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Jüdische Volksstimme · 1915-08-20 · Heft 21 (20.8.1915) · page 1

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Journal
Jüdische Volksstimme
Volume
XVI (1915)
Issue
Heft 21 (20.8.1915)
Date
1915-08-20
Page
– (sequence 1)
Language
German
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^SSttTTTC Erscheintjeden Mtttvöch Rnmmer A. »e-«sSpreise: Für Oesterreich-Ungarn, halbjährig . Kronen 6-20 ganzjährig.Kronen 12 — Deutschland, ganzjährig.Mark 12 — Rußland, ganzjährig . ..Rubel 6 — Balkan, Frankreich.Frank» 14 — Redaktion und Administration: Brünn, Sdlergaffe S. Buchhändlerische Vertretung: Ott« Klemm» Leipzig. Inserate: die bspaltige Petttzeile S0 h. Unverlangte redaktionelle Beiträge werden nicht honoriert. — Manuskripten ist Rückporto beizufügen. Wien—Budapest. Brünn, fg; iÄ1«16 Prag—Lemberg. Zur Frage der Schaffung einer Organisation aller jüdischen Gemetnden in Oesterreich. Von Bernhard Horowitz. Die Frage,des Zusanuuenschlusses aller jüdischen Gemeindeverwaltungen zu einer emheitliehen Organisation warimmer aktuell. Eine solche Zerrissenheit und Zerfahrenheit, wie sie im Körper der Judenheit -in Oesterreich existiert, gibt es bei keiner Nation der Welt. Solche grundverschiedene Elemente hat eben keine Nation auf der Erde in ihrem Schoße -aufz-uweisen. Galizien und die Bukowina sind nahe an den Westen angeschlossen, in unmittelbarer Nähe liegen sie znsanunen, sind jedoch himmelweit von einander ontferut. Oswiecim, an der schlesischen Grenze, beherbergt Judentypen, welche mit denen eines enge angrenzenden Städtchens Oest. Schlesiens in Betreff der Sprache, der Tracht, der Sitte und religiösen Lebensweise aufs anschaulichste collidieren. Ja selbst in Galizien und der Bukowina gibt es solche Verschiedenheiten der Charaktere in Hülle und Fülle. Eine Welt von! Gegensätzen trennt die Mitglieder derselben Nation von einander. Noch Theodor Herzl erließ die Parole ״Erobert die Gemeinden!" Aber er fand einen steinernen Boden, an welchen seine Ideen zerschellten. Bei jeder Erscheinung des öffentlichen Lebens treten diese Gegensätze zu Tage. Die Ursache dieses Zustandes liegt tief in׳ der Ansfassung des betreff senden Teiles des jüdischen Volkes über den: Zweck, die Art und die Seele des Judentums. Feuilleton. Das Martyrium des Marranen Baltasar Orbio de Castro. Einer der hervormgondsten jüdischen Gelehrten Amsterdams war Balthasar Orbio de Castro (geb. 1tt16, gest. 1687). Er war der Sohn marranischer Eltern, die von Portugal nach Spanien übersiedelten und -ihnen eine ausgezeichnete Erziehung angedeil)en ließen. Das Judentum war ihm nicht frenyd, da die Eltern heimlich den Versöhnungstag, und überhaupt viele religiöse Satzungen beobachteten.Mit vortrefflichen Geistesgaben reich ausgestattet, studierte Baltasar mit großem Eifer und nnvermüdlich auf spanischen Uni- Vevsitäten Philosophie und Medizin. Er hatte aus diesen Gebieten solch herrliche Fortschritte geiuacht, daß er nach Absolvirung seiner Studien Zum Professor der Metaphisik an der Universität von Salamanca ernannt wurde. Später wurde er nach Sevilla berufen, wo er sich als Leibarzt des Herzogs von Medina-Cali nicht unbedeutende Neichtümer erworben hatte. Er wurde auch bald glücklicher Gatte und Familienvater. Allein es hatte nicht lange gedauert als düstere Gewitter- Wolken herangezogen u. den Horizont seines glücklichen Familienlebens verdunkelten. — Er hatte neulich einen Leibdiener, einen erbärmlichen