Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XVI (1915)
- Issue
- Heft 24 (15.10.1915)
- Date
- 1915-10-15
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Sette X ״SIMMt V.1r1ßt«M.» hat, denn ״voll ist die Erde von der Gotteserkenntnis". Der Prophet Jesam verrät n׳ns mit seinem Friedensideale den gefährlichsten Gegner, der den Menschen- und Völkerfrieden «ans Erden bedroht, das ist die tierische Natur im Menschen, das Tier im Menschen. Zieht m,a!n!diese i'm Betracht, so läßt sich kamn denken, kaum hoffen und erwarten, haß der Krieg unter den Menschen jemals cm Ende nimmt oder aufhört. So lauge es wilde, unbezähmbare Leidenschaften iln den Menschen .Herzen gibt :md geben wird, und so lange es Menschen geben wird, welche aus was immer für Gründen .Haß, Rachsucht und Femdseglikeit gegen ihre Nebenmenschen n.icht bezwingen u. unterdrücken können und edleren Gefühlen keine Herrschaft über sich einräumen, so lange wird es auch Menschen u. Völker geben, die nur mit dem Schwerte ihre Streitigkeiten allstragen werden. Spricht es doch die Heilige Schrift selbst aus ,(Genes. 8, 21) ״der Trieb des Menschen ist böse hon Jugend laus". In deir Menschen natnr! ruht Pin böser Trieb, der Streit, Zank, Gegensatz und Widerspruch hervorruft, niemals sich daraus bannen läßt. Daraus entwickeln, sich die kleinen unjd großen Kämpfe, die vernichtenden und verhörenden Kniege, die seit Menschengedenken die Völker zur gegenseitigen Vertilgung reizten. Die Frage nach dem Ende der Kriege läßt sich nur beantworten mit dar Möglichkeit einer Aendejmmg der menschlichen 'Natur. Wird! es möglich Hein, daß jemals Haß, Neid, Eifersucht, Feind- Waft, Rachsucht kurzußr alle bösen u!n!d wilden Leidenschaften ׳aus dev menschlichen Natur entsernt Weichen, völlig verschwinden, daun entfällt jauch bei den Menschen und Völkern jedes Vertangen nach Krieg und es wird,nnr eine friedliche Gesellschaft auf Erden leben. Fast wäre man versucht ,aus dem Menschheits- und Friedens ideal ves Propheten Jesaia einen beißenden Spott und eine Verhöhnung der Menschennatur herausznlosen. Er führt uns das fcltfaime Bild vor (Jes. 11, 6-7): ״Dann wird wohnen der Wolf mit dem Lamme, und der Tiger wird lagern neben dem Böcklieiin, und Kalb und junger Leu und Masttier!zusammen, ein kleiner Knabe wich sie letten". Damit wollte er vielleicht auch andouten: So wenig der Zustand jemals eintreten wird, daß das wilde Tier seine Ra!uMornat:ur! verlieren oder gar freiwMgaufgeben Wird, so wenig wich die streitbare Natur des Menschen, das Tier im Menschen jemals verschwinden und darum kann und wird der Krieg ebensowenig unter den Völkern׳ aufhören. Der Krieg kann ׳auch nicht, so schrecklich und verheerend er mit seinem Tod und Verderben, mit seinen Gefahren, Greueltaten u. Folgeübeln!erscheint, als durchaus verwerflich angesehen werden. Nennt sich doch in der Heiligen Schrift Gott selbst als ״Herr des Krieges" und ruft wie Puecini, Gillet, Mascagni, Moskowsky, auch Fall, Lehar und Waldteufel. So tat jeder Hörer auf seine Rechnung. In den benachbarten Spiel- -saale beteiligte man sich an dem Roulette und Prüfte seine Chancen. Das lockte namentlich Spieler v. Beruf!au, die die Einsätze beträchtlich austeigen ließen. Wohl darauf rnochte es zurückzuführen sein, daß Straßenairkündigungen