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Jüdische Volksstimme · 1915-09-07 · Heft 22 (7.9.1915) · page 2

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XVI (1915)
Issue
Heft 22 (7.9.1915)
Date
1915-09-07
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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«eltt 2. Nr. 22 gende Wirkungen herbeiführen möchten. Leute dieser Art verweist die ״Jüdische Zeitung" dahin, daß die Neuregelung der innerpolitischen Verhältnisse sich jetzt einer öffentlichen Diskussion entziehe, es habe auch keinen Sinn, schon jetzt unter dem Ansturm der Ereignisse das Verhältnis der Juden zu bestimmten Nationen und Parteien regeln zu wollen, ohne dabei zu bedenken, daß bei der Regelung der innerpolitischen Verhältnisse die Position dieser Volker ganz anders sein kann als heute. ״Wir wollen nicht", meinen die ״Narodni Listy" in das innerste Geheimnis dieser vorsichtig stilisierten Kundgsbung Eindringen gleich vielen anderen innerpolitischen Fragen sei auch für die Lösung der Judenfrage nach Beendigung des Krieges Zeit genug. Ob Zionisten oder Assimilanten siegen werden, sei ungewiß; Hauptsache ist, daß sich die Staaten und Völker viel intensiver als vor dem Kriege mit der Judenfrage in der Richtung von Freiheit, Demokratie u. Gleichberechtigung aller Völker befassen werden. Hochachtend Desy. Deutsche und Juden in Polen. Von Kaplun-Kogan. Mit der Einnahme Warschaus ist nicht nur die polnische, sondern auch die Frage der Ostjuden -in ihrer ganzen Bedeutung für die deutsche Politik in ׳den Vordergrund gerückt. Warschau ist das größte jüdische Zentrum Europas, das zweit- ,größte in ber'Welt. Die jüdische Bevölkerung der Stadt betrug im Jahre 1910 306.061 Seelen und machte mehr als 39 Prozent der Gesamtbevolkerung aus. Warschau' ist das Herz des Ostjüdentums, die Metropole jüdischer Kultur, dort erscheinen die meisten jüdischen und hebräischen Zeitungen, deren Gesamtauflage etwa eine halbe Million Exemplare erreicht, von dort gingen die wertvollsten Anregungen auf dem Gebiete der jüdischen Literatur und Wissenschaft aus. Denn speziell in Warschau gibt es eine breite Mittel- und Oberschicht von gebildeten Juden: Großkaufleute und Industrielle, die an der Kultur und Sprache ihres Volkes festhalten, sowie Akademiker und hochgelehrte Rabbiner. Durch die Einnahme von Warschau sind die Juden in Polen von der russischen Knechtung erlöst; sie sind von der Hoffnung getragen, daß .ihre politischen und sozialen Bestrebungen nunmehr in Erfüllung gehen werden. Warschau ist keine rein polnische Stadt mehr; denn neben dem großen Prozentsatz der Juden gibt es auch noch eine ansehnliche Zahl von Deutschen. Zusammen andererseits, daß die Liebe zum angestammten Glauben selbst aus den Herzen jener ״Gezwum genen", deren Urgroßväter bereits die Taufe zum Scheine!angenommen hatten, nicht schwinden konnte. ״Kein Wasser war im Stande das Feuer ihrer religiösen Begeisterung zu löschen". (MaAin rabbim lau jnchlu lechabbos es hoaham). Und es ist eine historisch begründete Tatsache, daß diejenigen dev Onsim ״-Gezwungenen", denen es endlich gelang den eisernen Schmelzofen zu entkommen und in einem freien, humanen Kulturlande eine Zufluchtsstätte zu finden, sich als gottbegeisterte Juden, als echte und rechte Glaubenshelden ausgezeichnet hatten. Obwohl Oöbio, recte Jsak, de Castro in Amstsvdam von seinen ärztlichem Berufe lehr in Anspruch genommen wurde, entfaltete er ooch auf literarischem Gebiete eine segensreiche Tätigkeit und trat in allen feinen Schriften als begeisterter Apologet des Judentums auf. Soiner hohen Tugenden und edlen Eigenschaften, seines biedern kristalreinen CharcOters, wie seiner eminenten Gelehrsamkeit u. äußerst Wahrhaften Frömmigkeit wegen gehörte er zu den beliebtesten und geachtesten Persöhnlichkeiten Amsterdams. Zeiten als ein verdammenswerte, verabscheuenswürdige, die Menschheit schändende Tat gebMndmarkt, ja als ewige Schmach gebrandnmrkt bleiben. Vor Nadworna brachten die Russen 1600 jüdische Familien zusammen, trieben sie vor die Front, wo sie, zumeist Frauen, Kinder, Greise