Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XVII (1916)
- Issue
- Heft 4 (9.3.1916)
- Date
- 1916-03-09
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Zahra. XVII. Nummer 4 ^-- Bezugspreis e: 3-g Redaktion und Administration: BrnNn, Adlergasse 9. $?ür Oesterreich-Ungarn, halbjährig ganzjährig . ..־ Deutschland, ganzjährig. Rußland, ganzjährig. Balkan, Frankreich. a- . Kronen 6*20 . Kronen 12 — . Mark 12- . Rubel 16׳— , Frank- 4 — -1 Z C Bnchhändlerische Vertretung: Otto Klemm, Leipzig. Inserate: die öspaltige Petitzeile 30 h. Unverlangie redaktionelle Beiträge werden nicht honoriert. — Manuskripten ist Rückporto beizufügen. 1-« Wien-Budapest. Brünn, L LÜL.'5«,s Prag—Lemberg. Das jüdische Volk im Weltkriege. Bon Dr. Hanns Fischl. V. Das Problem c.i׳n׳o^ Volkes ist ein Massen- «Probla-n! unb bei alten solchen liieigt bie Schwicrig-keit darin, immer wi-e-der -das Einfache, das Ursprüngliche ans der Summe der Einzelorschein-nngen he ransznschälen. 'Alle Probleine der ungeheu-er Verzlveisttcn Juden frage wurden seit benr akuten?lnftanchen derselbe>i zu Beginn der Achtziger Jahre des vorigen Jahrhnndertes dnrchcinanderge)virbelt, und salbst oder gerade ׳nach den1 Auftreten Herzls. Mit echt altindischer verNxrflicher Pilpulistik ivnrdo seine -große Synthese zur flachsten Aiimlyse ׳verzerrt. Main! mast:noef) so ccmtnal indisch fühlen, wer als Jude auch ׳nach innen Nackensteife zu bewcchreu Umstande ist, muß gestehen, daß hier der Fluch des Ostens zu verspüren ist. Im lichten Westen wurde, der Gedanke gebereu, in einfachster und zweckiuaßistster Weise die Juden frage zu lösen. Fuhrst die stroiße Enquete, der Congrcß, lind damr die Ausführung der gewonnen en Ideen. Leider kamen aber die Eonstresse. Es genlügta eben den Inden, die sich bald jedm׳ für -einen Herzl hielten, nicht, daß es einmal klar und -einfach ausstesp rochen war, was zu geschehen habe, und für die entschlossstne Tat war der orientalische Stasmjm, der sich durch zwei Jahrtausende damit besaßt hatte, das Sainmel- Feuilleton Schlichte Helden. Skizze von׳ Adolf Stark. ׳ (Nachdruck verboten.) Mit einem Schuß -ins Bein, welcher für i(1m 1u׳e!r eine jede Marschsähigkeit aufhob, war Oberst Rode che im gekehrt. Nun saß er wieder in seinem beiha-stlichen Studlerzlunuer, bequem znrückstelehnt, das kranke Bein! sorgsa׳m aus einen! Stuhle gebettet, ׳und ich saß ihm gegenüber, wi!e iln! früheren Zeiten, ehe das große Ringen begon- - neu hatte. Der Ranch der Zigarren st leg in feinen Wölkchen empor ׳in die Luft, um in Nichts zu zerstieben, aus dem klekuan Tischchen zwischen uns funkelte der rote schwere Dabmiatiner in den׳ alten!Römern, kn 5ta!mine brannte das Feiler, alles -lvar wije sniher und wäre -nicht das kranke Bein meines Freundes gewesen, man hätte glauben könngu«, dieser ganze Weltkrieg sei. mir der haßdche Traum ein׳es überreizten Gehirnes. Aber noch etwas war hier in! Zimmer, was ich vor dem Kriege «nicht gesehen hatte, und ich mnnte doch jeden Kunstgegenstand, jedes Bild, jedes Bnch. Nein, der Nahmen dort drüben am Kamin liatte vorher nicht da gestanden. Er enthielt offenbar ein Bild, aber das Ganze lag Hin Schatten, ich kannte nichts genauer erkennen. ,,-H»A du dich photographieren lassen?" fragte