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Jüdische Volksstimme · 1915-09-29 · Heft 23 (29.9.1915) · page 2

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XVI (1915)
Issue
Heft 23 (29.9.1915)
Date
1915-09-29
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Sette 2. 9tt, 23 Rechte.und Freiheit eingreifen werden, können wir da so-einfach u. ungezwungen mit Dr. Nordan fac;en, daß das Judentum ohne Aussicht auf Besserung sei'ner Lage aus diesem Kriege hervorgehen werde? Ist das bisher zitierte Dunkel genug, so ist W weitem Behauptung Nordaus, daß wenn das jüdische Volk sich in ״seiner gcschichtlichen Verfassung" 1im seinem, wenn auch noch ״so liosen, doch überall kenntlichen alten Gefüge erhalten hätte, die Welt heute -ein anderes Gesicht l-aben würde". Daß Dr. Nordau damit etwa!unsere alte staatliche Verfassung vor 2 Jahrtausenden meinen konnte, wäre ja unmöglich an>zu1lehmen. Vielmehr denkt er an! die mittelalterlichen oder sogar späteren kernigen Judencharaktere. Daß aber von diesen Ghetto-Juden, die außer!der engen Zelle der Talinludstube, keine blasse Idee von den Vorgängen in der Wselt hatten, ja diese für profan und nicht beachtenswert hielten, von solchen weltabgesonderten, ich möchte sagen, Priestercharakteren eine die Weltpolitik boemflußende Tätigkeit ״um den unverrückbaren Pol des Rechtes sich scharende" Weltverbesserergemgiinde׳ zu erwarten gewesen wäre, ist eine B׳ehainptnng, die so den realen Tatsachen entrückt erscheint, daß!es unbegreiflich ist, wie sie ein Mann, wie Dr. Nordau, allen Ernstes aufstellen konnte. Gerade i!m -Gogentchl: Die Anfklävungspr-- riojde und bttie niiit ihr verbundene Kosmopokitisijenlng der Juden in den Kulturländer brachte es mit sich, daß zwischen den Juden solche freie!ideale Gestalten auftre-ten konnten, wie Nießer, Bambevger, Richter, Mendelsohn, Marx, Lassale uuid Hjoiine etc., welche keine Schlepp-träger chauviu'ister Holzapostel waren, sondern die Aufklärunigsgsdauken lim Flammenworten in däs brandendie Meer der We-ltpolitik schleuderten. Wie wäre der alte, verknöcherte, blutleere Ghettojude, d!er vor den! Säuseln eines welken Blattes erschrack und erzitterte, im Stande gewesen, der großen Welt Moralpredigten zu halten, geschweige denn sginen Einfluß geltend zu machen? Daß die Arvfklärungsströmung, der Fveiheitsg-eist den Juden des Westens iu ein anderes Fahrwasser brachte, ändert nicht an -der Tatsache, daß die Inden ׳des Westens trotz ׳ihrer Zugehörilgkeit zu cm deren Nationen, dennoch i׳de!a׳le Aufklärungsarbeit leisten, und fast überall die bedrückten Menschenrechte Verteidigen und »im- Dienste der Themas vollauf stehen. Freilich müssen sie nationalistische Farbe bekommen, dort wo!sie öffentlich austveten, da sie als Juden den Mund geknebelt hätten. Es muß zugegeben werden, daß,ein großer Teil der Weltpresse, die in jüdischen Händen liegt, den Chauvinismus und Nationaltaumel bis zuill höchsten Gipfel hm ausgeschraubt hat, dies liegt jedoch ilil den absonderlichen Verhältnissen des jüdischen Volkes wie überhaupt i־m Wesen eines Teiles derjenigen Menschen, die sich i!n die Politik 4M der Wucht ihrer Persönlichkeit stürzen. Selbst M\ unserem alten