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Jüdische Volksstimme · 1916-03-30 · Heft 5 (30.3.1916) · page 2

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XVII (1916)
Issue
Heft 5 (30.3.1916)
Date
1916-03-30
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Mül Re. 6 nSMf* 9*m*u**t* . Diese Worte des Gouverneurs v. Puttkamer weisen den richtigen Weg׳. Wird es möglich sein, den Lmstw.״ national-kulturelle Autonomie zu gewahren, sie vor den Uebergriffen der Polen zu schütz^״, oie volle Gleichberechtigung beider Völker Herz::stellen, da:n wird in Polen ein:gedeihliches Zusammenarbeiten ermöglicht und das Verhältnis der Juden zu Polen und Deutschen geklärt sein. Nur ourch Recht und Gerechtigkeit, nicht durch Gewalt läßt sich diese Frage, ohne für eines der beteiligten Völker zum Nachteil zu sein, regeln. soll nicht eines der beteiligten Völkr arg benackstciligt werden. Dem Grundsatz ״Teile und herrsche" hat die Geschichte Unrecht gegeben, und er mutz zu Gunsten eines neuen: des ״Einige und herrsche!" Nolverdienten Platz machen! Wien, in- März 1916. Felix Ungar. Der Dubnoer Maggid. Eine Reminiszenz von Dr. M. H. Friedländer. Noch vor hundert Jahren gehörten, besonders in! Rußland rmd Polen, die M-aggidi!::: (Wander- Prediger) zu den beliebtesten Persönlichkeiten der jüdischen Gemeinden. Die danualilgen Rabbimen haben bloß viermal im Jahre Vorträge in, den Synagogen gehalten, die mehr geeignet waren die Fachmänner (Bene Thora) als die Laien zu befriedigen. Die Hauptaufgabe des jeweiligen Lokal-Rabbi ners war seine Zeit rmd Kraft, sein Wüsten ujnd. Kennen der Jeschiba — tglmudische Hochschule — zu widmen. Die Institution her Wanderprediger war daher ein Zeitbedürfnis ivnjd hatte lange Jahre recht günstilge Resultate erzielt. Nicht nur die Gemeinden, sondern auch die Rabbinern haben die Leistungen der Maggidinr anerkannt rmd gewürdigt, weil sie Ursache hatten, der Befürchtung Raum geben zu müssen, daß der unwissende Teil in dev Gemeinde umjso leichter hätte, dem Juden,tume «entfremdet werden können, als die nichtjüdischen Seelensänger überalle ihre Netze ansgebreitet haben um die Unwissenden in den jüd. Gemeinden fangen und zum Abfalle verleiten zu können. Der Maggid fand fast überall eindankbares Auditorium, denn seine Vorträge! waren immer so volkstümlich gehalten, daß selbst der Unwissende sie zu erfassen vermochte. So war es ja immer, selbst in der talmudischen Zeit, wurden von den Laien in den Genreinden die ״volkstümlichen Reden den streng wi!stenscha,ftlichen Vorträgen vorgezogen. Die berühmten Lehrer R. Abuha und R. Chia b. Abba kamen einmal Meine Stadt, in! der beide gleichzeitig Vorträge hielten. N. Abuhas volkstümliche Vorträge — denn er behandelte bloß agadische Themata — erfreuten sich einer starken Frequenz, während N. Chias streng wissenschaftliche die Halacha erörternde Vorträge äußerst spärlich besucht wurden. Letzterer fühlte sich hiedurch in seiner Ehre nud Würde tief!gekränkt und verletzt. Der bescheidene 31. Ab ah n suchte ihn zu besänftigen, indem er zu ih!n sagte: Deine geistreichen Vorträge gleichen kostbaren Edelsteinen, die nur Fachrncmwer,. zu beurteilen