Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XVII (1916)
- Issue
- Heft 7 (11.5.1916)
- Date
- 1916-05-11
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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«ML 99wrn •»tyOhww.■ SK. 7. Flrrsses,!enntiG gram verfallene Greisengestalt. Aus Erde formte sie ein sonderbares Gebilde. Gott hauchte ihm Leben ein. Es war dar Mensch. Die Sorge wollte ihn als ihr Eigentum in Besitz nehmen. Da legte die Erde, Einspruch ein. Des Menschen Köwer sei von ihr genommen. Gott schlichtele den Streit: Im Leben!gehöre er der Sorgen im Sterben der Erde, mir aber in Ewigkeit. Wie befreien wir uns von der Sorge!? Wie werden wir fröhlich? Die Ewigkeit müssen wir in die Zeitlichkeit, das Jenseits ins Diesseits, Gott müssen wir in unser Leben hi nein nehmen, mit dem Dichter müssen wir beten: ׳ Gott gib Deine Flammenkraft, Erfülle mich mit Stärke, Die für die Nacht den Frieden schafft, . Und für den Tag die Werke. Am. Gebet müssen wir halten. Da atmen wir Höhenluft aus Gott. Im Gebote ist los wie im Walde, da» weitet sich, die Brust, da Weichet die Last von der Seele, da fühlen wir uns stark und frei. Im Walde, steht geschrieben ein stilles, ernstes Wort Vom rechten Tun und Lieben und Was der Menscheu Hort. Ich habe treu gelesen, die Worte schlicht und wahr, Und durch mein ganzes Wesen Ward's unausfprechlich klar. So wirket das «Gebet und weihet uns zu rüstigem Schaffen. Darum: die Herzen zum Ge- M, die Hände» zur Arbeit. Zwei Lebensstützen brechen ׳nie, Gebet und Arbeit heißen sie. Zur Arbeit, die uns obliegt, jgehört aber auch das Formen und Meißeln an uns selbst. Ein jeder imjuß aus semam Leben, wie Goethe sich ausdrückt, leivn. Kunstwerk machen. Zu dieser schweren inneren Arbeit, in der jeder Tag uns weiter bringen soll, gewinnen wir die rechte Fröhlichkeit und Rüstigkeit ans unserem Zusammenhang. Wir sollen uns selber niemals aufgeben, wie wir keinen Menschen für verloren halten sollen. Mancher Bevgesabhang, der völlig erstorben scheint, fängt an zu grünen, wenn warme Lenzc^winde wehen und erquickender Regen fällt. So wird auch manche verödete Seele durch den Hirnmelstan der Andacht zu neuem Leben in Gott Wachgiqrufen und auf ihvein Grunde erblühen wieder die Blümlein der Freude!׳, denn ״Freudenfülle winkt dein Angesicht." ״Seligkeit bietet Deine Rechte." Wir wollen ernste, nachdenkliche!, besinnliche Menschen werden, Menschen, die nicht in den Tag hinein loben, sondern die Tage zählen, die Zeit ausnützen, Menschen, die sich nicht in der Wüste der Sorgen und Genüsse verirren, sondern zum Sinai, zur Massen herbei, um ihr zuznjubeln. Seit der Erobernng Warschaus durch biie Deutschen tritt sie wieder hier auf. Ein Kapitel für sich bildet das Publikum. Es ׳ist ׳ein sehr lautes Publikum, das seinem MGfallen deutlichen Ausdruck -gibt, wenn einmal eine Pause zu lange dauert oder eine Szene seine Empfindungen verletzt. Wenn!ei»n Stück aber interessiert, kann es ruhig auch vier, fünf Stunden oder noch länger dauern׳, ohne daß sich bei׳ den Zuschauern Ermüdung bemerkbar macht. An den Pausen geht >os sehr lebhaft zu. Man merkt dann erst recht, wiksehr sich dieses Publikum von den: der polnischen Theater unterscheidet. Auch hier sind unter den Damen zahlreiche Schönheiten, ober fast immer mit eiiMn unverkennbaren Mnklang ans Orientalische. Alle sozialen Klassen sind vertraten; auch in den ärmlichsten Teilen des Judenviertels besteht ein lebhaftes Berlangen nach guter Kunst, ein rühmliches Zeichen für das Kulturbedürfnis der Qstjüden. Alles in allem gewährt ,ein Besuch im jüd. Theater einen guten Einblick in das Warschauer Judentum überhaupt. Die deutschen Soldaten und Okkupationsbeamten werden später die im jüdischen Theater verbrachten Abende sicher mit zu ׳den interessantesten Erinnerungen an Warschau rechnen. <״Allgern. Ztg. des Judent.") Gott-eshöli-e er» Por streben, von wo Seligkeit und stiller Friede ihnen entgegen