nationalem Staate waren poliiltische Verhetzungen und brutale Quertreibereien auf der Tagesordnung, obzwar» das Prophetentun! im seiner Blüte toter. Sowgiit über das Negative i!m Arktkel dos Herrn Dr. Nordau. Nun zum positiven Teile desselben. Was Dr. Nordau über Zusammenschließen und Zusammenhalten schreibt, ist gewiß beherzigenswert. Was aber Dr. Nordau von den zu entsendenden Vertretern des jüd. Volkes ve,rlangt und ihnen in den Mund legen will, ist mehr als Unverständlich! Wieso er von den: Zustande tiefster Depression und Verzweilfung, den dar negative Teil seines Artikelsatinet, Plötzlich in einen so kmftstrotzenden, ich möchte sagen diktatorischen Befehlshaberton umschwenkt, ist er allerdings eine Aufklärung schuldig. Er verlangt von den jüdischen Delogierten keine Sentitnenta- Mät, keine Kriecherei, sondern!mutiges, trotziges ja! fast diktatorisches Auftreten, unter Androhung der schärfsten Verfolgungen seitens -des gesamten ׳Judentums ״!aus allen Wegen". — Angenommen daß es solche mutige, übermütige Juden gäbe, di!e mit einer derartigen gewiß sehr schweren Misfon vor eine Friedenskonferenz der u!ächtigsten Staaten der Welt hintveten wollten, was allerdings unter den jetzt herrschenden Umständen*) mehr als zweifelhaft erscheint, außer wenn *) Wo die Parlamente schweigen und die Kanonen reden. wir uns auf Shaekspares Wort (im Hamlet 3.4) stützen wollten, der lautet: ״Concit in weakest bodeis strongost Works: d. h. ״in SäMachcn wirkt die Einbildung am stärksten". Aber welche Reunion dev stolzesten Staaten der Welt würde sich einen derartigen überhebenden Tan gefallen lassen? Abgesehen davon, daß diese Androhung, Wie sie Dr. Nordau formuliert an und für sich den Eindruck leeren Wortschalles Hervorrufen würde, denn! die Mächte können ihre ״lieben Jude!:" zu gut, um zit wissen, daß sie Wohl für alles zu haben seien, und einen Kampf gegen die ganze W-elt^) Das jetzige Judentum mit feilten in die Tausende gehende Gruppen und Grüppchen, mit seiner Zersplitterung u. Zerkliistung i!m Kampfe gegen europäisch organisierte Gemeinschaften oder Völkevgruppen! Ein grandioser Gedanke, entspvunigen einem gMudiösen Gehirn! Aber ist auch nur ein Schatten von Durchführbarkeit die- 'ses Gedankens vorhasnpen? Wsmn ja, möge Dr. Nordau die׳ Mittel und Wege dazu angoben. Bloße Andeutungen beweisen noch gar nichts. Nun zum eigentlichen Progrcnn, daß Herr Dr. Novdau den künftigen jüdischen Delegaten fovinnliert. Punkt 1. verlangt volle Gleichberechtigung aller Juden. Da wird er die Zustimmung -aller Juden finden. Was jedoch eine brieflich vermachte Gleichberechtigung bei denjenigen wert ist, der sich dann ihrer lossagen will, haben wir dm Beispiel am. Berliner Vertrag, der ein gewiß historisch hochhedetltsMl1.es Dokument ist, die Unterzeichnung der grössten Köpfe Europas trägt und dennoch von Rumänien vollständig ignoriert Wijrd. Demselben Rumänien und dessen Freundschaft und Wohlwollen von allen Seiten gebettelt Wird. Punkt 2. behandelt jedoch -eine Frage, die geeignet -ist, die schärfsten Konflikte, die bittersten! Auseinandersetzungen im Judenlager selbst her- 1 vorzurufen. Wie -groß ist dev Perzentsatz der sich öffentlich natiomalbekennenden