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Jüdische Volksstimme · 1915-08-20 · Heft 21 (20.8.1915) · page 2

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XVI (1915)
Issue
Heft 21 (20.8.1915)
Date
1915-08-20
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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St. 91. MH* (■UUU ••Mifttaflil VmvpilVIr stammt, besondere Gefühle der Zuversicht ausgelöst. Aber um etwas zu empfangen muß man das entsprechende Gefäß haben. — Wir müssen uns formieren, u. uns zusammenschließen, uns in Form einer Organisation dem Ursprecher unserer Belohnung nicht nur geistig, sondern auch leiblich vovstellen können. Diese wird Gelegenheit haben, bei den jetzt so wichtigen Angelegenheilen, die zu ordnen sind, ihren Standpunkt zu äujhern und es ist zweifellos, daß sie Erfolge erzielen wird. Die Judennot ist über alle Maßen schrecklich. Nicht einmal ein Dante wäre imstande mit seiner Feder die Verwüstung zu schildern, die in dem größten Teil Galiziens und hauptsächlich bei den Juden herrscht. Die Mehrzahl von ihnen hat nur das nackte Leben, nichts mehr. — Keine Wtzhnung, kein Möbelstück, keine Kleider, keine Wäsche, alles wüst durcheinandergeworfen und vernichtet. Braucht man nicht hier eine schützende und ordnende Hand, um diesen unbeschveiblichen Elend wenigstens einigermaßen zu steuern, soll nicht ׳bcr größte Teil der galizischen Judenschaft einfach in Verkümmerung und Verelendung rettungslos zugrunde gehen? Und wer wäre am meisten dazu berufen, wenn nicht der Dunjd aller jüdischen Gemeinden in Oesterreich? Sein moralischer Einfluß auf alle maßgebende Faktoren wäre gewiß nicht gering, überhaupt wo die Stimmung günstig ist und das zu heilende UeVel eine directe Folge ׳der aufopfernden patrivtischen Haltung der Juden ist. Es werden in kurzer Zeit soviel Fragen m der Judenheit Galtziens .aktuell werden, daß sie sich fast ni cht über- *sehen! lassen. Zu deren wenigstens teilweiser Lösung gehört organisatoriische Genialität, sowie ein glühender Wille, die der Größe der gewaltigen Aufgaben, welche zu erfüllen sind, gewachsen sei n würden. Die Sache hat Eile, ist von dringender Not- Wendigkeit. Die politischen Vertreter aller Partoien unternehmen schon jetzt Schritte bei der Regierung zur Sani-rung ׳der Verhältnisse ihrer Wähler, die durch den Krieg getroffen wurden. Nur im Judenlager ist es still. Groß und schwerwiegend sind die Gegensätze, aber die Not vereint, sagt der Volksspvuch. Solche Not, wie sie jetzt herrscht, ist durch diesen Ausdruck nur schwach angedeutet. Das Elend in Galizien sucht bergebens den Passenden Ausdruck der es vollinhaltlich und erschöpfend bezeichnen wüvde. Die Tragweite der Folgen wäre ungeheuerlich, wenn nicht rasche und gründliche Sanirungsaktion ein ge leitet Werden sollte. Jetzt ist notwendig: ״the ri'ght man in the right plaze". Darum aus zum Zusammenschluß, Scheine nach zu entsagen, und sich den isr. Familien anzuschließen, welche unter dem Namen Maranen, oder Ousim bekannt, dort leben, und Welche, da ihr Uebertr-itt aus Zwang und nicht aus Ueberzeugung geschah, nur äußerlich dem Christentum, dem Herzen ׳nach aber dem Judentum angchörten. Obwohl dem Kenner des menschlichen Herzens diese Erscheinung eine ganz natürliche sein wird, so war dennoch die Jnquisition gegen die Scheinchristen ungemein erbittert ergriff die strengsten Maßregeln gegen sie, und ihre unmenschlichen, barbarischen Bestrafungen Werden künftigen Geschlechtern als Gemälde einer wahnsinnigen Einbildung erscheinen, so schwer wird es fallen, diese mit kaltem Blute verübten und alle Beschreibungen übertreffenden Grausamkeiten zu glauben. Mein Urgroßvater obschon er fleißig die Kirche besuchte und die Rolle eines guten Katholiken spielte, hatte insgeheim seinen Sohn, meinen Großvater deschneiden lassen, welcher es ebenso mit meinem Vater, Don Cäsar, machte. Dieser aber, bei welchem der Eifer für die väterliche Religion erloschen war, ueß mich taufen und im katolischen Glauben erziehen, das tat er aber nicht etwa als eine Pflicht, die ihm das Gewissen vorschrieb, denn er selbst war nicht gläubig, sondern als er mit Schrecken sah, daß die fürchterliche Rache der Inquisition von Dag zu Tag zunahm, und derselben immer mehr Opfer fielen, so beschloß er gänzlich dem Judentum zu entsagen, und seine Kinder zu vollkommenen