Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XVII (1916)
- Issue
- Heft 1 (7.1.1916)
- Date
- 1916-01-07
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Nummer 1. Aahra. XVH. //£?? 2 Ves«g»preiser ,-für Oesterreich-Nngarn, halbjährig . K«nen 6-20 ganzjährig.Kronen 12 Deutschland, ganzjährig Mark 12— Rußland, ganzjährig.Rubel 16 — Balkan, Frankreich Frank» 4— ^4^ Redaktion und Administration: Brünn, Adlergaffe S. Buchhändlerische Vertretung: Ott» Klemm, Leipzig. Inserate: die Sspaltige Petitzeile 80 K Unverlangte redaktionelle Beiträge werden nicht honoriert. — Manuskripten ist Rückporto deizufüge«.. Wien—Budapest. 7. Jänner 1916 «MH(«, 2 666ן Prag—Lemberg. Der hemigen Nummer liegen Post׳ erlagscheine bei. Die P. T. Empfänger werden um gefi. umgehende Bezahlung des Abonnementsbetrages ersucht. D!e Administration. Kulturvölker und Barbaren. Wenn MM ׳das Vorgehen der Diplomaten der En tent Mächte näher ins Auge saßt, gewinnt man die Ueberzeugmig, daß nicht blos Ehrgeiz, Herrsch- und Habsucht, sondern vorzugsweise List und Schlauheit, Lüge und Jntrigne, Rachgier, Blutdurst und Zerstövrmgswrrt die Triebfedern ihrer Handlungsweise bilden. In ihren unbezähmbaren Leidenschaften haben sie» ihre Völker, die Anfangs von einem Menschen-'und Länderverheerenden und zerstörenden Kriege nichts wissen wollten, betört, verhetzt, verwildert, selbst in den Herzen der ruhigsten vmb edelsten Men»- scheu die Kriegswut, a-ngeblich aus Patriotismus, wachgernfen, um die Barbaren — die Deutschen, Oesterreicher und Ungarn, die friedliebendsten Völker Europas — vernichten, deren Länder zerreißen, zerstückeln, sich selber bereichern, ihre Gebiete erweitern rmd ihre .Herrschaft ausdehnen zu können. Und der Zweck, den sie hiedurch erreicht, besteht darin, daß sie in ihren Ländern den allgenremen Menschenhaß gefördert, Millionen ihrer Landeskmdcr zur Schlachtbank geführt, .Pogromhelden und Fürstenmörder in Schutz geuoinmen haben, so daß mau Ursache hat, der Bel fürchtung Raum geben zu müssen, daß die Sau-!len, auf Welchen die sittliche Weltordnung seit ׳Jahrtausenden beruht, gewaltig erschüttert werden könnten. Men so traurig sah es, nach der Schilderung des Psal., vor der Offenbarung am Sinai m der Welt aus. Die Menschen waren damals verroht verwildert, vertiert, Menschenliebe, Menschenbeglückrmg, Menschenverbrüderuug Ware!: ihnen fremde unfaßbare Begriffe. Nemogim erez wecho' poßchweho. Es bebte und zitterte, es wankte rmd schwankte die Erde und alle ihre Bewohner, es drohte ein Chaos hereinzubrechen und alles zu vornichteo■ r! ״׳׳־־׳■■•-;׳׳ ׳־• da offen-!barte sich der Allgütige am Sinai, legte der morscheu, verfallenen Welt Säulen, Trag- und Stutz- Pfeiler unter, damit sie weiter bestehen konnte. Und diese Säulen, die seit Jahrtausenden die Stützen der Welt bilden, wollen jetzt die Diplomaten -der Ententemächten gewaltig erschüttern Und diese Herren besitzen noch dabei den traun: gen Mut die Russen, Engländer, Franzosen rntf Italiener als Kulturvölker, die Deutschen, Oesterrei'cher rmd Ungarn aber als Barbaren, zu bezeichnen. Welch bittere Ironie! Sie glauben, vielleicht, weil es ihnen bis jetzt gelungen ist ihren Völkern durch unverschämte