Mannheim
Compact Memory

Jüdische Volksstimme · 1916-01-27 · Heft 2 (27.1.1916) · page 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XVII (1916)
Issue
Heft 2 (27.1.1916)
Date
1916-01-27
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2621806-2621974-2621976--3366-2624551
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

mn. xm. Nummer s. Bezugspreise: Redaktion und Administration: Brünn, Adlergasse S. Mr Oesterreich-Ungarn, halbjährig . Kronen 6 2V Buchhändlerische Vertretung: Ott» Klemm» Leipzig. ganzjährig . . .. —׳12 Kronen . Inserate: die Sspaltige Petitzeile SV h. Deutschland, ganzjährig ..... Rußland, ganzjährig ...... — 12 Mark . —׳16 Rubel . Unverlangte redaktionelle Beiträge werden nicht hono- Balkan, Frankreich ....... -׳4 «Frank . riert. — Manuskripten ist Rückporta beizufügen. II- -m 1 11-—1-—4 Wien—Budapest. Brünn, g; Prag—Lemberg. Caveant consules! Ju Deutschland begmurt mal! sich mit Fragen deren Lösung erst der Friede ermöglichen wird, zu beschäftigen. Zu diesen Fragen gehört auch die Judeu frage, die durch sdie Besetzung Russisch- Polens mich für das deutsche Reich akut geworden ist. Ein Strom von Brochüren, die dieses Thema lbehanidelid überschwemmt iu letzter Zeit den Büchermartt. Für uns sind momentan Wohl diesenigen a׳m interessantesten, die, von deutsch-arischer Seite stammen und auch das Thema von diesem Standpunkt aus betrachtend, die Judenfrage weniger aus Mitleid mit den: jüdischen Volk, als aus An^gst vor dem zu großen — nach ihrer Ansicht auch schädlichen — Einfluß der Ostjuden auf das ׳deutsche Volk zu lösen wünschen. Vor nicht zu langer Zeit erschien im Verlag Lehmaum—München, eine Br och ü re von kaiserl. geh. Negierungsrat Georg Fritz, unter dem Titel: ״Die Ostjudenfrage, Zionismus und Grenz- Muß", in der, der Autor die Sperrung der deutschen Neichsgrenzen für die Ostjuden perlangt. In den ersten Kapiteln seiner Brochüre behandelt Fritz, das Prob lern der Nasse im Allgemvünen, der gelben Gefahr, (die Gefahr, - diie durch die Einwanderung der Slavo-Germanen, die zum großen Teile zur turanischeu Nasse gehören, für Deutschland droht) des Wiederaufbaues der germanischen Kolonisation irn Osten. All das hat aber jetzt weniger Interesse für uns. Erst auf der 13. Seite beginnt sich der Autor mit der eigentlichen Materie der Judenfrag-e zu beschäftigeu, ohne aber noch an das Pr ob len: der Ostjudenfrage heranzutreten. Hier spricht er in erster Linie von׳ den deutschen Juden, denen er große Verdienste auf dem Gebiete des Handels Feuilleton Wie Malkele nach Wilna gekommen ist. L1■ Bon Maxime Le Maitre. Chatzkel Wattemacher, ein kleiner Jude mit einer hohen Stirn, eines der angesehensten Mitglieder der Gemeinde, galt weit und breit für sehr -klug; denn er hatte nur eine Tochter, i.m Gegensatz zu seinen Mitbürgern, von welchen ein jeder sieben bis zehn ihr Eigen nannten. Chatzkel galt auch als ein sehr reicher Mann, denn er hatte nur die eine Tochter und konnte viele Mitgiften spareu, das heißt, wenn er sie hätte.... Seine einzige Tochter MEi hatte er recht lieb, denn erstens war sie seine Tochter, dann hatte er nur die eine und endlich lieben überhaupt jüdische Väter ihre Kinder. Auch glaubte er, daß Malki sein Glück bedeute. Wenn Malki einst mich Amerika geht, schickt sie ihm Geld, wie alle jüdische Töchter ihren Eltern aus Amerika Geld schicken — oder sie heiratet einen