Katholiken heranzübilden.Seine Pläne scheiterten aber an der Willenskraft meiner Mutter, die, noch einen Rest vom Judentum im Herzen habend, mich, meine zwei Brüder und meine Schwester von der zartesten Jugend an gewöhnte das Heil unserer Seele nur im Mischen Glauben zu finden. Dadurch entstanden zuweilen in der Familie kleine Streitigzur Vereinigung aller guten und edlen Treibkäste! Politische Auseinandersetzungen und Parteienhader müssen beiseite geschoben werden. Der gute Wille, etwas zu leisten, nmß obwaltend fein und der Geist des guten Werkes und des edlen Strebens muß über den Handlungen schweben. Schließt Euch zusammen! Versäumt nicht die Zeit! Wenn jetzt Untätigkeit unsere nationale Indolenz weiter kennzeichnen wird, wenn Partikularische Tendenzen weiter obwalten und die Entweihung auch künftighin am Körper unseres Volkes fressen sollte, dann werden wir vor dem Richterstuhle der Geschichte nie Verantwortung finden können. Diese große Zeit darf keine kleine Geister finden. Da muß eine stramme Ovganisation in Form eines Ausschußes aller Gemeinden in Oesterreich geschaffen werden die sich spezM diesem heiligen Wlerke widmen soll. Wenn die offizielle Vertretung des Judentums in Oesterreich, die keine parteipolitischen Lendenzen verfolgt, keine Eroberungen auf Kosten anderer sucht, nur rein dringend menschlichen Zielen sich widmet, mit ihren rechtlich wie menschlich wolbegründeten Postulaten auftritt, da muß!der Erfolg wenn nicht ganz, wenigstens teilweise sicher sem. Der Boden ist günstig, er muß -nur bebaut werben, damit er Früchte trägt. Versäumnis oder Zaudern wären ein nie zu entschuldigendes Verbrechen. Tretet hervor ihr guten, Willensstarken Männer! Ergreift die Initiative! Kein Aufgefovderter wird sich ausschließen und die Dankbarkeit des armem, unglücklichen und verelendsten jüdischen Volkes wird Euch als Frucht Euerer Arbeit in den Schoß fallen. Die Stunde ist ernst und das grenzenlose Elend -mahnt mit Riesenglocken zur gemeinsamen Arbeit, zur Hilfebringenden Tätigkeit. Erweist Euch würdig dieser schweren, aber dringenden Aufgabe! Sammelt Euch! Ost und West oder Kastan und Schläsenlocken. Sehr geehrter Herr Redakteur! Die verschiedenen Meinungen zahlreicher Polemik über Kaftan und Pejes, die wir in den letzten Wochen in der jüdischen Presse gelesen haben, von welchen die einen Pro und die anderen contra sind, veranlassen mich, Sie, sehr,geehrter Herr Redakteur zu bitten meine Meinung über dieses Thema in Ihrem geschätzten Blatte zu veröffentlichen, mit der Hoffnung, vielleicht gelingt es mir dieses Dilema zwischen den Polemikern feiten, welche bald aber beigelsgt waren, weil Don Cäsar seine Frau zärtlich liebte.Wir wuchsen heran und unsere Erziehung rückte ihrer Vollendüng nahe. Ich bestimmte mich dem Studium der Medizin und, machte nicht unbedeutende Fortschritte darin; meine Schwester von bezaubernder Schönheit, wurde au einen vornehmen Hidalgo verheiratet und alles schien sich zu unserein Glücke zu vereinigen, als wir mit einem Schlage vom Gipfel desselben herabgestürzt Wurden. Eine verheerende Seuche raubte mir in einer Woche Mutter, Schwester u. beide Brüder knt Mein Kummer war grenzlos; jedoch die Verzweiflung meines Vaters zu schildern, ist unmöglich. Der am Marke seines Lebens nagende Schmerz brachte ihn bald an die Pforte des Grabes u. nur nach langer Zeit erlangte er Leben und Bewußtsein des erlittenen unersetzlichen Verlustes wieder. Von dieser unheilvollen Zeit au, war sein Charakter völlig verändert; er war mürrisch, empfindlich, seine Augen Wild rollend, und ich erkannte bald, daß peinliche Gefühle beständig sein Herz bestürmten. Es stand auch nicht länger an, so erfuhr ich das schreckliche Geheimnis, welches ihn quälte. Mein Vater, von unaufhörlichen Gewissensbissen gefoltert, schrieb der Lauheit seiner relilgiösen Gesinnungen, die ihn betroffenen Unglücksfällen zu u. diese Stimme des Gewissens sagte ihm, daß die Zeit der Verstellung vorüber sei, und daß er auch vor den Augen der Welt als das erscheinen müsse, was er längst schon im Herzen war. Vergebens bewies ich ihm die Gefahr eines solchen Unternehmens, vergebens schilderte ich ihm die Leiden der Unglücklichen, die in die mörderischen Hände der Inquisition geraten, vergebens beschwor ich ihn bei seiner Liebe zu mir; er wollte mich nicht anhören. Ich bin strafbar vor