Funke, welcher das Pulverfaß zur Explosion ׳brachte. Die Politik des russischen Väterchens, die Hegemoni׳e niber den Balkan, sowie auch über die übrigen slavischen Stämme Europas zu erlangen, sollte zur Wirklichkei-t und die westeuropäische Karte nach feinem ,Wunsche nmgeformt werden: daß!er das Polnische Brudervolk stiefmütterlich behandelte, ihm Sprache, Besitzstand und Nationalbewußtsein raubte, daß er die Ukrainer rücksichtslos unterdrückte, wurde ihm von feinc.n1 Bundesgenossen gar bald verziehen. — Wie oft verstand es dieser Großherr, seine Zeitgenossen zu täuschen! Mit dem tltufc: ״Rüstet ab!" trat er vor׳anderthalb Jahrzehnten׳ vor die Völker Europas und prokla«- mierte Einschränkung der . Kriegslasten, allgemeine Nieduzierung der Rüstungen und Anibahmun-g einer Verständigung der Nassen und Klassen. NichtsdestoNx.׳Niger wußte er i»n> eigenen Lande jede freie Regung und Bewegung im Keime zu ersticken, seine Völker zu knebeln und Blutgerichte aufzuführeu. Nichtsdestoweniger begün^ stigte er in seinem weiten Reiche die Helden der Judenpogrome, hetzte Völker gegen Völker und gefährdete tatsächlich den Weltfrieden. Es klingt wie ein Hohn auf die Menschlichkeit, )venu der t^euilletvn Simches Uhr. Scholen! Aleichem. Die Wanduhr schlägt dreizehn . - . Das ist kein Scherz. Ich erzähle euch eine wahre Gosch ichte, wie sie sich in Masepewke in׳ unserem Hause zng.׳tragen hat. Ich selbst habe sie miterlebt. Wir hatten eine alte Wanduhr, ein uraltes Erbstück noch vom/ Großvater her. Er hatte sie wieder vom Urgroßvater. So war sie durch mehrere Generationen seit Chmelnickis Zeiten ein Erbstück der Familie. In der ganzen Stadt kanute man diese Uhr und man nannte sie kurzweg ״Simchens Uhr"- Viele Leute kamen in unser Haus, um ihre Taschenuhren nach ihr zu richten, ja selbst Leibisch, der Philosoph, .ein Manu, der in dem Sonnensystem Bescheid wußte und den Kakender auswendig kannte, erklärte einst (ich selbst habe es aus seinem Munde vernommen), daß unsere Uhr — streng genommen eigentlich in die Rumpelkammer gehöre, jedoch, wenn mau in, Be- 'kracht ziehe, was für Uhren es heute gäbe, sei unsere Uhr immerhinein!e Uhr. Man muß nümlich wissen, daß Leibisch, ׳der Philosoph, sehr streng auf Genauigkeit hielt und oft den Hügel aicherWb der Stadt zu erklettern Pflegte, um den Kalender in der eiilnen, die Taschenuhr in der anderen Hand, den Augenblick zu erhaschen, tu sind ja mit Blut besudelt!" .. Wo sind die Ideale vom ewigen Frieden, welchen dereinst die Pro- Pheten dos Alten Bundes verkündeten, die Schöpfer:der Religionen Weiter ausbauten und die Philosophen und Denker als Grundpfeiler der menschlichen Gesellschaft erklärten? Wo sind jene Epigonen, welche diese großen Ideen auf den Universitäten vortrugen, dem Weltfrieden einen Tempel bauten uud ׳ihn zum Wohle der gangen Menschheit auszugestalten gelobten? Wo ist der Geist jenes Königsberger Philosophen, welcher die ersten Umrisse zu diesem Tempelbau zeichnete, die schönsten Gedanken zum ewigen Frieden schuf u. den Freunden solcher Ideale den Weg bahnte? Wer hätte es je erwartet, daß die Westmächte die Beschützer der kleinen Nationen, trotz der furchtbaren Schläge, welche ihre Schützlinge bis jetzt erfahren mußten, noch immer Unnachgiebigkeit bekunden werden? Wer hätte es je geahnt, daß nach fast zweijähriger Dauer des Weltenringens das widernatürliche Konkulbinat zwischen fcfcni freien Westen und dem« kosakiischen Norden noch immer bestehen, daß die zahllosen Minden, an denen bereits beide Weltteile bluten, ihrer Kampftust nochkein Ende bereiten würden? Obwohl der Krieg den Engländern auf französischem Bo-!den, in den Meerengen, in Saloniki und in Mesodem hio Sonne hinter dem Horizont verschwand. Dann kam er schnurstracks in unser Haus getanfeil, um meinen Vater zu höhnen, daß unsere Uhr miik drei! Minuten vor oder rückwärts )vir, woriuf meiin Vater, dem!der gute Ruf unsever Uhr über alles ging, erregt zu antworten Pflegte, so daß sich regelmäßig ein! Streit Mischen den Besitzern'der zwei Uhren entspann. Neb LoWsch