und Kranke, ungefähr 8000 Köpfe, n-iedergemacht wurden. Eine Äht amalekitische Tat, dergleichen feit dem Auszugs der Israeliten aus Mizrajim nicht vorgekommen sein dürfte, und die nie vergessen werden darf, lgu tischkoch. machen Deutsche und Juden die Mehrheit der Warschauer Bevölkerung aus, so daß sich das Majoritätsverhältnis im Vergleich mit anderen polnischen Zentren (Lodz) zu Ungunsten der Polen verschiebt. Es liegt im deutschen Interesse, diese Tatsache mit allen! Nachdruck zu betonen. Welche staatsrechtliche Stellung Warschau in Zukunft auch einnehmen möge, die Rechte der deutschen und jüdischen Bevölkerung werden dort geschützt werden müssen, weil dieser Schutz für das Gedeihen der Stadt und für die Kräftigung des Deutschtums im Osten von allergrößter Bedeutung ist. So wird auch ohne Zweifel das große Werk der Verwaltung Warschaus auf Grund der gerechten und großzügigen Städteordnung, die Generalfeldmarschall v. Hindenburg für die von den Deutschen besetzten östlichen Städte erlassen hat, in vollem Einklang mit der Tatsache durchgeführt werden, daß die Warschauer Bevölkerrmg eine gemischtnationale ist. Den Bedürfnissen dev verschiedenen Nationalitäten der besetzten östlichen Städte ist schon jetzt i׳n verständnisvoller Weise Rechnung getragen worden. Die Juden Warschaus hatten unter der rusfischen Gewaltherrschaft, der sich der Polnische Boykott zugesellte, unendlich viel zu leiden. Dieser Boykott war die Folge des Versuches der Juden, ihre Interessen in der Reichsduma durch die Wahl eines nichtantisemitischen Polen durchzusetzen. Zu den Leiden dev Juden während der ״Friedenszeit" kamen noch die ungeheuren Drangsalierungen der Unglücklichen Bevölkerng durch die russischen Behörden u. die Soldateska, die sie der Deutschfreundlichkeit bezichtigten. Die allgemeinen Unbilden des Krieges verschlimmerten vollends die Lage. Nunmehr bricht aber eine neue Aera im Leben der östlichen Juden an. Das allgemein kulturelle und wirtschaftliche Leben wiÄ durch keine Hindernisse gehemmt, unter deutscher Zucht und Ordnung die größte Blüte erreichen. Gerade für die Juden bedeutet der siegreiche Vormarsch der Deutschen nicht nur einen Politischen Wechsel, sondern vor allem einen engeren Anschluß an die den Juden längst Wohl vertraute deutsche Kultur. Sprechen doch die Juden des Ostens einen deutschen Dialekt, den Jargon. Dies ist die Sprache, die sie vor Jahrhunderten aus ihrer deutsichen Heimat mitgebracht, und mit großer Treue und-zäher Widerstandsfähigkeit gegen alle fremden Einflüsse bewahrt haben. Diese Kultur- und Sprachgemeinschaft der Deutschen und der östlichen Juden eröffnet dem Deutschtum in Polen weite Entwicklungsmöglichkeiten. (״Vossische Zeitung"). Kunäfelmu. Der Kaiser an die türkische Jsraelitengemeinde in Wien. Dev Verband der türkischen Israeliten (Se- Phardim) in Wien hatte an die Kabinetskanzlei des Kaisers anläßlich der Eroberung Warschaus und Jwangorods eine Huldigungsdepesche gerichtet, auf die folgende Antwort eintraf: ״Seine k. u. k. Llpostolische Majestät haben die von der Gemeinde der türkischen Israeliten in Wien iin altbewährter Anhänglichkeit dargebrachte Huldigung mit aufrichtiger Befriedigung entgegenzunehmen geruht u. danken den Mitgliedern dieser Kolonie des in treuer Waffenbrüderschaft zu uns stehenden ottomanischen Kaiserreiches huldvollst für die anläßlich der Siege über den gemeinsamen Gegner zum Ausdruck gebrachten Segenswünsche. Auf Allerhöchsten Befehl: Frei- Herr v. Schießl." Dr. Karl Lippe. In Wien starb Dr. Karl Lippe. Mit ihm ist einer jener Chowewe Zion dahingegangen, die dem organisierten Zionismus ganz bewußt vorgearbeitet haben. Sein Name wird neben denen von Pinsker, Mohilewer, Jassinowsky, dem kürzlich verstorbenen Pinsker Rabbiner R. David Friemann und anderen Größen der Chibbath Zion fortleben, deren Tätigkeit in der Kattowitzer Konferenz ihren Höhepunkt fand. Lippe selbst hat an der Kattowitzer Konferenz nicht teilgenommen. Aber schon 1880 finden wir ihn als Begründev des ersten Palästinaveremes in Rumänien,!dem bald eine Reihe anderer Vereine folgte. Neben dein