Heuchler, der durch Verstellungskünste es verstanden hatte, ihn zu täuschen und sich seine Gunst ja sein ganzes Vertrauen im vollsten Maße zu erwerben. Mit Welch schnöden Undank aber l>atte dieser Gaukler seinen Men Protektor belohnt? Cr hatte die Güte desselben mißbraucht, ihn auf alle mögliche Weise belogen, betrogen und bestohlen. Als nun endlich Orbio de Castro zu seinem Solche tiefgehende Charaktevunterschiede lassen sich nicht in kurzer Zeit ausgraden. ES müffen gewaltige historische Veränderungen, grundstur- Zende Vorgänge sich abspielen um für die Neberbrückung dieser Gegensätze -den geeigneten Moment zu schaffen, die Richtung der Geister in eine einheitliche Bahn zu bringen, ihnen das Ziel eines zusamengeschloßenen׳ Complexes erwünscht und erstrebenswert -erscheinen zu lassen. Ob die Ereignisse des gegenwärtigen Krieges dm Boden hiefür reis gemacht haben oder nicht, diese Frage bildet den Gegenstand eifrigster Diskussionen in der jüdischen Presse. Die Gegner dieser Aktion verweisen auf den gegenwärtigen ״Burgfrieden", Was jedoch nicht recht verstärchlich ist, denn -der Zusammenschluß aller Gemeinden, wäre doch gewiß eine Aktion im Sinne des Burgfriedens, jedenfalls aber keine diesem entgegengesetztp. Der Unterschied zwischen! unseren nationalen Loben und den: aller Völker ist eben so geartet, daß was bei anderen Nationen freundliches Zufammongehen und Sichaneinanderfügen, um ei-u Ganzes zu bilden, bedeutet bei uns ein Geg'.nsatz des Burgfriedens genannt und in desstn Nam-en schroff abgelehnt wird. Dieser psychologische Prozeß streicht an Komik, wenn nicht Tragi-komik. Daraus ist ersichtlich, wie verkehrt die Denkungsart gewisser jüdischer Kre.se ist. Um Gott behüte, den Burgfrieden keinen Abbruch zu Um, sollen die Juden weiter zersplittert leben, der Partikularismus weiter ausarten. Dies der Grundgedanke der Gegner der Schaffung eines Ge,meindobunds. Daß er nicht viel Stichhältiger, geschweige den Animierendes hat, ist jedem Kinde tiefsten Bedauern die Wahrnehmung gemacht, daß er sich nicht für einen ehrlichen, redlichen, wahrheitsliebenden, bevufsoifrigen Menschen, sondern für einen Erzgauner, für ein unwürdiges unmoralisches und entartetes Subjekt eingesetzt und ihm sein ganzes Vertrauen geschenkt hatte, war er so erbittert, daß der Schurke sofort -entlassen und um des Diebstahlswegen gebührend bestraft Wurde. Defraudanten sind aber in der Regel auch Denunzianten, Verräter, die vor 'keinem Verbrechen zurückschrecken!. De Castros Leibdiener hatte eben alle diese famosen Eigenschäften in sich vereinigt. Das erste was er tat, War ein furchtbarer Racheakt. Er hatte nämlich seinen gewesenen Chef beim Jnquisitions-Tribunale als ״heimlichen Jjuden" denunziert. Auf Grund dieser Denunziation wurde der edle Orbio de Castro verhaftet und. mußte drei Jahre lang in der finsteren Nacht des Kerkers schmachten. Haarsträubend entsetzenerregend, Mark u. Bein erschütternd sind die Schilderungen -der Folterquälen, die . er dort erdulden mußte. Nur der göttlichen Hilfe hatte er es zu verdanken, daß er nicht unter der Last -der unsäglichn Oualen und Schmerzen, die ,selbst einen Herkules hätten müssen vernichten, zusammenbrach. Das Jnquisitions-Tribunal sah sich endlich gezwungen,ihn— da er trotz der schrecklichen Folterqualen kein Gestäudnis ablegte — aus Mangel an Beweis freizusprechen. Spanien jedoch, mußte er sofort für immer׳ verlassen. Er begab sich nach Tonlose, wo er zum Professor der Medizin a. d. dortigen