über Ve: lüfte einiger Tausend Lire gar oft zu lesen Ware!: und zu Nachdenken gaben, so lange, bis der Spielsaal geschlossen wurde — angeblich aus Gründen von Iln Baulichkeiten. Gleichwol bildeten Gardone und Salo jene Orte, wo sich der Fremdenverkehr an: Gardasee an: stärksten fühlbar machte und das Ziel dev an Sonn- und Feiertagen unternommenen Dampferausflüge. Der in Salo alle Sonntage erschienene, von Martin Birnbaum geschickt und anregend redigierte ״Lote vom Gardasee", in deutscher und italieni-!scher Sprache nebeneinander abgefaßt, sorgte für Informationen interessanter Begebenheiten loka- (len Charakters und diente den Ankündigungen des Fremdenverkehrs in Dankenswerter Weise. Ein denkwürdiges Erlebnis soll diese meine Erinnerungen schließen und zugleich die Gegenwart treffend beleuchten. Am 27. Januar 1912 am 58. Geburtstage des ׳deutschen Kaisers Wil- Helm, veranstaltete ein enger Kreis v. gewählten Gästen des Hotels ״Savoy" an dessen Spitze der liebenswürdige Besitzer, Herr Schuhmacher und Gemahlin, standen, einen Festabend zu Ehren deS deutschen Kaisers. Hr. Major Kavnasch aus Berlin, ein mit zahlreichen hohen Orden geschmückter Krieger vom Jahre 1870-71 entrollte die Bildtzx ei׳!« siegesgewisser Held (Deuteron. 32, 41): ״Rache «nehme ich an meinen Feinden und meinen Hassern vergelte ich". Mit besonderer Vorliebe ,schildern Dichter und Propheten Gott als einen Kriegshelden, der in voller Rüstung zmn Kampfe anszieht und den Sieg über alle feiirrte Feinde pvrmgt. Sie sprechen auch (Numeri 21, 14): von den ״Kriegen Gottes". Gott selbst spricht von (einem ״Kriege (Exod. c 17, 16) Gottes mit Auralek" d. h. mit der Schlechtigkeit und den Schlechten durch alle Zeiten. Der Krieg bringt auch den Menschen den Vorteil, daß er böse Zeiteu, schlechte Sitten und schlechte Lebensgewohnheiten der Menschen wie die Gefallenen im Kriege spurlos verschwinden läßt und eine neue Zeit mit einer «npnen Menschheit, mit neuem Geiste, mit anderen besseren Gesinnungen und Siltten herbei führt. Die Geschichte belehrt uns darüber, wie auch daß die meisten Fortschritte der Menschen als Folgen der geführten Kriege auf- ,treten. Der Krieg gleicht somit dorn Gewitter, das die Luft von gefährlichen Kran kheitserregern peinigt, wodurch die Menschen gesünder und krästiger weiter leben. Ebensowenig wie man ׳das Ausbleiben oder das gänzliche Aufhören der Ge- Witter, trotz ihrer Blitzesschäden wünschen könnte, «ebenso wenig können die Menschen vorderhand auf die Kriege verzichten, sie sind mit der menschsicher Natnv gegeben, durch diese bedingt und wirken bei ׳allen Schäden auch wohltätlig. Nichts aber wird durch die Kriege so sehr geschädigt wie die Menschlichkeit. Unwillkürlich wird dev Krieger in seinem Eifer, in seinem Zorne und!in seiner Entrüstung Mer das Vorgehen des Feindes unmenschlich, grausam und joorroht im Kampfe, denn ׳er muß sein! Leben um jeden Preis gegen die Angriffe des Feindes schützen. Das Menschenleben verliert im Kriege jede Wjertmug und Schätzun>g, ruan wird gleichgiltig dagegen rmd beachtet es nicht m!ehr. Da müßten doch i'm 20. Jahrhundert die Menschen!schon ׳anfangen, d>aran zu denken, daß die Völker und die Menschheit nicht bei׳ dev stetigen Vervollkommenuug der Zerstörungsmittol und der zur Massenvernichtung