greisen Pineles gebührt ihm wohl das größte Verdienst daran, daß die rmnänischen Zionisten sich an der praktischen Palästina-Kolonisation so eifrig und erfolgreich beteiligten. Sichron-Jacob und Rosch-Pinah sind bleibende Denkmäler dieser Arbeit. Als Herzls mächtiger Ruf erscholl, schloß sich Lippe der neuen Bewegung an und als Alterspräsident durfte er den ersten Baseler Kongreß eröffnen. Dr. Lippe hat ziemlich früh seine galizifche Heimat verlassen und lebte später in Jassy, wo er eine ausgedehnte ärztliche Praxis ausübte. Vor einigen Jahren kehrte er nach Galizien zurück und ließ sich in Przemysl nieder. Der Einfall der Russen zwang den Greis jznr Flucht, und in Wien hat er nun sein arbeitsreiches Leben abgeschlossen. Am 3. August l I. wurde Dr. Lippe auf dein Wiener Zentralfried- Hofe beerdigt. Jüdische Familien im Felde. Ernst Gombos, Kadett der 4. Feldjägerkompagnie, erhielt dieser Tage in Anerkennung seiner Tapferkeit auf dem nördlichen Kriegsschauplatze das Eiserne Kreuz. Zur Beskidenarmee eingeteilt, nahm er an den vieleTage hindurch währenden blutigen Kämpfen um den Besitz der Kobilahöhe im Laborcztale teil und -erhielt dort für die erfolgreiche Durchführung eines wagemutigen Anfklärngsdienstes nebst der außer tonrlichen Beförderung die obenerwähnte Auszeichnung. Merkwürdig ist, daß die deutsche Auszeichnung ihm früher zuteil wurde, als diejenige seitens seines eigenen Armeekorps. Der ausgezeichnete junge Mann hat an dem allerersten großen Durchbruche und den damit Verbundenen blutigen Kämpfen bei Gorlize teilgenommen, wo ihm beide Füße durchschossen wurden. Er ׳ist seitdem wiedcrgenesen und hat sich neuerlich zum Dienste gemeldet. Sein älterer Bruder, Bela Gombos', Techniker ׳im vierten Jahrgange, Maschineningenienr, dient seit Kriegsbeginn beim Eisenbahnregiment in Korneuburg u. leistet jetzt bei der im Gefolge der siegreich vordringenden Armeen zu verrichtenden Eisenbahnbanarbeit wertvolle Dienste. Sein jüngerer Bruder wird jetzt in Prag ausgebildet und marschiert in nächster Zeit ins Feld, u. schließlichwurde nun auch der Vater, Benjamin Gombos in der Altersklasse 43-60-jährigen Landstüvm'er eingereiht. Vater Gombos hat seinerzeit beim 4. Honved-Husarenregiment gedient. Jüdische Helden. Die russische Negierung muß sich häufig selber widerlegen. Während sie die jüdischen Einwohner ganzer Provinzen ausweist unter dem Vorwand, sie seien Verräter, ist ׳sie gezwungen, die Heldentaten jüdischer Soldaten zu registrieren. Das Georgskreuz gilt in Rußland als Aus- Zeichnung für hohe Tapferkeit und ist so selten wie in Deutschland das Eiserne Kreuz erster Kl. Es muß nun konstatiert werden^ daß viele Juden in diesem Kriege diese hohe Auszeichnung erhielten, trotzdem hier von einer vorurteilslosen Verteilung bei den meisten Militärbehörden nicht gesprochen werden kann. In jüngster Zeit verzeichnet der offizielle ״Prawit Wjestnik" (Staatsanzeiger) zwei Juden, die diesen Orden bekamen. Josef Borscht erhielt die Auszeichnung, weil er sich freiwillig zu einer sehr schweren Auskundschaft meldete. Moses Pojas verdiente sich diesen Orden für besonderen Heldenmut beim Vorrücken bis in die vordersten Reihen des Feindes. Ein jüdischer hoher Offizier Unter den österreichischen Generälen, die in Galizien und Bukowina gegen Rußland opevierten, befindet sich auch unser Glaubensgenosse Feldmaxschalleutnant Kornhaber de Pilis, der für tapferes Verhalten vor dem Feinde mit einem hohen österreichischen Orden dekoriert wurde. Dieser General stammt aus Galizien, wo er noch Angehörige hat. Rituelle Beköstigung israelitischer Gefangener. Auf eine Eingabe der Rabbinate München und Ansbach hat das bayrische Kriegsministerimn genehmigt, daß diejenigen israelitischen Kviegsgefangenen, welche ans rituelle Beköstigung Wert legen, in zwei Lagern vereinigt werden und dort, im Rahmen der Gefangenenkost natürlich, rituell verpflegt werden. Die betreffenden Gefangenen haben auf Fleischnahrung verzichtet. Die technische Durchführung dieser Angelegenheit hat das Rabinat Ansbach übernommen.

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