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Jüdische Volksstimme · 1916-03-30 · Heft 5 (30.3.1916) · page 1

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XVII (1916)
Issue
Heft 5 (30.3.1916)
Date
1916-03-30
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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Nummer 5 Zahra. XVII. 311111l111r Nolksßinmk. —--—-K W; — — -— Bezugspreise: Für Oetterreich-Ungarn, halbjährig . Kronen 6*20 ganzjährig.. . . Kronen 12 — Deutschland, ganzjährig. . Mark 12 - Rußland, ganzjährig ...... Balkan, Frankreich. —׳16 Rubel . . Frank« 4-— Redaktion und Administration: Brünn, Adlergaffe 9. Buchhändlerische Vertretung: Olt» Klemm» Leipzig. Inserate: die bspaltige Petitzeile 90 h. Unverlangte redaktionelle Beiträge werden nicht honoriert. — Manuskripten ist Rückporto betzufügen. Wien-Budapest. Brünn. Z°- B--s«76 Prag-Lemberg. Juden, Polen und Deutsche. Der Krieg hat die verschiedensten und schrierigsten Probleme aufgeworfen: viele, die sofort gvlöst werden nu#en rund an׳ die man dein entsprechend nnutig hemnging, sie teils mehr oder weniger günstig lösend, dann über auch solche, derelt Lösung kommenden׳ Tggen Vorbehalten bleiben soll und an denen sich einstweilen die Kur- Pfuscherei der öffentlichen Meinung zur Genüge anstoben kann. So geschieht es eben setzt mit der Ostjuden fra ge, allerdings nur in׳ Deutschlands in Oesterreich fand noch niemand den Mut, öffentlich in nichtjüdischen Blättern׳ diesen heiklen Punkt-zu berühren, der von berufener, aber auch ebenso oft von unberufener Seite in allen großen Tagesblättern Deutschlands gelöst werden .will. Nur die Regierungen schweigen: Seitdem sie zu Anfanigl des Krieges beim Einmarsch in Nussisch-Pdlen -unter'den Juden Manifeste verbreiten ließen, dis im Jargon abgefaM waren (also scheint doch der Jargon irgend einen Ansprach auf An erkenn,u.n>g zu haben!) und in denen die beiden verbündeten Kaiserreiche, an die Po- .grame erinnernd, an die Ilüden die Aufforderung richteten, Vertrauen zu den Verbündeten zu fassen, die da kämen als Befreier und Rächer, seit dom ist es still geworden-. Ein ׳undurchdringlicher Schleier ist über die Pläne unb Anschauungen der maßgebenden Faktoren gebreitet. Einstweilen ist unter dem neuen deutschen Regime in Russisch- Polen das ,jüdische Leben ans sei,nenn Tornröschen-Sch!laf erwacht, und die Inden atmen erleichtert auf. Damit müssen wir uns bis auf Weite res zufrieden geben. Trotzdem aber ist es int'eressant zu wissen, wie sich einzelne Persönlich- Veiten, die Wal einen Teil der öffentlichen Meinnng vertreten, zu dieser Frage stellen. Davis Tr-ietsch weist in seiner Bm'..!״Inden und Deutsche eine Sprach- und Inter-' tnngen die dehnbaren Begriffe und Resultate der essengemeinschast" (Verlag R. Löwit, Wien) auf Rassentheorie wählen. Der Bestand eines Volkes die große Rolle hin, die'die Juden durch ihre hängt doch wahrlich nicht vom Resultate der Gleichsprachigkeit (Deutsch-Jargon), ibce Energie Kopfmessungen oder von mehr oder weniger be- und ihre Fähigkeit.n als Vermittle: zwischen' gründeten und bewiesenen Urteilen einzelner Deutschen und anderen Völkern im Osten, in Rassentheovetiker über die Reinheit einer Msse Amerika '.uib im Orient zu spielen berufen sind ab, sondern der Witte zum Volk ist entscheidend! falls Deutschland sie nicht sAemalisch in die Wir waren und sind ein Volk und wollen es blei- Arn׳e antideutscher Kulturbestrebllng.'n treibt.! ben und worden auch den Kampf unentwegt bis Dieser Hinweis, dessen Berechtigimg-Trietsch aus- Zur Erreichung unserer völkischen Fiele fortsotzen. führlich begründet, wird heilte fast immer bei der! Zuerst will ich zwei Herren, einen Herrn Diskussion dieser Frage außer Acht,gelassen. Es'Bernhard Lauer und Herrn Prof. Dr. Martin wird vergessen, daß nicht nur wir etwas von den! Philippson zu Wort kommen lassen, die sich der Deutschen erwarten, sondern daß auch wir für! Herren Cohn und Geiger (über die ich in einer Deutschland etwas zu leisten in: Stande sind. Es'^er letzten Nummern dieses Blattes berichtete) wird geleugnet, daß wir eilt Volk sind, und des-' ganz, und gar würdig zeigen. Lauer verficht im halb seien auch unsere völkischen Forderungen un- Novemberheft der ״Preußischen Jahrbücher" die gerechtfertigt; wir sollen uns assimilieren, wird uns gepredigt. Das ist unbedingt ein sehr gefährlicher Weg, der da eingeschlagen wird; denn jeder, der die russisch-polnischen Inden nur halbwegs rennt, muß wissen, wie zähe gerade diese au ihrer Tradition und Eigenart fest,halten, und daß der Versuch,?tssimilati'msmission in diesen Kreisen zu treiben, nicht nur erfolglos bleiben, sondern auch das Vertrauen zu Deutschland in Mißtrauen )rändeln muß. Unverständlich nruß uns aber auch das Bestreben gewisser jüdischer und niWWischer Kreise erscheinen, die das Judentum nur als Religionsgemein-schaft und keineswegs als Volk se- Heu wollen. Man kannzwar begreifen, daß es manchem Juden unangenehm ist, dem jüdischen Volk und nicht nur der jüdischen Religion anzugehören, da er ja dann noch immer Jude bleibt, wenn er den so einfachen Religionswechsel glücklich überstanden hat! Glaubt -er aber wirklich,׳ durch das krampfhafte Schließen seiner Augen und Ohren, um nichts zu sehen und zu hören, Tatsachen as der Welt schaffen zu Bin tat? Ebenso ist es mit jenen, die zur Grundlage ihrer Behaupkrasseste Assimilationspolitik. Er hält eine andere Lösung der Ostjndenfrage, als die des völligen Aufgehens im polnischen Volke, für unmöglich und spricht mit derselben Leichtfertigkeit den Juden eine daseiusberechtigte jüdisch-nationale Eigenart ab. Aehnlich äußert sich Professor Philippson in der ״Allgemeinen Zeitung des Indentums. Auch er verlangt unbedingte Assim׳i׳lation und Polonisiernng der Ostjuden. Gegenüber diesen Worten aus dem Munde von Juden müssen uns Worte von Nichtjuden, die einen ganz anderav Standpunkt verfechten, sehr a-lMN-ehm berühreu..Der uns schon lauge Wohl bekannte Schriftsteller Alfons Paquet findet im Nachwort seiner Schrift ״Die jüdischen Kolonien Palästinas" überzeug(nde und aufrichtige Worte über Dasein, Not und Sehnsucht des ostjüdischen Volkes. Ebenso schrieb Gouverneur v. Puttkamer im ״Tag", daß die Ostiuden, nach seinen persönlichen Erfahrnngen, ihre Eigenart und Sprache rein erhalten haben, und daß diese nationale Eigenart durch eine n A -״al-kultnrelle Autonomie zu erhalten wäre. Feuilleton E Jüd - - - ׳ e