Jüdische Volksstimme
- Journal
- Jüdische Volksstimme
- Volume
- XVI (1915)
- Issue
- Heft 20 (8.8.1915)
- Date
- 1915-08-08
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4. ,am» V,rk»ßr«Me* Rr. 20 groß ist, als daß er überhaupt ersetzt würde. — Selbstverständlich ist hier nur vom materiellen Schaden die Rede. Jedenfalls liegt es im Interesse aller Geschädigten, daß sie bei Feststellung ihres Verlustes und bei Geltendmachung ihrer Ersatzansprüche über alles möglichst orientiert sind und eine Stelle der Belehrung zugänglich finden, welche nicht nur ihr Vertrauen verdient, sondern es auch genießt. Es klingt gewiß sehr unkonziliant gegen Personen, die es unzweifelhaft gut meinen und die vielleicht im Namen vieler sprechen, wenn titart sagt, daß vorläufig niemand das Recht hat, im Namen aller Juden oder auch nur im Namen der ״polnischen" oder auch nur der galizischen Juden zu sprechen. Es gibt keine Organisation, welche alle Gruppen von Juden umfaßt und es gibt sonnt keine offiziellen jüdischen Vertreter u>nd jeder einzelne und jedes Komite, welches im Namen der Juden Erklärungen politischer Natur unter welchem Titel immer ab gibt, hat sich die Befugnis hiezu widerrechtlich arrogiert. Machte sich aber das Bedürfnis nach einer offiziellen Zentralstelle der Juden schon im tiefsten Frieden geltend, wie erst, wenn eine so gewaltigc und gründliche Neuordnung der Verhältnisse in weiten Gebieten eijntreten wird. In Wirtschaftlicher, sozialer, politischer und religiöser Hinsicht werden die Juden im eigenen Interesse ein Forryn brauchen, wo ihre Rechte gewahrt, ihre Interessen vertreten, ihre Wesenheit darigestellt wird. Auch der Staat braucht eine solche Institution, damit er Fehlgriffe vermeidet und nicht überflüssige Verantwortung auf sich ladet. Die Notwendigkeit und Nützlichkeit, für zwei Millionen Menschen innerhalb eines Staates, eine legitime Repräsentanz im Zeitpunkt zu besitzen, wo ein großer Teil von ihnen an die Neucinrichtung der Existenz zu schreiten gezwungen ist, liegt auf der Hand und bedarf keines Bewoises. Hingegen ist die Aufstellung und Einrichtung einer solchen Repräsentanz umso schwieriger. Die Unterschiede zwischen den Bruchteilen der Judenheit sind zu mannigfacher Art, als daß sie sich ohne organische Arbeit und allseitigen guten Willen überbrücken ließen. Der eingeschüchterte polnische Jude vom Dorfe kann, gestehen Wir es nur offen, nicht gleichen Schritt halten mit dem großstädtischen Advokaten. Im Intellekt wird Vielleich kein Unterschied zwischen beiden bestehen, aber das drückende Gefühl der Unbeholfenheit des Dorfjuden, der einer jeden Amtsperson furchtsam gogenübersteht, verläßt ihn auch den! jüdischen Großstadtmenschen gegenüber im allgemeinen nicht und dies mit Recht. Vertrauensvolles Zusammengehen ist nur b!ei gegenseitiger Achtung möglich. Die obere Schichte der Großstadtjuden gesteht ihren Zusammenhang mit der jüdischen Masse aus den Provinzen offen und gerne, auch mit der Masse im fernsten Osten, aber sie verlangt bedingungslos die Führung, in welche sie der Form oder meinetwegen der Gerechtigkeit halber einzelne Personen aus dem östlichen Provinzen dreinreden läßt. Ullevdings sucht sie diese Personen nach ihrem Geschmack aus. Es müssen Personen sein, die Pekuniär über das Mittelmaß weit hinausragen und in religiöser Hinsicht — für die Ostjuden und die zuverlässigsten Elemente der Westjuden der springende Punkt — mit der konservativen Masse kaum