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Jüdische Volksstimme · 1916-05-11 · Heft 7 (11.5.1916) · page 3

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XVII (1916)
Issue
Heft 7 (11.5.1916)
Date
1916-05-11
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Mir denken dabei nicht nur an die Technik und die Organisation, sondern an das ganze Gc-istesrpich, an das Fortschreiten des Lebens im Geiste der Zeit, cvü das Eindringen in die Geheimnisse der Natur draußen und der menschlichen Natur. Was Deutschland tim Frieden groß!gemacht hat, das energische Kämpfen und Wirken nach der Erkenntnis der Naturgesetze, — das ist auch unsere Stärke im Kriege geworden gegenüber einem an Zahl und äußeren Mitteln! viel stärkeren Fetnde. Die Wissenschaft war es, die! uns wirtschaftlich und sozial zu dieser nie geahnten Höhe erhob, und die Wissenschaft auch ist es, die strategisch, taktisch, finanziell und politisch draüßen im Felde und daheim unsere mächtigste Stühe bildet. Gewiß ist es der Beruf der Wissenschaft, dem Frieden und nicht dom Kriege zu dienen. Wenn aber des Lebens Notwendigkeit Krieg gebietet, dann muß auch die Wissenschaft diesem höheren Rufe folgen. Den!: die allgemeine Wohlfahrt ist auch für die Wissenschaft das höchste Gesetz. Es gibt neben dem deutschen Volke nur noch eine zweite Gemeinschaft auf Erden, die stets in der Wissenschaft, i!m> Ringen nach der geistigen Höhe ihre Zuversicht erblickte: die südische. Es gibt kein Volk, das den wissenschaftlichen Idealismus höher schätzte, als das jüdische. Bei uns bildete das Streben nach geistigem Fortschritt, nach Veredelung und Vrntiefnng der Seele, keinen Luxus, sorrdern den eigentlichen Inhalt des Lebens. Lexneu mrd Lehren war stets das Ideal unserer Väter, mich irr schwerster Zeit. Das war unsere Stärke und unsere Lebünsphilosophie in allen Mmdlringen der Geschichte. Als der jüdische Staat zerstört wurde, gründeten die jüdischen Weisen Hochschulen der jüdischen Wissenschaft, Pflanzstätten zur Pflege jüdischen (Mistes. Und darin kouservierten sie die jüdischen Ideale rmd die jüdische Kraft viel besser als durch einen kleinen Vasallenstäat, der doch den wechselnden Schicksalen und Stürmen der Jahrhunderte nicht hätte trotzen kömrerr. Es klingt Paradox und ist doch wahr: durch die Aufgabe des StaatsWdankens retteten rnrsere Weisen die Ewigkeit des Judentums und der Judenheit. Unsere alten Volksführer erwiesen sich als die wahren Staatsmänner. Sie kannten die Natur Israels, und die Psychologie des Judentums gab ihnen den Schlüssel zum Verstäuduis der Zukunft. Ja^dio Wissenschaft war neben dem Glauben stets die Lebeusmacht Israels, und sie wird es immer Werben. Aber es muß eine Wissenschaft sein, die mit denr Leben geiht, aus ihm! ihre Kraft schöpft rmd zu ihnr zurückkehrt, es beeinflussend uitd idealisierend. Diese Liebe zur Wissenschaft allein kann Herr einheitlichen Boden jüdischer Entwickelung bilden, die Arena, in der alle Parteien, dio an, die Zukunft des Judentums glauben, einander die Hand reichen, um als Priester oder als Laien für die Größe Israels einzutreten. Vielleicht ist es gerade!der Sturm unserer Zeit, der so vipl Morsches hinwegfegt, der auch Raum schaffen wird für eine freiere Entfaltung jüdischen Geisteslebens. Demi zu den vornehmsten Aufgaben rmserer Zeit-gehört die׳ Förderung her jüdischen Wissenschaft. Sie soll nicht mehr im Verborgenen blühen wie eine schwache Pflanze sondern frei und stolz im Lichte der Sonne ihr .Haupt emporheben. Me wir un-sisre Gotteshäuser lMlte nicht mehr in verschlossenen Höfen, sondern au!f