Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XVII (1916)
- Issue
- Heft 2 (27.1.1916)
- Date
- 1916-01-27
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Rr. 2. der Autor noch kurz auf die Vorteile, der Besiedlung Palästinas, für die Türkei hin, um zu feinem letzten Kapitel, das den Grenzschluß derlangt, überzugehen.! Hi«er zoitzt uns Fvi>tz anhand von Iahlen die starke Einwanderung osteuropäischer Inden nach Deutschland, weist auf die in Preußen bestehenden Aufenthaltsbeschränkungen für ausländische Jrrden, die ein Anknüpfungspunkt für die Durchführung des Grenzschlusses werden könnten. - Nachdem er noch eirrzelne Juden Liber die Gefahr der Emwanderung ihrer Brüder aus dem Osten hat zu Worte konnnen lassen, beschäftigt er sich selbst mit dieser Frage. Er betont, daß die Millionen, armer leiblich und sittlich verküminerter Menschen, den Gesamtcharakter des deutschen Volkes, einseitig und nachteilig beeinflussen, durch ihre geringen Lebensansprüche, die Wirtschaftliche Lage des unteren Mittelstandes herabdrücken, den kaum erlösten Bauernstand erschütjam und so ein verschärftes Wiederaufleben der Juden frage heraufbeschwören würden. Am schwersten bedroht seien von dieser Gefahr die deutschen Juden. ״Ein niederziehendes Gewicht", .sagt Fritz wörtlich, ״würde sich an ihre mühsam errungene politische und gesellschaftliche Gleichberechtigung.hängen, die Lösung der mächtiger als je auflodevnden Judenfrage im autisemitischen Sinne durch Aufhebung der Gleichberechtigung wäre nicht mehr zu vermeiden." Diesen Satz sollten sich alle Juden, die da glaubten, daß der Krieg!der Umwerter aller Wer- 1e, auch die Ansicht der Judenhasser geändert hat, ins Stammbuch schreiben. Uns sagt Fritz damit nichts Neues, wir wußten, daß Leute dieses Schlages, nichts vevgessen undnichts zulernem werden. Nach all dem sieht Fritz, nur das Heil für die Juden im Zionismus, und die deutschen Reformjuden sollten den Deutschen helfen diese Frage im zionistischen Sinne zu lösen. Nur so könnten alle Teile befriedigt werden. Zionisten und Orthodoxe sehen ihre Zukunftsträume verwirklicht, die Reformjuden wären von der Gefahr, aus ihrer politischen und gesellschaftlichen Stellung verdrängt zu werden, befreit, und für die Deutschen, dfiv -ihre Pflicht und Aufgabe dtm der eigenen Rassenpflege erblicken, würde die Jrwenfrage an völkischer Bedeutung verlieren. Nachdem nun einmal die Notwendigkeit des Grenzschlusses erkannt ist, fragt es sich nur nach .der besten Form. Solle man sich an das Prinzip Amerikas oder das Australiens halten? Amerika läßt Nassenfremde zu, stellt jedoch solche AuslesebedinjWngen, daß die Masseneinwanderung verhindert wird. Australien hingegen schließt alle nicht der weißen Nasse Angehörigen grundsätzlich aus. Außerdem hat es den Begriff der Weißen Rasse so eng begrenzt, daß z. B. Südeuropüer dunkler Farbe und auch russische Juden nicht zugestrige Tag ist vorbei, morgen kann Gott helfen. Und heute? Nun Gott sei Lob und Dank, auch heute sterben wir nicht Hungers. Ob ich nun Schwarzbrot mit Gurken esse und der Kaiser Weißbrot mit Butter — es kommt doch fast aufs Gleiche heraus, denn wenn wir gestorben sind, sind wir alle gleich.... wir waren ja alle sündbeladene Geschöpfe.... und vor unserer Geburt waren wir auch alle gleich. Und wenn auch der Kaiser Weißbrot mit Butler ißt, kann er doch nicht aus dem Winter Sommer nnd aus dem Sommer Winter machen.... Wenn mir Gott, einen reichen, frommen, gebildeten Schwiegerso-hn für meine Tochter schickt, ist mir geholfen. Mehr verlange ich auch nicht. Was kann ein Jude von! Leben mehr haben? Gott gedient, mit der Welt in Frieden gelabt, die Tochter verheiratet — darf,man da noch das Schicksal anklagen?" ״Aber wie — wie bekommt man so einen Doktor oder ein Talmudgenie oder mindestens einen Schächter?" ״In unserer Zeit", meinte Reb Chatzkel, ״ist es überhaupt schwer, einen fassenden Schwiegersohn zu bekommen. Wenn die Menschen zwanzig Jahre alt werden, reisen .sie nach Amerika, oder sie werden Soldaten — und die paar Doktoren und zukunftsreiche Talmudjünger Reiben