wel)et. Wir wollen uns nicht an die Erde und ihre Freuden und Leiden verlieren, sondern bsdenken, daß wir zum Himmelreich pilgern, daß unsere wahre Heimat nicht.in der Endlichkeit und Vergänglichkeit, sondew in dar Welt des Geistes und der Ewigkeit. Ich kenne ein Lied. Es singt von einem Königskinde. Im sonnigen Süden ists geboren. Von norbischer .Heerschar wirds entführt. In der Fremde wird es König. Auf dem Königsthrone mit seiner Macht und Pracht vergißt es ׳der schönheitsvollen Heimatswelt. Nur im Traume rauschen und Winken die Palmen vom» seligen Gestade seiner Kindheit und dann ersaßt ihn beim Erwachen eine heiße unnennbare» Sehnsucht in die Weite, in die Farne. Deine Geschichte ists, Menschenkind. Nicht nur dem kleinen Liebling, den ein vorzeitiger Tod zärtlichen Eltern entrissen, sonder»: allen Erdenpilgern gilt des Dichters wehmutvolle Weise: Du kamst, du gingst »nit leiser Spur, Ein flücht'ger Gast im Erdenland. Woher, wohin? Wir wissen nur: Aus Gottes Hand, in Gottes Hand! In fviedenumhauchten Andachtsstunden träumt sich die Seele zurück in ihre lichte Heimat, da umrauschen sie die Schauer dar Seligkeit, da fühlt sie die Nähe des Vaters und Stille ziehet ein in die bewegte Brust. Solche Seligkeit in Gott will erworben und errungen sein. Sie fliegt uns nicht an, wie jene kleinen Lebewesen, die, in allerlei Krankheit, unseres Leibes Zellengewebe zerstören, sie» wird erarbeitet, sie wird erkämpft. Auch chier heißt es: Willst du Frieden, rüste den Kriegs Nur wer aus der ägyptischen Sklaverei der Sinnengier, nur wer ans der Knechtschaft böser Lüste und Leidenschaften sich befreit hat, gelangt zum ragenden Sinaigipfel mit seiner Seligkeit. Dazu ist nötig, diie Tage zu zählen, die Zeit weise zu benützen, sich an jedem Mend zu fragen, wieweit MM׳ innerlich frei geworden ist. Welchen Maßstab MM an legen soll? Das Gute! Nicht den äußeren Erfolg. Der eine fragt: Was kommt danach? Der andere fragt nur: Ist es recht? Und also unterscheiden sich Der Freie und der Knecht! Nicht feige Sklavenseelen, freie Kinder Gottes sollen wir werden. Darin gipfelt die Seligkeit, zu der wir berufen sind. ״Still auf stürmischen Wogen", lautst der Wahlspruch eines großen Herrschers. Zu solcher sieghaften Stille will uns die Religion.führen. Sie weckt in uns den Lebensernst, daß wir die Lebensfreude gewinnen, sie lehrt uns die Tage zählen und sorgsam auf unsre Pflichten achten, daß wir die Wahre Seligkeit uns aneignen, sie macht Ms unruhig, daß wir uns prüfen und durchforschen, auf daß wir heimbringen die Stille in Gott!- Zu Gott hin schwingt meine Seele, denn von ihm kommt mein Heil! Verhext. Bon Bernhard Horowitz, Men. Der Baron S. v. M hätte einensehr schlechten Tag. Er ging auf und ab in sei»»em KabiUel und ballte von Zeit zu Zeit die Fäuste, vor Zorn mit den Zähnen knirschend. Sekunden-weise schien er rasend zu werden und außer Fassung zu kommen. Nach langem. Umhertrampeln setzte er sich müde auf einen Stuhl und schaute starr vor sich hin. Da klopfts au die Türia. ״Herein" sagt er fast mechanisch und vor ihm erscheint ein ziemlich dürftig gokNdetes Weib und einen tiefen Knix machend, entschuldigt -sie ihr Hineinkommen- Sie bemerkte gleich die schlechte Laune des Barons, ließ sich dennoch-nicht beirren, sondern ging gleich auf ihr Ziel los. ״Es dürfte Ihnen wohl nicht rmbiekannt sein, Herr Baron, in welchem Verhältni-s Ihr Herr Sohn zu dem Fräulein B. steht Md.