Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XVI (1915)
- Issue
- Heft 21 (20.8.1915)
- Date
- 1915-08-20
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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SM 4. Nr. 21 habe daher auch keine Veranlassung mehr, sein Mrk zu veröffentlichen, nur befinde er sich jetzt in großer Notlage... Das Buch könne ihm min.destens 60.000 Rudel einlbringen, und er hoffe, daß die Moskauer reichen Juden chm mit dieser Bagatelle durchhelfen würden, widrigenfalls wäre er durch seine verzweifelte Lage gezwungen, einen Verleger zu suchen. Er bekam einige hundert Rbl. war sichtlich erfreut und stellte sich zufrieden. Doch kurz darauf wiederholte er sein Manöver, und ׳da ließ man ihn laufen. Er lief auch direkt zum Verleger, sein Buch erschien und fand reihenden Absatz. Es folgte bald darauf .die zweite Auflage mit dem Porträt des unterdessen berühmt gewordenen Autors, der sich im isvaelitischeu Betgewand (mit Tallis .und Tefillim) davstellen ließ. Das Buch stellte sich bei näherer Prüfung als plumpe Fälschung und gemeiner Schwindel heraus. Ungeachtet dessen wurde es von gewissen Administratoren (wenn ich nicht irre, auch vom Departament der Staatspolizei) d'en Polizeibehörden ״zu In formierungszwecken bestens empfohlen... Trotz dieser Erfolge verschwand Lutostanskys anfangs!der achtziger Iahren aus',der politischen Welt (höchstwahrscheinlich nicht ganz freiwillig) und führte in Kleinstädten der nordwestlichen Gouvernements eine sehr dunkle und ziemlich elende Existeinz. Vor 16—18 Jahren war er kurze Zeit Lehrer der litauischen Sprache am Gymnasium zu Suwalki, wo nebenbei bemerkt ihm niemand glauben wollte daß er der ״wirkliche" Lutostansky sei. Bald nach hem Kischinewer Pogrom (April 1903) tauchte er plötzllich wieder auf — im Gefolge Krusche- Wans, des Hauptovganisiators dieses Pogroms. Als das Ende des Pogromregimes heranzunahen schien, suchte er Fühlung mit den Juden und wollte (für gutes Geld natürlich) öffentlich seine Behauptungen Wer Ritualverbrechen der Juden widerlegen und seine diesbezüglichen ״Geheimdokmnente" als ״Irrtum" erklären. Die Narren waren aber damals ziemlich alle klug geworden und man schenkte ihm keine Beachtung. Sem letztes Lebenszeichen gab er zur Zeit des Beilis- Prozeßes (Ende 1913), er schrieb damals mehrere Artikel für die Blätter ׳des Schwarzen Hundert. Alles in allem eine verkommene, eckelerregnde Gestalt — ruchlos wie das System selbst, dem Lutostansky gedient. M. Blnmin. Protestkundgebung des allgemeineu jüdischen Arbeiterbundes Rußlands gegen die Jndenverfolgungen. Das Zentwlkoinite des Allgemeinen Jüdischien Arbeiterbundes Rußlands (״Bund") veröffentlicht. folgende Erklärung, die von illegalen ArVeiterversammlungon als Resolution angemammen wird. In Warschau haben für diese 9tesolution 800 Arbeiter gestimmt. Der Krieg hat die gewöhnliche antisemitische Pogrompolitik der russischen Regierung nicht nur ungeschwächt gelassen, sondern sie im Gegenteil noch verstärkt. In dieser Zeit, wo das Land die größten Erschütterungen erlebt, fährt die Regierung fort, gleichzeitig mit der Verkündigung der Phrase von ״der Befveiunig der Völker" die Völker zu unterdrücken, indem sie dem jüdischen Volke mit der unmittelbaren physischen Ausrottung droht. Wie früher, so sind auch jetzt die Juden der SündeWock, an dem die russische Regierung ihre eigene Unfähigkit und Bestechlichkeit, die ganze Fäulnis des zarischien Regimes rächt. Für die Niederlagen, diie die russische Armee dank diesen! Regime und der Schuld ihrer Führer erleidet, müssen auf ׳der kaukasischen Front — die Mahomedaner, auf der westlichen — die Juden die Verantwortung tragen. Gegen sie soll sich der Zorn des Volkes richten, denn von den wirklichen Urhebern des Elends, der Schmach, ׳!der Mißgeschicke, der Niederlagen soll er abgeleitet werden. Für den Verdat der russischen politischen Polizei!