und zu würdigen verstehen, während meine Predigten gewöhnlicher Ware gleichen, die jedermann zu erfassen und zu beurteilen versteht. (Sota 40). Einer d>er beliebtesten und goachtetsten Wanderprediger war der Dub-noer Maggid. Er hatte sich nicht nur durch Wahrhafte Frön:::::!gke:t, son- Hern auch durch eminente Gelehrsamkeit, Scharfsinn, Witz, Humor und glänzende Rednergabe vorteilhaft ausgezeichnet. Was ihm zur besonderen Ehre gereichte, war seine Uneigennützigkeit. Er machte nicht so viele oft mit Gefahren verbunhene Reisen in ׳der Absicht um Reichtümer zu erwerben, sondern( einzig und allein, um seine Glaubens- und Sta,11:,nresgenossen für den Glauben der Väter zu begeistern. In jeder Gemeinde, die er besuchte, ließ er sich blos die Reisespesen vergüten, sonstige Geschenke aber lehnte er dankend ab. Als er gegen Ende des achtzehnten Jahvhunderts erfuhr, daß in (Aschkenas) Deutschland in nrehveren größeren Gemeinden Reformparteien sich gebildet haben, die die reichsten und maßgiebendsten Persönlichkeiten zu ihren Mitgliedern zählten, entschloß -er.sich seine Heimat für einige Zeit zu verlassen und Deutschland zu bereisen, um dort seine Glazrbensbrüdier zu belehren. Als er nach der großen Stadt B. kam, stellte er sich vor allem dein Gemeindevorstande, der gerade an diesem Tage eine Sitzung abhielt, vor und erbat sich die Erlaubnis, am Sabbat in der Synagoge einen Vortrag abhalten zu diirfen. ״Wir bedancrn sehr", antwortete ihn: der Gemeindepräses, ״Ihrem Verlangen ׳nicht Nachkommen zu können, da wir u,n,s gerade jetzt mit der Einführung neuer Reformen befassen, lveil die alten van der Kultur der Zeit überholten Sitten, nicht mehr geeignet sind den Anforderungen der Zeit zu entsprechen, nud zu erbauen und die Jugend für das Jude::- tmn zu begeistern." ״Meine Herren!" erwiderte der Maggid, ״ich will durchaus nn'cht zudringlich sein, nur bitte ich, mir zu gestatten, Ihnen folgende Geschichte zu erzählen:" In׳ einem großen Reiche herrschte einst eine hochherzigc Negentin. Infolge vieler Klagen faßte sie den Entschluß, die Lage dev in ein weit entferntes Kiistenland verbarmten Sträflinge zu untersuchen und das ihr geschilderte Elend jener Unglücklichen nröglichst mildern zu lassen. Sie betraute damit einen ihrer sehr ergebenen und als wahrer Menschenfreund bekannten Rät. Dieser trat seine Reise an. Er fand überall die traurigsten Zustände, aber nicht überall ein bereitwilliges Eingehen a>uf seine wohlgemeinten refovmatorischen Anovdjnnngen. Eines Tages kanr er i,n ein von Sträflingen betriebenes Hüttenwerk, welches einige Hundert solch uuglücklicher Arbeiter beschäftigte. 3lbcr welch elende Jamergcstalten fand er dal. Die Blässe ׳des Todes lag auf ihren Zügen, W,d Wankenden Schrittes schlotterten sie einher. Auf die Frage des Staatsrates: warum die Leute alle so verfallen aussehen? erfolgte vom Hiittendirektor die Antwort: das rühre davonhc!r, weil sie! von Zeit zu Zeit einander ablösen, durch die Kraft ihrer Lungen die Glut des Feuers im Schmelzofen anfachen müßten!