Juden in der ganzen Judenschaft der Welt? Ich glaube das Vorhältnis ist -etwa 3 :97*). Dieser geringer BruchtM also, soll -es mit allen anfnehmen und einen Punkt ins Program dnschieben können, dem die bedeutendsten Faktoren im europäischen Juden-' tum sich entgegensetzen, nämlich Pie Anerkennung' der jüdischen Nationalität. ׳ Hat Dr. Nordau bereits alle die assin! ilatovischeu Schlagworte vergessen, lnit denen sie immer mit -einer so großen Verbissenheit gegen nation-ales Juden tun! herausvückten? Hat nicht Herzt gesagt, die Welt werde einst erfahren, von welcher Seite!er die heftigsten n. schluerzlichften Angriffe auszustchen hatte? Unser innerer Feind ist ja größer und wirkt zersetzender als jeder äußere. Dieser Feind soll -also auf einmal sauft wie ein Lamm und jüdisch-nationalen Jealen gefügig geworden sein? Woher dieser extreme Optirnismus? Dr. Nordan will selbst nicht, daß der Zio- -uiGiuus den vollen, sondern einen breiten Raum bei der Delegation einn-chme. Die Minorität soll also die Majorität beherrschen? Außerdem soll deirjeniige das letzte Wort haben, der die hiezu erforderlichen Mittel beireitstellen wird. Somit ist fcjile ganze Sache dem reinen Zufall überantwortet und dien Zufall kann Leute wie Natansohn, aus M/avsHa!n, oder!andere Oberkahalrädelführer an die Spitze stellen. Ob diese init Dr. Nordaus Programm auf der Konferenz gebührend das Wort reden Werden, ist höchst unsicher*). — Ja, diese Frage ließe sich sogar von vorne herein ziemlich genau beantworten. Kurz: Mit der Einmengung d>es nationalen Moments hat Dr. Nordan der ganzen Sache den Stempel der Undurchführbarkeit aufgedruckt. Der gute Wille in seinem Vorhaben ist atitf jedem Satze hervorleuchtend, er verlangt aber zu viel, wodurch das ganzeKerk gefährdet erscheint. Wenn es den Inden beschiioden sein sollte, daß zur Konferenz der größten Staaten der Welt!!)re, Wortführer zugelassen worden, was allerdings noch zweifelhaft ist, so sollen diese rein menschliche und kulturelle Postulate aufstellen, wozu ^) Oder einen beträchtlichen Teil derselben, zu führen sind sie mehr als ohnmächtig. *) Ich meine die organisierten Zionsten, nicht die stillen Mtsympatifierenden. *) Das Versammlungsrecht!ist ja jetzt sistier-t, somit die Sache öffentlich undiskutierbar ist. auch der dritte Punkt seines Programlnes, nämlich die Oeffnung Palästinas für die Inden, das Recht der unbeschränkten Einwanderung und Bodenerwerbung, gehören könnte. Mankann der Hoffnung Ausdruck geben, daß den! Judentum dvch Besseres bevorsteht, nachdem seine .Hauptbedrücke!׳ und Würger, der Zarismus, so blutig aufs Haupt geschlagen wurde. Aus diesen! furchtbaren Weltblntbade, ans dieser Völkerschlächteroi!lvi'rd die Sonne des Friedens wieder l-ervorlonchten, das Foule, Morsche und auf Tyrannen! gestützte wird am Lebensnerv getroffen werden. Das wird auch den Inden absolut zugute kommen. Was wir jetzt brauchen, ist die richtige Mitte einznnehmen, ans all heim! Mrnvcvrr, iin dem sich das Judentum befindet, das Zeitgemäße und Entsprechende herauszuschälen. Der richtige Mittelwg kann uns Eijntra-cht, folglich auch Nutzen bgiNgen, die!einseitige Abschwenkung dagegen -das reinste Gegenteil. Ein