Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XVII (1916)
- Issue
- Heft 4 (9.3.1916)
- Date
- 1916-03-09
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Müs. •SIMM« MflpHMR«.* Nr. 4. Tagen so Großartiges, so Herrliches und Bewimixrnswertes loisten! Blicken wi!r <vns Bulgarien. Em Land, ein Volk, das in unsjor Väter Tagen noch kaum geka»:nt, völlig bedeutungslos drunten am Balkan ein dunkles Leben fristete. Und heute ein geschätzter Bundesgerwsfo des!nächtigen Deutschland, der ehrwürdigen Donau- Monarchie. Sein König, einstnmls ein Oberleutnant Kohary, Marschall von Oesterreich und Deutschland, sei,ne Grenzen über die Länder und an die Meere, sein Name geehrt mid bewundert. Was dieses schlichte Bauernvolk da unten so groß und stark geinacht, das war dev nationale Einheitswi-lle, die Aufopferung und Unterordnung des Einzelnen für das große gemsiusanle Wohl ,und Gedeihen.' Wiie im Alltag, so kann auch im Völkerleben nur derjenige gedeihen, der Tag für Tag seine Arbeit leistet, der unermüdlich strebt und schafft. Mancher eitle Tropf gibt am Werk von sich, schreibt ein Stück für das Theater, baut einen Palast oder schafft ׳ein ander Ding, Md dam: glaubt er genug getan zu haben und gehrt träge an, der verflossenen Leistung. W.iv haben den Völkern die Lehre vom Sinai gegeben, das ist schon lange, lange her, und daran» zehren wir noch immer. Unfruchtbar, Wie mit Recht kluge Gegner unsere Rasse nennen, haben wi>r als Volk nichts Neues seither geleistet. Rußland sendet seine Millionen uuaufhörlich gegen unsere Eisenfront, Frankreich», dessen Mann-eskvaft nach Men Berechnungen längst erschöpft sein muß, stellt immer neue Armeen auf die Beine, der Operottenstaat um die Ecke von Cattaro ist noch immer nicht gänzlich vom Schauplatz der Geschichte verschwunden, und die Deutschen, die vorher irni der weiten Welt kaum gekannten Ossterveicher-Ungarn, die Türken, das Volk des ״kranken Mannes" halten mit dem kleinen slävischen Bauernvolk vom Balkan die ga!M Welt in Schach. Die Völker stehen im gewaltigsten Ringen, das die Geschichte kennt. Nun muß unsere Tat bald einsetzen. Treu hem Schwure, den der Einzelne dem Vaterland geleistet, wird er seine Pflicht tun, bis der Kampf W Ende, bis die Armeen heim gekehrt sind. Dann beginne unser Aufmarsch. Vorstn» die große nationale Machtentfaltung, die imstande ist, uns die Anerkennung als Volk, das Anpocht auf unser Land zu bringen. Omar's Moschee steht auf den: Dempelplatze, der Halbmond weht auf Zion. Sühne Arabiens wohnen!auf unsveim! Boden. Wir halben nur den Titel, die andetvein den Besitz. In einer Zeit, die für die Weltgeschichte nur eine kurze Spanne bedeutet, wird das Forum ,ich zuerst von mir reden. Diesen Schuß ins Bein erhielt ich, als ich an der Spitze meines Rsgilm!enkes den Ansturm einer zehnfachen russischen Über- »nacht abwehrte. Als die Meinen schließlich doch Weichen mutzten — ach, es war nur noch ein klisines Häufchen und die mußten förmlich gezwungen werden, zurückzugehen, d>a Misere Aufgabe erfüllt war, wären lieber alle an Ort und Stelle gefallen — als die Meinen also