weg, sie kommen gar nicht in unsere Stadt.... Was soll auch so ein Doktor bei uns machen? Wenn einer einmal Kopfweh hat, dann trmkt er ein Paar Glas heißen Tee und er ist wieder gesund. Auch hat unsereiner weder GeUmoch Zeit krank zu sein. Krankheit ist überhaupt nur so ein Artikel für Reiche — ein Luxus.... Und dann will ein Doktor sehr viel gelassen werden. Ihn also der Masseneinwandernng wirksam entgegen zu treten, müßte Deutschland nach australischen:! Muster seine Grenzen sperren. ' -- j Soweit der Autor selbst. Sachlich wäre dazu t noch folgendes zu bemerken. Nach allem Ums Fritz schreibt scheint er von der UeberzelWing auszugehen, daß Russisch-Polen, nach dem Kriege, im oben demselben politischen Verhältnisse z!. Deutschland stehen wird wie vor Kriegsausbruch denn int anderen Falle, könnte er doch nicht von Deutschland, das in diesem Krieg für Gerechten feit und Recht kämpft, verlangen, daß es für einen Teil seiner Staatsbürger ähnliche Ausnahlnsgesetze, wie Rußland erläßt. Sollten unsere Brüder aus dem Osten aber nach siegreichen: Kriege von der Rnssenherrschaft -befreit werden, so wird man am besten ihre Massenauswanderung verhindern, wenn man ihnen in Polen menschliche Lebensbedingungen schafft! Wenn es uns auch freist, daß Fritz die Fo derungen des Zionismus anerkennt, so müssen Wir doch seine Anerkennung und seinen Versuch uns zu helfen entschieden zurückweisen. Denn der Zionismus ist nicht dazu da um den Deutschen Sorge abzunehmen oder den Assi mi lauten ihr Geschäft zu erleichtevn, wie Fritz zu glauben scheint, sondern einzig und allein um unser Volk vom Untergänge zu bewahren. Die Ostjudenfrage aber mit einem Schlage zu lösen, indem man die Grenzen der Cinwainderungsländer sperrt und den Riesenstroün der Juden auf einmal nach Palästina lenkt ist technisch heute noch unmöglich. Wie -ich schon Eingangs erwähnte, sind i-n letzter Zeit viele Brochüren erschienen, die sich mit der Judenfvag-e beschäftigen. Unter diesen allen ist noch die von Geh. Regierungsrat Fritz die uns am meisten ansprechende. Wir können uns also leicht ein Bild machen, wie die Mehrzahl des deutschen Volkes sich zu diesen Fragen stellt. In dev Versammlung des ״Vereines zur Abwehr des Antisemitismus, am 26. November in Berlinwurde erzählt, daß die Antisemiten nur ,auf den Moment warten, in dem die strenge Zen- .für aufhört, ulm die Hetze gegen die Juden aufznehmen und weiters, daß von.einem Fanatiker verstiegener Rassentheorien, der übrigens kein Deutscher von Geburt sei (es ist wahrscheinlich Chamberlain gemeint) Kriegsaufsätze, die einen gefährlichen Rassenhaß predigen, ins Feld gefandt werden. Es ist nicht viel was wir hören, nur hie und da dringt ei׳ne Stimme aus dem Dunkel an unser Ohr, die uns zeigt, daß Burgfriede und Censur zwar einstweilen die Ausbrüche des Hasses noch emdänrmen kann nicht aber imstande ist Haß und Verachtung in Liebe und Achtung zu wandeln. All das sind Sympthome, die uns beweisen, daß unser nach dem Kriege ein harter Kampf!Geld, so zehntausend Rubel in bar — ja zehntausend Rubel.... Im letzten Grunde war es Reb Chatzkel ein Rätsel, warum man eiinen Schwi>eger-sohn Geld geben müsse. Er bekommt doch eine Frau, eine Aussteuer für seine Frau mit, die Frau arbeitet doch im Haushalte, bringt K!inder zur Welt, muß die Kinder erziehen, hat oft Sorgen und Schmerzen — also warum eigentlich?.Aber Reb Chatzkel hatte immer sein Sprichwort bei der Hand: ״Was die Welt tut, ist gut.... Und ich habe doch auch 70 Rubel Mitgift bekommen!" Die schöne, gebildete Malkele wurde' immer älter und Reb Chatzkeli,mmer grauer, denn die Frage, wie bekommt man -einen geeigneten Schwiegersohn, beschäftigte ihn Tag und Nacht. Er wäre sicherlich unter der Last der Sorgen zusammengebrochen, hätte er ׳nicht so viel Gottvertrauen besessen. Cr machte jeden Tag neue Pläne, dachte an alle ihm bekannten jungen Leute —1 und wenn er nach alldem keimen Ausweg gefunden, dann Pflegte er in ruhigem, sicherem Tone lzu sagen: ״Gott wird helfen, Mensch sei klug." Die schöne, kluge Malki ist mittlerweile dreiundzwanzig Jahre alt.geworden