ich. Denn ich kämmte -den fast krankhaften Widerwillen des Obersten gegen das Photograwerk der ׳nationalen Ueberliefernng ins Ungeheuerliche zu zergliedern, absolut nicht zu haben. Der große Krieg wird -in der jüdischen Geschichte einen neuen Abschnitt -einzuleiten haben. Einerseits sind sowol die Juden als -Aich die übrigen Völker zur Einsicht gekommen, daß die den jüd. Individuen angedichteten Eigenschaften gar nicht vorhanden sind, daß die Inden kn Einzelnen ebenso befähigt und moralisch sind wie die Individuen anderer Nationen, ׳andererseits haben die Inden die Erfahrung gemacht, daß es höchste Zeit ist, in einer Epoche des Nationalismns auch das eigene Hans zu bestellen, und daß es nicht mehr angeht weiter die Nolle von Parafiten mud Heloten zu spielen. Nene Ideen sind zur Lösung dieser Frage nicht mehr zu entwickeln-. Man braucht -nur ans Herzls Charter zurück zu kommen. Blicken wir ans die Entwicklung des kidi-schcn Kaiserreiches zurück. Im Anfänge war die oft indische Compagnie eine Handelsgesellschaft, die vom britischen Königr-eiche mit souveräner Gewalt ansgestattet wurde. Ihre Bgamteu steuosseu -dieselbe Stellung wie di-e -des Staates׳, sie verfügte über Soldaten mud Kriegsschisfe. Allmählich wurde die Gesell- -schaft verstaatlicht, etwa wie unsere aus Privatmittel-n gegründeten Mittelschnlen imid Eisenbahnen. Die Kröii'ung fand das Work, als der große -D'Jsvaeli (!) uner dem stolzen Namen eines Earl os Beaconsfield der Königin Victoria die Kaiserwürde übertrug. Herzl, der Lord Beaconsfield au Größe geieren. Als begeisterter Freund der Malerei er die mechanische Wiedergabe, von der er ׳behanptete, daß sie nur die Form wiodergebe und den Geist töte. Um so mehr überraschte mich das Bild in sei׳nem Zimmer. Er schüttelte das Haupt. ״Niich Photogra- -phi-eren lassen? Niemals. Und wenn ich ausnahmsweiso das Bild hier dulde, so geschieht dies nur deshalb, weit ich kein anderes Bild habe und weil unter Umständen eine Photographiedoch noch besser ist als gar nichts. Bitte, hole! doch das Bild. Du entschuldigst schon, aber mein Bein-..״ Als ich den Nahmen iiiiiit dem Bilde in das volle Licht brachte, mußte ich unwillkürlich hell auslachen. Ich hatte einen Kameraden des Obersten zu sehen erwartet oder vielleicht ein Frauenbildnis. Der Kontrast war gar zu lächerlich. Ta grinste mir ans dem Rahmen ein polnischer Jude entgegen: Die Haltung, selbst aus dem Bilde, offenbar trotz aller Bemühungen ׳des Photogratphen, windschief und verschroben, -ein verlegenes Lächeln auf dem hageren-, scharsgeschni-ttenen Gesicht mit den charakteristischen Löckchen über beide Ohren. Der lauge Kaftan, das schwarze KäPPchen, nichts fehlte, um die typische Figur des Polnifchen Juden zu vollenden, wie wir ihn, wenn nicht im Laben, so doch ans Witzblättern und von der Bühne her, kennen. Oberst Rode setzte das Glas, aus welchem er eben getrunken hatte, ktirirndanfden Tisch. ״Du lachst, natürlich. Hätte ein Maler das Bild gein'ialt, einer, der -es versteht, die Seele, die leibendige Seele mit in die Züge hkieinzuzanbern-, du hättest es gewiß nicht getan. Doch wir wollen >nicht wieder ans das alte Thema koinmen. Lasse dir lieber von meinem stillen Helden Leib Gänsewiß Niicht nachstand, hatte