— Der Staatsrat schlug entsetzt über solche Kunde die Hände zusainmen und rief: 11m des Hinim!elswillen! Kennen Sie denn! den einfachen Mechanismus e!ines Blasebalges nicht?" ״Ein-Blasebalg — was!ist das?" antwortete der Direktor. Ich habe alljährlich so rmd so viel Tausende Zentner Metalls an big Negierung abzuliefern, u!nd da׳ gilt es, die Leute zum strengsten Frohndienfte anzuhalten. 3lbcr es wäre mir selbst im höchsten Grade Willkommen, Wenn ich dürch Ihre- ׳gütigen Angaben eine Einrichtung kennen lgr-nen würde, welche die aufreibende Plage meiner Arbeiter zu ersetzen vermöchte." Hiieranf erklärte der Staatsrat die Konstruktiion und die Verwendung des Blasebalges, und versprach auch, -demnächst mehrere derselben dem Hüttenbergwerke zuzuschiicken. Erfreut von dem sichtlich frohen Eindrücke, &m\ dies Versprechen oiuf die armen Sträflinge machte, setzte er seine Reise fort. In! die Hauptstadt des Reiches zurückgekehrt, erstattete er Bericht über den Erfolg seiner Sendugjg. Nach einem Jahre ging er!auf Befehl seiner Fürstin abermals auf Reisen, um sich von dem Vollzüge durch den Angeln schein -zu überzeugen. Nicht überall sah er die getroffenen׳ Maßregeln verwirklicht, und er mußte hin׳ itmbi wieder den strengsten Tadel aussprechen. In die Nähe jenes Hüttenwerkes gekommen, gab er sich den angenehmsten Erwartungen hinrmd glaubte dort die vollste Befriedigung zu finden. Aber zu seinem höchsten Erstaunen, traf er auch hier die alten Hebel stände gn>. Es sah wo möglich noch schlimm»er aus, wi!e bei seinem ersten Besuche. Mrruou haben Sie rneinem Befehle keine Folge geleistet?" fuhr der Staatsrat den ihn. empfangenden Direktor au. ״Wo sind die Blasebälge? Wozu scheu Sie die armen Arbeiter noch iimm-er der alten Qual und Plage Ms?" Lächelnd erwiiderte!der Direktor: ״Herr, ich bijn> frei von jeden: Vorwürfe! Ich habe mich genau nach Ihren Angaben bei Aufstellung, u. Ver- Wendung der seinerzeit richtig en:pfcmgenM- Blasebälge verhalten׳, allein es War alles vergebens. Die erloschene Glut blieb erloschen׳, da half kein Blasen, kein Schüren!" ״Ja! -wenn Sie die Glut ersterben lassen", sprach der Staatsrat, ״daptn freilich nützt kein Blasebalg mehr; die tote Glut bleibt tot!" — ז Meine Herren! Dies ist me!i!n Gleiichnis. Hören Sie noch die kurze Anwendung: Unsere heilige Religion! stellt die erhabensten Forderungen an uns, ihre Bekenner. Unsere Väter erfüllten ihre religiösen Pflichten mit Begeisterung, sie brachten die größten Opfer für dieselben, denn die heiligen Flammen! dev Glaubqnstreue loderten in ihren Herzen. Diese Glut wurde reichlich genährt durch die vielen Satzungen und Bräuche, welche sie mit frommem Sinne erfüllten. — Sie wolle:: jetzt einen großen Teil dieser religiösen?leußerlichkeiten abgeschafft wissen; Sie möchten dem Jrwentnme neue, leichtere und gefälltgorc Fornren geben. Ich hätte nichts dagegen. Allein: beachten Sie Eines wol, damit es Ihnen nicht ergehe, wnc> den: Direktor jenes Hüttenwerkes: Lassen Sie, während Sie die neuen Einrichtungen treffen, die heilige Glnt des Glaubens im Herzen der Jugend nicht erkalten, nicht ersterben! Denn ist einmal die Flamme jüdischer Glaubensmnigkeit erloschen,!dann bleibt das konnneude Geschlecht kalt und unempfänglich für seine Aufgaben. Beachten Sie das Eine wohl :::eine Herreu! Lassen Sie nur das ״Hislahawos," die zündende Begeisterung für die Religion nuferer Väter im Herzen der Kinder nicht ersterben, lassen Sie n!nr dem Funken nicht ansgehen, sonst flitzt alles Blasen nicht!" 