und war noch immer keine Braut. Reb Chatzkel, sehr gealtert, konnte kaum noch seine Watte machen. Er hatte schon doppelte Sorgen — einen Bräutigam für seine Tochter und das tägliche Brot für sein Haus. ״Wenn ich keine Watte mehr machen kann, — toitie sollen wir dann leben? Brot kostet Geld; auch Hering und Gurken bekommt man nicht umsonst." ' Dem klugen Reb Chatzkel Ward es schrecklich harrt, daß wir uns sammeln nnd vorbereiten müssen, um diesen Kampf, der loohl mitleidsloser und hartnäckiger sein wird, als alle vorangegangenen, siegreich zu enden. Doch nicht nur uns wird dieser Kampf in Mitleidenschaft ziehen, nicht nur wir Nationaljnden lverden ihn zu kämpfen haben. Allen Juden, die es nicht vorziehen durch feige Flucht ins Lager unserer Feinde überzligehen, steht der Kampf bevor. Nicht nur ums Heil der Ostjuden, nein um das des ganzen Volkes geht es! Drum -mögen alle ihre Pflicht tun! / Wien im Jänner 1010. Felix Ungar. Offener Brief an Sc. Exc. Herrn k. u. k. Kontreadmiral Geza delll Adam! v. Tarczal: Euer Exzellenz! Es mußte uns'Inder: gewiß außerordentlich woltun, von so ausgezeichneter Seite, wie cs E. E. sind, einen Beweis von Sympathie und Wolwollen zu empfangen, der m der Zuschrift von E. E. an die ״Neue Freie Pesse" von: 26. Dezember 1015, unter den: Titel: ״Die Juden im Weltkriiege" zu erblicken ist. Dennoch wollen E. E. gestatten, darauf aufmerksam zu machen, daß die Tendenz, die aus der Anregung E. E. spricht, unter einer Gruppe von extrem nationalen Juden geeiig-uet sein ׳must Widerspruch zu erwecken. Wir halten es zwar für opportun, aber wenig ehrenvoll, unsere Leistungen als Staatsbürger und Soldaten besonders betonen zu müssen, uin davon unsere Ansprüche auf unangefochtenes Leben in: Staate herzuleiten. Bis vor Kurzen: bestand ein Teil unserer natiionalen Betätigung darin, uns von den gegen unser Volk erhobenen Unwürfen rein zu waschen sowie unsere Vorzüge und Leistungen hervor-zukehren. Ter stolze Jude edler Abstammung ist anderer Meinung. Gewiß ist, alles. Was das jüdissche Volk im Einzelnen hervorragendes geleistet, sehr anerkennenswert, aber auch ohnedem hätte niemand ein Recht, uns zu behelligen. Und wenn das geschieht, so haben wi-r schnei-W drauf l-os zu gehen, und es ist unwürdig, wenntoifa statt dessen mit Betonung unserer Leistungen herMsrücke!:. Wir Häven in diesem Kriege nur unsere Pflicht geitan, und wenn wir mehr getan haben, als!nach unserer Volkszahl und unserer bisherigen Stellung unter den Völkern zu erwarten stand, ist -das nur -ei,u Beweis von der Uebe,r'legenheit unserer Rasse. zu Mut bei dem Gedanken, daß er für seine Malkele keinen Bräutigam fände und seine Tochter, seine einzige Tochter, nicht mehr ernähren könne. ״Was soll aus :!:einer Malkele werden?" Sie kann doch' nicht als Dienstmagd gehen! Weder ihre Mutter noch ihre Großmutter waren Dienstmägde.Und überhaupt — was heißt es, bei! anderen dienen, sich mit Leib und Seele für Geld verkaufen? Ist nicht meine Tochter ebenso schön, klug und gebildet, wie diese oder jene reiche Madame? Meine Tochter soll sich verkaufen, weil sie weniger Geld hat als eine andere — ״meine Tochter, meine Tochter?" Reb Chatzkel ward öS ganz schwindlig beim Gedanken, daß seine Tochter noch vielleicht als DÜenstmagd sich werde verdingen:nüssen. Und Nab Chatzkel sah schlechten Tagen entgegen. Er war alt und schwach geworden, er konnte nicht!!:ehr viel Watte machen und nur noch wenig verdienen. Auch seine Malkele ist nicht jünger -geworden. Reb Chatzkel hatte noch selbst dann seine Hoffnung nicht verloren , aber er :!:einte: ״Heute geschehen doch keine Wunder mehr." In seinen ei!:san:en Stunden dachte er oft an seine eigene Jugend, an die gute alte Zeit, in der m:an leicht seiine Töchter verheiraten konnte — mit siebzig Rubel Mitgift und einem halben Dutzend Handtücher. Oft sagte er zu sich: ״Wenn ich eine!: Sohn statt einer Tochter hätte, wie wäre es doch viN besser. Erstens einen Kadosch und dann keine Sorgen wegen Verheiraten. — Aber einen Sohn — den hätten sie wahrscheinlich zu den Soldaten genommen und er müßte dann