״ Da hielt sie inne, denn׳ des Barons Antlitz wurde feuerrot vor Zorn und seine Augen glänzten wie die eines gereizten RaMieres. ״Hole Sie der Teufel, Sie freches Judenweib , Wie er mit solch wuchtiger Kraft, daß -ie Wände erzitterten. Das Weib stand dennoch auf ihre»»» Orte, keinen Willen zeigend, davoirzugehen. Als sija aber sah, daß der wütende Baron Ernst zu machen drohte und.sie noch gang übles Mäklergeld be»kon»n»en könnte, suchte sie das Weite. Als sie die Tür hinter sich bereits zugem-acht Hatto, drängte cs den Baron noch, ihr nachzulaufen und ihr den verdiente!» Lohn »»och nachträglich zu verabfolgen'. Bei der Thür blieb er stehen und kehrte, um. ״Was inan׳ nicht alles im Leben durchrnachen »nuß, dachte er, sein Sohn., für dessen sorgfältigste, junkorische Erziehung er so viql Müh und Md aufgewendet hatte, der der Stammhälter seines adeligen Hauses werden sollte., der hat sich »nit einer Judend.... ׳eingelassen und Mattet, daß diese ihm noch jüdische Kupplerinnen ins Haus sendet, u»n diesem schändlichen Spiel damit di!s Krone aufzusetzen!" ״Heute rufe ich einen Familiengeneralra»t zusammen, es muß irgend ein Not- Wittel!gefunden werden, daß in meinjc/m Hause keine solche Blutschande stattfindet, bei meinem Leben schwöre ich es," solche Gedanken durchgittorten sein Inneres und gleich klingelte er um den Diener, und befahl, ihm seine beiden verheirateten Töchter, sowie seine alte Schwester, die Jungfer gejbliben war, für diiosen Abend zu sich als dringend zu bestellen. Am Abend war dar Palast des Barons strahlend hell baleuchtet und in dem Prachtvollen Salonsaal saß der Familienrat in sehr heißem Gespräch 1»m den Tisch, während!Ver Baron׳ vor Aufregung und Unruhe in fernen Pantoffeln auf und ab ging und seine Stirn tiefjo Furchen zeigte. ״Das basta Mittel scheint mir, sagte die ältaste Tochtjqr, daß du ihn -en tackst, ihn» dieses Ultimatrm» vor die Brust setzest und hoffentlich gibt .-er nach." ״Ach, diese Judenmädal, warf die alte Tante ein-, sie sind Hjaxen, ihva Augen, die׳ sind vertaufelt, verführerisch und wann sie einen Packen, da ist er Verloren, da kann es donnern und׳ krachen und die Walt in- Tümmler gehen, ohne׳ daß der Verhexte zur Basinnung kommt. Maine gotts. Großmama erzählte mir ׳einst, als ich noch ein Kind war, daß ihr dar Geistliche einmal fast wie unter Eid erklärt hätte, die Judenmädjel besäßen dadurch solch Verhexte Macht, -we>Ä ihre Eltern Christenblut Mbrauchten und dieses unschuldige Blut wüM in ihrem Köpper zu einem Nest har Teufel und aller Spukgeister. Daher die Macht der JudenfvauM." Sie sagte es und seufzte Lief und anhaltend und dabei irrten ihre Katzenaugen, in denen jeder Lebensglanz erloschen war, umher. Recht haben Sie, verjährte Tante, nahm die jüngere Tochter das Wort, Wer sie einmal gesehen, der ist fest überzeugt, daß dieses Judenweib es ׳ei»»lern» antun kann. Ihr Augenfeuerwerk, ihr MienenspU ist unwiderstehlich. Gestern zeigtis sie mir gerade ein Bekannter im) Vorübergehen und ich war wirklich frappiert. KeiN Wunder, daß sie ihn so umklammert und in ihr Netz gezogen halt. ״Aber das ist ja di>e Wirkung -des Blutes unserer Märtyrer", replizierte düster die Alte. ״Ich hoheMen guten wirksamen Plan ausgeheckt", kam es von den Lippen des Barons in fieberhaftem Tempo hervor. ״Ich gehe noch heute in die Vorstandskanzle» der psychiatrischen Klinik und nehme mit Hilfe meiner ׳einflußreichen Bekanntschaften eine Bestätigung heraus, daß ׳er irrsinnig, ja sqgar tobsüchtig sei, und solange wird er in der Zelle der Tobsüchtigen gehalten und ev. in die, Zwangsjacke gestockt, bis er sein verteufeltes Vorhaben aufgibt. ״Ja das tue ich", schrie er rachedurstig auf und ab stürmend, als die Thür sich.auftat und heveinmarschirte der junge Baron, seine Geliebte an der Hand führend. Wie wenn ein Donner unvermutet hinetngakracht hätte, zerstob die Gesellschaft. Die beiden Töchter gingen eilig hinunter, die Alte blieb wie -versteinert sitzen, ihre tiefen Augen wurden noch tiefer u. die dünne Nase spitzte sich messerscharf zu. Große Schweißtropfen bedeckten ihre Stirn und sie bot!ein Bild ,der Erbärmlichkeit und des Verfalles.. Währenddem raffte sich der alt»e Baron׳ zusammen und in» rasenden Tempo stürzte er die Treppe hinunter.. * * * Tags darauf war es in allen Zeitungen zu lesen, daß der junge Baron v. W. infolge eines Plötzlichen Tobsuchtsanfalles ins Irrenhaus gevracht Warden mußte und er dort einen SelbstmorÄ durch Erhängen begangen habe.