Offizier?? Genrebrldchen ausPolen von Max Eck-Trott, im Felde. Noch honte sehe -ich d!ie freudig leuchtenden Blicke der kleinen schwarzängigen Jüdin von Kvasuosielc, als ׳ich mit ihr um den Preis eines halben Paketes Tabakes feilschte und dabei! zu ihr in Jiddisch sagte: ״Sie sinn meschngge )vorn. Zwei Mart wollen Se haben for so e bischen Tabak, wo das gamge Paket nor 2 Mark kost. Zwei׳ Mark..... Se wollu bemjoMln e ׳datitschen Juden, wo sich kost der Tabak in. Friodenszeit ׳nor eine Mark? ״E Jüd .e daitscher Offizier'.? Werd ich Ihnen jäben den Tabak for eine Markstück, weil Se sind e daitscher Jüd.e Offizier!" Und freudig leicht wie eine Gazelle sprang sie durch den kleinen Kramladen/ an die Türe, die zur Stube führt. Wie )renn das freudigste Ereignis der Welt ein getreten sei, rief sie hell ans in die kleine n׳iedr.ige Lade!n׳stube: . . ״E daitscher Jüd. e Offizier??" Beide Flügel der Türe öffneten sich sperran,gelweit und fycvmi* traten freudig bewegt, Mumme, Tutte nebst Wh l reichen Kindern, um mich mit großen neugierigen?lugen zu bestaunen, wie die größte Sehenswürdigkeit des zwanzigsten Jahrhunderts, wie eine Attraktion in Castaus Panoptikum. In Bi aly stock: Von der Ortskommaiidautur wurde mir zum Uebc.xn׳uchtell,ein Zimmer-in -einaiu hübschen Hotel im der Ni totalstraße angewiesen. In- Bialystok sind alle Hotels in jüdischen Besitz. Fast alle sind sehr sauber und ziemlich modern eingerichtet. Ein j'Mlger Mann, vornehm angezogen, zeigte mir in seiner Fmiktion als Ortspotizist, das Qniartier. Er tat es ׳im?tuftrag der Ortskoilllnandalltnr, die ihn zum Zeichen seines?lmtes und seiner Würde mit ׳einer >grün-we>iß ge: streiftest?irmbinde ausgestattet hatte. Ter Wirt sagte sofort, als er mich sah, die Worte: ״Es tut mir leid, Me Zimmer sein vornimment" Schon wollte ich mich sa׳n׳g- und klanglos entfernen, als mein Begleiter hilfreich eingriff: ״Na. Moritz.Du wirst doch noch haben e gutes Zimmer für e deitschen Offizier. e Jüd!?" ״E daitscher Offizierc Jüd?! war die erstaunte?lutwort.?to, selbswerständlich hob ich ä Zim-mer.for Sie.,...« feines Zim-mer.... Zimmer Numero eins!" Fünf Minuten später saß ich mitten im ״guten Zimmer" des Wirtes. Die ganze Familie um mich herum: Tatteleben, Mamsineleben, Rebeckchen, das 17jährige Töchterchen, -Na: th׳anche, das 8 Jahre ׳alte Söhnchen und eine Reihe von Verwandten des Hauses, Aus aller,?lugen! leuchtete mir die freudvolle?lutwort mit' dem Frag«- u,nd Ansrnfszeichen entgegen: E Jüd.... e Offizier?? .* . llitib wir tranken Toe, aßen Mazzes dazu und rauchten famose russische Zigaretten, die der Vater des Hauses bereitwilligst heru m reichte. Dabei plauderten wir in der augenehmsten Form über alles mögliche: Selbstverständlich zuerst über den Krieg, über die Herrschaft der Russen in der Stadt, schließlich über Kunst, deutsche und russische Literatur -und über bevorstehende jüdische Feiertage.... Neujahr.... Laubhütten!. So habe ich in diesem netten Fami lieukwise einen der schönsten Abende in׳.! Polnischen Feldzug erlebt. Und so könnte ich noch so manches ähnliche Erlebins schildern, das immer wieder ansklang in der stauneuden Frage.: E Jüd.... e Offizier??

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