Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XVI (1915)
- Issue
- Heft 22 (7.9.1915)
- Date
- 1915-09-07
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Ok.22_;_ DMffche V»WP«M.E Wmr Max Nordau über die Lage der Juden in Rnßland. Aus einem Briefe Nordaus an die Newyorker jüdische Tageszeitung ״Tag" entnehmen wir Folgendes: ״In der Schweiz wird ein Memorandum in französischer Sprache vorbereitet, welches allen Regierungen, der Presse und den einflußreichen Organisationeil übergeben werden wird. Dasselbe gibt einen genauen und detaillierten Bericht über die Lage der Jude!: und es liegen ihm viele Dokumente über die schrecklichen, blutigen Greuel bei, welche die Russen an unseren hilflosen Brüdern begehen, weift auf direkten Befehl der Offiziere und Regierungsbeamten. ...Sie tun gut daran, an die öffentliche Meinnng von Amerika zu appclieren. In Europa kann mail jetzt gar nichts tun. Deutschland und Oesterreich braucht man!licht zu überzeugen — sie sind es schon. Frankreich uub England sind mit Rußland verbunden und denken, sie dürfen die Gefühle ihres hochiliütigeil Freundes nicht verletzen." Nordau schließt: ״Die Lage ist ernst und verzweifelt!" Die polnischen Inden beim Stürmen. ״Az Est" bringt folgende Schilderung aus den Kämpfen um Lemberg. Es waren die beruh ulten Szeklertruppen zur Erstürmung der Lenlberger Landstraße ausersehen. In eine stark gelichtete Szeklerkompagnie wurden 400 poluische Juden, sämtlich alte Landstürmer mit langen Bär teil und Ringellöckchen, emgereiht u. der Befehl gegeben, die polnischen Juden nicht anzutreiben, weilil sie während des Sturnles zurückbleibeil würden. Der Sturill begann. Die Szekler liefeil mit außergewöhnlicher Heftigkeit gegen die Russen an und schlugen Mit Doppelspalten und Gewehrkolben rücksichtslos ein, obwohl der Feind die Angreifer durch ein fürchterliches Feuer fernzuhalten versuchte. Die polnischen Jlldeil :nachten ohne Ausnahme den Sturm begeistert mit. Sie hatten ihre Gobetriemen um die Stirlle gewickelt und riefen während des Anlauses den alttestamentarischen Kampfruf Schma Jisroel (höre Israel!) In diesen: leidenschaftlichen Kampfe kan: der ganze Haß des polnischen Jlidentunls gegell seine Bedrücker elementar zunr Allsbrilch. Die außergewöhnlich tapfere Haltung dieser Polnischen Juden, die allgenlein bewulldert wird, hatte eine bedeutungsvolle Wirkung, denn nach einstündigem heißeil uild blutigen Ringen tvllrde die Russellfront durchbrochen und die ' Landstraße von den Szeklern und den Polnischen Juden genommen. Ehrenfriedhof für jüdische Kriegshelden. Jll Uebereinstilllnlung mit der Verwaltung des Allgemeinen Friedhofes in Ohlsdorf hat der Vorstand der Deutsch-׳Jsraelitischen Gemeinde für die in Hamburg zur Beerdigung konuilendeu verstorbenen Kriegsteilnehmer einen Ehrenplatz au bevorzugter Stelle aus den: Begräbnisplatz der Deutsch-Israelitischen Gemeinde in Ohlsdorf bereitgestellt. Sechs Angehörige des deutschen Heeres, deren Leicheil von der! Front in die Heimat übergeführt worden siild, sowie ein russischer Kriegsgefangener Haben hier schon ihre letzte Ruhestätte gefunden. Wie wir hören, beabsichtigen die Gemeindebehörden, diese Kriegergräber zu Ehren der Verstorbenen selbst in dauernde Pflege zu übernehmen und den Ehrenfriedhof würdig zu gestalten, und auch dafür Sorge zu tragell, daß nicht nur die Namen der hier Bestattoten, sondern auch die Nanlen aller derjenigen Hanlburger jüdischen Krieger, die für das Vaterland gestorben und in Feindesland ein schlichtes Soldatengrab gefullden haben, auf einem Gedenksteiil verewigt uild der Nachwelt zunl dankbarer: Gedächtnis überliefert werden. Hermann Bernstein an Henryk Sienkiewicz. In der Newyorker jüdischer: Zeitschrift ״The Jewish Weekly" richtet Hermann Bernstein einen offerier: Brief an den Polnischen Dichter Henryk Sienkiewicz, den Autor von ״Quo vadis", worin er unter Hervorhebung der gleichen Bedrückungen voll Polen uild Juden unter dem Nussenjoche deren gleiche Interessen an friedtichenl Zusaminenwirken auseinandersetzt und damit die Boykott- und sonstigen Verfolgungen der Juden durch die Polen für unvereinbar und widersinnig erklärt. Bernstein richtet an Sienkiewicz die Frage: ״Wie können Sie dazu schweigen?" Antisemitismus ln Frankreich. Protest Herbes. .Herve protestiert gegen den ״Petit Paristen" der eine antisemitische Propaganda inszeniert. Herve veröffentlicht Briefe jüdischer Soldaten ans der Fremdenlegion. Aufättglich waren in der Legioil 4000 Juden. 