Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XVI (1915)
- Issue
- Heft 22 (7.9.1915)
- Date
- 1915-09-07
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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3ahrg. XVI. Erscheint jeden Mittwoch Nummer 22. MWt WlKsßlMNk. 3 Bezugspreise: -gj Für Oesterreich-Ungarn, halbjährig . Kronen 6 20 ganzjährig. . Kronen 12— Deutschland, ganzjährig. Rußland, ganzjährig ...... . Mark 12 — . Rubel 6•— Balkan, Frankreich ....... 1 . Franks 14 —!—-----—--« Redaktion und Administration: Brünn, Adlerqaffe 9. Buchhändlerische Bertreiung: Otto Klemm, Leipzig. Inserate: die öspaltige Petitzeile SO h. Unverlangte redaktionelle Beiträge werden nicht hono« riert. — Manuskripten ist Rückporto beizufügen.!-----g Wien-Budapest. Brünn, WU-.S15 Prag-Lemberg. Zum Jahreswechsel entbieten unseren Freunden, Mitarbeitern, Abonnenten, Inserenten und Lesern die herzlichsten Glückwünsche כתיבה וחתימה טובה Redaktion und Administration ״Jüdische Volksstimme". Das Neujahr! ישראל עם עולם קים משנתך, עורה לתחיד. - וישועתך קרובה! Stehe auf Israel, Deine Hilfe naht, sie naht mit dem kommenden Neujahr, mcin sieht sie in der lachende!: Sonne, man fühlt sie in der warmen Luft! ישראל עם עולם קים משנתך י. Stehe auf von deinem Schlaf Israel! Stehe auf und schaue Dir nur an wie herrlich, wie zusagend die Sonne Dich anblickt, wie duftig draußen ist, wie die Vöglein singen: Israel! Israeli Das Neujahr kommt, und!bringt die Erfüllung Deiner Hoffnungen! Israel! Israel! Mache auf Deine schwarze Augen und schaue herum wie schön es ist, stelle auf Deine Ohren und höre unser Gesang! Wenn! betriebt Du und Deine Brüder wäret, so fröhlich und munter werdet Ihr wieder mit dem kommenden Neujahr! Es bringt die Hilfe! Drum höre was wir Vöglein singen: ישראל עם עולם קים משנתך. קים משנתך, כי ישיעתך קרובה! Dynow, (Gal.) I. Weißmann. Feuilleton Das Martyrium des Marranen Baltasar Orbio de Castro. (Schluß). Die Henker banden mir Hände und Füße so fest, daß sie unmöglich ihre Lage verändern konnten; hierauf rieben sie mir die Füße mit Oel ein, setzten mich an ein heWrennendes Feuer bis das geröstete Fleisch aufsprang und man die Nerven und Knochen von allen Seiten erblickte. Der unbeschreiblich fürchterliche Schmerz, raubte mir in diesem Augenblicke die Sinne, ich fiel ohnmächtig vom Stuhle und wußte nicht mehr, was mit mir ferner vorging. Später erfuhr ich, daß der verkleidete, gegenwärtige Arzt erklärt habe, ich konnte ohne zu verscheiden, nichts mehr ertragen. Nun trug inan mich in meinen Kerker Zurück und es bedurfte einer mehr als halbjährigen Frist, mich von den fürchterlichen Tortur- Wunden, mit welchen man in dieser schrecklichen Nacht meinen Körper zerfetzte und zerfleischte, zu heilen; dennoch blieb mein Geist ruhig, denn ich ׳hatte mir nichts vorzuwerfen, weil ich meinen armen Vater nicht anklagte. Mchdem ich endlich Wieder so ziemlich hergestellt war, wurde mir angesagt, daß ich bei dem Antodafu erscheinen müßte. Dieses spöttische Wort, welches so viel als ״Glaubensakt" bedeutet, ist der Name, welchen man der Vollziehung der Jnquisitionsbeschlüsse sNarodm listy und die Juden. Prag, den 25. August 1915. Sehr geehrter Herr Redakteur! In der heutigen Nummer dev hiesigen Tageszeitung ״Narodni Listv" finde ich einen ״Das Judentum und der Weltkrieg" 2״idovstvo ve svelov£ välcc“. betitelten Artikel, aus dem einige Stellen in Ihrem w. Blatte veröffentlicht zu werden verdienen. Der Verfasser sagt u. a.: Die Juden logen eine hervorragende Begeisterung für den Krieg an den Tag und kommt ein ziouistisches Blatt, wenn es behauptet, die Juden wären durch den Kriegsausbruch in ganz Europa am wenigsten überrascht worden gerade so, wie die Zentral- Mächte für denselben am besten gerüstet waren, und weil der Zionismus eine selbständige jüdische Nationalpolitik darstelle, habe der Krieg die Juden als nationale Einheit bereit an,getroffen. Die Ziele des Zionismus seien zwar fantastisch, nichtsdestoweniger kann man gerade heute bemerkou, daß der ״Nerv des Gen!ei n sa mkei tsgefühls" zum Vorschein kommt. Die Juden Oesterreichs und Deutschlands wären deshalb die größten Feinde der Russen, weil sie sich mit den polnischen Juden, mit denen sie jetzt in engste Berührung gekommen sind, und von denen sie diesen von den Russen -verursachten Leiden erfahren, eins fühlen, rmd eben deswegen freuen sie sich über die Niederlagen, die die Russen, . die Unterdrücker des Judentums, in letzter Zeit erlitten; hinter diesen Gefühlen müsse ihre Sympathie für fran!- zösisch-eitglischen Geist und Kultur zurücktreten.