auf Befehl zurückgingen, brachte man mich den sie hatten liegen lassen, nach Leinberg ins Spitajl, nach Lemberg, wo damals noch der Statthalter des Zaren residierts. Wir waren natürlich außer ׳aller Verbindung mit der Außenwelt. Was wir an. Nachrichten erfuhren war so toll und trug so deutlich das Zeichen oer Fälschung der Mache, daß wir keiner glaubten. Und dann begann der Rückzug der Russen, von׳ den! trotz aller Vorsicht Gerüchte durchsickerten. Uebrigens, schon die Nervosität der russischen Behörden hätte verraten, daß irgend etwas nicht recht stiunmte. Eines Tages, ich ging gerade auf Krücken gestützt, ein wenig im Hütalgarten spazieren, erschien der erste österreichische Flieger über der Stadt. Ich erkannte ihn sofort als einen der Unseren, noch ehe das sinnlose, rasende Geschieße der Russen die ganze Bevölkerung rebellisch machte. Der selige Noah kann unmöglich freudigere Gefühle .gehabt haben, als seine berühmte Taube mit >dsm Oelzweig im Schnabel zur Arche heimkehvte, als sie uns Me damals beseligte, da ׳:»»»seveTaube majestätisch über die Stadt hinflog. Ich wußte genau, was mir bevorstand: Verschleppung ins Janeve. Ich war aber auch sofort tagen, vor ׳den! wir unsere Sache anhängig machen, vor.dem wir darauf lxM»׳trage»: könnten, daß aus unseren: Eigentmnsanspruch ein faktischer Besitz werde. Klar liegt vor uns die Aufgäbe, für diesen Rechtsstreit, .den wir mH der Hohen Pforte in loyalsteir Weise ansfechten wol- .len, die nötigen Mittel nnd!den! geeigneten Sach- Walter zu finden. Als Herzl noch rmsere Vollmacht hatte, da brachte er einen Vergleich zustande, durch den uns di« Pforte ׳geigen Zahlung weniger Millionen die Rechte einrälunen wollte, die die ostindische Compagnie besaß. Die Curatoren, denen die» Pforte dmnals unterstand, waren zur Genehmigung des Vergleiches bereit. Als.dar Tag des Abschlusses kam, da erlebte .Herzl eiine Einttäuschung. Wohl hatten ihm» seine Man׳danten einen Vorschuß gegeben, aber die Verglei'chssunnne konnten sie nicht bezahlen. Seither ist der Streitgegenstand um das zehnfache im Wert gestiegen. Der Sachwalter ruht länger denn ein Jahrzehnt in fremder Erde. Die letzten Sitzungen der .internationalen Jury von 1866 und 1878 haben wir versäumt. Der Bergleichsversuch Hevzls ist gescheitert. Den nächsten Termin» dürfen wir nicht mehr verstreichen lasten. Weltkrieg und Weltfrieden. Von Dr. I. Eisenverg. (Nachdruck verboten.) (1. Fortsetzung.) Mr Zeitgenossen, die wir unter der Wucht »der grausamen!Ereignisse leiden und Zeugen eister wahren Verwi»lderung sind, welche jene Ur- Heber des Weltbvcmdes m ihrer scheinbaren Für- .׳sorge für die kleiinen Staaten ergriffen hat, suchen vergeblich nach einen: zureichendem Gründe für di'pse traurigen Erscheinungen. Wir ׳bezeichnen es als größtes Verbrechen cm׳ der Menschheit, daß der gvoKritanische Seebär, dessen Panzerkreuzer und Kriegsschiffe die Meere beherrschen, sich mit denr russischen Bären verbündete, um auch das Festland seiner Herrschaft zu unterworfen. Wir bezeichnen es als Verbrechen, daß die Lenker der englischen Politik ׳dem Weißen