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Jüdische Volksstimme · 1915-09-29 · Heft 23 (29.9.1915) · page 3

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XVI (1915)
Issue
Heft 23 (29.9.1915)
Date
1915-09-29
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Kt.23 »91*«?* MIÜRmc." Sette 8. bk Zeit als selbstwrständliche Verpflichtung auf. Gerne oder nicht gönne müssen wir nun ein Jahr lang schon, tschnwoh tun. Ja, tranri'ig aber kt* Krieg mußte erst kommen um die Menschenlinden auf ihre ursprüngliche, natürliche Bestiin-!nung yinzlnveisen, sie Widder״״,׳ zu Gott hinzulenken und so wird denn vielleicht diesmal doch dos Adlige Fest au keinen von uns vorbeitziehen, ohne nachdenklich zu stimmen, ohne aufzurüttdn. Der Schofarvus wird Heuer vielleicht doch eher als sonst so manchem GsenWltigen einen Nnck gaben, der zur Besinnung führt, auf die Aufgaben als Mensch und Jude laut ausmorksam macht. Im erhabenen Gebete ״Unsan-e tokef" des Gaon Rabbi Am׳non, dos; wir an! Nkujahrs- und Versöhn ungs tage im feierlichsten Augenblicke verrichten, heißt es: ״Dk große Posaune lvi!rd geblasen und eine leise säuselnde Stimme wi,ld gehört. Und die Engel erbeben, Angst und! Schrecken e.rgvei>ft sie und sie sprechen: ״Siehe da, der Tag des Gerichtes!" Wenn׳ dk große Posaune, d. l>. stark und viel geblasen wisch, so könnte man fragen, wie konnut es däß nur eine leise, säuselnde StlmNie gehört wi!vd? Und anderersets, wenn -mir eine säuselnde SOinme veriiehrnba.׳,^ ist, ,varuin erschrecken, erbeben und erbittern hie Engels Zwar scheint es, daß der Dichter hier! auf Könige Kap. 10 Vers. 12 anspielt, aus das Erlebilis Mms an, Horeb, da M Gottheit sich ,ihn, in kW Stiitlme eines leisen, fairsten Säuselns kundgab. Allein die Gobetsstelle läßt auch noch eine andere Erklärung zu ltild Mär will sie sagen:!Wahl wird ans der großen Posaune fwrkund viel Wblaseu ׳, wohl erkli-n!gt des Schosärs weckender 10 ׳MMhtteiider Nus lagt lmd vernehmlich, aber die denen er gilt, die Menschen, die er ausrütteli, soll, verschlitzßeii sich seinen, schalle und hören mix eine leise,, säuselnde Stirn 1,16 W sie kalt läßt ynd cheu'tz berührt. Dar'tlbet dlschrecken idle Engel, . die SMchgöl.ster und FüvspreckM der Menschheit, sie erbeben i'tffb erzittM,׳ ob bei׳ d'ttinpfcn Lethargie 11)1־01־ Besah lenen t!-0!d voll Entsetzen rüfcti fk Vövlvurfsvoll den Erdenkinderi, zu: ״Sieht doch da, der Tag, ks. Geirii'chks!" Dileses Bild trifft j edoch nur für fviist zu.- Heuer verhält es sich umgekehrt. Ubaschofar kotcrun. jitokah, gesisirfeü wird,^ür im VemkleiMd'- kn!!, verringertem Maße. TaUsende die. spnst.bk Attbefohlettön hei tilgen Töne erschallen li eße!;' sinh nicht urehr, Utlgezcihlk Gotteshäuser sind zemstöri, Vie's-e Genkindeü vernichtet Millionen sch,nachten iü den Gräben NNd bangen i׳u der ^enerlinie, ge sieht und gepeinigt, verjagi uüd vertrikben irren i/u gwnenpölleli Osten Schare,, unserer Brnddr wie aufgeschmchtes Wild unter- Ja verringert hat sich die.lebende Zahl des Scheevrs j-isroel, d>k Posa-m״e. ist klein gewordei,, des Bläsers. Stimme schwach. Aber dennoch wind eine starke ,"lhomyau- ״ende Stinnne vernommen, Äk an unser südisches Gewissen riittelt. Sie kommt ans den kalten Gräbern unserer gefallenen Helden, unsere'r Ul,-schuldigen Märtyrer, ans den bitteren Er Heu der Heiniatlosen, ans