Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XVII (1916)
- Issue
- Heft 6 (13.4.1916)
- Date
- 1916-04-13
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Re. 6 VnK o. Seder im Felde und in der Heimat. Bon Dr. Th. H. Wieder nahen die Osterfeierläge heran, und was mau vor einem Jahre vielleicht für unrnöglich gehalten hätte, der Weltkrieg dauert noch fort und hat sich, wie wir gleich hinzufügen wollen, zu einem für unsere Waffen überaus erfolgreichen ׳gestaltet. Zu Ostern des Vorjahres war die allgemeine Situation noch eine ziemlich triste. Die Russen waren wohl bei ihren! Vorftoß^egen Krakau in der Schlacht bei Lilnauova bis an die Nida und!den Dunajec zurückgeschlagen worden, aber der übrige Teil Galiziens mit Ausnahme der wie eine Insel inmitten einer brandenden Flut ragenden Festung Przomysl befand sich in ihrem Besitze, und mit Men scheu!nassen, die zahlreich waren, wie der Sand am Meeres versuchten sie, durch die damals schneebedeckten Pässe der WNdkarpathen nach Ungarn eiuzudringen, bis auch dort nach blutigen Kämpfen die russische Offensi-ve zusammenbrach. « Wie hat sich seither die Lage geändert und auch das Eingreifen unseres treulosen Verbündetcn Italien gegen uns hat Wohl den Krieg zu verlängern, ihn aber nicht zu unseren Ungunsten zu wenden vermocht. Nicht nur gang Galizien bis auf einen kleineu Streifen im/ äußersten Osten und die Bukowina wurden aus der russischen Gewaltherrschaft befreit, sondern unsere helde!!n!ütigen Truppen drangen weit nach Polen und Littauen vor und eroberten eine russische Festung nach der andern. Auch auf anderen Kriegsschauplätzen war unserer gerechten Sache Erfolg beschiedeu. Serbien, das in frevelhafter Weise den Weltkrieg entzündet hatte״ und sein ebenbürtiger Verbündeter Montenegro lagen zu unseren Füßen, Albanien, das die heimtückischen Italicner bereits als Beute e׳i!nzuhe unser! gedachten, wurde aus dieser für seine staatliche Existenz lebensgefährlichen Umklammerung gerettet. Aber nicht nur vom österreichischen, sondern auch vorn specifisch-südischen Standpunkte aus sind die Erfolge unserer Truppen freudigst zu Negrüßen; denn durch dieselVen wurde nicht nur unseren galizischen Glaubensgenossen die ihnen während der russischen Gewaltherrschaft endogene bürgerliche Freiheit wiedergegeben, sondern auch r>—0 Millionen russischer Juden wurden befreit, welche rechtlos, aller Willkür Preisgegeben, unter der russischen Knute schmachteten. ׳ Haben doch die Juden in den polnischen Landesstellen und zwar sowohl in den unter österr. Herrschaft stehenden als auch in den unter russ. Oberhoheit gestandenen, während des Krieges am meisten gelitten. Ihrer Halbe beraubt,!nutzten sie oft ihre von Kosakenhorden ausgepliinderlen und lNiedeggiebranuten Wohnstätten verlassen, wollte und schüttelte beistimmend den Kopf, als hätte es verstanden. Und es war brav. Schnell trug es den kleinen Wägen auf der finsteren Chaussee, während der Regen klatschte, der Sturm heulte, die Telegraphendrähte winselten. Die Fahrt hatte länger.gedauert, als Abra- Hain gerechnet, denn er!nutzte in Schanz! lange warten, und cs war fast Mitternacht, als sie zuriickgekehrt waren; dennoch nahm er schweigend den Schein und steckte ihn ln die Tasche. Da alle Geschäfte längst geschlossen waren, machte er einen Umweg, um in einer Herberge etwas Futter zu kaufen. Wieder knitterte der Schein zwischen seinen Fingern. Was ist das! Ein roter