Zaren, denr Gönwer der PogromheAen, ihre Freundschaft schenkten und so diieses gewaltige Ringen verursachten. Diese Kulturfreunde fanden jedoch kein Wort der Entrüstung ׳M im Herbst 1914 die Kosakenhorden in Ostpreußen »einfielen, dosten blühende vom ersten Tage ׳cm, fest entschlossen, alles daran 'zu setzen, wn diesem Schicksale zu entgehen. Nur das Wiie war mir noch dunkel. Und da trat Leib Gänsvbügel auf den Plan. Ich kannte ihn schon lange vom Ansehen. Er war Kutscher bei dem Fleischlieferanten des Spitals. Tagtäglich rollte sein kleines Wägelchen von eifnenr elenden mageren Pferde gezogen, in der: Hof, wo wir spazieren gingen, und während die Küche das Fleisch ׳abluden, stand er da, gebückt und verschroben wie ein Fragezeichen, und die grqßen, schwarzen, melancholischen Augen folgten uns auf unseren: Spaziergang. Am selben Tage, da in der Frühe die Rnnchlor-Taube! sich!gezeigt hatte, kam e-r wie gewöhnlich. Eine quecksilberne Unruhe schien den hageren Körper zu beloben. Cr zwinkerte mir mit den Angen zu, so oft ich vorüberkam, und machte «allerhand Gesten, die ich anfangs nicht recht ver- »stand. Endlich richtete ich es so ein, daß ich an ihm vorüber kan:. ״Sie kommen", flüsterte er mir zu. ״Die Unsenn kon:n:en. Me: Vetter ist gestern m die Stadt gekonmlen. Bei Gorlice haben die U ns eigen die Russen geschlagen, oi, wie haben sie sie geschla-!gen. Hundertbausende sind tot, Millionen sind tot. Und die vielen Verwundeten. Oi, oi, ganze Züge, lbei Tag und bei Nacht»" Das Herz klopfte mir zun: Zerspringen. Und ich versichere dich, in bei»: Augenblick habe ich es durchaus nicht als lächerlich empfanden, daß ein schmieriger, polnischer Jude unser Heer ״die Unserin" nannte u. keinem Menschen in der Welt fühlte ich mich in diesem Augenblick so Gefilde in Wüstereien veM>andelten und dessen . Emwobmir »nassakrierien. Diese Beschützer der kleinen Nationen regten sich nicht ans, als die 'russische. Soldateska 1»M) der furchtbaren Niederläge inden Masuren die Bukowina und Galizien wie Heuschrecken überschwemmten, die etNisetzlichsten G renal taten vollbrachten und eine Schreckens- Herrschaft etablierten. Gin »»:Willigendes Wort 'der Kampfgenossen in» Westen hätte genügt, :»»»» die zarische»» Truppe»: zur Ordnung zu :»»ahne»:, vgm! Morden, Bre>11»׳e»» »md Se»:ge»: fegn, zu hatteu und der gequälte»:, wehrlose»: Bevölkerll>ng die 'Ruhe wiqderzustebe»». Allem sie ließe»: diese Ge- Wal täte»: ruhig geschehe»:, weil sie sich angeblich iin di« inneren Ange.leger:heiter: des Buirrdesgenossen nicht einn»i-schen wollten. Nichtsdestoweniger folgt innner e!in Stur»»: der GntrüstnnA so oft eiin gegnerisches Geschoß ii»:׳ ivgend ein Kunstwerk eiuschlägt, oder em historisches .Ha»»:s beschädigt. Schj1»:äh>r»»fe, wie ״Barbaren", ״Knlt»»rfeinde"! u. a. »»:. erschalle»: gleich darauf allenthalben. Freilich sind es Kuitnvheilden, welche sich sehr auf- '׳gehegt zeigen, we׳»»n ein Tier mißhandelt wi!rd, aber Gleichgiltigkeit bewahren, wenn .Hekaton»- ben von Mensche »:opfern, ihre»: Zwecken darge- 'bracht werde»:. Da:nüssen schon diese Bibelfreunde sich