— Es sei allgemein bekannt, daß die Juden Oesterreichs-Ungarus und des Deutschen Reiches gegab. Einige Tage nach dieser Bekanntmachung w!l!rde ich in der Tat mit einem Sambemto, einem Art Heind ohne Aerrnel, mit einem großen gelben Kreuze auf Brust und Rücken, bekleidet u.!nir eine Mütze von Pappendeckel, auf welcher Teufel und Flammen gemalt waren, aufs Haupt gesetzt und mich gezwungen einer feierlichen Pro- Zession zu folgen. Der Zug ging von einer Kirche aus, wo das Todtenamt abgehalten wurde und begab sich von dort auf einen großen öffentlichen Platz, wo auf der eine!!׳ Seite für die Eingeladenen eine Schaubühne und auf der anderen für die Verurteilten ein Anrphitoater errichtet war. Ich bildete mir nichts anders ein, als dem Tode entgegengeführt gu werden und dieser Gedanke beglückte mich dergestalt, daß ich mit einer gewissen Fröhlichkeit dem Ziele meiner Leiden entgegensah. Aber nach einer Ermahnungsrede, welche ein Mönch an uns hielt, las man unser Urteil vor und ich vernahn! mit Schrecken, daß ich verurteilt wurde,!neine Tage in einem Kloster zuznbringen, wo ich das Gelübde der Entsagung und der Ar!!!ut adligen ' ollte, und -daß alle Mter meiner Familie zu Nutzen ׳der Inquisition konfisciert wurden. Indem ich seufzend meinen th-ränenden Blick zum Hi!m!nel warf, bemerkte ich ei!!en Greis, der sich mit wankenden Schritten mir näherte; sein Saubeneto war schwefelgelb, in seinen, zitternden Händen flackerte eine gelbe Wachskerze; seine Weißen Haare bedeckten nur spärlich eine von Kummer u. Leiden gefurchte Stirn; es schien!nir als ob diese abgemagerten Züge mir bekannt meinsain mit den übrigen Völkern begeistert Opfer an Blut und Eigentum auf den! Altar des Sieges der Waffen der Zentralmachte. — Es sei Psychologisch geradezu bewundernswürdig, wie die unter einet deutschen Bevölkerung lebenden Juden siegreich seit Kri-egsbeginn mit ihrer wahreu und ungekünstelten Bewunderung und Begeisterung für die deutsche Kultur alle autisemitischeu Einflüsse zu überwinden verstanden. Allein die Zionisten, in denen eben die deutschen Antisemiten das größte jüdische Nobel erblicken, find in dieser Hinsicht mit den assimilierten Juden solidarisch. In Oesterreich darf dies bei den Juden niemanden wundernehmen, da ja Oesterreich seit Jahrhunderten trotz seines katholischen Charakters das vermocht hat, was in Rußland nie gelungen ist, nämlich die Juden zu befriedigen und sie fest an den Staat zu binden, woraus sich auch die Begeisterung der Juden Oesterreichs für den Krieg erklären läßt. Die zionistische Bewegung in Oesterreich arbeitet vor Allem der Auflösung der Juden durch die Assimilation entgegen. — Der Verfasser zitiert eine Stelle aus einem Artikel der ״Jüdischen Korrespondenz", demzufolge die Juden keine Neuorientierung in ihrem Verhältnisse dem Staate gegenüber nötig hätten da das österreichische Judentum in der glücklichen Laae ist, keine Neuorientierung zu brauchen, da sie seit jeher ein staaterhaltendes Element bei uns waren. Die Juden benötigten eher eine Orientierung in der inneren jüdischen Politik, in ihrem Verhältnisse zwischen den einzelnen Parteien und zwischen ihnen und den anderen Nationen. In dieser Hinsicht treten Leute auf, welche die jüdische Politik gerne in andere Bahnen lenken und gerne aus bestimmten angeblich in der österreichischlen politischen Atmosphäre vorkommenden Erscheinungen irgend welche weittrawären; u. urteilet selbst, wie mir zu Mute ward, als ich -auch sein Urteil mit lauter Stimme ablesen hörte, welches ihn zu!!! Tode verdammte, und als ׳man den Namen meines Vaters Cäsar Orbio aussprach... Die heiligen Mörder hatten in tveniger als zwei Jahren aus den! kräftigen Manne einen hinfälligen Greis gemacht. Meiner Sinne nicht mehr!nächtig, wollte ich meinen armen Vater un! den Hals fallen; aber die Barbaren gönnten uns selbst diese letzte Freude nicht und -auf ihren Wink wurde!nein Vater auf einen Scheiterhaufen gelegt ׳ und verbrannt. Sterbend rief er noch mit einer allen vernehmlichen Stinune mir zu: ״Ich habe den Tod verdient weil ich gegen die Mahnung,!!!eines Gewissens den Glauben meiner Väter verleugnete. Ich bin Jude und sterbe ip! jüdischen Glauben usw. (Sinai Nx. 25. S. 204 usw. Geschichtsbilder 3, S. 41). Aus dieser Schilderung erfährt tiiai! einerseits welch furchtbare Leiden u. Folterqualen die spanischen Marranen erdulden mußten*) und *) Und dennoch verdienen diese Abscheu un«d Entsetzen ergreifenden Qualen in! Vergleiche zu den scheußlichen jedes menschliche Gefühl tief verletzenden, Mark und Beine erschütternden Greueltaten, die die russischen Kosaken, echte Kannibalen, in! gegenwärtigen Weltkriege, in Galizien etc. mit einer Bestialität sondergleichen bogaugen haben, blos eine leichte Operation genannt zu werden. Was die russischen Dämonen in Nadworna geleistet haben, wird für ewige