Zehnrubelschein schimmert in! Glanze der Lampe. Der Oberstabsarzt!nutzte sich in der Dunkelheit vergriffen haben. Tausend Bilder von seiner Not und seinen! Elend durchfuhren wild seinen Geisttausend Stimmen schrien in ihn! und Abraham zitterte. — Zehn Nubel! Wie gut könnte er sie jetzt gebrauchen. Wäre es ein Unrecht, sie zu behalten? Die Fahrt war schon zehn Rubel wert. — Doch alle Stimmen übertönte ein: ״Zurück, Abrahan!, es ist eine Sünde!" Und eilig fuhr er zun! Hause des Oberstabsarztes. um wenigstens das!nackte Leben« zu retten. Während aber für die in ihrem eigenen Interesse evakuierten österreichischen Juden staatlich gesorgt wurde, ihnen Barackenorte gebaut und als Wohnsitze Angewiesen wurden, und auch die private Wohltätigkeit sich ihrer in reichem! Maße annahm, wurden die russischen Juden von der russ.* Heeresleitung, aber auch eigenmächtig von den Kosaken mutwilligerweise von Haus und Hof, fortgejagt, ohne!daß für ihre Verpflegung in irgend welcher Weise vorgesorgt worden wäre, ja erwiesenermaßen wurden sie sogar als Kanonenfutter vor die eigene Front zwischen die beiden feindlichen Schiwarmlinien getrieben. Mit Freuden verfolgen wir daher die Berichte von der fortschreitenden Emanzipierung dieser inunmehr unter deutsche und österreichischer Militärverwaltung labenden, n!an kann sagen auflebenden russischpolnischen Juden auf sozialem, religiösem und kulturellen! Gebiete. Solche Erinnerungen werden in uns wach bei!!! Herrcm nahen des Pefsachfestes, das seiner Best!!!!!nung gemäß ein Fest der Freude ist und hoffntlich auch in Zukunft sein wird. Heuer können wir dieses Fest nicht mit jener Fröhlichkeit begehen, welche ihm innowohnen soll und welche sich insbesondere in den Schlußgefängen der Haggdah abspiegelt. Die Stimmung ׳ist Wohl zuversichtlich, aber immerhin ernst, denn auf allen unseren Fronten chird n!ehr oder heftiger gekämpft, und der Krieg heischt feine Opfer. Die Familienangehörigen Wevden nicht vollzählig dein! Seder versamn!elt sein, wie in anderen Jahren, dienmnnlichen Anghörigen sind zun! großen Teile in! Felde, vor dem Feind. Sie wer- Pen zu den Osterfeiertagen ihrer Lieben in der fernen Heimat gedenken, ebenso wie auch diese ihrer heldenmütigen Söhne, Brüder und Gatten sich mit Stolz und doch mit Wehmut erinnern werden. Wenn auch räumlich oft Hunderte, sogar Tausende Kilometer von einander getrennt werden sich an den Seder-Abendien ihre Gedanken mit einander vereinigen und der Wunsch laut wicrden, im nächsten Jahrediese Festtage zwar nicht in Jerusalem, aber doch bereits im Frieden vereint zu feiern. Auch im Felde werden die jüdischen Soldaten wmnöglich Gelegenheit suchen und finden, den Seder zu feiern. Wir waren im Vorjahre nur ein Mines Häufchen von 7 Mann, 4 Offiziere und 8 Unteroffiziere (bie Unterschiede der Chargen verschwinden, bei solchen- Anlässen), die wir in einen! Unterstände am Ufer «des Dunajec, /gegenüber den! Feinde, zun! Seder zusammenkamen, den wir n!it inbrünstigen, unauslöschlichen Gefühlen feierten. Wieviel blutige Kämpfe hiaben wir seither mitgemacht, in! Norden und i!n Süden, und ׳!!!!ancher von uns wurde verwundet. Einer, Oberleutnant Schrämet, gleich in mv serer ersten Offensivschlacht nach dem Durch- Vruch'am Dunajec, ein anderer, Offiziers-Stell- Vertreter Löwh, bei Doberdo, nachden! er während der 8. und 4. Jsonzoschlacht durch 20 Tage ununterbrochen in der Stellung, oft in! heftigsten Feuer die