der Menschen hergerichteten Geschähe anstatt demj Fortschritte nur Barbarei zußeführt werden. Nur das Ende aller Kriege, die Beseitigung aller Friedensstörungen nulter den Völkern wird jenen glücklichen Zustand unter den Menschen auf Erden schaffen, der dem wirklichen Men Fortschritt der Menschen dienen Wird. Es fragt sich nur, welche Mittel dafür zur Anwendung kommen sollen. Friedensgesellschaften allein derurögen es nicht, auch Nicht die Schiedsgerichte für Völkerstreitigkeiten rmd zwar ׳darum nicht, weil diese keine Zwangsmittel zur Verfügung haben, atm ihrer Wirksamkeit Nachdruck zu verschaffen, wenn der eine Teil der Streitenden sich nicht zufrieden geben will. Um den Krieg unmöglich zu!jener ruhmreichen Kriegsepoche, pries die gewaltige Fortschritte des deutschen Reiches auf Pol:- tischen:, kulturellem und wirtschaftlichem Gebiete, seine Kmft u. Einheit — Errungenschaften, die &u festigen ein ewiges Verdienst seines Regenten seien, dessen 9Nachruf in einem begeisterten Hoch zum Ausdrucke gelange. Heller Jubel folgte diesein Triukspruche, den der Draht sogleich nach Berlin beförderte. Als einziger Oestevveicher an der Tafelrunde ׳!!ahnt der Schreiber dieser Zeilen Anlaß, des wahrhaft treuen Bundesgenossen Deutschlands, Kaiser Franz Josef I., huldigend undvereehrungsvoll zu gedenken sowie der heglichen Verbrüderung der Völker beider Reiche freudigst Ausdruck zu geben — ein feierlicher Moment, während dessen die Teilnehmer der Tafel sich erhoben und zum Schlüsse mit jubelnder Begeisterung in das Hoch auf unseren Monarchen einstimmten. Im weiteren Verlaufe des Festmahls hegte Wohl mancher Teilnehmer die stille Erwartung, nun werde dann auch einer des dritte!: Bundesgenossen, auf dessen Boden w׳r weilten, geziemend gedenken, doch dazu hat sich «merkwürdigerweise kein Festredner gesunden; i der Trinkspruch auf den italienischen König schier? in den Benacus*) gefallen zu sein. Obwohl schon dainals eine Vorahnung konunendev Tage!empfunden wurde? — Heute ist die blutiige Wirk- Hoffentlich wandelt sie sich zmn gerechten Si rze für uns. Das walte Gott! Anton Löw, Wie«. *). Om. Bezeichnung bei GarhaseeS. Nr. 24. machen, müffcit auch die Mittel gegeben sein, zum Frieden zwingen zu können. In der Tat dachten ' schon« die alten Völker daran. Das kviegstüchtigste und kriegsgeübteste Rmnervolk stellte den Grundsatz auf: ״Si! vis paoem, Para ׳bellum". Das beste und richtigste Zwangsmittel zum Frwden ist die stete Iriegsbereitschast. Dies ist auch die beste und größte Weisheit dev Böker von dev ältesten bis in die neueste Zeit geblieben, und von den größten Feldhevm der Geschichte finden wir. stets den mit dem unsterblichen Ruhm des Siegers (bekränzt, dev mit dem bestgsrüsteten Heere in den Kampf auszog. Diese shets fertige Kriegsbereitschuft war für die Völker wie für die Römer Jahrtausende hindurch bis in die Gegenwart nicht die Beendigung der Kriege, vielmehr der Anreiz zum Kriege und ist es auch zu dem ungeheuerlichen rwch nicht dagewesenen Weltkriege i!n unserer schwerbedräugten Zeit geworden. Unbegreif licherwe ist entdecken wir scheinbar einen ähnlichen Satz über den Frieden in der Heiligen Schrift (Psalm 29, 11): ״Der Herr verleiht seinem Volke Macht, der segnet sein Volk mit Frieden". Die Macht sichert also dem Volke den