mehr wesentliche Berührungspunkte haben. Die sich für maßgebend haltenden Herren wollen nicht einsehen, daß der jüdischen Masse das religiöse Ideal um keinen Preis feil ist und daß diese Masse Wohl nicht die Tatkraft zu Posititiver Organisation besitzt, daß sie aber aus gesundem Instinkt der Vergewaltigung Passiven Widerstand entgegensetzt. Wenn es also zu einer umfassenden Orgicmisation kommen soll, welche alle Gruppen der Inden vertritt, so muß der Anstoß von der westlichen Großstadt ausgehen, oder das Bestreben darf nicht auftauchen, die wirtschaftlich Schwächeren und gesellschaftlich weniger Geschliffenen zu bevormunden oder gar entrechten zu wollen. Wer mit Erfolg ein Zusammensassen aller österreichst schon Juden herbeiführen will, muß wahrhaft freisinnig sein, Art und Ansicht der andern dulden und achten und muß vor allen! einsehen, daß bei Millionen von Menschen, die unter den verschiedensten Lebensbedingungen herangewachsen sind, die einen grundverschiedenen Bildungsgrad genommnwn haben und die in entgegengesetzten Begrüßung des neuen Statthalters von Galizien ExMenz von Eolar durch das Exekntivkomite der österreichischen Zionisten. Das Exekutivkomite der westösterreichischen, galizischen und Bukowina er Zionisten hat an den neuen Statthalter von Galizien General der Infanterie von Colard folgendes Begrüßungsschreiden abgescndet: ״Euere Exzellenz! Die Gefertigte Vertretung der Zionisten Westösterreichs, Galtziens und der Bukowina erlaubt sich Euere Exz. aus Anlaß der Ernennung zuin Statthalter von Galizien aufs ehrerbietigste zu begrüßen und Euerer Exzellenz den glücklichsten Erfolg bei der Ausübung des überaus wichtigen und schweren Hutes herzlichst zu wünschen. Die von unserem gerechten und gütigen Monarchen getroffene Wahl erfüllt die gefertigte Repräsentanz der nationalen Judenschaft mit dem Vertrauen, daß die Geschicke des vielgeprüften Kronlandes Galizien ■im Sinne strengster Gerechtigkeit und verstände nisvollen Wohlwollns allen Bevölkerungskveisen und auch dem jüdischen Volksstamme gegenüber geleitet werden. Ein glückliches Galizien im untrennbaren Gefüge eines starken Oesterreichs ist das Ziel aller wahrhaft patriotischen Hoffnungen daher auch der Wunsch der nationalgcsinnten Judenschaft in Galizien. Bei der Arbeit zur Erreichung dieses hehren Zieles werden Euere Exz. der willigsten und opferfreudigsten Mithilfe der nationalorganisierten Judenschaft Oesterreichs Und insbesondere Galiziens sicher sein." Das Krakauer Tagblatt ״Glos narödu" von Freitag, den 0. IM 1016, Nr. 342 begleitet die Notiz über die ״Erklärrmg" mit folgender re- Idaktioneller Bemerkung: ״Die Angelegenheit der obiigen Erklärung war schon seit längerer Zeit Bevatungsgegenstand der jüdischen Faktoren, die im Wiener Polenklub gruppiert sind. Eine oppositionelle Stellung gegenüber der Erklärung nahmen der Krakauer Abgeordnete Dr. Groß und der S-tanislauer Abgeordnete Rauch ein, die in entsprechender Weise den Inhalt der Erklärimg beeinflußten, hernach jedoch ihre Unterschrift rundwegs verweigerten, zur Unzufriedenihei-t ihrer Freunde, die so weit ging, daß ein ge- Wisses Krakauer Tagblatt, Wlches dem Mgeordnieten Dr. Groß nahesteht, eines schönen Tages eine Aktion behufs Entfernung der genannten beiden Herren aus dem öffentlichen Leben, einleiten sollte. Unter der erwähnten Erklärung fehlen die Unterschriften der Herren Dr. Groß und Rauch. Offenbar sind die Herren der Meinnngj, daß die polnische