den entbehrungsreichen Standorten der für unsere Ehre Blutenden. Ciüe gewaltijge Stinnne ״die Beuge zerreißend und die Felsen zerschmetternd" übertön-t sie den ׳ehernen Donner der Geschähe. Es ist der jüdische Schofarruf der Zei>t, der ״ach Beachtung u. Beherzigung schreit, der uns beschwört, dies große Gotteswalten zu erkennen, die Zeichen des großen Gesche- Heus zu verstehen und 1t:1t£f endlich, endlich ans unser Judentum zu besinnen, zu erneuern den Treuschwur für unseren in tausend Weltenbränden erprobten Väterglanben. Inden, jüdische Zeitgenossen, Brüder und Lchlvestevtu. Die Kedoschim, die heilUgen Verklärten, die d'ieses Fahr gesovdart, die brechenden Auges, u,it den, Seufzer Schnrah j.isroel aus den Lippen hinüber geschlummert sind oder, auf den, Wege dahin sich befinden flehen Euch an, laßt den .heurigen Nosch-Haschonoh nicht unbeherz-iht vorüberziehen! Soll denn die gewaltige Zeit für alle Völker und Stationen, eine ״utzvolle Mahn- ,und Lehrzei!t sein, eine Läuterung und Reinigung hervorgebracht haben und mir für uns nicht? Darf es nach den Erlebnissen dieses Jahves ״׳!och Juden geben, die schmählich ihren Väterglauben von sich werfen? Dürfen noch Brüder eristieren, dienen alles andere nnr nicht ihr Judentum schön u. gut erscheint? Sollen sich ״och immer Abrahamskinder finden, die sich in Frevelmut über die frommen Vätersitten hinwegsetzen, noch Jakobsöhne dis in chnischer GleichgülMkdt verkennen, daß ihr höchster Lebens,״״ ,und Zlmck ist, das Judentum zu bekennen und zu erhalten? Wir wären dieser Zeit ,״W würdig, wenn wir nicht den Mut und die Kirast ausbrächten unsere Glaubensstärke zu generieren, mrsere Kultur u. unser Volkstum zu stärken. Wer sich jetzt nicht stark erweist geht arbarmnngslos unter, nnd wir dürfen, können.nnd wollen nicht untergehn. Unsere .Helden draußen auf den Schlachtfeldern sorgen ja gewissermaßen für eiin kommendes, starkes, selbstgefestigtes Judentum. Aber nicht daran allein ist es gelegen. Auch daM'im bediirse״ wir Helden. In der Gemeinde, i-n der Politik, .!im Gotteshaus, in der Schule, in den Fain-ilk, in, Auftreten ״ach innen -und ״ach außen, .׳im Handel und Wau-del. Das Vaterland allein, dem wir tven und ehrlich unser Bestes gaben, kau״- uns, bei allen, guten Witten, .sticht Ml sei,. Allevui müssen wi r uns erst selbst finden. Ein schntie״Haftes Judentum hat keinen Anspruch auf vollwerte Anerkennung. Darnn, laßt uns emsig und ehrlich horchen auf den Pnlsschlag der Zeit, auf die Stimine die diesmal der Posaune entsteigt, den ״kaul goddnl khischiiria ürcho»,׳!»," eine gar gvoße SO»,me ist es die sich ׳vounehmlich macht den Begnadeten u. ein ׳ernster Tag ist es der zun, Abschluß bringt 5075, dieses unvergleichlich einzige eüne Jahr. Die Weltverderber. Ein ernstes Wiort in ernster Zeit. Wenn tna׳n dsts Sinnen und Trachten, Fochchen- ׳und Grübeln, überhaupt das ganze Gebaren der hetovogenen Elemente, die sich zusammen getan, vemiU'igt -nnd verbündet haben um gemeinschaftlich dsb Welt in Brand setzen, die edje lsten Frkdl ieben sten Fürsten heraus fordern, üm Ka>m>Pse ni!ederri״׳gen ״,״d deren -Gebiete sich aneigiien zu können, näher »'!ns Auge faßt, ge- Win nt N,M die Ueberzengung, daß unsere Weisen ׳mii't vollen, Nichte, Heuchler, Frömmler, Lügner -,Uld Intriganten als thy מבלי Welwerderber, Wlettzerstöre-r, bezeichnet und gebnändüiarkt haben (Sota 20), denn eitle Welt voll Lug und T׳tü>ch voll. Boßhoiit u. Tücke, voll Schlaulm'it und UN'goyechtigkvit, muß gar bald in ihren Grundfesten gewaltig.erschüttert werden. N. Simon b. Gamliel sagte: ״Auf drei Säulen beruht d.k sittliche Mltordnnng, auf der Wahrheit, auf der Otechtspflege und auf dein Frieden, denn es steht geschrieben: ״Wahrheit, Riecht und Frieden fördert in! den Toren" (Abot. 1). B!'