000 starben für Frankreichs Ehre auf dem Schlachtfelde, während ihre׳ GlaubensbN'lder in Paris verfolgt werden. Die ״Jewish Colonisation Association" hat einer Meldung des ״Jewish Chronicle" zufolge 100.000 Fr. zur Unterstützung der »notleidenden Juden nach Warschau gesandt. Wie das in Lodz erscheinende ״Volksblatt" berichtet, ist der Generalsekretär dieser Gesellschaft, Dr. Schwarzfeld, kürzlich gestorben. Er stammte aus Rumänien, übersiedelte 1885 nach Paris, wirkte dort eine Reihe von Jahren als Privatsekretär des Barons M. Hirsch und übernahm nach dessen Ableben die geschäftliche Leitung der segensreich wirkender: I. C. A., der er bis zu seinem vor kurzem erfolgten Tode erfolgreich Obevorstand. Dr. M. Schwarzfeld war auch Publizistisch tätig; allgemein bekannt ist seine Schvist ״Die rurnänischen Juden und der Berliner Traktat". — Am 28. Juli brachte das einflußreiche jüdische Blatt Englands ״Jewish Chrouicle" ausführliche Berichte über russische Pogrome und protestierte gegen die russischen ״Bundesgenossen Englands". Die gleichfalls bedeutenden ״Jewish Times" hatten einen ähnlichen Artikel gebracht. Die ״Jewish Times sind nun von den englischen Behörden wegen dieses Artikel verboten worden, hingegen das ״Jewish Chronicle" nicht. Daß dieses Blatt nicht vom gleichen Schicksal ereilt wurde, verdankt es einzig seinen sehr weitgehenden Beziehungen. Die gerettete Synagoge am Dnjestr. In seinen Kriegsbriefen schreibt der Kriegsberichterstatter Erich Köhrer: Die Macht des russischen Feuers zeigt Zurawno. Archer an der ein wenig seitlich gelegenen Straße nach Luka, die irr der Richtung des Dnjestr südöstlich führt, und an der ein paar Hütten erholten sind, steht in den: ziemlich großen Ort kein Hans mehr. Nein — das stimmt nicht: es steherr drei Häuser, die Häuser der beiden katholischen und der jüdischen Genreinde! — We ein Wunder wirken diese Gotteshäuser, die mitten unter Trärmnern und Brandstätten stattlich in der Sommersvnne stehen. Die beiden Kirchen sind wenigstens unmittelbar von kleinen Gärtenurngeben, der jüdische Ternpel aber steht frei und aufrecht mitten zwischen den Ruinen, und da die Russen sicher am wenigsten an seine Erhaltung gedacht haben, ׳ist man fast geneigt, an Wunder zu glauben. Während mein Fahrer eine Aufnahme nrächt, kriechen aus den Trümmern doch ein Paar Leute hervor. Eine junge Jüdin, die fast jargonfrei Deutsch spricht, erzählt: ״Als die Deutschen zum ersten Male Zu rawno nahmen, war wenig zerstört, und wir waren glücklichdaß die Russen fortmußten. Aber als dann die Russen wiederkäme!:, begann eine böse Zeit. Alles haben sie uns gestohlen aus den Häusern zwei Juden haben sie aufgehängt, weil sie die russischen Telephondrähte durchschnitten hätten, viele haben sie fortgeschleppt als Geiseln. Und dann sind wieder gekommen die Deutschen und haben erobert Zurawno, und die Russen lveit, weit Vertrieben. Aber es war schlimm, als wir in den Kellern saßen uub bk Russen Tag und Nacht schossen. Und wie wir dann herauskamen aus den Kellern" — sie zeigte mit den Händen um sich — ״der Herr sieht ja selbst, was wir behalten haben. Nichts als das Leben und den Tempel. Aber es schadet nichts, wenn nur die Russen nicht mehr wiederkommen. Müssen wir eben wieder ausbauen die Häuser, und wird eine neue Brücke gebaut werden übern Dnjestr." Aus Griechenland. Der Großrabbiner von Korfu teilte dem Großrabbiner von Saloniki mit, daß ׳in Korfu von neuern die Ritualmordbeschuldigungen erhoben wird u. daß die