1 Welch eine tiefe Wahrheit liegt in diesen Worten! Durch Einführung unschuldiger Reformen, die den Zweck haben, alle jeder religiösen Begründüng entbehrenden Mißbräuche a::s den: GotteslMuse zu entfernen, wird -das Judentum nicht ׳ge׳ fahndet; haben doch die heworragendsten Lehrer Israels aller Zeiten das unstatthafte, die Weihe und Mivde der Audachtsstätte verletze::!de Voneh- :::en, wie überhaupt das Schreien, Poltern rmd Läriueiu bei!::: Gottesdienste schonungslos get!cvdelt. Gefahr aber droht dem Judeutuiue dann:!, wenn d'ie K!enn!tn׳is der Thora aus seiner Mitte schwindet, wem:!dicht frühzeitig dafür gesorgt wi׳vd, daß durch einen; gründlichen Reli-giion!sunterricht di!o Glut -des heiligen Glaubens i>n den Herzen der Ju׳g!em!d u!icht erlösche. Seit einigen Dezennlien sind in denmeisten jüd. Lanjdgenieinden teils aus Sparsamke!itsrücksichten, teils aus 3lssi׳n:!ilati-onssucht die consessio- ,nellen Schrüen, in, welchen, nicht wöchentlich, sondenn täglich die Jugend von! Pädagogisch gebildet ten Leh-rern׳ zwei bi-s drei Stu-n-den i!n der hei-l. Schri'ft -gründlich unterrichtet wurde::, aufgelöst worden׳. Was Wunder also, daß der jetzigen Ingend, die blos zwei Stunden im!der Woche :In Neltgion unterrichtet wird, diio echte relig>iöse Begeistevung mgngelt. Tal:und Thora! keneged kulön:: ״Djile konfessioMlle Schule überragt alle anderen Anstalten und Institutionen der Genreinide." Beruria und Rabbi Meir. Arg spielen böse Nachbarn! Rabbi! Meir :nit, Verfolgen höhnend ihn au-f Schritt und Tritt, Daß zornen!tbvannt er einst den?lusspruch tat: ״Vernichte, Herr des Alls, die Frevlerbrut!" Erstaunt die Gattin! schaut den Meister an: Hier sprach der Zorn, nicht du, geliebter Manu, Hast du doch! selber oftnrals mich gelehrt: ״Gott ninnnt den Siinder auf, der sich bekehrt?" Drum, lieber Meister mein und Glaubetnsheld, Wie oft sie auch die Tage dir vergällt, Nicht wahr, sie bleiben dennoch Gottes Kinder! Die Sünde, Gott, vernichte, nicht die Sünder! (Berachoth 10.) Zur Familiengeschichte mähr. Juden. Unter der -obigen Ueberschrift veröffentlichte ich in Nr. 3 dieses Blattes von: 18. April 1912 anläßlich des lOOjähr. Todestages meines Ur- Großvaters, David Ascher s. A., einen Gedenkarti-ksl, der interessante Streiflichter warf auf die kulturellen und sozialen Verhältnisse des mährischen Judentums aus den: achtz-ehnten Jahrhundert. Nun jährt sich zum Hundertstenmale der Sterbetag seiner Gattin, Rebeka Ascher s. A.,!gestorben am 25. Adar scheni, 25. März 1816, also am 30. März d. I. Die Pietät für diese äußerst biedere Ehefmu wird es Wohl rechtfer- Ligen, wennich auch ihrer anihrem 100. Sterbetage liebend gedenke und ihr einige Zeileü verehrungsvoller Freundschaft widu:e. Meine Urgroßelterlw väterlicherseits hatten nebst einem im 13. Lebensjahre verstorbenen einzigen Sohn, drei Töchter: Anna, verehel. Bloch, Katharina, verehel.

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