Doktvr und dann geht es ihm auch besser.Daß seine Malki einen Doktor bekommt, daran war gar nicht zu Kreiseln. Sie war schön, sehr schön und auch gebildet — sie schrieb Perfekt Adressen in! Men europäischen Sprachen. Sie war auch klug und geschickt und obendrein noch die Tochter, die einzige. Tochter des reichen, klugen Chatzkel. Md der Geldwirtschaft, vermöge ihres nur auf das ״rein Nützliche gerichteten Materialismus und Geschäftssinnes" zuspricht, jedoch bestreitet, daß sie nach di'esenr großen Kriege, der das deutsche Volk geläutert — vom Materialismus zum Idealismus, der auch nach dem Kriege anhalten werde, geführt — ihre Rolle ausgespielt haben werden. Mag sein, daß die idealistische Wjeltanschauung nach dein Kriege die herrschende sein wird — das Leben der Bevölkerung im Hinterlande und das der heimgekehrten Krieger spricht zwar sehr dagegen — so werden doch die I reden, denen nur Menschen in völliger Unkenntnis des jüdischen Wesens oder solche, die durch ihren Judenhaß ihr Wesen nicht erkennen können oder wollen, die Fähigkeit zum Idealismus absprechen, ihre Nolle nicht uusgespie.lt haben. Im weiteren Verlauf der Brochüre spricht der Autor vom Antisemitismus, den er als Fiebererscheinung und Gesundungsvorgang der Volksbürger gegen die wesensfremde und geldhäufende Entwicklung,׳ deren augenfälligisten Vertreter die Juden sind, bezeichnet. Weiters spricht er von den Richtungen im Judentum, deren er drei nennt, Zionismus, das Assi mi lau tentum und die Ortho- ,doxie, mit deren Wesen er uns durch Citate aus der einschlägigen Literatur bekannt machen will. Dem Autor selbst erscheint der Rassenstolz der Zionisten gefälliger, ohne aber die Ehrlichkeit des Strebens der Reformjuden bezweifeln zu wollen. Die nächsten zwei Kapitel,'!die sich! mit der Frage der Blutsnnschrmg und des Unterganges der deutschen Juden beschäftigen, sind reich gespickt m-vt, aus dem Zusammenhang gerissenen Citaten aus Werken von Männern aller Partei- Seit dem Tage ihrer Geburt beschäftigte Chatzkel ein Gedanke: wie sichert man sich einen frommen, reichen, gebildeten und schönen Schwiegersohn — oder wie wird man Rothschild....? Chatzkel, oder wie er sich selbst nannte, Neb Chatzkel, hielt sich zwar selbst für sehr reich; aber klug und berechnet wie er war, sagte er sich: ״Gewiß kann Gott helfen — wird Gott helfen .... Wenn der liebe Gott nicht will — versteht sich... Wenn der liebe Gott nicht gewollt hätte, wäre auch Rothschild nur ein Wnttemacher. Gewiß Wird auch Gott mir helfen, denn ich bin doch Glicht schlechter als Rothschild. Aber ein Mensch hofft und das Glück schlaft — also Mensch sei klug." Und Neb Chatzkel war auch sehr klug. Als noch Malkele ganz jung war, erkundigte sich schon der kluge Neb Chatzkel bei den Inhabern der Cheder nach gescheidten Knaben. Später Pflegte er den alten Synagogendiener nach fleißigen Tabuudjüngern zu fragen, sich zu erkundigen, auszuforschen — wie, woher, wieso? Er erfuhr durch den Matrikelbeamten, wer Aussicht auf Befreiung von: Militärdienst hat. Kurzum er tat alles, was ein kluger, reicher jüdischer Vater für seine einzige, schöne, kluge und gebildete Tochter zu tun verpflichtet ist. Neb Chatzkel tat seine Pflicht; aber er hatte es wirklich nicht leicht, denn er mußte nicht nur für einen Schwiegersohn sorgen, sondern er mußte doch einen ״verdienenden" Schwiegersohn für seine Tochter finden. Das war