Lügen lauter Siege vorzuspiegeln und die erschreckenden Verluste, die sie auf den Schlachtfeldern erlitten,? verheimlichen, ohne zu bedenken, daß nach dem Kriege die Wahrheit ans Licht kommen cuu'; meerez tizmoch, und die Eltern erfahren werden, daß hnuderttausonde ihrer Kinder im kühlen Grabe schlummern-, werde es ihnen auch ein Leichtes sein der Welt Weiß zu machen, daß sie frommen Engel, die Zentralmächte aber die eigentlichen Stifter des Weltbrandes feien. O, Ihr Betörten! Da täuscht Ihr Euch gewaltig. Die ganze Welt — die Enerige ausgenommen weiß,ganz genau. Wer die eigentlichen Brandstifter waren. Ihr verdienet es daher durchaus nicht Kultuvölker, sondern. Kulturverderber genannt zu werden. — Uuwillkührlich wird man an einen Anspruch des berühmten Maggid — Wunderpreoiger — R. Hirsch Woedeslaw erinnert. Als vor hundert Jahren die Morgenröte der Freiheit zu dämmern begann, haben viele israel. Gemeinden es für angernessen gefunden, radikale Reformen einzuführen, zu diesen gehörte auch )die altehrwürdige Gemeinde £., in der bis dahin das Studium der rel. Wissenschaften eifrigst gefördert Md die religiösen Vorschriften, SatzMigen und Bräuche streng beobachtet wurden. Auf seinen Wanderungen kam R. Hirsch Woedrslaw auch nach X. Wie tiefbetroffen aber war >er, als er von einer sehr würdigen Persönlichkeit über die traurige Zustände, die in dieser einst so berühmt gewesenen Gemeinde obwalteten, i)nformiert wurde. Seine Predigt begann er daher mit folgenden einleitenden Worten: ״Es steht in dev Mischna: Auf drei Dingen besteht die Welt: Auf der Gotteslehre, Gottsdienst und Mildtätigkei-t." Worauf ׳aber steht die Xet Judengomeinde? Das Thora sind! um ist mit den Schwinden der Jeschiba vollständig vernachlässigt. Das Vovbeter- Md Schächteramt wird von einem Menschen ver- .schetz, ׳der -am allerwenigsten l.i.zu berechtigt ist, schauerlich sind die Enthüllungen, die mir hieruber von höchstglarrbwürdiger Seite gmacht wurden, die Wohltätigkeit ist auch nicht die richtige, denn sülndenbelastete Subjekte werden kräftigst geschützt und gestützt, verschämte rvüvdige Per-!önlichkeiten aber m den Hintergrund gedräugt, wo sie ihrem Schicksale preisgegeben sind. Worauf also um des Himmelswillen stehet die Ser Judengemeinde? Das Wrrvdo mir heute Nacht klar. Meine Köchin hatte nämlich eiin Reinel (Tiegel), das auf drei Füßen -stand, gekauft, da brach ein- Feuilleton. Die Judenverfolgung zu Gaunersdors. Eine Krinünalgeschfchte aus alter ZD.) Im Frühjahr 1573 zogen zwei Juden, Adam Leser ״der Jüdl" und David Jüdl ״dev Jüd", beide ivohnhaft und hausgesessen zu Nikolsburg, mit Tuch gen Wien. Es waren Kaufleute. Adam Jüdl, Jud zu Mattersdorf, stellte Roß und Wagen bei rmd war ihr Fuhrmann. Gegen eine ״ErgetzlichVeit" oder im modernen Sprachgebrauch gegen ein Trinkgeld durften die Nikolsburgev Juden auf dem Wagen des Mattersdorfer Juden sitzen rmd fahren, sonst hätten sie sollen ״zu Schirm und Wehr" neben Rotz und Wagen gehen. Die Israeliten zagen friedlich ihres Weges, tarnen eines Mends nach Gaunersdorf und suchten Herberge. In Gaunersdors anr-trerte damals der Pfarrherr Johann Oberdörfer; in dem Schottenprälaten zu Wien verehrte er seinen Lehnsherrn. Kaunr