Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XVI (1915)
- Issue
- Heft 23 (29.9.1915)
- Date
- 1915-09-29
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Jahra. XVI. Erscheint jeden Mittwoch Nummer 23. Mische Wksßjillm. Bezugspreise: Für Oesterreich-Ungarn, halbjährig 20׳ 6 Kronen . ganzjährig . . .. —׳12 Kronen . Deutschland, ganzjährig ..... Rußland, ganzjährig ...... -׳12 Mark . —׳6 Rubel . Balkan, Frankreich ....... —׳14 «Frank . G Redaktion und Administration: Brünn, Adlergasse 0. Blichhändlerische Vertretung: Otto Klemm, Leipzig. Inserate: die Sspaltige Petitzeile 30 k. Unverlangte redaktionelle Beiträge werden nicht hono. riert. — Manuskripten ist Rückporto beizufügen. Wien—Budapest. Brünn. f®• |[(^'"5676 15 Prag—Lemberg. Die richtige Mitte. Von Bernhard Horowitz, dz. Wien. Der bekannte Publizist und Zivuiftenführer Dr. Max Nordau veröffentlichte in ״Dr. Blochs Oest. Wochenschrift" Nr. 8l> einen Artikel, in dem er samen Standpunkt betreffs der Anteilnahine seitens des Judentums auf der künftigen Friedenskonf-erenz klarlegt. Ohne der Größe dieses bedeutenden Mannes Abbruch tun zu wollen, muß man sich die Frage stellen, ob der scharfblickende und übernLichlerne Geist Nordaus bei Verfassung dieses Aussatzes in seinein Element war. Es wechseln dort Ansichten weitestgehenden Optimismus mit denen tiefsten Pessimismus und übertriebenster Schwarzseherei-. Einleitend schildert Dr. Nordau die Höllenquälen, die teuflischen Martern deneii die Juden lim jetzigen Kriege unterworfm such. Nun wissen wir, daß die Judenquälere!ien gvanisa-mster Art ausschließlich Niir dort stattfanden und stattfinden wo sie den rllssischen Horden ausgeliefert sind. Es wird sich niemand erdreisten behaupten zu wollen, daß etwa Deutsche, Oesterreicher oder Ungarn systematisch in diesem Kriege den Juden Leides tun, sei es in ihrem Lande oder in den okkupierten Gebieten. — Was Dr. Nordau über Geringschätzung und Verhöhnung jüdischen Heldentums und Patriotismus anführt, trifft absolut setzt auf Oesterreich-Ungarn oder Deutschland nicht zu. Die antisemitische Hetzpresse hat durch die strenge waltende Zensur einen Knebei im Munde, und was die ׳maßgebenden Faktoren anbetrifft, so haben wir vom Munde unseres Thronfolgers, sowie anderer hochstehender Persönlschkeitcn unlängst Aeußerungen vernommen, Feuilleton Polnische Juden. Skizze aus dem Osten von Max Eck-Troll, im Felde. Nachdruck verboten. Ein nächtlicher SpaMergang in einem polnischen Landstädtchen. Während der großen Offensive, der Narewarmee. In Ostrow. An der Bahnlinie Warfchau-Oshrvlenka. Eine Stadt von oa. 10.000 Einwohner im Frieden, mit mächtigen Kasernen, vorwiegend Artillerie lag hier. In der Nähe war ja auch ein hervorragend angelegter dlröillerieschießplatz. Wenige Tage nach der Besitzorgueifung der Stadt durch die Armee Gallwitz waren nur die Juden, die den größten Teil der Einwohnerschaft auch im Fvijeden bildeten, gnrückgekehrt und mit ihnen viele andere Fluchtliinge aus Markow, Noszau-, Ostivolenka,::. Lomza, die von hier ans wieder ׳in -ihre Heimatstadt zunickkehren wollten. Schon! hatten sie ihre Läden geöffnet und unsere Soldaten kaufen mit Vorliebe russisches Wgißbrod und «russische' Ziigaretten. Tagsüber gibt es da ein Handeln und Feilschen Wie