Gott und muß merneSündenschuld sühnen rief er verzweiflungszu beseitigen und zum richtigen Urteil über Kaftan und Pejes zu bringen. Da es sich hier um die Tracht des polnischen Juden handelt, also um die Tracht der Juden aus Galizien, so müssen wir uns auch vor allein mit der Tracht anderer Nationen Galiziens, wie z. B. der Nuthenen beschäftigen. Es ist bekannt, daß der ruthenische Bauer — ich bitte die geehrten Leser vielmals unr Entischuldigung, werrn ich öffentlich diesen Ausdruck gebrauchen muß — das Hemd über den Beinkleidern trägt, sowohl an Werkals auch an Sonn- und Feiertagen. Daß dieses Hemd oft so schmutzig, so schwarz ist, daß es gewiß einige Wochen nicht gewaschen worden sei, das fällt jeden Menschen beim ersten Blick ins Auge. Auch ist bekannt das Tragen von sehr laugem Kopfhaare des ruthenischen Bauern, das er sehr selten zustutzen läßt. Diese Tracht wird aber nicht nur vom armen, sondern auch vom reichsten Bauer getragen und als stolze Nationaltracht gehalten. Es ist aber noch nie einem ruthenischen Jntellectuellen eingefallen diese Nationaltracht seiner Brüder zu belachen oder öffentlich mit Ausdrücken wie ,/eckel, scheußlich" zu stempeln, wie unsere Polemiker.sich ausdrückten. Umgekehrt: Wir sehen in Galizien, an Sonn- und Feiertagen, in verschiedenen Lokalen Vereinen, bei Versammlungen, wie der gemeine Bauer, in seiner Tracht mit -der ganzen Jntelligenz, am Lande und in der Stadt, Hand in Hand geht; wie er mit dem Dorfschullehver, mit dem Pfarrer am Lande, mit dem Mittel- oder Hochschullehrer, in der Stadt bei einem Tisch sitzt und gemeinsam über nationale u. kulturelle Güter beraten, wo sich der kulturelle Ruthene gar nicht Wer die Tracht seiner Brüder ärgert. Auch ist noch nie einem ruthenischen Bauer eingefallen, wenn er zum Landtag oder zum Parlament gewählt wird seine Nationaltracht abzulegen, sondern er erscheint in derselben ganz ungeniert. Auch ist nicht vor emiigin Jahren, beim großen Festzug in Wien, anläßlich des 60-jährigen Jubiläums -unseres Monarchen, der ruthenischen Intelligenz.— Wie keiner anderen eingefallen — sich der Nationaltracht ihrer Brüder zu schämen, sondern sie ließ — Wie andere — die Tracht ihrer Nation der ganzen Welt zeigen. Der Kaftan des Polnischen- Juden ist also gleichfalls seine Nationaltracht, ohne dabei den wesentlichen Ursprung derselben suchen zu müsfen. Und diese Tracht ist, bei ihm so national, so heilig,wie die des Ruthenen, oder wie die einer anderen Nation. ' < voll. Und machte ich ihm den Vorschlag, aus Spanien zu fliehen, so entgegnete er, ich muß da sterben, wo die Hülle meiner Gattin ruht. Bald war zu unserem Unglück'sein Betragen kein Geheimnis mehr und eines Abends wurden wir beide angehalten und in die Gefängnisse der heiligen Inquisition geschleppt. Worte vermögen nicht -die Abscheulichkeiten zu schildern, Weiche dieser Gerichtshof in seinem Verfahren beobachtete. Nach dem ersten Verhöre, in welchem man -sich alle Mühe gab, und kein Mittel scheute, mich zu solchen Anssagen zu bewegen, aus welchen man eine Anklage gegen meinen Vater schmieden könnte, ließ man mich in einem finsteren, feuchten und ungesundem Kerker verschmachton, in welchem ich ohne Bücher, ohne ein wenschliches Wesen in meiner Nähe zu erblicken, der fürchterlichen Einsamkeit preisgegeben war. Ich würde es meinen schändlichen Quälern gern verziehen haben, daß sie mich knebelten, wenn ich schrie, mich schlugen, wenn ich laut weinte, mich ohne Geräte, ohne Bedeckung auf der Erde schlafen ließen, verschimmeltes Brot nur zur Nahrung reichten, in verpesteter Luft meine Gesundheit vernichteten; — aber, daß -sie mir ׳nicht ein einzigesmal gestatteten, den geliebten Vater zu sehen und zu sprechen, sie mir nicht!antworteten, Wenn ich ängstlich nach seiner Gesundheit, seinem Leben mich befragte, daß sie grausam lachten, wenn ich die Zeit meiner Verurteilung wissen wollte,— das kann ich ihnen nimmermehr vergeben, — Endlich kamen eines Nachts zwei Gefangenen- Wärter von finsterem und unheimlichen Ansehen, mich zu holen, und führten mich durch ein Labyrinth von Gängen. Ich hatte das Gehen verlernt und taumelte in meinen Fesseln wie ein Berauschter: überdies bl-eüdete mich der ungewohnte Schein des Lichtes dermaßen, daß ich selbst den blassen Glanz der Fackeln, welche meine

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