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Jüdische Volksstimme · 1915-08-20 · Heft 21 (20.8.1915) · page 3

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XVI (1915)
Issue
Heft 21 (20.8.1915)
Date
1915-08-20
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Seite S. »S«»tV4f MliflMb« «r. 21 Betrachten wir also einmal allseitig diesen Kaftan : Der Form und der Länge nach ist der Kaftan nicht so zu verwerfen; er gleicht teilweise der alten römischen Toga, der modernen Kutte des Seelsorgers, dem Talar des Richters. Noch mehr: Der polnische und ruthenische Geistliche selbst trägt sich nie auf öffentlicher Straße so kurz, wie der Geistliche in: Westen, d. i. wie jeder profane Mensch, sondern er trägt fast einen und!denselben Kaftan, wie der polnische Jude, und zwischen den christlichen Flüchtlingen konnte ruan sich auch oft davon überzeugen. Dieser Straßenkaftan des polnischen und des ruthenischen Geistlichen, darf absolut nicht mit seiner Kutte, oder seinem Talar, die er in der Kirche oder bei Leichenbegängnissen und Prozessionen trägt, verwechselt werden. ׳Das Spotten und Lachen über den Kaftan hier im Westen seitens der Bevölkerung war nur deshalb, weil dieselben mit diesen Kleidujngsstücke nicht gewöhnt war, dasselbe noch nicht sah und nicht kannte. Der beste Beweis dafür ist der, daß nach einer kurzen Zeit das Spotten, das Lachen, das Mrschauen und׳ die Betrachtung bald aufhörte und der Polnische Jude konnte sich hier im Westen auf der Straße ganz ungestört wie in Galizien bewegen. Was das Wesentliche des Kaftans anbetrifft, ist nur hervorzuheben, daß denselben der Reichste, der Gelehrteste trägt, ohne ׳dabei diesen Reichtum, seine Gelehrsamkeit einzubüßen. Auf den eigentlichen Kaftan allein kommt es nicht an,d. i. auf seine Form, auf seine Länge, sondern nur daß derselbe beim Aerrneren nicht zerissen, nicht schmutzig sei, sondern geflickt und rein und sauber, wie jedes moderne Kleid. Ja, die Unreinheit, der Schmutz, die Nachlässigkeit der Kleider, das alles ist leider seit dem Ghetto-Leben beim polnisch-jüdischen Proletariat als Zurückbleibsel, als eingewurzelter Fehler zurückgeblieben, der aber mit aller Gewalt, mit aller Macht ganz entwurzelt werden muß. Nicht der Kaftan, nicht das lauge Oberkleid des polnischen Juden sondern 'seine Nachlässigkeit im Tragen, sein Schmutz und seine Unreinheit haben bcm Wseststlden soviel Schande genmcht. Denn wenn wir einen reichen polnischen Juden, einen Gelehrten׳ im Kaftan uns ansehen, so finden wir sogar in ihm etwas Originales, Typisches. Und wenn Wir weiter seinen mit perspektivischem Auge betrachten, so finden wir in ihn! sogar etwas Schönes, gleich wie schon viele Maler uns so eiüen am Gemälde Vorstellton. Führer in der Hand hatten, nicht ertragen konnte und diese waren grausam genug, statt mich zu unterstützen, mich mit Schlägen vorwärts trieben. Wir traten in eine unterirdische Höhle, in welcher ein unhei!schwangeres herrschte und über welcher die schrecklichen Worte standen: ״Marterkaminer". — Mitten in dieser Tiegerhöhle stallix'11 die Werkzeuge zur Tortur und auf einer Er- Höhung saßen drei Inquisitoren, das Geschick unter einer Kapuze verborgen -als ob sie sich fürchtoten, in ihrer wahren Gestalt vor ihrer: Opfern zu erscheinen. Der eine von ihnen verlangte von neuem von mir, meinen Vater der Anhänglichkeit an das Judentum zu beschuldigen; mit Abscheu widersetzte ich mich dies nn unnatürlichen Verlangen und suchte Vielmehr den Urheber meiner Tage zn rechtfertigen. Hierauf machte der Inquisitor ein Zeichen und zwei M'inner kamen auf mich zu, welche lauge schwarze Kleider trugen imb ■ben Kopf ebenfalls in einer Kapuze so sehr verhüllt hatten, daß nur die nötige Oeffnung für Mund, Nase und Augen blieb. Diese Schrecklichen waren die Henker. Sie ergriffen mich, entkleideten mich gar der Lumpen, die meine Blöße kaum deckten; hierauf ermahnte mich der Inquisitor nochmals die Verbrechen meines Vaters zu gestehen, und als ich dies nicht vermochte, befahl er, mir die Lorture des Strickes m geben. Man band mir die Hände auf den Nücken und zog mich vermittels derselben starken Schnur, welche rnch durch einen an Gewölbe angebrachten Kloben ging, weit in die Höhe, ließ mich einige Minuten in diesem Zusta1l.de schweben, schnellte dann mit heftiger Gewalt die Schnur zurück, daß ich wieder!