in Friedenszei'ten, denn unsere deutschen Krieger hatten es bald hemusgefunden, diaß der Slawe stets das Doppelte und Dreifache vondem verlangt, was er oigentlich für seine Ware haben will. Bis in die späte Nacht hinein rattern! W Verpflegungsuud die dem jüdischen Patriotismus vollste Anerkeunnng zollen/) Dr. Nordau kann also mit seineu Vorwürfen, außer Rußland, dem klassischen Pogronrland — nur noch Frankreich gemeint haben. Tatsächlich haben wir unlängst von dem bekannten französischen Publizisten Hervc bittere Klagen über die Zurücksetzung jüdischer Soldaten und Verunglimpfung jüdischer Soldatcntreue, vernommen. Es wurden Briefe russischer Juden veröffentlicht, die von Frankreich gewaltsam unter Androhung grausamer Repressalien, in eine sogenannte Fremdenlegion gedrängt, und in das dichteste Feuer geschickt wurden, so daß von der ursprünglichen Zahl 4000 kaum 100 zurückblieben. Einige der Unglücklichen schrieben vor ihrem Tode Briefe, die herzzerreißend sind. Sie offenbaren das jüdische Elend, die jüdische Tragik bis in!ihre tiefsten Abgründe hinein. Nun frage ich: Ist es derselbe Dr. Nordau, der am Anfänge des Krieges, gleich nach seiner gerade keineswegs glorreichen Abreise von Frankreich, an dieses**) aus dem Auslande begeisterte Huldignngsartikel zu gehen ließ, in denen er den Sieg des ritterlichen, feinsinnigen Franzosenreiches über das deutsche Barbarentum erflehte? Während des ganzen Krieges ist von Dr. Nordau weder in der österreichischen noch in der reichsdeutschen! Presse ein Artikel erschienen, in welchem er auch nur die geringste Svmpatie für diese Länder zum Ausdruck gebracht hätte! Wie er für ein Frankreich schwärmen kann, das ruhig, buchstäblich ohne einen Finger zu rühren, trotzdem es setzt nicht viel mehr gebraucht hätte — zusehen kann, wie die russische Militärtyrann ie Millionen *) Auch in Deutschland ift'bekanntliich ein anderer Kurs jetzt. **) Nach einer s. z. Meldung der ״Zeit". Munitionskolonnen über das holperige Stein- Pflaster, um auf dem Rückwege Kriegsbeute und Verwundete in: die Etappe zu führen. Eiine sternenlose dunkle Nacht hatte schon alles Licht von den Gassen verscheucht und nur das schwarze Lichtgeschimmer hinter halbverschlossenew Lüden wies uns den Weg durch di/e dunkle Stadt. Wir gingen vom Marktplatz an der ruffischen orthodoxen Kirche vorbei, in! das typische Jndenviertel. Die Häuser sind eng zusammen gebaut und eiaige indiskrete. Blicke durch erleuchtete Fenster gab uns einen tiefen Einblick in,die traurügen Wohnverhältnisse des Polnischen Indentmus. Vor einem besserem Hause sahen wir boiin Aufblitzen der Earbislainpe eines vorbeihnschenden Autos vom Armeeoberkommando eiine hübsche mvb sehr nett an gezogene kleine Jüdin. Wir sprachen mit ihr un-Aarifuhren von ihr, daß sie und ihre Familie von Ostrolenka feien und anderen Tags dorthin zurückkehren würden. ״Pepe", fuhr sie fort, ״war schon in Ostiwlenka und hat ins gesagt, daß der Nüß hat abgebrennt ünser Haus. Aber wir tvellen wieder anfbauen". Und ineiter erzählte sie uns so manches Interessante aus der Russenzeit Ostriolenkas: ״Sind sich geki-mmen eines Tages 200 deutsche Gefangene. Hat sich der Nüß geführt die gefangeneu Tei-tschen kreiz und quer und quer und kreiz durch Ostrolenka durch alte