Frieden. Der Kenner der Heiligen Schrift Wird kaum!den Gedanken zu fassen vermögen, daß der jüdische Geist, wie er aus dem Munde des Pfal- 'misten, der Propheten ja der ganzen Heiligen Schrift sich offenbart und ׳nur eine brüderliche Annäherung der Menschen erstrebt! eine sittlich- ׳rekigiiöse Vevein,igun.g der Menschheit herbeiwünscht, daß dieser jüdische göttliche Geist mit dem kriegerischen Sinn der Römer, der «auch eiNe -Einheit dev Völker aber nur durch die Macht des Schwertes und durch den Zwang des Herrschers erreichen wollte, zusnmmenstimmen sollte, währeud der jüdische u. römische Geist so himmelweit nusei'nandergingen und grundverschieden waren. Unsere Woi«sen lassen -uns darüber auch ׳nicht einen Aiugenblick i!n> Ziveifel -und geben vn eurer schönen Dichtung ihrer Friedensauschauung beredten AusdkAck. Als die weithin vernehmbareu Donnerstimmen, so erzählen sie, vom Sinai :Nit unvernUnderter Kraft gleichzeitig auch in allen Ländevn d. Völker vernommen wurden, da überfiel die Völker ein fassungsloser Schrecken und sie «gerieten in! eine verzweifelte Angst, Uw wissend, was das bedeuten und was da werden solle. Sie stürmten zur Wohnung des Heiden- Propheten Bileam ׳und fragten, ob dieser Aufruhr!in dev Natur einen erneuten Weltuntergang verkünde, ob etwa an dile Stelle der Wasserflut, die Gott n!ach seinem Eide zur Vernichtung der Erde und ihrer Bewohner nicht bringen dürfe, vielleicht eine feurige Flut, eiin Wsltenbvand das Dasein beschließen werde. Da beruhigte der Prophet die Verzagten mit d. Worten: Keine Gewalt zur -Vernichtung und zum Verderben ׳der Menschheit will der Weltenherv ,in Bewegung setzen, aber!eine ganz «andere, -alles ׳bezwingende Macht verleiht der Gott Israels seinem! Volke. Es ist ei«ne geistige, sittliche und religiöse Macht, die alles (bezwingt, alles beherrscht, alles sich unterwirft; es ist die Macht der Gotteslehre, der Religion u. Sittlichkeit, die Gott dem Volke Israel zur Pflege für die Menschheit übergeben wird. Erholt von ichrem Todesschrecken riefen die Völker swh: Somit will Gott seinem Volke die Segnunjgen des Friedens offenbaren. (Jalkut Ps. 29). Diese ersten ältesten göttlichen Friedensanweisungen von: Sinai waren nicht für das kleine Israel allein bestimmt und berechnet, sie sollten Eigen-!tum der galten Menschheit, der unveräußerliche Besitzstand dev gaMen Welt werden. Aus diesen Gründen erfolgte, wie unsere Weisen weiter scvgen, die Offenbarung Gottes in der Wüste, auf herrenlosem Gebiete, auf unbewohnter Erde Mechilta zu Exod. c. 19, 2), damit jeder unbehin- Port teilnehmien und davon Besitz ergreifen könne. Die Menschen und Völker hatten zu jener Zeit noch kein besoinideves Verlangen nach dem himmlischen Gute eines Friedens ׳auf Erden. Es fehlte (ihnen jedes Verständnis dafür. Die von den Vätern überkommenen und ererbten Sitten und Lebensgewohnheiten, die freie Ungebundenheit (eines zügellosen Lebens, die sich keinem Zwange fügen will, machten Aas herrliche Gottesgssetz den gleichzeitigen Völkem nnNn nehmbar. Esaus Segen, sein Lebensgrundsatz: ״Das Schwert sek deine Lebenskraft" blieb die einzige Volksweisheit. — 1 ׳•••■׳־־,: Selbst das israelitische Volk besaß in jener Zeit aiuch -Noch nicht das hohe Verständnis und die trefe Einsicht in das nnWitzbave FriMnswerk,