Maschinengewehrabteilung geleitet hatte und selbst nach seiner Verwundung auf seineu! Posten blieb, bis die Wunde stark eiterte und er behufs Vermeidung einer Verblutung we/gjtransportiert werden muUe. Er wude hiefür mit der großen silbernen Tapferkeitsmedaille ausgezeichnet, nachden! er die kleine silberne bereits früher erworben hatte. Ich bin überzeugt, daß die in! Felde verbliebene!! Teilnehmer des vorjährigen Seders nebst ׳mehreren anderen neu hinzugekoimnenen Glaubensgenossen auch ׳Heuer unter Führung des religiös und national, warn! jüdisch fühlenden Oberleutnant Reich znsammenkommen und den Seder in! Süden ebenso einfach und stimmungsvoll feiern werden, wie voriges Jahr in! Norden. Wir entbieten ihnen unsere Grüße und unfer Glückwünsche, sowie allen unseren Brüdern imJ Felde. Mögen sie bald und siegreich zu ihren Liebei! zurückkehren! Wir ,gedenken aber auch jener, welche den Seder nicht!!!ehr feiern, welche den Heldentod für das Vaterland gestorben sind, sei es, daß sie von! feindlichen Geschähe getroffen niedersanken, .sei es, daß sie einer tückischen Krankheit erlegen sind. Wir werden ihr Andenken immer hoch halten. Sie ruhen sanist! SiegeSlied. עורי עורי דבודדי. עורי עורי דברי שיר.... ״Sei wach, wach, Deborah Sei wach, wach, sing ein Lied..." Richter, Vers 12, Cap. 5. Unter der Deborah-Palme Zwischen Ra mal) und Beth-EU) Satz Deborah, die Prophetin, Richterin in Israel; Ließ den Feldherrn Barak rufen,! Sprach zu ihn! das Seherwort: ״Gehe, nimm mit dir die Krieger An der Zahl zehntausend dort, ,Auf -dem Berge Tabor rüste - Dich zum Kampf gen Jabins2) Heer Sieh, ich führe dir den Sissra2) / In die Hand mit Schild und Speer!" Barak fehlte Mut im Herzen , Zu Deborah er nun sprach: Wenn du mitgehst, will ich gehen-, Meine Kämpen folgen nach; Doch, wenn deine Schutzbegleitung Auf dem Wqge!nir gebricht, Wisse, daß umsonst dein Reden, Nein,-dann gehe ich auch nicht." - Drauf Deborah: ״Will dich führen Doch nicht du wirst ruhmgeschmückt Wenn der Herr den Sieg verleihet, Einem Weibe sei's geglückt. Auf; schon ist der Tag gekommen, Sissra fällt in 'deine Hand; Gott verwirrt ihnso auch alle, ' Die bedrohen Juda's Land." Mo ward, wie sie gesprochen, Israel vom Feind' befreit, Und es sang ein Lied Deborah, Denkwürdig für alle Zeit. * ״Eine Mutter in Israel" Ward Deborah stets genannt; Denn mit Kopf und Herzen hatte Sie den Ewigen erkannt. Wachsan! war ihr Sehevauge, * Siegesfroh ihr Sehermund. Gibt sich auch bei unfern Müttern Liebe für das Heil'ge kund? * Gehen sie mit frominwu! Beispiel Ihren Kindern stets voran, Leiten auch durch Treu' und Glauben Deren Geist auf sichrer Bahn? Eine Mutter -im Israel Ward Deborah stets genannt; Denn mit Kopf und Herzen hatte Sie den Ewigen erkannt. '״?such Ihr Mütter in Israel Seid begabt mit Seherblick, Wenn Ihr Eu're Kinder schützet Vor den! drohenden Geschick. Ungläubig umher zu schiffen Auf dem Lebensozean, Wenn Ihr Euerer Kinder Herzen Führt zur Gottesfurcht hinan. *) Auf den! Gebirge Ephraim. 2) König von Kanaan. 2) Feindlicher Feldhauptmann. 4) Jael, Weib des Keniters Cheber, tötete den Sissrawelcher sich in ihr Zelt geflüchtet hatte. Nissan. Der Frühling ist da. Jubelnd begrüßt ihn die Lerche in den Lüften und in! Grase der Wurm. Hinaus drängt sich alles, un!> teilzuneh- »njeu an dem neuen Leben, um zu genießen und zu vermehren die Herrlichkeit der Schöpfung. Und ob es der sechstausendste Frühling wäre.