die Rüge des Prophete»: Hosea gefal- '!fei: lassen (Kap. 18, Vers 2): ״Ihnen gebührt der Vorwurf, sie seien Men schenschlächtqr, obwohl sie sogar als Tierfreunde erscheinen :»:ächten". Es klingt wie ein Hohn auf die Menschheit, daß selbst der Bundesgenosse im Norden als gelehrtger Schüler der wejstlichei: Kult»:rfre»mde von Rocht und Gerechtigkeit faselt. Während e-r die Bevölkerung einer besetzte»: Stadt nt:t der rusfischeu Knute nriißhaudelt, verkündet ׳auch er, er bringe die Freiheit! Doch denkt -er :»׳atürlich an eine Erlösu»»g i»m« russischen Sinne. Den lautesten Protest gogei: diese Art von« Freiheit erhebt die geplagte Bevölkerung selbst, sobald sie ii: die! Lage kon»11»t, die ruhmreichen Truppen der Zentral- Mächte (z. V. nach der Eit»,nähme von׳ Gorlice, P-rzemysl, Lemberg ufw.) als Befreier begrüßen -msd »»1it offenen! Armen ׳empfangen zu können. Mit eij»:׳er Besreiung im russischen: Simre beabsichtiigten die Westrnächte m»ch die Jslchnlwolt zu beglücken und e!»:tsandten eine Expedition nach den Dardanellen, un: die Länder Äs Islam für den ׳:mffischen Freund zu erobern׳. Ein! altes Vern:ächt»:>is Peters des Großen sollte jetzt Verwirklichrmg finde»»»׳ und die N׳osidc׳»»z des Khalisats vo»»»׳ den Hufen dev Kosakenpferde zertreten Werden! Es muß als Schä»»!dn»:g unsores sittli- 'chen Emp findens äuge sehe»» werden., daß n» an politische Ziole durch Milli׳o»:en Soldatengräber, durch Vernichtniirg von- Milliarden von Volksver- 'n:ögen, durch A»:hänfun!g -von Not u»»d Elend zu erlangen sucht. Ei»»׳ gütiger Stern» waltet doch über unsore Generation, wen n׳ alle diese Trau »ne, all »nahe verwandt wie Leib Gänsebügel trotz -Schnrachtlocken und Kaftan. Am a»:dern Morgen kan: die erwartete Ko»n- Mission, welche »ms alle untersuchte uM ׳die Transportfähigen, darunter auch »»»ich, für den nächsten Tag zun: AbMib ins Innere bostiinmte. An: Mittag pürschte ich Mich au den Kutscher heran und er Ve>r»sta1:d mich sofort, hatte auch sofort mit -der Schlauheit seiner Rasse einen Plan ausgearbeitet, auf ׳den ich ׳nie verfalle»: wäre. Am Me»:d nach Eiltbvuch der Du1»!kelheit kan: er wieder und brachte noch eine Fleischsendang. Das fiel weiter nicht auf, weil es öfters Vorkommen nwchte. Ich hatte »»:ich iin Hausflur verborgen und schlüpfte in den leeren Korbwagen. lZeib Gäusebügel verbarg mich unter den blutigen Matten, mit denen er das Fleisch zuzudeckei: pflegte und schaffte nnch aus Vqm» Hauste In seiner eigenen Hütte verbarg er :»:ich noch sechs Tage lang, bis die Russen abgezogen waren. Er 'verbarg mich, trotzden: er wußte, daß auf sein TM die Todesstrafe stand, verbarg mich, de»: Ajudersgläubigen, der ich ihn: gänzlich fvetnd war, nur, weil ich ׳״einer der Unser»:" war. Und als die Gefahr glücklich vorüber war, weigerte er sich hartnäckig auch nur einen Heller aazunehinen, trotz seiner Armut, ׳einer Aru»ut, von! der wir km kultivierten Westen uns keine Vorstellung machen."- Wir stellten -das Bild zwischen uns auf den Tisch Md stießen an mit bm% Wveven dunkelroten Dalmatiner auf dasWohl des Patrioten in: Kaftaa, Leib Gäirsebügel.