nicht leicht, speziell in seiner Gemeinde, in der arme Leute steinalt werden und reiche Leute unsterblich sind .. Dann gab es auch nach Neb Chatzkels richtungen, ohne uns aber etwas Neues zu bringen. — Erst nachdem Fritz diese vorbereitenden und einführenden Fragen behandelt hak, kommt er zum Hauptkhema: dem Problem der Ostjuden, des Zionismus des Gvenzschlusses, dessen Gedankengang ich noch kurz wiedergeben will. Fritz weist darauf hin, daß die schlechte Lage, des größten Teiles des jüdischen Volkes, die Aus- Wanderung der׳ Juden von Jahr zu Jahr vergröhert. — - Die jüdische Masseneinwanderung, habe aber wieder die Arbeiterschaft aus wirtschaftlichen Gründen veranlaßt Einspruch zu erheben und die Forderung ״nach Ausschluß solcher Rassen und Völker, die bis jetzt noch nicht in den Kreis moderner Güter erzeug ung gezogen und unfähig sind, sich den Arbeitern des Landes anzupassen " aufzustellen. Diese Forderung und die Erschweruug der Einwanderung habe die Juden, denen jeder Politische Rückhalt fehle, i׳u eine sehr schwierige Lage gebrachst, da sich ihr Los im Osteuropa sich immer mehr verschlechtere. So sahen sich die Juden gezwungen durch eigene Hilfe, die Not der Brüder 31t lindern (Jca.Jto, Rothschild, Alliance.) An diese Altsführungen anschließend bcschäftigt sich Fritz mit dem Zionismus, dem er die Möglichkeit der Verwirklichung nicht absprochen will, wenn sich das Judentum in Palästina, nicht llur, so wie bisher km Golus, auf einzeln^ Erwevbsarten zweiter Ordnung, auf Händler- und Mäklerinni und ״auf die geschäftl. Ausbeutung wifsenschaftl. Berufe" beschränikt.Was die geschäftliche Ausbeutung wissenschaftlicher Berufe durch Juden betrifft, will ich nur an die letzte Nobel- Preis-Verteilng erinnern, ohne weiter auf diese lächerliche Anschuldigung einzugehen. Danir weist Dafürhalten nur sehr wenig einträgliche Berufe. ״Was ist ein Jud? Ein Wattemächer, ein Schadchen, ein Schächter — oder er geht nach Ainerika .Allerdings, wenn man Geld besitzt, kann man noch einen Laden eröffnen — aber auch mit dem Laden ist es heute nichts mehr. Gibt es noch heute einen Juden, der keinen Laden hat? Jeder Jude hat seinen Bart und seinen Laden. Bleiben noch drei anständige und einträgliche Berufe —ein Doktor, ein Wattemacher oder so ein Talnludgenie, so ein ״offener Kopf". Allerdings ,Rothschild hat auch einen einträglichen Beruf, aber heute sind Schätze äußerst selten. Aber auch die Wattemacherei ist nicht mehr einträglich wie dazumal — und überhaupt wünsche ich nicht, daß mein Schwiegersohn ein Wattemacher sei. Auch mein Vater war kein Wattemacher. Ich bin es nur geworden, weil..... Ja, hätte ich meinem Vater gefolgt und fleißig den Talmud studiert, ich würde kein Wattemacher sondern ein Schächter oder gar ein Rabbiner geworden sein." Und der kluge, reiche Neb Chatzkel hatte schwere Sorgen. Seine Malki, seine schöne, kluge, gebildete und einzige Malkele war bereits sichzehn Jahre und noch wußte Neb Chatzkel nicht, Wer der Glückliche seiner Tochter sein wird, was er sein wird. Seine einzige Hoffnung war: ״Gott wird helfen." Und er war überzeuigt und im Glauben felsenfest, daß Gott helfen wird. ״Denn Gott ist gut und verläßt nicht seine Knechte." Außer dieser Hoffnung hatte er nichts in Barschaft, weder Geld noch Geldeswert. Jedoch das machte ihm wenig Sorgen; er sagte: ״Der

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.