Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XVI (1915)
- Issue
- Heft 24 (15.10.1915)
- Date
- 1915-10-15
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2621806-2621945-2621969--3315-2624495- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Rr. 24 »SIMM» Seite. 5 ridsdorfer 951'vein (Fr«a,u Grünwald), Frau Dr. Taglicht (Fünfhauser Verein) Kmderschntz (Frau Julie Zevner), Providentia (Frau Hofrat Löwner), Knrfürsorge (Frau Dr. Stein), Krankenbesuch (Frau Waltuch), Franz Josefs-Kinderhort (Fvau Tr. Frischauer) Währinger Verein (Frau Hoffmann). Um 11 Uhr wurde der einfache weiße Holzsarg gehoben und unter Absingung der Trauer- Psalmen vor das Sterbehaus getragen und auf den vierspännigen offenen Glaswagen gestellt; die Witwe Fvau Leonore Kahn, die Kinder und die'übrigen Familienmitglieder folgten. Nun setzte sich der Ing in Bewegung. Der Ing bewegte sich zur Seitenstettengasse vor das Tempelgelbäude. Hinter dein Galawagen schritten zahlreiche rekonvaleszente Soldaten, ,;um Teil auf Stöcke gestützt. Der Ing bewegte sich langsam am Tempelgebäude vorbei und durch die Kohlmessergasse auf ben Kaiser Ferdinandsplatz. Dort löste er sich auf. Ein großer Teil der Teilnehmer an dem Kondukte bestieg die Wagen; für die weitaus größere Zahl standen eine Reihe von Sondermagen der städti- .scheu Straßenbahnen bereit, -die nach dem Zentralfriedhofe sichren. Auf dem Friedhöfe langte der Zug uni 1 Uhr nachmittags cm. Der Sarg wurde in die ZeremonicnlMle getragen, wo Oberkantor Don Fuchs, begleitet von den Kontoreit Jurberger und Matays, die zerenmniellen Trauergesänge vortrug, worauf Oberrabbiner Dr. Güdemanu die Trauerrede hielt. Dann Nahm der Präsident der israelitischen Kultusge- >ni,ein.de Dr. Alfred Stern voll dem langjährigen Freunde und Amtskollegen ergreifenden Abschied. Es sprachen sodann seitens der Adpokatenkammer der Präsident Dr. Ritter v. Feistmantel, für die Chewra Kadischa (Fromme Bruderschaft) Obmiann Salo Cohn, Dr. Markus Spitzer für den Bethausvorstand, Sekretär Dr. Emil Adler!im Namen der Beamtenschaft der israelitischen Kultusgemeinde und Neichsratsabgeordneter Hofrat Freiherr v. Hock namens!aller freiheit- Glichen Vereine und als Abgeordneter des 9. Bezirkes. Dann wurde der Sarg zu dem von der Gemeinde gewidmeten Ehrengrabe getragen und in die Tiefe gesenkt. Am Grabe sprach kais. Rat Dr. Krüger für, die Zentralstelle des jüdischen ׳Armwesens noch einige Worte des Abschieds. Um halb 8 Uhr nachmittags war die Trauerfeier zu Ende. — Der Verband der israelitischen Neligionsprofessoren an den österreichischen Mittelschulen, dessen Ehrenmitglied der Verblichene war, war vertreten durch den Obmann Rabbiner Dr.Rosenmann und den Obmann'stellvertreter Professor Dr. Heinrich Pollak. Hugo Zuckermann. Gedenklied von Marek Scherlag. Er hat in jungen! Jahren Das Hei ligste erfahren: Er wahrte feinem Volke Treue Und wünschte, daß es sich erneue. Mit seinen Brüdern zog er aus, Zu zimmern ihm ein festes Haus. Am Wege sang er dann! und wann Ein Lied von ,neuem Leben. So hat er' früh als ganzer Mann Das beste uns gegeben. Wir sahen ihm verwundert nach, Als er zwei Schritt vom Wege Ein Nösleiin pflückte. Mjard er schwach? So wurden Zweifel rege, Doch pflanzte er das Rösiein uni In seines Volkes Garten Da wurden alle Zweifel stumm, Und war ein Glückerlvar ten. Er hat in! jungen Jahren! Das seligste erfahren. Er hat ein warmes Nest gebaut. Der Arbeit galt sein. Leben. Der Zukunftstraum war nicht oerflaut. Er hoffte still im Streben!, Ihm werde noch beschieden sein Im Lande seiner Ahnen Ein neues, freies Glück zu schauen. Da brach der große Krieg herein. Er sprach: ״Nn-iv muß geschieden sein.. Du beste aller Frauen!".