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Jüdische Volksstimme · 1916-05-11 · Heft 7 (11.5.1916) · page 1

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XVII (1916)
Issue
Heft 7 (11.5.1916)
Date
1916-05-11
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Zahra. XVll. Nnmmer 7. ♦♦ ■ Vezugßpretfe: Für Oesterreich-Ungarn, halbjährig . Kronen 6 20 ganzjährig. Deutschland, ganzjährig. —׳12 Kronen . . Mark 12- Rutzland, ganzjährig. —׳16 Rubel . Balkan, Frankreich. m —׳4 «Frank . 8 immr. W----Q Redaktion und Administration: Brünn, Adlergaffe S. Buchhändlerische Vertretung: Otto Klemm, Leipzig. Inserate: die 6spaltige Petitzeile 80 K Unverlangte redaktionelle Beiträge werden nicht honoriert. — Manuskripten ist Rückporto beizufügen. g---'-.---N Wien-Budapest. 1J;!K? 5w« Prag-Lemberg. Der 5. April 1916. Das Schicksal Polens ist für lange Zeit entschieden. Die Slrmjccn ־■bicr Zentral »!ächte haben das seit langen Jahren vergewaltigte Reich von seinen Unterdrückern! ׳und Erpressern befreit und sind, wieder deutsche Reichskanzler in seiner Rede Rede von! 5. Aiprl 1016 erklärt hat, nicht gewillt das mit schweren Kämpfen Eroberte gutwillig an Rußland zurück zu erstatten. Ein Wendopnnkt in den! Geschicke und der Geschichte der Ostjuden, dessen Bedeutung heute -noch nicht abzuschätzen ist, besonders da keine Aufklärungen über die staatlichen und sonstigen Neugestaltungen gegeben wurde, die aber sicherlich von der Stollungsnahiue der Ostjudcn in ׳!!.icht geringen! Maße abhängig sein wird. Das jüdische Volk hat in der Diaspora schon viel erlebt. Es sah blutige Kriege, die Aufstieg oder Untergang für die Völker unter denen sie lebten bedeuteten, sah gutio und auch schlechte Herrscher über sich, war, bald als Milchkuh für die Kasse des Königs, einflußreich, bald wieder unterdrückt und zu Tode -gehetzt; die Geschichte aber war immer >n׳ur für sie ein passives Erleben, nie gelang es ihnen durch aktives Eingreifen für sich als Volk einen Nechtstitel zu eroher!!. Wahrscheinlich hätten die Juden in den früheren Zeiten ihre Wünsche nie verwirklicht gesehen, selbst wenn sie cs versucht hätten. Heute aber liegen die Verhältnisse anders. Zwei Staaten, in denen die verhältnismäßig geringe Zahl der Juden sich ihrer bürgerlichen Rechte erfreut — ihrer nationa len Rechte sind zwar noch nicht anerkannt — sind durch das Kriegsglück in die Lage gekommen; die Neugestaltung eines Landes vorzunehinen, 'in den! eine große Zahl von fast durchwegs 1111־ assimilierten Juden lebt. Daß die! Zentralinächte den Juden Russisch-Polens volle bürgerliche Gleichberechtigung gewähren werden, ist Wohl über alle Zweifel erhaben, ob sie aber auch die berechtigten .nationalen Mi lisch der Juden anerkennen werden, das hängt von, der Haltung der Ostjude!! in dieser Frage ab. Die Ostjuden Weeden die Prüfung zu bestehen haben, von der die Znkunft ihres jüdisch!! Lebens abhängt. Die deutsch 'Negierung ist bis jetzt den ׳nationalen Wünschen der Juden des Okkupationsgebietes sehr!entgegengekommen; werden sich die Juden von ihren Polonisierten Brüdern nicht vergewaltigen lassen und auf ihre Rechte nicht verzichten, so wird es sich Wohl auch in der Zukunft nicht ändern. Das Durchsetzen der uationalen Wünsch ist die Sache der Ostjuden, die wir so