׳.«׳beere Fuß gegen den Boden herabfuhr, ohne ihn zu erreichen, und schwebend über demselben , hängen blieb. Der schreckliche Stoß versnkte mir alle Glieder und der dünue starke Strick, welcher meine Hände zusauunenschnürte, zerschnitt das Fleisch bis auf die Knochen u. s. w. Daß der Gelehrte in Galizien — wie wir früher hervorgehoben haben — sein tiefes und großes Wissen durch -den Kaftan nicht einbüßt, zeigt am besten, ׳daß wir auch heute in Galizien, gleich wie in den alten Zeiten, Rabbiner von innersten talmudischem Wissen finden, die aber auch schon Gymnasialstudien, viele auch schon die Matura haben, die vor manchem, modernen und reformierten West-Rabbiner nicht zurücktreten würden, die bei der Rogieruna. bei allen localen Behörden einen sehr großen Einfluß lpben und trotz alledem nur einen Kaftan tragen. Ja, es gibt in Galizien Städte wie Pilsen, Budweis in Böhmen, wo wir jüdische Gemeinderäte, Beisitzer beim Bezirksausschuß, Bezirksschulrat, ja sogar Bürgermeister haben und nur im Kaftan. Ja wir betonen, rein und sauber muß er sein. 8luch die Peies machte ich dem Polnischen Jude in seinem Lande lassen schon — wie der' Prager Herr Oberrabbiuer Dr. Brody öffentlich erklärte —ans religiöser Vorschrift; aber Wir bemerken deutlich nur nach der heutigen Schrift, das heißt, daß die Peies mehr nicht als 2-3 oder 3-4 cm. laug sein dürfen, mehr aber nicht, so daß dieselben beim Andersgläubigen zu keinen Hohn feien. Die überaus — von verschiedenen Sekten der Chasidim, nach eigenem Ermessen eingeführten wilden, unmenschlichen sehr langen Pejes sind unbedingt zu verurteilen und zu verwerfen, da eben nur dieselben dem ganzen Westjudentum Spott und Schande, dem ganzen Judentmn Hohn und Verachtung bereiteten dagegen bei vielen, die kurze Pejes trugen, war es fast ganz unerkenntlich und machten auch kein Aufsehen. Darum lassen wir also dem polnischen7*י׳■ den in seiner Heimat den Kaftan und die Pejes. Ist der Kaftan bei vielen nicht sauber, sind die Pejes bei manchen zu lange, ärgern wir uns darüber nicht.Mit der Zeit, mit dem Fortschritt mit dem Eindringen europäischer Kultur, Wird — wie wir in vielen vielen anderen galizischsn Städten in den letzten zwei Jahrzehnten sehen — der Kaftan immer mehr ״kürzer" und sich immer in einen kurzen modernen Rock verwandelt und imtner mehr verschwindet. Auch die Pejes werden schon immer mehr bei der Jugend seltener. Der Kaftan und die Pejes,- wenn sie noch existieren, so nur in den Dörfern, in kleinen Städtchen. In Städten wie Lemberg, Stanislau u. s. w. muß ruan sie schon suchen. Durch diesen Kaftan, durch diese Pejes büßt das Jrrdentnm im wesentlichen Sinne gar . Man brachte mich nun zur zweiten Folter, welche mir vermittels des Wassers gegeben wurde umn spannte mich nämlich auf eine hölzerne Folterbank in Gestalt einer Dachrinne, deren beiden Seiten nur durch cinen Ouerstab vertunden waren, ,und auf welcher drr Körper, intern er znrückfiel, -vermittels eines angebrachten Mechanismus eine solche Lage annahm, daß der Kopf tiefer abwärts hing, die Füße aber erhöht waren; diese Lage war ziemlich und meine Glieder -empfanden von den: Drucke des Strickes, mit welchem sie fest gebunden waren, einen brennenden Schmerz. Hierauf brachten, die Henker in meinen׳ geöffneten Mund eine feine durchnäßte Leinwand, von welcher ein Teil meine Nasen- Löcher bedeckte., gossen fortwährend in die Mundhöhle und in die Nase Wasser, welchesso langsam sich durch! die Leinwand seihte, daß ich in meinem Munde keine Maß Wasser zu verschlucken vermochte. Ich konnte nicht Atem schöpfen, lniachte die furchtbarste Anstrengung, die Tropfen hinunter zu schlucken, hoffend dadurch ein wenig Luft zu erschnappen; da aber die Leinwand mir die Kehle verstopfte und das Wasser zu gleicher Zeit durch die Nasenlöcher floß, so kann man leicht begreifen, lvelche unsägliche Pein ich ertrug. Ich war nahe daran zu ersticken, und :nachte daher in meiner Verzweiflung ein Zeichen, daß ich sprechen wollte, worauf man nrich von meiner Onal befreite und vor den Inquisitor führte. Ich bin Jüde rief ich, verdiene den Tod und bitte dich, mir ihn auf der Stelle geben zu lassen, nur lefreie mich von diesen fürchterlichen fruchtlosen Martern. Von dir ist nicht die Rede, entg-egllete?r mit