(der Gendarmerie), für -den Hochverrat des Obersten Mjasojedow soll das jüdische Volk mit der Sicherheit feister Existenz mit seiner Freiheit und semem Leben bezahlen. Die von Pogromen begleiteten Ausweisungen Hunderttausender von Juden sind zu einer alltäglichen Maßnahme geworden. All die Schauderszetten, das Elend, die Verwüstungen,der jüdischen Habe dabei sind nicht izu beschreiben. Eveiigniisse solcher Art kennt sogar .das finsterste Mittelalter ׳nicht. Um diese grausarnen Gewalttaten zu rechtfertigen, erfindet die Buroaukvatie Fälle des ״Landesverrates" von sei'ten der Juden. Die zweifellos erdachten und absurden Fälle von Kusch! und Kielze (wo die jüdische Bevölkerung angeklagt wurde» den Ein- Vvuch ׳der deutschen Arrnee begünstigt zu haben) sind krasse Belege dafür und die Tatsache, daß diese Fälle m den offizillen Organen publiziert und auf den Straßen plakatiert wurden, bedeutet eine direkte, von der Regierung ausgehende, mit ׳ihrem Siegel versehene Agitation für Pogrome. Indessen ist der Presse der Mund geschlossen, es wütet diie Militärzensur und die gegen die Juden gerichteten Gewaltaten nehmen -ihren Gong in einer Atmosphäre des Schweigens von seiten der Gesellschaft und schmachvoller Gleichgültigkeit vouseitan der russischeu liberalen Kreise. Wir jüdischen Socialdemokmten erachten es als unsere Pflicht, die Grausamkeiten der Versal- >gung, denen die Juden ausgesetzt sind, vor aller Welt laut zu bekunden. Wir fordern alle zun! Proteste heraus, alle, die ihr politisches Gewissen nicht verloren haben, die die Gefahr begreifen, Welche nicht nur den! Juden, sondern ganz Ruß»- land von fevtien eines Häufleins von Gewalttätern droht, die die Millionenmassen der russischen Soldaten in Wilde Horden verwandeln wollen. Wir weniden, uns mit diesem Aufruf allerorts an die klassenbewußten Proletarier aller Nationalitäten, die Rußland bevölkern. Mr for-!dem von HnM, daß sie ihre Stimme gegen all die Schaudertaten erheben, die gegen uns begangen werden. Wi>r wenden׳ uns weiter an das intevnatiowate Proletariat, dessen Pflicht es ׳ist, vor aller Welt die Gewalttaten zu enthüllen, denen die jüdische Bevölkerung aufgesetzt ist. Von ihnen, den Proletariern des Verbündeten Rußlands fordern Wir, daß sie ihre Regierungen zum Protest gegen die blutigen Wildheiten ihres ״Verbündeten" drängen. Wir wenden uns mit unseren! Ausruf schli>eßlich an die Sozialisten der neutralen Länder Curopas und Amerikas.. In diesen Ländern sucht dev Zarismus für sich Sympathien u. Entgegenkommen zu gewiinnen. Die Sozialisten der neutraten Staaten sind verpflichtet, ihre Proletarische Schuldigkeit zu tun, damit der Zarismus auch in ihrer Heimat die Aufnahme erhält, die er.sich mit seinen verbrecherischen Taten vorbereitet hat. Ein heiliger Heldentod. Die Leiden, welche die Juden in Josefow (Gouvernement Lublist) im Laufe des Krieges erdulden mußten, sind faum zu beschreiben. Das Städtchen, welches auf dem rechten Weichseluser liegt, war der Schauplatz einer der gewaltigen Schlachten zwischen den Russen׳ u. Oesterreichern. Wenige Tage nach Kriegsausbruch nahmen die letzteren es ein und hielten es fünf Wlochen. Als dann׳ die russische Armee kam, begannen sie die Oesterre-icher aus allen ihren befestigten Posttionen zu verdrängen. Es entstand ein mörderisches Schlachten. Die Kanonenschüsse auf beiden Seiten in achten Erde und Luft erbeben, beleuchteten den Himmel viele Meilen ringsum und verwandelten Josefow in eine wahre Hölle. Die Bewohner, die fast nur aus Juden bestehen, liefen, wohin sie die Füße trugen.Der ganze Wog, den sie zurücklegten, mußton, war ein Feuermeer. Gewehrkugeln mir Schrappnells fielen wie Hagel. Unzählige der Flüchtlingen blieben tot oder vorwuundet. Plötzlich erinnerten sich mehrere Juden, daß in ׳dem chassildischen ״Stübel" einige Torarolleu liegen geblieben!Waren.Nach kurzer Beratung kam m!an überein, daß, wenn man die Torahrollen herrenlos liegen lassen würde, dies ein ewige Schande für die Josefower Juden sein würde und di,e Torahrollen ohne Rücksicht auf die Gefahren hercmsgetragen werden müßten. Aber wer wird seiN Loben für die Torahrollen ein setzen? Die ״Jüdische Volksztg." iN .Kopenhagen berichtet darüber: Ohne lange Ueberlegung!nachten sich fünf ältere Jude!