Jahr. Betrachtung von Rabbiner Dr. Altmann, Meran . Ein Jahn ist u!m. Wiederum wendet sich der Kreislauf des ewigen Flusses Zeit und alles Geschoben im Nani-inie ist nun Wieder beiden! gedach- .ten Punkte augelallgt, den wir Menschen nun eiilmal haben müssen ■um!uns im Mirrsal -der! Unendlichkeit nicht zu verlieren, i Ein Jahr, welch einsaches -und gewohn!tcs Wort! Wieviele solcher Jahve ziehen vorbei! ohne daß wir es gar recht merken, ohne daß sie uns mehr sind als Wellenschläge im Flnßo des Alltags die ein kurzes Halt gebieten, als Stationen -un-serer Lebel!sp!ilge!!!schast bei denen wir uns nicht länger und ernster ans hol ten, als beigleichgiltigen Haltestellen an die das Dampfroß uns auf Reisen vorübcrträgt. Ja,^wos ist ׳uns sonst ein Jahr? Aber diesmal, wie so anderts, so ganz anders hört es sich an: Rosch-Haschanah ist da. Jedes Jahr gibt es einen Rosch-HasckDnah, -ein-en Jahresschluß u. Anfang, dev zu eiinen! stillestehen und Sainmeln ausruft zu c!i>n׳em -ernsten Haltmachen mahnt, aber wer nimmt sich da Zeit und Mühe wirklich chrlich Einkehr zu halten n!nd geistig und seelisch Atem zu holen. Gewöhnli'ch haben wir alle, alle so furchtbar v!i׳el zu tun, so durchaus keine Zeit und Mutze. Wir haben so lange nicht die Zeit bis die Zeit >1ms hat. Sie faßt uns -dann mii,t eiserner Faust und hält uns fest ohn-e Entrinlnen. So erging es uns ,im -n,1mm!chr verflossenen Jahre. Wer, dieses Jahr überdaue:vte, vermag noch zu sagen -er habe ke!iu-e Zeit, habe -Wb-chtigeves zu tun als über Ziel unh Sinn des Daseins nach;!!- ,׳denken?Dieses Jah-r War stärker ׳als das kleinti che Jagen, Hasten und Treiben das uns sonst den Atem des inneren Menschen benahm. Zusammengebrochen sind all die philiströsen Bedachtsamkdten und Berechnunigen die Mit Zeit und Muße getrieben wurden, diiese Engherzigkeiten der heklügen Selbstsucht. ״Du bist nichts niit deinem kleinlichen Eigenwollen" donnerte es dem Judividium Mensch entgegen, ״sieh, die eherne Not- Wendigkeit großer Ziele schreitet vernichtend über dich hinweg" du mußt Zeit haben wenn das Ge!- schick, das sich!erfüllen soll, es will und b׳i!st du ׳nicht willig, so bwnch ich Gewalt." Ein Jal)!r bloß, doch scht was alles da der Mensch umlernen mußte, -welch ungeheure- Wert- Verschiebung, Uniwelzung und Umgestaltung! Man hat sonst, wenn der Neujahrstag kam, sich nicht viel darüber -abgehärmt wie mander Forderung -des Tages, die Teschuwoh, Defi-loh, Uzdokoh heißt, Buße, Gebet und Woliun gerecht werde. Aber all das, das dies heute scheidende Jahr aller Jahre gebracht, was ist es in! -Grunde dlinders ׳als die alte Forderung der ״ehrfurchtsvollen" Jett: ״Schuwoh bne odom" kehret um, o, Menschenkinder! Wer hatte!noch vor Kurzem gedacht, daß einmal ׳ilm übevaufgeklärten zwanzigsten Jahrhundert ein- Neujahrstag kommen könnte -der uns so handgreis-lich imd deutlich die Teschuwoh, die Unükehr, vor Augen halten werde! Was wir aus uns selbst heraus nicht wollten, woran wir gar nie dachten, zurückkehren zu den einfachen Aufgaben unseres Menschentums, die die Religion in ihrer schlichten, anschaulichen Weise «.ns sei!t jeher kündet, das zwingt uns jetzt

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