Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XVII (1916)
- Issue
- Heft 1 (7.1.1916)
- Date
- 1916-01-07
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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€ettt % »Msfche •»Ifllhm.» Nr. 1. Fuß ab. Sie legte so Alt sie konnte, Holz unter, ist etwas ungeschickt bobci unib bricht den ztveiten Fuß ab. Nun ward sie! zornig und wollte schon das ganze Gefäß hintverfen, da fällt'auch der dritte Fuß ab und nun steht das Meinet fest, just darum tveil es keinen einzigen Fuß hat, aber ein Meinet ist es nicht mehr. Sv steht die Zker Judengemeinde, ohne Thora, ohne Gottesdienst und ohne Mildtätigkeit ganz fest, aber eine religiöse jüd. Kultusgen:ein׳de ist sie eben ׳j:idjt." (W. ,Jahrb. 1807.) Auch die Ententemächte stehen noch fest, aber Kulturvölker verdienen sie durchaus Glicht genannt zu werden׳. Emes Weemunoh. Zum polnisch-jüdischen Problem. (Eine Auseinandersetzung aus den ״Preußischen Jahrbüchern.") In den beiden letzten Heften der ״Preußischen Jahrbücher" findet sich eine interessante Auseinandersetzung über das polnisch-jüd. Problem zwischen Herrn Berinard Lauer, der den Stand- Punkt der polnisch-jüdischen Assimilanten vertritt, Mid Herrn Nachm!: Goldmann, der die Sicherstellung der ׳national-kulturellen Rechte der Polnischen Judenheit fordert. Wir geben im Folgenden den Gedankengang des Goldman,n'schen Aufsatzes wieder, der in scharfer und präziser Weise die Gesichtspunkte formuliert, die Deutschland veranlassen müssen, die nationalen Rechte der polnischen Judenheit sicher zu stellen. Einleitend weist Goldnmnndarauf hin, daß Artikel wie des Herrn Lauer irreführend seien, ״denn sie treten mit dem Anspruch auf, Repräsentan-ten der Wünsche der Majorität der Polmischen Judenheit zu sein, während ihre Anschau- Ungen hi Wahrheit von der überwältigenden Mehrheit derselben aufs Schärfste abgelehnt und bekämpft werden." Die polnische Judenheit bildet einen geschlossenen und voll entwickelten nationalen Organismus und besitzt alle Merkmale eines solchen. Schon allein die Datsach, daß von 1,957.000 Inden, die in׳ Polen leben, im Jahre 1913 1,942.000 das Jüdischdeutsche als ihre Mutter- und Umgaugssprache angaben, beweist aufs Schlagendste ihren nationalen Charakter. (״Handbuch der Polnischen Statistik", Krakau 1915). Die Forderung des Herrin» Lauer, man solle die Regelung der polnisch-jüdischen Frage allein den Polen überlassen, nluß zurückgewiesen werden Denn׳ die Frage der nationalen Existenz der numerisch zweitstärksten Nation Polens ist für die Zentralmächte eine Sache von viel zu großer Bedeutung, als daß sie auf ihre Mitbestimmung bei ihrer Regelung verzichten könnten. Es ist ferner sittlich nicht gerechtfertigt, der polnischen Judenheit das Recht zur nationalen Fortexistenz abzusprechen, da sie als existierende Nationalität auch das sittliche Recht aus ihre Forterhaltuug besitzt. Aber auch das politische Interesse Deutschlands gebietet die Erhaltung der jüdischen Nation in Polen. Das Hauptinteresse, das Deutschland an der polnischen Frage besitzt, besteht vor allein darin, in Polen ein Bollwerk gegen Rußland zu schaffen und dieses Land, das jahrhundertelang dem westeuropäischeu Kulturkreis angchörte, wieder au Mittel- und Westen- .ropa anz-Wliedern. Deutschland hat mithin alles Interesse daran, diejenigen Bevölkerungsteile in Polen zu stärken, von denen ein Widerstand gegen die innere Wiederangliederung Polens an Mitteleuropa am wenigsten zu erwarten ist. Wer aber müßte diese Neueinbeziehung Polens in den mitteleuropäischen Kulturkreis freudiger begrüßen und unterstützen als die polnischen Juden? Dom: abgesehen davon, daß sie von Rußland nichts Gutes zu erwarten haben, kommt noch ,ihre Verwandtschaft mit dem Deutschtum hinzu, die durch die jüdischdcutsche Sprache bedingt werde. ״Und hieße cs nicht mithin für die deutsche Politik, sich ins eigene Fleisch schneiden, wollte sie die polnischen Juden den Polen ausliefern,, und sich damit zwei Millionen treuer und sicherer Freunde entziehen?" Herr Goldinann wendet sich sodann gegen den Vorwurf, der gegen ihn erhoben tvurde, daß er die Polnischen Juden germanisieren wolle, und betont, daß e!r ihre Gevmanisicvung ebenso wenig .wünsche wie die Polonisierung, vielmehr die