׳ dazu erbötig. Dieselben Juden, welche ans den: Städtchen mit solcher Tobesangst davongeläufen Waren, daß sie kein einziges Stück von ihrem Vermögen Mitnahmen, eilten jetzt unter einen! Kugelhagel nach dem Städtchen zurück, um ihre Heiligtümer zu retten. Ehe sie noch nach Josefow gelaugt lvaren, platzte neben ihnen eine Granate. 2 von ihnen blieben auf der Stelle tot, ein dritter wurde verwundet. Die anderen zlvei trugen den Verwundete zur Seite, dainit er nicht so sehr der Gefahr der Kugeln ausgesetzt sein soll. Tanu׳ eilten sie weiter. Endlich erreichte!! sie das ״Stübl". Sie öffneten die Lade nahinen die Rollen heraus, und waren schon bereit zurückzukehren, als eine Kugel sie beide hi!!streckte. Wenige Tage ׳darauf mußten die Oesterreicher Josefow räume׳!!׳, und die Juden des Stadtchens konnten -in ihre halb ruinierten Häuser zurückkehren. Ihre erste Sorge Um׳, sich zu überzeugen, was .mit den Torahrollen und de!!׳ Ehasidimstübel geschehen ist. Und da fanden sie die Rollen auf dem Boden und unter ihnen die Leichen der beiden toten Juden. An! nächsten Morgn begruben die Juden von Josefow die Fetzen der Torahrollen und nicht weit davon die beiden Freiwilligen, die einen heiligen Heldentod!gestorben waren. Eiu erbauendes Gebet das dem frommen russischen Zar zur besonderen Beherzigung wärmstens empfohlen zu werden verdient. In! Jahre 1804 ist ein Buch unter folgenden Titel erschienen: ״Gebetbuch für aufgeklärte katholische Ehristen. Herausgegeben von Philipp Josef Brunner, der Gottesgol1chrhe.it Doktor, Reichsstift Oden-!heimischen Schnlen-Visitator und Pfarrer zu Liefenbiach und Eichelberg. Mit Genehmigung des Hochwürdigen Vikariats zu Bruchsal. Siebeute Auflage. Heilbronn am Notar 1804. In diesem Buche ist Seite 326 zu lesen: ״Gebet für die Juden". ״Allmächtiger, ewiger Gott! ich flehe zu Dir für das Wohl einer zerstreuten?Nation, die so .manchen Druck, so!nanche Verachtung in der Vorzeit dulden!nutzte. Ach, das Elend dieser Uw glücklichen schien Vielen ein Triumph der Lehre Jesu zu sein, und um diesen Triumph desto glänzender zu machen, vergrößerte!!!an ihr Elend und zerstörte ׳in diesen! geschäftigen Volle jeden ׳Kein! des bürgerlichen und hänslichen Glückes. Die Religion Jesu wurde ihnen verhaßt, weil so Branche Bekenner derselben ihre ewigen u. gleichsau! geschwornen Feinde waren. Nie soll ein so unwürdiger und feindlicher Glaubensstoiz!nein Herz verblenden und verderben. Da ich, o mein Gott! von Jesu gelernt habe, daß alle Menschen Brüder sind, so will ich an ihnen die Menschennatur und die Menschenrechte verehren, die sie mit mir gerne in haben; ihr Elend selbst, und ihre bürgerliche Evniederung soll mir allezeit die tätigste Begierde einflöspu, sie zu tröllu!, ihr Leiden zu mildern, und sie durch Anteil, den ich au ihrem Schicksale nehme, von dem betäubend.׳n Schlage ihrer ehemaligen Zerstörung wieder ansznrichten. Amen". Hätte nun auch der Zar sich frühzeitig gewohnt dieses, oderein ähnliches Gebet für ״seine lieben Inden" täglich zu verrichten, würde es in! heiligen Rußland gewiß nie Pogroms gea״ten haben, die Welt lväre nicht in! zlvanzigsten Jahrhundert ׳!!;< Brand gesetzt und Kaiser Nikolaus 2. nicht von furchtbaren Gewissensbissen gequält, gefoltert und gemartert worden. Kopie des am 25. Juli Sr. Exzellenz dem Herrn Ministerpräsidenten übermittelten Memorundun!s der österreichischen Zionisten. Euer Exzellenz! An! ö. Mai 1916 haben die Gefertigten namm.K d.s Exekutivkoniitees der österreichischen Zionisten der hohen k. f. Regierung das >. Alschrift A) beigeschlossene Memorandum unterbreitet. Der in de!!! Memorandum zum Ausdruck gebrachte Wunsch nach objektiver und gerechtiger Regelung der Verhältnitze in Galizien und der