- Und zog:!mit Gottvertrauen Als Reiter zu den Fahnen Unjd kämpfte froh als Rcitersmann Vor Belgrad am Donau strand Und känhpfte auch in Polen Und sang ein Liedchen dann und wann So recht im -Atemholen, Ein Lied, das -tausend Lippen fand Und tausend.Herzen stählte, Darin mit Todesahnung Mut Sich hoffnungsvoll vermählte. Im Liede war sein Herzensblut, Das färbte bald, mit roter Glut Das wild zerstampfte fremde Feld. In seine Heimat ward der Held Zu seiner treuen Frau ׳gebracht, Und dunkel sank auf eine Welt Die hoffnungslose Leidesnacht, Verstumnvt der Mund, und öd das Haus, Das Lied nur — nein, das war nicht aus. Es flatterte von Ort zu Ort Und schmerzlich traf ein jedes Mort Die arme Frau im schwarzen Kleid. So trug sie denn ihr schweres Leid, Ihr Sehnen, ihre Tränen sacht Und stille Blumen auf sein Grab, So tief war ihrer Trauer Macht, Daß sie sich ihr voll Schauer gab Und mit entnervter zarter Hand In Grain und Glut das letzte Baud Das sie ans Leben knüpfte, löste... Und über ihreni Grabe schwebt Verbunden sind nun zwei Erlöste. Das edle Neiterlied, das lebt Fort mit der deutscher Sprache Klang Ein Jud!e Mars, dem dies gelang. Feldpostbrief. Vor den .Kämpfen um Brest-Litowsk schreibt ein Kadettaspirant des Inf. Reg. Nr. 100: Krynice 7. VIII. 1915. Meine sehr Lieben! Nach anstrengendem langen Marsch haben wir hier in einem kleinen verschonten russischen Dorf eine längere Rast. Wir befinden uns ca. 80 km. in Rußland und haben -noch zu unserem Mgiment, das ziemlich weit entfernt ist, eine hübsche, aber höchst intereffa׳ntc Strecke zurück- «zulegen. Wir legen täglich eine bestiinmte Anzahl von Kilometern zurück, schlagen an geeigneter -Stelle ein Zeltlager auf. Ich sitze eben am Rande der Heeresstraße Belsez-Cholm und gleichzeitig am Rande unseres Lagers, wir sind gestern nachmittags hier angekommen, lagerten gestern und haben heute Rasttag. Da liegt man auf der fautzen Haut. Ich habe heute meine Wäsche gewaschen, geschmolzene Kartoffel hergestellt, kurz ganz heldmäßig. Es ist höchst interessant, hier zu sitzen und das Leben auf der Straße zu beschreiben. Jetzt eben passierte -eine lange Jnfanteriekoloniie, ein Auto nach!dem andern. Man kommt sich wie jfim! Traume vor, weil man so etwas nicht für miöglich hält. Die ganze Verproviantierung, Verwundctenabschub, Feldpost, Mi li tärtransporte -der ganzen Armee Mackensen geht ans dieser Straße vor sich. Zu beiden Seiten der Straße geht Infanterie, in der Mitte Autos hin und her und allerhand mögliche und unmögliche Vehikel in rasendem Tempo. Ein Aeroplan, Doppeldecker fiurrt eben über mir zur Front. Eine Gruppe Reiter galoppiert oben auf der linken Straßenseite, in der Mitte eine schwere Autokolonne. Nun Schluß, nächstens mehr. Mir geht es sehr gut!bis jetzt. Mit Gruß und Kuß Euer Siegfried. Rußland, Schützengraben 28. VUl. 1915. Liebe Irene! Gestern bestand ich glücklich meine Feuertaufe. Gestern begann gegen 9 Uhr im Verbände mit anderen Regimentern ein großes Gefecht, das bis Abend dauerte. Nun kann das was ich erlebte nicht in Worten geschildert werden. Wir kamen aus einem Wald auf eine freie, weithin überßehbare Wiese und bekamen sofort bei Austritt aus dem Walde heftiges Jnfanteriefeuer. Das pfiff um mich herum! Mau ist dabei in einem unbeschreiblichen Zustand. Um 10 Uhr War allgemeiner