Bevölkerung in Russisch- Polen wirklich Pogrome veranstaltet hat." Jüdische Auswanderung nach dem Kriege. Die im Haag erscheinende ״Jüdische Arbeiterkorrespondenz" teilt mit, daß vdr kurzem im Haag eine vertrauliche Konferenz van angeseheneu Persönlichkeiten des holländischen Judentums abgehalteu worden sei, auf der die Frage der jüdischen Auswanderung nach dgm Weltkriege behandelt worden sei. Mit dem Ausbruch des Krieges sei die jüdische Massenauswanderung unterbrochen worden. Nach dem Kriege drohe aber eine um so stärkere Auswanderung wieder einzusetzen, da die Juden in Russisch-Polen und in einem großen Teil von Litauen und Galizien durch den Krieg und durch den « . . ■ri a Anisemitismus schwer betroffen worden seien und daher wohl kaum imstande sein werden, das durch den Krieg ruinierte Gebiet weiter zu bewohnen Und dort ihr Brot zu verdienen. Es werde daher als nötig erachtet, jetzt die Behandlung der Frage in Angriff zu nehmen, um später׳ beizeiten die nötige Aktion einleiten zu können. Es wurde ein Ausschuß gebildet, dem angesehene niederländische jüdische Persönlichkeiten beigetreten sind. Weltanschauungen leben, divergierende Ansichten walten müssen. Fühlt die Masse, daß die Organisation diesem Umstande nicht im vollen Umfange gewissen- Haft Rechnung trägt, so kann sie sich ihr nicht anschließen und wenn die Masse fehlt, so ist die Organisation nur Komödie. itinulfdmii. Das Deutsche Bolksblatt druckt der Arbeiter- Zeitung den Feldpostbrief eines Setzers nach, welcher schreibt, daß ein Jude auf dem Kriegsschauplatz ein Packet Zündhölzchen ״for fünf Kreuzer" verkauft habe und daß andere Juden die Brotpreise in die Höhe getrieben haben. Der Briefschreiber erwähnt, daß die Juden von den Russen sehr viel zu erleiden hatten, aber ״das Gesiudel", meinte er, ״weiß sich zu helfen und er wirft mit den Ausdrücken: Gesindel, Gaunerei, Watschen usw., herum. Was würde die Arbeiter- Zeitung wohl sagen, weun jemand einem oder mehreren sozialistischen Arbeitern Vorwürfe zu machen hätte und er würde deshalb von allen Sozialisten per *Gesindel, Gauner usw., sprechen? Wie würde die Arbeiter-Zeitung erst mit dem Blatte u-mspringen, welches die Beschimpfungen nachdruckt? Mit Recht wäre sie sowohl über den Briefschreiber als auch über das Blatt ungehalten da aber das Unrecht nur gegen Juden geht, ja dann Bauer, ist es etwas anderes.!Info das Deutsche Volksblatt, das möchiten wir hören, wenn jemand mit viel berechtigteren Vorwürfen gegen einzelne Personen, welche den Christlichsozialen nahestehen, hervortreten und die ganze Gruppe mit Gesindel, Betrüger, Wucherer usw. bezeichnen würde. Wenn z. B. jemand es ungerechtfertigt fände, daß ein Herr Schwarzenberg gder Lichtenstein für seine Bodenfrüchte höhere Preise erziele als notwendig ist und daraufhin von allen Großgrundbesitzern mit den obigen Ausdrücken sprcchen und.eine Zeitungaus einem anderen Parteilager davon berichten würde, dg wäre der Schriftlei tun g des Deutschen Volksblattes Wohl ke in Ausdruck zu scharf. O, diese Verläumderbrut. Allerhöchster Dank für das Huldigungstelegramm der Zionistischen Partei anläßlich der Wiedereroberung Lembergs. Das Präsidium des Exekutivkomites der Ziottiftifd^en Partei Oesterreichs erhielt die behördl. Verständigung, daß ihm im Allerhöchsten Auftrage für die anläßlich der Wied>ereroberung Le׳mbergs telegraphisch zum Ausdruck gebrachte Loyalitätskundgebung der Allerhöchste Dank bekanntgegeben wird.