!lÄen doch ״Recht Mid Gerechtigkeit die Grundfesten des göttlichen Thrones" (Ps. 07) wk erst das vom Allmächtigen tiinS Dase!ln gerufenen prachtvollen Weltgebändes. — Juskicia regnornm fnndamentum. ״Gerechtigkeit ist die Grundsosch der Staaten". Um die Meuschen alle fiir Recht und Gerechtigkeit, Wahrtieit und Friede, Menschenliebe und Btenschenverbriiderung begeistern zu können, ״niebc d'iie Thora — die vom Anfang an bestinrmt war Gemeingut der gesamten Menschheiit zu werden — Israel am Sinai, vertilehen. Godaul hoscholanjm׳ fchekolhatora kulo lau ״itno de laasos scholaum boaulom. ״Der Weltfriede ist von so großer Wichtigkeit und hoher Bedeutung, daß ״Nr um Eintracht und Fpkden in der Welt zu fördern und zu ׳erholten, die Thora den Erdenbewohnern verliehen wurde, denn-es steht geschrieben: JMe Dßege sind anmutige Wege, auf allen ihren Pfa- -den ist Friede". Ja, die Thora, d(e Lehre Gottes, ׳allein bildet die Grundsäule, ans der die sittliche Wleltordnnng beruht, sie ist ״das vollkommenste Werk, das die MeuschMit besitzt, sie labt die Seele, erfrischt den Geist, erfireut das Herz, erquickt das Gemüt, ihre herrlichen, erhabenen Lehren, Vorschr-iften und Satzungen allein sind geeignet den Menschen zu tEwdeln, zu verpollkomnmen und zu vergeistige״, so daß er bald lernt fest und nnerschütterlich an Gott, den Einig Einzigen, zu glauben und unter allen Umständen aus ihn zu vertrauen. Solch ein streng gläubiger Mensch aber verzagt ״licht nnd verzweifelt nicht, selbst weivn, furchtbare Stürme׳ an ihn horanbransen n,rd ihn zu vernichten drohen׳, er ruft vielmehr mit den Psalmisten ans: ״ Der Ewige ist mein Licht und mein Heil, vor tven, sollte ich nüch fürchten, der Cw!iige ist ׳nwinlcs Lebens Schutzwehr vor wem sollte ich zagen? Wenn dal-er meine mißgünstigen Feinde und Neildar an mich l-erantreten, um in meinen, Fliq-sche zu wühlen, lverden sic straucheln.und stürzen; wenn ein mächtiges Heer mich belagert, zagt nicht mein Herz, wenn stark überlegene Fei׳nd1e! mir den Krieg erklären, so verlasse ich ,״ich aus Ihn". So denkt und spricht der Strenggläubige, der sich durch ungeMuchelte Früm-iiiigkei.t, anfirichtiM Relilgivsität und Wahrheitsliebe a>uszeichnet, für düs Höhere und Erhabene, für das Ideale und wahrhaft Göttliche im vollsten Maße׳ begeistert Pt. — Wie anders jedoch denkt, spricht und handelt der Heuchler, und Fröm-mler, der nur für die Materie, für das Irdische und Zeitliche schwärmt, Hessen Jagen, ׳Oicnnen und Huschen nur dahin gerichtet ist, irdische Güter zu -erwerben um auf großem Fuße leben der Gen׳ußsucht fröhnen zu können, während er sonst alles Heilige und Religiöse, alles Höheve -und Jde>a>le vornehin belächelt n,td bespöttelt. Er spricht mit Es,au — dem Vater des Materialismus: Hine oUauchi holech etc. Ich gehe ja ׳dem ewigen Tode entgegen, denn ich glaube au keine Unsterblich keilt, an keine Ewigkeit, warum also soll.ich