Er- Haltung der Juden als Juden fordere, die eben im Interesse Deutschlands liege. Sodann tritt er dem immer wieder vorgebrachten Argmnente entgegen, die Forterhaltung dev polnischen Juden vals Nation werde den Frieden des Landes rmtergraben, er weist auf den brutalen Egoismus hin, der sich in dieser Argumentation ausdrückt und fordert von den Polen soviel Gerechtigkeitsshln, Daß sie die Existenz der jüdischen Nation neben 'der ihrigen ׳anerkennen und ihr das Recht auf das Dasein nicht bestreiten; dann werde der Friede des Landes ׳nicht bedroht sein. Hingegen würde der Versuch, die polnische Judenheit zur Aufgabe ihrer Nationalität zu zwingen, in Wahrheit den Frieden des Landes untergraben, da diese naturgemäß mit aller Energie und Leidenschaft sich!gegen solche Vergewaltigung wehren würde. Nachdem der Artikel noch ganz kurz darauf hinweist, daß der außerordentlich scharfe polnischjüdische Gegensatz in erster Reihe die Folge der reaktionären russophilen Polnischen Politik der letzten Jahre sei und mit dein Zusammenbruch dieser Politik in diesen: Kriege schwinden müsse, schließt er mit folgenden Sätzen: ״Die Lösung des Polnisch-jüdischen Problems durch die Auerkenn ung und Sicherstellung der polnischen Juden als Nation ohne irgend welche Art der Germanisiorung ist die einzig mögliche und fruchtbringonde. Sie gibt beiden Parteien das, was sie fordern dürfen: Den Juden das Recht zur Forteristenz, den Polen die Anerkennung des vor׳- herrschenden politischen Eharakters dieses Laudes. Für Deutschland aber ist diese Lösung von größten! Nutzen. weil sie il>m in den Inden sichere und treue Freunde und zuverlässige Wobvor der Bande gibt, die Polen in Zukunft mit Mitteleuropa verbinden sollen." Das russische Aktiengesetz und hie Juden. Wie sehr die ganz russische Politik in allen ihren Zweigen von der geradezu pathologisch zu nennenden Versolgungssucht gegen die Juden einzig m:d allein beherrscht wird, gleichgültige ob die russische Negierung dadurch ins Fleisch des Staates selber schneidet, beweist die Handhabung des russischen Aktiengesetzes, die sogar in einer׳ Eingabe des russ. Handelsministeriums an das Ministerium des Innern getadelt wird, Zunächst wird die Bildung neuer (tzesellschafte!: dadurch erschtvert und verzögert, das; die zur Bestätigung eingereichten Statuten neuer Aktiengesellschaften vor allem darauf geprüft lverden, ob sich unter den Personen Juden befinden. Zu diesem Zweck Werden.die betreffenden Projekte vom Ministenatm des Innern den Gouverneuren der Provinzen mit.der Aufforderung übersandt, sich über die Personen der Gründer zu äußern. Dabei sind alle diese Hemmnisse nicht etwa in dein russischen Aktiengesetz gelegen, so daß dessen Reform notwendig wäre, sondern sie sind das Ergebnis einer willkürlichen Handhabung des Gesetzes durch die Ressorts des Ministeriums des Innern, welche übrigens das Handelsministerium dabei völlig übergehen. Die ganze Politik des Ministeriums des des Innern geht ׳darauf hin, Personen jüdischen Bekenntnisses ans den russischen Aktiengesellschaften ansznschalten. Die Beschränkung der Juden im Aktienwesen beginnt am Anfang der 90er Jahre. In!׳ Jahre 1902 erließ das Ministerium des Innern eine Verfügung, nach welcherzu achtcu sei, dag ,.die Interessen des russischen Handels und der russischen Industrie mit dem Geiste bei* die Juden betreffenden Gesetze iu Einklang gebracht werden müssen". Wenn z. B. Uktiengesellschafren Immobilien in Bezirken erwerben, in welchen den Juden der Erwerb von Liegenschaften untersagt ist, so muß in die Statuten cmsgenoinmen werden, daß Juden nicht Inhaber von Aktien und Anteilscheinen sein dürfen. Im Jahre 1895 erklärte das gesamte Ministerkomite, daß die Beteiligung von Juden bei Aktiengesellschaften auf den: Wege des Erwerbes von Aktien und Anteilscheinen als wünschenswert anznsehen sei. Daraufhin wurde aber gleich verordnet, daß Juden di״ Acmter von Mitgliedern der Verwaltungrn. verfügenden Dirktoren, Prokuristen und Verwaltern von Immobilien nicht bekleiden dürgedruckt und mit unser Hand nach jüdischer Orb? nung mit obreischeu Buchstaben unterschrieben. Datum Nikolsburg den 20. August n. Ehr. gebürt 1573 Jahr." Folgen die hebräische.!: Unterschriften: ״Aron Sohn des Pinchas, gesegnet sei sein Andenken, David