freien Plätzen bauen, so soll auch die jüdische Wissenschaft vor aller Welt ihre Triumphe feiern. Diese Pflege der Wissenschaft im großen Stile, in m: Literatur und -cp den öffentlichen Lehrstätten wird auch am meisten dazu beitragen, die Vorurteile gegen uus zu überwinden. Denn gar oft paart sich Torheit mit Bosheit, und die Unwissienheit ist der Urquell der Verkennung. Das Wort des Altmeisters der jüdischen Wissenschaft Leopold Zunz blgibt wahr: Die Judenheit wird erst dann verstanden und gewürdigt werden, wenn das Judentum die gebührende Anerkeinnrmg gefunden hat. Die Beteiligung der Juden im (Ein Appell an die Kultusgemeinden.) Die Budapestex ״Allgemeine Jüdische Zeitung" hatte angeregt, daß jedes ungarische Radbinat eine genaue Statistik der Beteiligung der Judenschaft' des betreffendn Nabbinatsbezirkes a-m Kriegsdienst zusammenstelle. Sie erhielt nun die erste Zusammenstellung aus dem! Bezirke Bethlen. 238 Juden sind dort eingerückt und zwar 113 Verheiratete-, die insgesamt 198 Kinder haben, u. 126 Ledige. 34 sind jünger als 20 Jahre, 102 stehen zwischeu dem 20. und 30., 57 zwischen dem 30. und 40., 36 zwischen dem 40. und 46., und 9 zwischen dem 46. und 60. Lebensjahre. Dem Berufe nach sind 2 Advokaten, 1 Gerichtsexekutor, 1 Bezirks-Rechnungs-Revisor, 1 Steueramtspraktikant, 1 Advokaturskandidat, 4 angehende Aerzte, 6 Buchhalter, 5 Kanzlei-Angestellte, 3 Agenten-, 18 Kaufleute, 8 Handelsangestellte, 14 kleine Landwirte, 82 Handwerker und Handwerksgehilfen, 64 Gastwirte und Gemischtwarenhändler, 12 Fuhrleute und 6 Arbeiter- Dem Range beim Militär nach sind 1 Oberleutnant, 3 Leutnante, 6 Kadetten und 24 Unter- Offiziere. Bis jetzt waren 172 an der Front, 18 werden noch ausgebtldet. Den Heldentod fanden 10. In Kriegsgefangenschaft gerieten 12. 13 wurden schwer, 27 leicht verwundet. 6 sind gänzlich invalid. Ausgezeichnet wurden bis jetzt 8._ Wie ersichtlich, fehlt in dieser sonst musterhaften Statistik noch die Angabe der Zahl der in dem Bezirke wohnenden Juden im! Alter von 18 bis 60 Jahren, eine Angabe, durch welche man auch das Perzentuelle Verhältnis der jüdischen Eiugerückten zur Zahl der jüdischen Einwohner in׳ den in Betracht kommenden Altersjahrgängen feststellen und dann mit dem entsprechenden Verhältnis auf nichtjüdischer Seite vergleichen könnte. In- -einer statistischen Aufnahme i׳m ortodoxen Rabbi natsbezirke K o l t a (Komitat Komorn) ist fiir die ״Allg. Jüdische Zeitung" denn auch schon dieser Mangel beseitigt. Nach dem betreffenden Berichte sind von den 40 Juden des Bezirkes, die im Alter zwischen 18 und 60 Jahren stehen, 30 eingerückt, wovon 18 ledig und 12 verheiratet sind. Wenn die jüdischen Kültusgemeinden nicht nur in Ungarn, sondern auch in Oesterreich und anderwärts ihre Aufgabe in dieser verantwortungsschweren Zeit verstehen sollen, dann müssen sie der Anregung des ungarisch-jüdischen Blattes Folge leisten. Es gibt doch für jede Gemeinde, ob groß oder klein, wirklich nichts leichteres, als eine Statistik, wie die beschriebene, a-nzulegen und zu führen. Möge bedacht -werden, daß sich aus diesen Einzelstatistiken ein genaues und bedeutsames Bild der jüdischen Gesamtleistung im Militärdienste ergeben würde. Mr appellieren an alle jüdischen Kultusgemeinden, uns ihre Zusammenstellungen einzusenden. An 1ms wird es liegen, sie für den Gesamtzweck zu sammeln und zu verarbeiten. Jüdisches Kriegsarchiv, Wien, 2., Zirkusgaffe 33. Die Peßach-Ausspeisung der jüdischen Soldaten durch die ״Einheit" in Men. Zu den vorzüglichsten Fürsorgezwecken während dieser schweren Kriegszoit gehören