wurden die Juden erblickt rmd die Ware erkannt, als Pfarrer und Richter herbeiliefen, fluchend und scheltend den mit einer Decke überzogenen Wagen aufschnitten Md das Trrch sich aneigßreten. Die Juden schrieen und lärmten, setzten sich aber nicht zur Wehr, denn ein Bursche mit einer scharfen Hacke hielt sie in Respekt. Oft und vielmals suchten die Juden durch Bitten und gute Worte ihr Tuch zurückzubekommen. Es war umsonst. Nun schritten sie zur ' Klage. Die Juden aus Nikolsburg bestätigten den: von Mattersdorf und der von Mattersdorf denen von NikolWurg -den Verlust. Hatten Pfarrer rmd Richter das Tuch an sich gezogen, sö hatten die übrigen Bauern Roß und Wagen sich angeeignet. Die Juden von Nikolsburg bezeugten den Raub wie folgt: ״Ich Adanr Leser, Jud, David Jud, wohnhaft und hausges essen seiend m der löblichen Stadt Nikolsburg, bekennen für Manniglich, daß wir der: Adam IM, Jud von Mattersdorf, gebeten haben, daß ׳er uns soll führen auf seinem Wäger: rms obbemerkte Ji'iden gen Wien mit seinem Roß mrd Wagen. Da sein wir dahingefahren bis gen Gaunersdorf. Nachdem die Notz müd sein gewesen und auch übles Wetter vorhanden-war, da haben wir zwei obgedachte Jüden srrchen wollen um eine berumbte Herberg. Wir haben gesucht, da ist gekommen der Matthes Kriegler und der Herr Pfarrer zu Garmersdorf, zu uns ist gekommen mit fluchen rmd schölte!:, und des Matthes Kriegler Sohn mit einer Hacken hat sie lassen stehen wieder und als sie verneint haben, wir wollten uns gegen ihirerr zur Wehr stellen, haben sie von -rms Jüden abgelasserr, sind geloffen zu unfern Wagen, darauf wir gefahren ein, haben aufgerissen und ausgeschnitten, und ')lese Ware, die sie genommen haben,die auf ׳dem Wagen gewssen ist, die! haben sie genommen Wider Gott, Ehr Md Recht, und auch Wider Kaiserliche Freiheit zuwider gehandelt haben, deß wir Jüden doch gegen ihnen in keinerlei Weg verwirkt haben. Solches wir obgedachte zwei Jüden oft ersucht habe::, dieser Gewalt und Unbild, der uns so geschehen ist zrr Garmersdorf von dem Herrn Pfarrer rurd Mathes Kriggler, so ist ׳es Gott erbarnrs große Krankheit und auch große Teuerung urrd viel Ungewitters mit Wasser und mit Schnee vorhanden gewesen, das wirs bisher bleiben haben müssen lassen. So kommt aber setzt unser Fuhrmann Md bitt uns Jüden um Gotteswillen der Adanr Jüdl Jud von Mattsrsdorf, als die zwei Män-ner M. Kriegler und der Herr Pfarrer zrr Gaunersdorf vermeinten, sie hätte:: den: Ada!::׳ IM Jrrd vor: Mattorsdorf nichts genommen, hätten ihn nie gesehen. So gaben wir zwei: Jüden Adam Leser Jud rurd David Jud von wegen der Giltigkeit und Wahrheit auf sein Anrufen, daß Roß und Wagen rmd auch die War von Tuch und Lemwarrö sein ist gewesen. Wo!:׳!: aber die ztvei Männer M. Kriegler rmd der Herr Pfarrer vernreilnten, daß diese. War sei unser gewesen als der zwee Jüden als des Adanr Leser Jrrd und auch David Jud so gelben wir ihm aber als dem Main IM, Jud vor: Mattersdorf, Allen vollmächtige Gewalt was er handelt rmd thet, das soll auch bei uns gehandelt sein als ob wir selbst in eigner Person selbst gegenwärtig stuuderr. Zur Urkrrnd Haber: wir unsir eigen Petschier bei der hochlöbliche!: Stadt Nikolsbrrrg hierfür