mich von den Fesseln der Neligson, die miiv nicht he,i!li!g ist, drücken und quälen lassen, lvarmn soll ich so töricht sein, das Joch der Entsaguiiigen ׳und Entbchrungen mein lebenlang geduldig so ertragen, diner -religiösen Würde wegen, die für ,nich eine ׳unerträgliche Bürde wäre? Einmal lebt man, so will ich auch die Freude des Lebens unbeschränkt gewkßen, den Kelch der Wmne und Froudle bis zur Neige leeren. Ja, wenn! mtiO für die Bedbachtung religiöser Vorschriften und Satzungen, wie für die Verrichtung religiöser Funktionen bedeutende materielle Vorteile i,n! Aussicht gestellt werden, da,׳״!״ bin ich gern!bereit die religiöse Maske anzulegen, und sogar hochfronuu zu erscheinen, obwohl ,!ich sonst die Otdigion für ein veraltetes von der 5kultur der Zeit überholtes Ding betrachte." — Und diese Art Frömmler sind es, die der Talmud als ״Wel'tverdevber" brandmiarkte. Der Ma-tevilallisnms, der! moderne Götzen, ׳ist -djas Unglück dev -Welt. — Der Materialist,!her nur für die Erde, ihre Fveu-dsn und Ergötzlichkeiiten lebt und strebt, der das Gold über alle Maßen liebt, vor den, Gold'!- klumpen Wnfällt und.ausvust: ״Md׳n> Fels und Schuh, nwine Hoffnung, meine Zukunft, meiü alles bist du!" .ist unersättlich, je mehr irdische j,r. zeitliche Güter er erwirbt, desto mehr verlangt er noch sehnlichst zu etzveichen, als ob ihm tausende von Jahren beschi'oden wären. Die Unersättlichkei>t — die Mutter aller Laster — mif t i>n ihn die ׳,Oednjgsten, gomieinsten und gefährlichsten Leidenschaften, wie Neid, Haß, Mißgunst, Ehrgeiz Genuß ׳und Habsucht, und Rachgier wach. Sein ganzes Denken, Forschen, Arbeiten und Mühen D dahin gerichtet, andere Glückbegünstigte zu ׳überflügln-, zu übe>r!vagen, selbst wenn es Blut kosten sollte. Solch ein, Mensch wimd ׳i!u der hebr. Sprache rni't dem! Worte o^TK Adam bezeichnet, die Abveviatur dessdben heißt, wie uufere Weisen bemerken, Eser, Dam, Mara, Ge- ׳n'nßfncht, Blutiges und Gallsucht. Der Psalmlst ruft daher m׳t Recht aus: ״Verlasset euch wicht auf jene Fürsten, die dem Materialismus huldigen, bdven Adam, auf.den -Erdensohn., bei dem keine Hilfe zu finden ist, denn er Adam Erdenmensch, d>er nur für das Irdische und Zeitliche lebt und webt, kennt ke.i׳n Gefühl, hat n׳ur sein liebes ״Ich" stets vor Augen. Verläßt ihn nun der Lebensgehst, so kehrt er zurück leadmosau zu seiner Erde, für die allelkin׳ er hi״׳.i<׳öen gewirkt und geschassen.?1״ dem Tage sei.nes Hinscheidens aber, -da er ״!icht mehr heucheln ׳und frömmeln, täuschen belügen, berücken und bestrsicken kann, wird u,an erst recht von! der Leerheik, Hohlheit u. Nichtigkeit, seiner Pläne, die,er stets geschmiedet, wie von seinen sonderbaren Prinzipien und Weltanschäum,g überzeugt". — ״Heil und Wohl dem aber, dessen Be'istaud deq Mächtige Jakobs ist, Heil dem, der gleich Jakob für höhere Ideale, für das wahrhaft Göttliche begeistert -ist und den Materialismus e1,׳tschieden petzhorresziert oder gleich dem Paviarch. Jakob fest u. unerschütterlich auf dem Ewigen Gott, den Schöpfer und Erhalter des Weltalls vertraut, ׳auf jenen Gott, -der dt'eses schöne, prachtvolle, imposante Weltgebäude für die Menschen ins Dasein gerufen, .dautit sie sich gegensdltig als Kiuder Eines Vaters betrachten, brüderlich behandeln, und liebevoll umfassen".

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