weit es uns möglich ist, zwar unterstützen, aber nicht zur Entfch'idung bringen können. Der 6. April 1016 ist ein Freudentag für das ganze jüdische Volk, dem! an ihm wurde es zum ersten,male offiziell erklärt, daß eineinhalb Millionen unserer Brüder befreit sind von ihren Würgern und daß aus Menschen zweiter Ord-!!!!lüg, die recht- und hilflos waren,. Menschen werden sollen, wie es die anderen sind. Wien, im Mai 1016. Felix Ungar. Lehre uns, unsere Tage zählen! Eine. Seph ira-Betrachtnn g von Kreisrabb. Dr. Mar Beermann-Jnsterburg. lieber dein Jagen nachdem Mittel zum Leben, läuft dw Kulturmensch Gefahr, das Leben selbst zu verlieren. E 11 ck e n. Eine der feinsinnigsten und stimmuugsreichsten Novellen Theodor Storms ist überschrieben: Das Bekenntnis. In stiller Stunde beichtet da ein Arzt seinem! Jugendfreunde׳ eine schwere Schuld. Des Arztes Gattin hatte ein unheilbares Leide!!, das ihr unerträgliche, schließlich nicht mehr zu linder!!de Schmerze!! verursachte. Nach langem, heißen Seelenkampfe habe er sich, so erzählt der unglückliche Mann, entschlossen, der Totkranken ein Mittel zu reichen, welches das Sterben schneller herbei!führte. Wenige, Tage darauf hätte er in den ärztlichen Zeitschriften eine Arznei angepriescn gefunden, durch die er auch bei seineu! Weibe die böse Kraukhoit hätte heilen könneu. Da sei ihm seine schwang Schuld zum vollen Bewußtsein gekommen. Innerlich völlig gebrochcn, bekennt er dem Freunde: Das Loben ist ein Heiligtum, nach ihm darf auch der Arzt seine Haud nicht -ansstmken. Ja, ein Heiligtum ist das Leben. Das Wort gilt ungeschmälert auch für das sittliche Innen-!eben des Mens.be!!. Auch sein Wert ist unantnstbar. Wir ׳.müssen dafür sorgen, daß unser inn-ems Leiben nicht verkümmere, sondern sich immer reicher entfaltej. Wie jener Römerkaiser keinen Tag dahiingehcn ließ, ohne daß er in seinem Tagebuch ihn durch ei!ne!! rote!! Strich, dar irgend eine gute Tat bedeutete, auszeichnen konnte, so sollen wir uns bemühen, jeden Tag so auszugestalten, daß wir bei seinem Scheiden bekennen!dürfen: wir sind an unseren! inneren Menschen erstarkt, wir sind reifer und reiner geworden-. Israel zählet alljährlich die Tage! von! Feste der Befreinug aus Aggypten bis zum Feste der Sinai-Offenbarung. Mau nennt diese Zeit der sieben Wochen Sephira, das heißt Zählung. Auch unser Lebensweg soll zun! Sinai hinanführen, zur Leiben sgam-einscha ft m!it Gott. Auf dem Weg- Weiser zu dies,an! Ziele steht der Psalmvers: ״Freudenfülle winket dein Angesicht, Seligkeit bietet deine Rechte." Freude, sie ist ein. hohes Gut. Echte Freude, wie selten grüßt sie uns im Leben. Es ist, als sei der Mensch mit dar Sorge untrennbar vermählt. Di!d Sorge, so erzählt man, saß an! Ufer eines Feuilleton Das jüdische Theater in Warschau. Bon Kttrl Eber. In dein Gewirr der steilen Gassen zwischen der lärmerfüllten Krakauer Vorstadt-Straße und der Weichsel erhebt sich ein zirkusähnliches Gebände. Schon von weitem leuchtet »ins ein großes weißes Schild mit der Aufschrift ״Theater Kaminski" entgegen. Mir stehen vor dem bedeutendsten jüdischen Theater Warschaus. Ta Warschau bekanntlich der Brennpunkt aller jüdischen Kultur der GegeMvart ist, wird das Warschauer jüd. Theater Wohl das hervorragendste der Welt sein. Eigenartig Wie das Aeußeve ׳ist das Innere des Baues, Aufdringliche EkMnz und vornehme Einfachheit sind zn eiiWin sonderbaren Gemisch vereinigt. -Vo!!n ersten Augenblick an hat man als Deutscher das Gefühl, sich in einer ganz fremden Welt zn befinden. Die Art der Beleuchtung, das Publikum, die Bühne, das ist alles gang anders als Ün Deutschland. Es!ist auch grundverschieden von dem, was man in den polnischen TlMtern Warschaus trifft. Der erste Eindruck für jeden fremden Best!