Sohn des Ascher, gesegnet sei sein Andenken, mit der entsprechenden deutschen landesüblichen Uebersetzung: Von uns Man: Losen* Jud und David Jud, beide wohnhaft &u Nikolsbupg. Wiederum haben wir Man: Leser u!:d David Jud die Jüdin mit Fleiß erbeten den ohrsamen Jacob Kranpergor zu Nikolsburg, daß er neben uns Inden sein eigen Petschi-er hierfür gedruckt hat, doch ihn: und seinen Erben und seiner Petschaft ohne Schaden." Ein» ähnliches Dokument stellte Man: Jüdl, Jud zu. Mattersidorf, den beide!: Juden zu Nikolsburg aus. Mit dieser ״Kundschaft" versehen, gingen die drei Beraubten nach Wien, zogen still und ruhig durch das Salzgries nach Maria cm: Gestade zum gestrengen Herrn Officiale des Bischofs von Passau, dam hoMvürdigen und edlen Marquard Palderstein. Der Official tieß sich von den drei Juden in: ״Schergenstüblein" die Kundschaft,geben. Das ״Schergenstüblein" war die WtohnWg des Cursors, dev im Passauschen Konsistorium den amtlichen Namen ״Pfaffenscherg" führte und eine Art von Stabsprofotz vorstellte. Palderstein bedeutete den Dreien,!der Fall gehöre vor den Ächensherrn der Pfarrei Gaunersdorf, den Prälaten der Schotteuabtoi. Demütig gingen die Inden hinaus, hielten Rat und wauderten der Schotteuabtei zu. Der Schottenprälat Herr Joh. Schreiet war ein gar gewaltiger Manu. Neben seiner Insel und seinen: Stabe führte er auch das Szepter über den Klosterrat, denn er war Präsident dieser Behörde und stand als solcher mit den Konsistorien Wien und Passau aus den! gespanutesten Fuße. Er ließ die Juden in ״Hitz und Wetter" lange warten. Dieses Warten hatte noch andere Unannehmlichkeiten als Hitz und Wetter. Die ״Schottenweiber", als ״die Hofmeistern:, die Schul meistern:, die Leutgebiu ״Wirtsfran" neckten die Juden, zogen sie an Bart und Kleidung und ״trieben allerlei spöttlichen Mutwillen." Endlich erschien der gestrenge Herr. Hatte Official Palderstein die Juden hu Schergenstübol empfangen, so empfing sie Herr Prälat Schvetol zwischen der Türe des große!: Tores, ״las die Kundschaft, lie,ß die Juden mit Schlägen traktieren, was gar unleidlich gewesen", und hinauswerfen. Das Hinauswerfen war auch nicht sonderlich süß, wurde aber gesteigert durch allerlei böse Beugel, welche die Juden höhnten und ״Publiae schimpfirten" Die Hinausgoworfenen schlichen stille, soweit es der Janhagel ,gemde zuließ, in eine Herberge, ratschlagten und marschierten dann, ohne zu zögern, nach Koni Wette!:. In Königstetten weilte gerade der Bischof Urban vor: Passau. Urban, ' aus den: Geschlecht der Herren von Tremnbeck, 'toar ein miloer, freundlicher Herr. Er ließ die ,Irrten iu einen ״Gaden" (Zinuner) führen .(war ja sein Leibarzt selbst ein J:che aus Sitzennahn: die Kundschaft, bedeutete aber, sich an den Official zu wenden. Ilm von bei: Bösen in Königstetten nicht gepeinigt zu werden, mußte sie der ״Scherge" bis vor den Burgfrieden führen. Die Juden überlegte!: uicht la!:ge, ob sie den Kreislauf von, neue!:: beginnen sollten, sicher eingedenk der Schläge in: Schüttenhofe, sondern eilten nach Wien und stellten sich vor Den Nuntius Delfin i. Dieser fand die Beschwerde gerecht und befahl kurz und gut den: Official, Den drei Jude!: Recht zu verschaffe!: und ihn: darüber zu berichten. Official Palderstein überlegte sich die Sache und fanjd, daß der Nuntius sich nicht in die Jurisdition seines Herrn zu mischen habe, daß er iu׳'• hier aber gar in die kaiserliche!: ״Gerechtsame" gelnengt, dem: die drei Jude!: sh!en allerdi!:gs Jupe!:, aber auch kaiserliche Kammerkuechte. Er schickte de!: Befehl des Nuntius an die niederöstorreichische 9!egierun׳g. Jetzt geriet alles in Bewegung. Die Bitte der Jude!: vor dem Nuntius wurde als Appellation an eine auswärtige Macht angesehen u!:d mit einer geharnischten Beschwerde au den Nuntius beantwortet. Der Vicedom von Stockerau kan: ״mit bewehrter Hand" nach Gauuorsdorf, d. h. führte bewaffnete Knechte mit sich; er selbst hatte ein Faustrohr in der Ha!:d, ״ein Püchsle unter de׳r Kleidung und im Hosangefäß (Hosentasche)" u!O blaitke Wehr au der Seite, nahn: Ware, Roß und Wagen-, den Pfarrer, den Richter und des Richters Buben, der mit der Hacke gestaude!:, nach Wien. Der Pfarrer kam in custodia!!:, d. h. ii: das Schergenstubchen des Officials, der Richter und sein Bull