Straßen, um zu zeigen die Gefangenen alle Leit. Wir haben gesprecht mit einige Deitsche. ltnb sind sich vergangen, einige Tag, und Widder hat gebracht der Nüß 200 von völlig unschuldigen wehrlosen jüdischen Greisen, Frauen, Kinder und Kranken, sogar Wahnsinnigen — wie Abg. Friedmann in der Duma erklärt hat — den Höllenhaftesten Qualen ausgesetzt, sie wie die wilden Tiere von Ort zu Ort hetzt, ihr Hab und Gut vernichtet, bleibt eine höchst rätselhafte Sache. — Ebenso aber unverständlich ist es, warum Dr. ^torban die Perspektive auf stellt, daß dem Judentum vom Kriege keine Besserung seiner Lage, keine Mehrung seines Ansehens erwachsen werde. Spielen beim im Judentum diese Paar Millionen Juden, welche in Russisch-Polen, Kurland, Litauen, Wolhynien und Bessarabien den russischen Wüstlingen unterlegen und jetzt in cultivierte, konstitutionelle Staaten einverleibt werden sollen, gar keine Nolle? Trotz dieser Ritterlichkeit und dem Edelmut der Franzosen, war kein, einziger Zionistenkongreß in Frankreich, vielmehr waren Oesterreich-Ungarn und Deutschland, die Wiege des Zionismus, wo er ungehindert gehegt und gepflegt wurde. Wenn wir mehrere Millionen Inden, nicht assimilierte französische Inden, sondern nur kernige urjüdische. Volkscharaktere höreinbekommen, werden die Verhältnisse des Judentums dadurch keine Verschiebung erfahren? Das ist so einfach und in die Augen springend, daß es Wiirklich unbegreiflich ist, wie Dr. Nordau das Gegenteil so festen Mutes behaupte!: konnte — Bedenken wir -nur, daß nach de mjetzt kaum mehr zweifelhaften Ausgang des Krieges solche riesige Massen von echten Jndentypen mit einer nicht geringen Zahl von hervorragenden russisch-jüdischen Gelehrten, Publizisten und Literaten, mit dem ihnen eigentümlichen, zündenden Feuereifer und Flammengoift itn. unser Politisches, nationales u. literarisches Leben, Kraft der konstitutionellen deitsche Gefangene. Hot sich geführt deitsche Gefangene kreiz und quer und quer und kreiz, Hot sich .geführt Deitfche durch alle Straßen der Stadt. Hob ich gesagt zu meinem Tatte: Tatte sind sich dieselbe!: Deitschen wie vor vier Tag. Waren sich genau die nemlichen Ponims. Hot sich geführt Nüß die Deitschen um Ostrolenka, um sie wieder zu bringen in die Stadt, un: zu zeigen: Nütz viele Deitsche hat gesaugt. Und hob ich gesagt zu Tate: Tatte U>c1־bcu sich sichren Deitsche durch ganz Rußland zun: zeigen. Aber wir üns nix hoben :nache!: lassen weiß, haben gewitzt: Sind sich nemlicho Gefangene wie vor vier Tag. Jeden Tag wir haben gebetet zu Gott: Lieber Gott laß ki-mmen den Deitschen. Deikscher Soldat ist güt. De-itscher Soldat nir anstecken Hai-ser, nir plündern. Deutscher Soldat is gut. Rüß nix mehr -derf kimmen zurück. Sonst er »nacht glle Inden kaput! Und das, was mir die kleine Jüdin von Ostrolenka da in der Stockfinfterheit einer nordpolnischen Kleinstadt erzählte, habe ich anderwärts bestätigt gefunden. Die Polnischen Inden erhoffe!: von Dentschlaud eine bessere Zeit. Und ihre Gebete kommen aus aufrichtigen Herzen, wem: sie den deutschen Waffen Sieg über den Russen wünschen. Kann man ihre Feindsthaft gegen das ruffischeRegime etwa nicht verstehe!: nach der russischeu Pogromwirtschaft und ׳dem alles veNvästein den Rückzug des russische!: Brandstifters?