nur den einen Fehler, ׳daß er als Jude für Inden auftrat, während jener als Engländer wirken konnte. Als Herzl seine traumhaften Errnngenschaften gemacht, als er mit Sultan und Papst, m\t Kaiser Wilhelm und dem Ezaren alles ins R-cine gebracht hatte and sich dann nach seinem Volke nmblickte, da stand niemand hin.ter ihm als ein Fähnlein aufrechter Phantasten, die nur den guten Willen, aber nicht die Macht hatten. Seither hat sich kn Lande Palästi-na ni-cht viel geändert. In den anderen! Ländern hat sich aber der Nationalismus im Kriege in schroffster Form entwickelt. Jedes Volk rottet alles ans, was sich in den Jahrhunderten des Weltverkehres von, andereu Völkern in seing.u Wesen eingebürgert. Nach der Entwicklnng znm Freihandel setzt die Tendenz gnr wirtschaftlichen 91 bschli-eßung ein, aus der Sprache und Sitte wird ängstlich jede Spur fremden Einschlages ansgemerzt. Was wird da den Juden übr!ig bl-eiben? Sie stehen wieder vor der einfachen Entscheidung: Assimilation oder Zionismus. Dcn׳n> die Entwicklnng jüdischer Eolonien lverden die Völker im eigenen Gebiete nicht znlassen. Und daß das Indent-nm nunmehr als 9teligio׳n> allein׳ fortbeste Heu wird, ist zufolge der allgemeinen Aufklärimg über -diesen Punkt -nicht zu erlvarten. Soll nun der Zionismus lveiter sich in der bisherigen Form entwickeln? Soll weiter unser altes, edles Volk in Gestalt eines AZ-erbandes der Vereine zur Eolonisation -Pa l ä st 111as dasteh e n? Oder )vollen wi-r ein Volk sein wie alle anbereu, wie die verachteten Gojims, die in nnseren bügel erzählen. 9c-ein!, bitte, lache nicht. Ich ver- I sichere dich, es ist ganz n'nd gar nichts Lächerliches ' dabei. Mau kann Schmachtlocken und K-aftan tragen, Leib Gänsebügel heißen, und ein verschüchterter, elender Polnischer Bett-eljnde fein >nnd doch ein Held dabei. Hast du es di,r schon klar gemacht, daß dieser große Krieg eine Umwälzung in unseren ganzen sittlichen?lnschannngen mit sich bringen wird, mit sich bringen muß? Es ist so Vieles, was alt ' .imid morsch war, -ijm» Don,ner der Kanonen zu- J ■1 - ,ו1:>(1>0.*61^מן1101ון11ו10ץti4^)-t 11111־ Rußlands Scheingrüße und Alb io ns Hochmut, auch Vorurteile,! überlieferte Begriffe, ebenso falsch heute )vie sie einst richtig )varen, alles dies ist zusammenge- \ brachen. Natürlich kommt uns das jetzt nicht znm! Bewußtsein. Wir haben iveder Zeit noch Si!nn dafür, aber nach dem Kriege, )renn wir beginnen werden, uns wieder ans uns selbst zu besiuueu, dann-— Und zu diesen Begriffen gehört in erster Reihe der Begrisf des Helden. Die Zeiten von?lnnodazumal, ans der Ilias- und Nitterzeit, aus welchen unsere Jugend und unsere Damenwelt noch iauiwr ihr Heldenidcal schöpft, die Zeiten, wo Körperkrast und Rauflust die erste Vorbedingnng znm Heldn-tnm )raren, sind ein für allemal vorbei. Die Helden von heute sehen anders aus. U-eber eimm Leisten schlagen läßt sich der Begriff überhaupt nicht. Es gibt Heldentum in 20 oerschiede neu Gestalten, denen allen nur das Eine gemeinsa.m ist: die Schlichtheit, deilen eben das fehlt, )vas für den Hetd-en von An iwdazumal charakteristisch ist: die Pose. Einer dieser schlichten Helden ist der Mann, dessen Bild du in der Han«d hältst. Um ans Leib Gä-nsebüg.l zu kommen, muß