- cher is! immer der gleiche!: Hier liebt man das Grelle! Die Gewänder der Schauspieler leuchte!!! in möglichst kräftigen Farben, Not und Gelb treten an! meisten hervor. Aber das Bedürfnis nach, Farbenkontrasten ist damit noch nicht befriedigt; Lichteffekte der verschiedensten Art müssen ׳nach-, helfen. Die Sprache der Schauspieler bigtet gleich-' falls im Ton reichliche Abwechslung; auffallend^ oft unterbrechen gellende Schreie kreischender' Fraueustiinnnen die Dialoge׳. Aber das alles wird, noch Überbote!! durch die! Musik. Es ist ein sehr,' merkwürdiges Orchester in! Theater Kaminski/ und es sipie.lt eine sehr merkwürdige Musik. Nicht als ob sie unschön wäre. In den Opewttenbegl-eitungen, die fast sämtlich vom Dirigenten selbst komponirt sind, kommen Stollen von ergreifender Zartheit, von -berückender Klangwirkung vor. Aber das Ganze ist für westeuropäischen Geschmack doch wieder zu eigenartig, die Melodien breche!! viel zu schrj'll von einen! Thema zun! anderen ab, als daß ein ungetrübter Genuß-aiffkom- ׳!njen könnte. Natürlich wird in! Jargosn, de!!!! schwäbischalemannischen Dialekt der Polnischen Juden, gespielt. Der Inhalt der aufgaführten Stücke ist sehr verschieden. Die meisten stammen von einheimischen jüdischen Verfassern. Au! besten gelingen natürlich Darstellungen aus der jüdischen Geschichte und aus den! jüdischen Leben der Gegenwart mit seinen uralten Gebräuchen. Ein Stück dos Winterspielplanes, in dem ein? jüdische Hochzeit vorkam, fand gerade bei den deutschen Besuchern den größten Anklang. Einen breiten Raum niinmit auf dieser Bühne das Religiöse ein, manchmal allerdings in einer dem Fernerstehenden etwas unpassend erscheinenden Form. In der letzten Woche wurde ״Die Befreiung der Juden von der Fremdherrschaft" und ״Isaaks Opferung" als ״Historische Operette" mit lustiger Musikbegleitung gegeben. * Von wenigen Ausnahmen abgesehen, wird in! jüdischen Theater ganz hervorragend gespielt. Viel mag dazu beitragen, daß die gleichen Schauspieler seit langen Jahren gemeinsam auftreten. Was zur Bühne gehört, ist alles ein bißchen verwandt oder verschwägert. Den Mittelpunkt bildet die Familie Kamiiinski, der auch -das Theater gehört. Herr Kaminski spielt!nit größten! Erfolg die komischen Rollen, während seiner Frau, der Vielgefeierten, hinwiedernm Elendsschilderungen besonders liegen. Die! Warschauer Juden schwärmen alle für ihre Frau Kaminski. Abwohl Li«- tauerin von Geburt, hat sie es doch von ihren! ersten Auftreten in Warschau an verstanden, sich die .Herzen zu-erobern Md in Polen einen Namen zn machen. Dann zog sie über die Bühnen Rußlands, Englands, ganz Amerikas, überall ist sie!׳!! den jüdischen Theatern mit beispiellosem Er-׳ folg aufgetreten, von allen Seiten strömten die

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