Universität und zum Rate Ludwigs XIV. ernannt wurde. Trotz der günstigen und sehr geachteten Stellung, die er jetzt einnahm, fühlte er sich dennoch nicht ganz glücklich, und zwar aus dem Gründe, weil er noch immer die Maske eines fremden de ersichtlich. — Wir dürfen Ms aber nicht der Täuschung hingeben, in Illusionen einwiegen lassen, daß ׳das Werk des Zusammenschlußes aller Mischen Gemeinden ,in Oesterreich ein leicht W vollbringendes sein würde. Die Propaganda sten dieser Aktion verweisen auf den bereits lange bestehenden Bund uiederösterr. oder döhm. Judengemeinden mit ihren Landesrabbinern, Wenn wir vom Bunde aller österr. Gemeinden soviel zu -erwarten hätten, wieviel obgenannte Gemeiudoas'soziiationen bis nun geleistet haben, dann wäre wirklich schade um alle Mühe und Är«!beit. Noch nie haben wir gehört, daß eine dieser Gemeindevereinigungen sich öffentlich für das jüdische Interesse betätigt hätte.. Das Judentum schläft dort weiter seinen Mammuttaschlaf, di? Organisation dient höchstens zu decorativui Zwecken. — Das ist aber herzlich wenig. Die Polen haben ein Manifest crlasstn, wo- Wir haben keine Organisation, die unsere Mnsche zum Ausdruck bringen konnte. Es ist eine jetzt jedermann bekannte Tatsache, daß die Stim.- mung des a. h. Höfts sowie der Regierung in Oesterreich den Juden günstig ist. Aus dem Munde unseres Thronfolgers haben wi!r Worte gehört, die bei uns die besten Hoffnungen weckten. Wiewohl wir immer von der väftrlichen Gesinnung unseres greisen Kaisers gegenüber den Inden, gleich -allen Völkern, überzeugt waren, hat in uns die Aeuhevung über die patriotische Haltung der Jutden und der Wunsch dieselben entsprechend zu würdigen,_die von einer so hohen Person Glaubens tragen müßte. Um sich derselben entledigen zu können, resignierte er auf diesen Posten und übersiedelte nach Amsterdam, Wo er (1666) den Glauben der Väter frei bekennen durfte Md da nahm er den Namen Isaak an. Hier erfreute er sich bald eines guten Rufes als Arzt, als Gelehrter, wie als wahrhaft frommer gottbegeisterter Jude. Wll man sich einigermaßen einen Begriff!von der Wirksamkeit der spanischen Inquisition! machen, so leie man Obio de Castras Märtyrertum, das er selber geschildert hatte. Er erzählt: ״Mein Vater hieß Don Caesar Orbio, er war einer der angesehensten Bürger in Madrid Md im Besitze eines unermeßlichen Vermögens. Ihm gehörten die herrlichsten Paläste, die Prachtvollsten Landsitze, Geld in Menge, die kostbarsten Geräte -und eine zahlreiche Dienerschaft. Diese Reichtümer sind nicht von ihm,sondern von seinen Voreltern erworben worden, welche um sie zu erhalten, sich sehr große Opfer auferlegen mußten. Ihr alle habt ohne Zweifel schon von dem ungerechten geheimen! Gerichte reden gehört, welches man Inquisition nennt, und welches unter dem Vorwände, die katholische Religion zu schätzen, sie mit untilgbaren Blutflecken beschmutzt hat. Von dem ersten Erscheinen dieses Gerichtes in Spanien an verfolgte es die dortigen Juden, bis er sie endlich zwang, am 31. März 1492 ihr Vaterland zu verlassen. Man muß unter dem herrlichen Himmel dieser Halbinsel gelebt, ihren M Vegetation so reichen Boden betreten haben, um zu begreifen, wie schwer es fällt, ein so schönes und liebliches Land zu verlassen, sich! auf ewig von ihm zu trennen. Meinen. Voreltern War es daher unmöglich mit ihren BrÄern ins Exil zu wandern, und sie zagen es vor, den! äußeren Zwange nachgeben, ihrer Religion dem

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