Sturm augesagt u. z. auf eine stark be- Letzte Höhe. Als wir mit aufgepflanztem Bajonett Hurra zu schreien begannen, sah man ein reges Leben auf der Höhe. Die Russen machten ״Domba"! So heißt es felhmäßig. Einige sah man uns ohne Geivehr entgegenlaufen. Wie gejagt, es ist dies schwer zu schildern׳. Was da jeder Manu im Felde leistet, habe ich hier zu schätzen gelenrt. Ein Held der, der all das glücklich übersteht! Der Schützengraben ist ganz nett, wenn mau reichlich Proviant hat, denn Menage ist nur;einmal und zwar in der Nacht. Bis nun,geht es mir Gottesdank sehr gut. Sei herzl. gegrüßt von Deinem Siegfried. Eiu Kadettaspirant eines mährischen Inf. Regimenes schreibt aus den Kämpfen in Wolhynien: Rußland, 6. IX. 1915. Lieber Artur! Leider habe ich sehr wenig Zeit, um alle meine notwendigen Korrespondenzen erledigen zu können. Aus den Berichten an Deine Lieben dürftest Du ja einiges über mich erfahren haben. Ich befinde nüch seit einigen schweren Gefochten sehr Wohl und machen wir in den letzten Tagen ,sehr große Märsche. Heute haben wir einen wohltuenden Rasttag in einem kleinen russischen verschonten Dörfchen; Verschont betone ich, weil dies eine Ausnahme Hst. Es gibt hier in Rußland nichts als niedergebrannte Dörfer und Städte und wenn Dörfer verschont wurden, so befinden sich doch einige wenige verbrannte Häuser unter den erhaltenen und das sind jüdische. Traurig, sehr traurig ist »das Elend der russischen Juden. Ich hätte Dir da-- rüber viel zu berichten, finde aber hiezu wenig Zeit... Du weißt nicht, was Krieg heißt, was es heißt, ein Gefecht mitzumachen, seinem Zug 40 Mann voranzugehen. Tag und Nacht, bei Sturm und Wetter im Schützengraben zu liegen, n-atür- J[\d) im Infanterie- und Artilleriefeuer. Also Servus, auf Wiedersehen! Mit Gruß und Kuß Siegfried. K. u. k. 1. Armee-Etappen-Kmdo. Sehr geehrte Damen! Herzlichen Dank f-iif Ihre Liebesgabe, die ״Saatkörner". Ich glaube in Ihreni Sinne zu handeln, wenn ich unseren tapferen im Kampfe verwundeten jüdischen Soldaten ab und zu -daraus vorlese. Es dürften so viele einen Genuß und einen Gewinn davon haben, während ich Konst nur einem eine Freude bereiten könnte. Ich hätte allerdings einen Wunsch, dessen Verwirklichung zu schönwäre, als daß ich auf -seine Erfüllung hoffen dürfte: Wenn sich am. Woltätet׳ fände, der uns Feldrabbinern mehrere hundert Exemplare der ״Saatkörner" zur Verfügnng stellte; denn ilch habe nach der Lektüre des Buches die Ueberzengnng gewonnen, daß es vie-!len Verwundeten -eine angenehme, zwar wehmütige aber doch weihevolle und erhebende, die Schmerzen verklärende Stunde bringen könnte. Sind Sie nicht auch der Meinung, daß man unferer modernen ״Makkabäer" mit größerem Intere-sse als bisher gedenken sollte? In tiefer Verehrung Feldrabbiner Dr. Golinski. Bitte nur einen Rock! ' Nur ein Paar Stiefel! Nur ein Hemd! So hörten wir Bittrufe bei der letzten Verteilnng, zu der zahlreiche Wiener Arme, Flucht- /linge von dev italienischen ׳Grenze, aus Galizien, der Bukowina eingefunden. Unser Vorrat war!bald erschöpft. Tief traurig verließen die Bittenden, denen wir nichts geben konnten, d. Vereins- 'lokal. Voll froher Hoffnung waren sie gekomiiNen, wenigstens zu den Feiertagen etwas zu erhalten, ldas sie über die große Not der Zeit hinwegtäuscht; umsonst! Aber n!och nie hat man umsonst an das gute ׳jüdische Herz appelliert. Edle Frauen! Gedenket derer, die hange rin, darben, der notwendigsten Kleidung entbehren! Gebt von Eurem Ueberfluß, Mas irgend entbehrlich!