einerGrabstimme, sondern von deinem Vater. Mein Vater ist unschuldig, behauptete ׳-ch mit Festigkeit. Nun Wohl, entgegnete derselbe kalt, so bringe man ihn zur Folter des Feuers. (Schluß folgt.) nicht viel ein; es geht nicht zugrunde u. untergeht auch nicht. Dagegen aber in Böhmen!11 Traurig ist es! Zu klagen und zu weinen ist es!! Hier gibt es keinen Kaftan, keine Pejes und das Judentum geht mit jedem Jahre, mit jedem Tage zugrunde ׳und in manchen Gemeinden ganz unter. Das weiß am -besten jeder Rabbiner am Lande von seiner Gemeinde. * * * Darum auf meine sehr geehrten .Herren Kollegen, die Ihr euch so oft in per Presse mit dem Kaftan -und den Pejes des polnischen Juden bersichäftigt! Ans und nochmals auf! Täuschen u. betrügen wir uns selber nicht! Die Mischehen in Böhmen, AW• ■ üt»che, die hier mit jedem Tage überhand nimmt und tiefere Wurzel schlägt, das soll die Parolle unserer Beschäftigung sein in der Presse, in jeder Predigt, in jedem gesellschaftlichen Verkehr. Viele Gemeinden in Böhmen werden bald bald nntevgehen. Nicht etwa weil die Gemeinde- Mitglieder in die Großstadt übevsiedeln, sondern nur teils durch die Mischehen, teils durch die Taufen der jüdischen Sühne und Töchter und endlich teils durch die — wie sollte ich sie nennen zweite Art oder Mioderne Taufe genannt, d. i. daß die jüdischen Söhne und- Töchter zwar noch ״Juden" leider nur solche Inden bleiben und sich ׳wicht taufen lassen, aber ihr ׳neugeborenes Kind sofort nach der Geburt in die Kirche zum Pfarrer tragen. Das sei nochmals unsere Beschäftigung, das halten wir stets im Auge. Vielleicht gelingt es uns hier manchen Dämon zu legen, \ o /> n* Amern. ״Verba docent, exempla trahont". Deutschbrod am 12. August 1916. Rabbiner Dr. Leo Verlisch. Ein Altmeister der Lügen. In diesen Tagen starb in Petersburg im Alter von 80 Jahren der Altmeister der russisch. Pogro-mliteratur Hippolit Lutostansky, Autor der traurig berühmten Schriften ״Der Talmud und die Juden". Ueber den Gebrauch von Christenblut durch ״Inden-Talmudisten" u. a. m. Unter den Dunkelmännern der russischen Pogromschriftsteller, ist Lutostansky eine erstran- Me Größe, jja geradezu eine legendäre Gestalt. Als er vor ca. 40 Jahren zum erstenmal auf der politischen Bildstäche erschien, rief er ungeheures Aufsehen hervor, denn er war Jüde von Geburt und behauptete — allerdings völlig unwahr — Rabbiner gewesen zn sein. Lutostansky trät iü frühester Jugend zum Katholizismus über, lebte׳ längere Jahrenin Litauen in einem katholischen Kloster, besuchte ein katholisches Pviesterseminar und brachte cs mit der Zeit zum römisch-katholischen Geistlichen. Im Jahre 1867 Wurde er seines Amtes enthoben und des geistlichen Standes verlustig erklärt (nachgewiesenermaßen für gemeine Verbrechen). Er suchte alsdann sein Glück bei der lutherischen Kirche. Da er aber fortgesetzt in äußerst schwere Konflikte mit dem Krüninalkodex geriet, konnte es auch im Luthertum zu nichts bringen u. trat kurz entschlossen zur russischen Orthodoxie über. Von hier gab es mehr kein Zurück, er fand aber auch da recht bald das, was er suchte. Kurz nach seinem letzten Uebertritt erklärte er sich bereit, all die schaurigen ״Geheimnisse" der Juden aufzudeckon und insbesondere ihre ״blutigen Ritualverbrechen" ans Tageslicht zu fördern. Ihm, dem ehemaligen Rabbiner seien natürlicherweise alle diese Dinge gut bekannt. Lutostanskys Angebot entsprach einer sehr dringenden Nachfrage. Die russische Regierung hatte sich gerade ׳damals vorsorglich einen ״Schuldügen" ausfindig gemacht, um auf ihn den Zorn der Volksmassen abzul-enken und in seinem Blut die nahende Revolution zu löschen. Der Schuldige war natürlich der Jride. Es ist daher beareiflich> mit welcher Freude Lutostanskys ״Enthüllungen von der Reffierungskl'lqne ausgenommen wurde. Seine literarische Laufbahn begann er auf folgende recht originelle Art. Er brachte eines Tages einem reichen Moskauer Jüden -ein dickleibiges Manuskript mit dem ungefähren Titel: ״Gebrauchen die Juden Christenblut? Urkunden, unveröffentlichte Geheimdokumente udgl. mehr, legte es dem erstaunten Manne auf den Tisch und erzählte ihm, er sei, nachdem er sein Wert fertiggeschrieben habe, zur Ueberzeugnng gelangt, daß die Juden, kein Christenblut.gebrauchen, er

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