war, Wie gesagt, ein Philosoph, und )aeiin er ab und zu unserer Uhr einige A>nerkennnng zollte, so )var dies die größte Auszeichnung, die sich einje Uhr erwerben kann. Ihr Schlag )var in!der ganzen Stadt berühmt. Slije )var sozusagen eine öffentliche Uhr, nach der sich die halbe Stadt richtete wenn nwm׳ Freitag früh rechtzeitig erwachen mußte, um für den Sabbat zu rüsten, wenn, man die SabbatHerzen anzünden, am Ausgang des Sabbats Feuer machen wollte — und in ähnlichen Angelegenheiten, welche das Judentum anszeichuen. Sie diente treu und redliich uns und der gangen Stadt- Nie empfand sie das Bedürfnlis, auszuruhen, und Zeit ihres Lebens wußte sie nicht, wie ein! Uhrmacher aussah. Mein Vater war nämlich selbst ihr Meister. (Er besaß einige ״Ideen" von der Uhrmacherkunst.) Alljährlich vor dem Pessachfeste nahm er sie vorsichtig uud zärtlich von der Wand, entfernte von ihr das Spinngewebe, reinigte ihre Gedärme mit einer Gänsefeder und brachte einige Dutzend Fliegen, einige Motten und ab und zu eine Mauerassel zum Vorschein, ׳)velche alle, von den Spinnen dorthin. verlockt, eines jämmerlichen Todes gestorben waren. Dauu hing er sie Wieder an die Wand und beide strahlten. Die Uhr strahlte, rüstete und nun. imrter dentschi-österreichischem Schutze anfatmete, soll nun in die Krallen des russischen Bären zurückgetrieben werden! Da müssen wir nun den englischen Bibelverehrern das Verbot des Alten Testamentes (5. B. M., Kap. 22, 16) ins Gedächtnis zurückrufen: ״Du darfst keinen Sklaven seinem früheren Herrn ansliefern." —Die großen Errungenschaften desr Mittelmächte bürgen dafür, daß alle Anfordernngen der englischen Nation, einen Erfolg zn erzielen, scheitern werden, und daß den Feindseligkeilen keine lange Dauer mehr beschieden sein kann!. Die großen Siege der Zentralmächte schufen ,eine Verbindungsstraße zwischen den Residenzen derselben und der des Chalifats, brachten die Völker des Abendlandes denen des Morgenlandes näher und legten den Grund zn einer Aerständignng zwischen Judentum, Christentum und Islam׳- Sobald die russische Gefahr beseitigt sein und die zarischp Macht sich gen Osten, gegen Si- ׳ birken, zurückziehen wird, dann wird auch eo ipso die Lage der Inden, die unter dem russischem Joch geschmachtet hatten, eine Bebesserung erfahren. Deutschland und Österreich werden es dem Judentum nie vergessen, daß seine Söhne sich initf dem Schlachtfelde durch besondere Tapferkeit anszeichneten, durch ihre Treue und Ergebenheit viel zn den Erfolgen beitrugen und auch im Hinterlande die wertvollsten Dienste leisteten. Aber auch weil sie frisch gewaschen und gekämmt war, ׳und der Vater strahlte, weil die Uhr so ׳glänzte. Nun geschah folgendes. Es )var an einem schönen, durchaus nicht bewölkten Tag- Wir saßen .alle bei! Ai׳sch und aßen zn Mittag,während!ich, )vie es meine Gewohnheit )var, die Schläge ,der Uhr laut nachzuzählen begann: ״Eins, z)vei, drei, sieben, elf, dreizehn ..." ״Dreizehn?" rief ich erstaunt, ״dreizehn gar?״ Mein Vater lachte. ״Du bist ein sauberer Rechner," sagte er, ״hast du je gehört, daß eine Uhr dreizehn schlägt?" ״Es scheint mir aber doch, daß sie dreizehn geschlagen hat", sagte ich kleinlaut. ״Schweig", rief der Vater erzürnt. ״Eine Uhr schlägt niemals dreitzehn, merk' dir das!" ״Mir scheint, daß er nicht unrecht hat", mischte sich jetzt die Mutter drein", ״auch ich glaube, dreizehn! gezählt zu haben . - ״Jetzt redet sie auch noch drein", rief der Vater erbittert, und die Sache stimmte ihn nachdenklich. Nach dem Essen trat er an die Uhr, rüttelte sie, worauf sie zn schlagen begann. Wir alle zählten aufmerksam mit, indem wir ■mit den Füßen den Takt schlugen: ״Eins, zwei, drei, sieben, nenn, zwölf, dreizehn -...." ״Dreizehn?" stöhnte der Vater und sah so erstaunt um sich, als hätte er Plötzlich vevnommen, daß die Wand zu reden begann. Nochmals rüttelte er die Uhr, )vorauf sie wieder dreizehn schlug.. Jetzt ftieß er ganz niedergeschlagen vom Stuhl herab, eine tätliche Blässe bedeckte sein Gesicht, er fuhr sich nervös mit der Hand durch den Bart und