entschieden auch die Ausspeis-ungen der Sollten durch den jüdischen Verein ״Einheit". Aber zur Potzachzeit hat der Verein seine Arbeit zu vervielfachen, da ׳errichtet er neben seinem eigentlichen Sitz!im 2. Bez., Malzgasse 12, noch Filialen, da vorfünffacht sich die Tätigkeit des Oekonomen Herrn A. Fischer, dieses Meisters -iiu Organisation und Wirtschaftsbereitschaft. Und Herr Bernhard Hof- Öa-iter, der Fahnenträger eines unentwegten und überzeugungs treuen' Judentums!. Ihm darf nichts entgehen, was die Tage weihevoll macht. — Gott erhalte sie dem Werke und ihren Freunden! Der heurige Pehach hat sich besonders von den aiudeiren -ausgezeichnet. Er war militärisch orgauisirt und geweiht durch ׳den priiesterlichen -Gruß des Feld-Rabbiners Dr. Arnold Frankfuxter, des Leiters der isr. Militärseelsorge-in- Wien. Di-esem von Liebe und Begeisterung für das Indentum erfüllten Seelsorger ist was immer wieder zu betonen und zu unterstre-ichen ist, die Organisation ׳der isr. Mil-itärseelsorge zu danken und er verstand es, feinem Amte das -gebührende Ansehen zu verschaffen. Wo es gilt, das Judentum zu bekennen, tritt Dr. Frankfurter mit Erfolg!ein. Alljs nötigen militärischen Verfügungen zur rit. Osterverköstigung wurden durch ihn erwirkt. Er übertrug auf Befehl des Militär-Kommigudos dem! jüd. Verein ״Einheit" die Verköstigung der 2600 jüd. Soldaten der Station Wien für die 9 Tage des Peßachfostes. 600 Soldaten m-Ußten, weil sie nicht ausg-aingsfähig waren, in ihren Aufenthaltsrärmten -versorgt werden. Das große Werk, fiir welches nur kurze Vorbereitungszeit war, gelang. Herr Oberleutnant Felix Lederer, als technischer Beirat der isr. Militärseelsorge, regelte den Detailvorgang -bei der Anssipei׳- sung Und seine zu.vorkamm-cjN.de, aber entschiedene Art des Verkehrs hat viel zum Erfolge beigetragen. Herr Leutnant König von der MeUag-everwaltun-g half, Mehl, Mt n. Zucker zu Versorgern Auch Herr Ober-Offizial Weiß von der isr. Kultusgemeinde hat -sich durch die Umsicht, die er den Ausspeis-ungen widmete, im Interesse des Gelinge-ns der großen Arbeit betätigt. Weiters hat sich eine stattliche Zahl edler Damen und Herren, aus Maria,hilf und Neubau in lobenswerter Weife -in den Dienst der guten Sache gestellt, -in vorderster Reihe: Herr u. Frau Moritz Felsenburg, die Präsidentin des Mariahilf-er Frauenvereiues, Frau Frieda Strauß, sowile Fva,u Maximilian Schlesinger, Vorstandsdamo i׳m Vereine ״Einheit". — In den Leopoldstäd-ter Speisehallen zeichneten sich durch besauders eifrige Betätigung aus — die Damen: Frau Dr. David, Frau Adolf Fischer, Frau Max Hof- ׳bauer. Zur Ausspeisusung wurde das Lokal in der: Kleinen Pfarrgasse 8 gemietet, das aufgelassene Roservespital Nr. 9, 6. Bez., Mariahilferstra'ße 86, wurde über Einschreiten der isr. Militärseelsorge dem Vereinvom Militär-Kommando 1mentgeltlich zur Vrfügung gestellt. In letzterem kannten täglich 2000 Soldaten bespeist werden und hier entzündete am 1. Sederabende Herr Feld-R-albLiner Dr. Frankfurtier durch eine An»- spräche den Patriotismus und die Begeisterung unserer wackeren und tapferen Glaubensbrüder. 92.000 Mahlzeiten hat die ״Einheit" in 9 Tagen bereitet und gereicht, — tadelloses, reichliches Essen. Es war leiwe große Arbeit. Sie sei den Gästen und Gastgebern gesegnet! Auszeichnungen. Se. Majestät der Kaiser hat dem Oberleut- -ncmt i. d. E. Sigismund Freiherrn v. Springer für vorzügliche Dienstleistung beim österr. Witwen- und Waisenhilfsfond das Komturkreuz des Franz Josef-Ordens verliehen. i i i j; r «

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