Juden Korfus sich in grvßer Angst befinden. Die Beschuldigung nahm einen derartigen Umfang an, daß der Komma::- dant von Korfu es für nötig hielt, die moralische Autorität des Großrabbiners von Saloniki um Unterstützung zu bitten. Folgendes ׳ist der Tatbestand: Ein Christenkind verbreitete in der Stadtgas Gerücht, daß ihm ein Jude aus dem Arm für die Bereitung der ungesäuerten Brote für das ncüHste Jahr Blut entnommen habe. Sofort schickten sich die Christen an, die Jrcden in Korfu und Umgegend zu verfolgen. Die Behörden weigerten sich, sich ernsthaft mit der Sache zu beschäftigen. Großrabbiner Jacob Meir in Saloniki tat sofort die notwendigen Schritte bei den zuständigen Behörden und der Minister des Innern telegraphierte ihn:, die Ruhe und SicherlM der Juden von Korfu zu schützen und jede Ansschreitung zu verhindern. Sammlung des jüdischen Natronialsonds für die Kriegslandspende. 1. Liste. Dr. Egon Zweig, Dr. Wilhelm Beigel, Ernst Pollak 10 Dunum, d. i. 600 K, Jnginieure Edwin und Friedrich Czeczowizka, 1. Rate, 6 Dunam d. ß 300 K, M. N. H. — zum Andenken an Dr. Sal. I. Hovowitz, 6 Dunam d. i. 250 K, Max und Dora Markus zum Andenken an ihren auf dem Felde der Ehre gefallenen, geliebten Sohn Georg Markus, 5 Dunam d. i. 250 K, A. Stern u. Sohn, 4 Dunam d. i. 200 K, Arnold v. Goldberger, 2 Dunam d. i. 100 K — Zusammen 1, 600 K. ״Der Rote Mögen David". Vor Kurzem ist in der Schweiz der Grund gelegt worden, zu einer jüdischen, weltumspannenden Organisation, die augenblicklich berufen ist, die seelische Not von tausenden von Mischen Kriegsgefangenen zu lindern, und der auch in Zukrmft, so lange der ewige Weltsviede nicht errungen und Israel sich in der Diaspora befindet, diese Aufgabe zufallen wird. Diese Organisation nennt sich ״Der Note Mögen David". Sie ist bestrebt, für die Heilung der Wunden, welche den jüdischen Seelen in den Gefangenenlagern geschlagen werden, alle ihr zu Gebote stehenden Mittel anzuwenden. In der Schweiz, dem Geburtslande des Noten Krerizes, sollte auch der Gedanke des ״Noten Mögen David" geboren werden. Möge dieser Gedanke in allen jüdischen Kreisen ebenso großen Anklang finden, wie der vom Noten Kreuz in allen Menschenherzen es vermocht hat.! Weit davon entfernt, in irgend welcher Weise eine ,-jüdische innere Mission" treiben zu wollen, wird der Rote Mögen David nur die seelische Not derjenigen Kriegsgefangenen zu lindern suchen, welche diese selbst empfinden. — Mag sich dieselbe bei Vielen auch nur äußern in den schwächsten religiösen Regungen, deren eine jüdische Seele noch fähig ist. Und deshalb ist das Werk des Noten Mögen David ein jüdisches Liebeswerk, das an alle jüdischen Herzen appeliert. Wie der Rote Mögen David zu wirken gedenkt, geht aus den Statuten hervor, welche vom Zentralkomitee bereits herausgegeben sind, und jetzt überallhin an solche Männer verschickt werden, von denen es annehmen darf, datz'ste den in ihren Ländert: zu gründenden Landeskomitees beitreten werden. Korrefponclenzen. Jüdisches Kriegsarchiv, Wien, II., Zirkusgaffe 33. Das gefertigte Komitee richtet an die jüdischen Mitbürger die dringende Bitte, seine hochwichtige Arbeit zu fördern. Im Interesse der Arbeit an der militaririschen Abteilung wird um Bekanntgabe der Namen gefallener ob. ausgezeichneter Verwandter Freunde oder Bekannter ersucht. Angaben sollen möglichst erschöpfend sein. (Vor- und Zuname, Truppenkürper, biographische Daten, Grund der Auszeichnung u. s. w.) Auch um Ueberlassen interessanter Feldpostbriefe wird gebeten. Sie werden über Wunsch zuversichtlich retourniert. Wer sich dieser geringfügigen Arbeit unterzieht, erweist der jüdischen Gemeinschaft großen Dienst. Jüd. Kriegsarchiv, Ing. R. Stricker Vorsitzender. Dobrisch, 19. August 1915. (Kaiserfeier). Hm 18. August fand im Tempel anläßlich des 85. Wiegenfestes Sr. Majestät eine solenne Kaiferfeier statt, der alle Teile der Bevölkerung anwohnten. Nach Rezitierung der Kaiser? und Kriegspsalmen durch Kantor A. Pollak hielt Herr